Mittwoch, 2. Februar 2011

Erneuerung durch Zerstörung? Das Jüdische Museum der Stadt Wien vernichtet sein wichtigstes Medium, die Dauerausstellung

ACHTUNG! Sie lesen einen der zwar meistabgerufenen, aber ältesten Posts zur Diskussion um das Jüdische Museum der Stadt Wien. Hier finden Sie einen Link zu einer Zusammenfassung der bisherigen Diskussion am neuesten Stand mit zahllosen weiterführenden Links zu diversen Informatione, Kommentaren, Dokumenten.

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Daß das Jüdische Museum der Stadt Wien seine Dauerausstellung erneuern würde, war schon mit der Bestellung der neuen Leiterin absehbar. Daß es jetzt geschieht, ist nicht überraschend.
Aber wie es geschieht.
Die Fotos, die ich gestern erhalten habe, haben mich schockiert, nicht nur weil sie das definitive Ende der Ausstellung bezeugen. Sondern weil hier eine Destruktivität manifest wird, von der man sich schwer vorstellen kann, daß sie allein der Routine einer Abbruchfirma geschuldet ist.
Man hätte die Hologramme doch sicherlich erhalten, sehr wahrscheinlich auch noch sinnvoll in anderen Zusammenhängen verwenden können.
Auch konsevatorisch sehe ich da kein größeres Problem, die großen Glastafeln sind nicht mal besonders voluminös.
Doch sie einfach zu zertrümmern, in tausend Stücke hauen und auf den Müll kehren?
Das ist schwer verständlich. - Museen gehen heute aus vielerlei Gründen mit alten Ausstellungen pfleglicher um, schließlich bilden sie selbst eine Form des institutionellen Gedächtnisses, das man nicht ohne jedes Bedenken einfach beseitigt.
Und erst recht von einem Jüdischen Museum wäre doch eine besondere Sensibilität erwartbar. Es hütet ein Gedächtnis, das durch Zerstörung unwiderbringlich beschädigt war und von dem es selbst, einschließlich seiner Dauerausstellung und der Hologramme, selbst ein Teil ist.
Genau darin lag ja eine der Leistungen der Hologramme, dies als besonderes Veranschaulichungsmedien mit einzigartigen eigenschaften, zu thematisieren.


Eine Erinnerung an die alte Dauerausstellung hier, Kritik am politischen Umgang mit dem Museum hier und zum früh mit dem Diretionswechsel sich ankündigenden Verschwinden der Dauerausstellung hier.





Zur jüngsten Entwicklung siehe: Jüdisches Museum - CSI übernehmen sie!

Der einfachste Zugang zu allen auf diesem Blog veröffentlichten Informationen ist über den Link "Jüdisches Museum Wien" (links im 'Inhaltsverzeichnis zu finden) möglich.

Ich veröffentliche keine anonymen Kommentare, nur solche, die namentlich gekennzeichnet sind.

Kommentare:

Johannes Wachten hat gesagt…

Ich bin schockiert, solche Bilder sehen zu müssen.

Heidemarie Uhl hat gesagt…

Danke für diesen Beitrag, auch mich bestürzen diese Bilder - vor allem in Anbetracht der Sorgfalt, die mittlerweile beim Abbau von Ausstellungen üblich ist. So werden etwa die Schauwände der alten Dauerausstellung in der Gedenkstätte Mauthausen, die rein historischen Wert haben, archiviert.
Bei den Hologrammen des Jüdischen Museums handelte es sich allerdings um Objekte von internationalem Rang, sie galten als einer der wichtigsten und innovativsten museologischen Beiträge zur Frage der Darstellbarkeit von (jüdischer) Geschichte im Museum. Ihre Zerstörung könnte man auch als Symbol sehen - soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass sich das Wiener Jüdische Museum aus der Liga der international renommierten (Jüdischen) Museen verabschieden will?

Gottfried Fliedl hat gesagt…

Liebe Heidemarie Uhl, ja, Sie haben vollkommen recht, viele Museen dokumentieren in einem solchen Fall, das was beseitigt wird oder archivieren und deponieren zumindest signifikante Teile eines Ausstellungs-Environments. Die Hologramme können weder konservatorisch noch hinsichtlich ihres Volumens ein Problem bedeutet haben. Außerdem hätte man sie sicher in anderen, wechselnden Kontexten weiter sinnvoll verwenden können.
Ihre Frage am Schluß Ihrer Anmerkung stelle ich mir auch.

Anonym hat gesagt…

In der Tat ein höchst verstörender Anblick. Ich bin schockiert wie hier mit innovativer musealer Präsentation umgegangen wird. Hier wird Geschichte und Erinnerung vernichtet.

hannah holtschneider hat gesagt…

dies ist ein skandalöser umgang mit (ausstellungs)geschichte. ich bin schockiert. herzlichen dank an herrn fliedl fürs veröffentlichen der bilder und der diskussion.

Anonym hat gesagt…

Es kommt wohl höchst selten vor dass Museen ihre Ausstellungsstücke „selbst und freiwellig“ zerstören. Würde dies ohne klar ersichtlichen Beweggrund geschehen, würde ich mich Ihrer Reaktion vollends anschließen. Doch erscheint mir die Begründung des Museums für diesen Schritt durchaus nachvollziehbar – sollte es wirklich unmöglich gewesen sein – bzw. mit exorbitanten Kosten verbunden das Werk entsprechend zu demontieren. Auch wenn es sich dabei um einen zentralen Teil der Ausstellung handelt so bin ich davon überzeugt dass nicht das Objekt – die Installation von Grundlegendem Wert ist, sondern die dadurch transportierte Botschaft und Geschichte.
Diese nicht zu vergessen ist aus meiner Perspektive der zentrale Faktor – auch wenn sich im Laufe der Zeit Form und Hülle des Sie darstellenden Objekts ändern (Nicht die Vitrine sondern das darin enthaltene Kunstwerk gilt es zu bewahren).

mit freundlichen Grüßen Michael Peintner

Anonym hat gesagt…

Tja, es ist nicht in Ordnung wie hier vorgegangen wird, aber man muss auch die technische Seite sehen, somit finde ich den Aufschrei der nation nicht wirklich gerechtfertigt, zumal wir im Ausland wieder, weil hausgemacht diskreditiert werden. Ich denke der Schsden am Ansehen der Republik durch solche Aufhänger ist hier höher zu bewerten.

carl auböck hat gesagt…

was man hier sieht ,ist eine baustelle. und eine baustelle ist ein zeichen der erneuerung und des aufbruchs.
ich glaube man muß frau spera und dem museum die chance geben ihre vorhaben so zu realisieren wie es geplant ist.
konnotationen des gebrochenen glases oder dies als menetekel anzusehen sind verkürzungen.
glück und zuversicht aufs gelingen mögen die erneuerung begleiten!

Wolfgang Wallner-F. hat gesagt…

"Wenn ein Hologramm zerteilt wird, kommt bei der Rekonstruktion noch immer das ganze Bild zustande. Das Aufteilen des Hologramms in einzelne Stücke führt lediglich zu einer Verschlechterung der Auflösung des Bildes und zu einer Verringerung des ansehbaren räumlichen Bildwinkels." Schreibt Wikipedia. Das meine ich wirklich nicht sarkastisch. Der ORF schreibt heute (8.2.) im Internet, dass die Glastafeln so am Boden geklebt waren, dass eine andere Entfernung nicht möglich war. Meine Frage "Abschneiden auch nicht?" das Hologramm wäre dann noch zu verwenden gewesen.

Thea hat gesagt…

Da hat Danielle Spera aber schon recht: ein Hologramm ist eine Glasscheibe mit 3D-Inhalt -- eben wie ein Bildschirm -- und sie kann jederzeit wieder von den Quellen (d.h. Gegenständen oder Bildern), von denen es/sie erzeugt wurde, wiederhergestellt werden.

Wie ein Bild von einem Bild, oder Bild von einem Gegenstand eben.
(die Quellen werden ja wohl nicht vernichtet worden sein, bei diesen Umbauarbeiten?)

Zum Ansehen von Hologrammen sollte auch gesagt sein, dass Hologramme meist etwas unscharf wirken (weil die erreichbaren optischen Genauigkeiten nahe den Wellenlängen liegen oder diese gar nicht unterschreiten können) und dass die Technik der Hologramme damals mit viel Trara angekündigt wurde aber nie hielt, was sie versprach.

Hologramme sind ausserdem i.a. nur schwarzweiss (bzw. rotweiss) sichtbar, weil Farbhologramme ausserhalb von Laborumgebungen nie verbreitete Realität wurden.

Die Hologramme des Museums in der Dorotheergasse blieben nicht wirklich im Gedächtnis, weil sie mit Abstand die schlechteste Darstellung der schockierenden Inhalte waren.

Auch wenn viele der ausgestellten Fotos ebenfalls nur schwarzweiss sind, stellen sie jedenfalls die Inhalte viel eindringlicher dar, und es gehört schon einiges an Technikverliebtheit dazu, den Hologrammen nachzuweinen.

(andererseits: hätte man sie nicht auch mitsamt dem Mauerwerk herausnehmen können, wie man das beim Renovieren von Fresken macht? Diese Fragestellung ist aber eigentlich keine Kritik am Museum oder an Danielle Spera wert)

Anonym hat gesagt…

Lieber Herr Fliedl,
Liebe Mit-Poster,

Sie sollten sich lieber überlegen, wie positiv das neue Konzept wirken wird und welche tollen Ausstellung der neu gestaltete, offene Raum erlauben wird. Die Bilder sind eine ganz normale Baustelle, auf der NEUES geschaffen wird.

Als oftmaliger freudiger Besucher des Museum darf ich mir - als Laie - auch die Bemerkung erlauben, dass ich die Hologramme im Raum immer als störend empfunden habe. Noch dazu waren die Objekte auf den Hologrammen sehr schlecht sichtbar. "Spezialisten" wie Frau Uhl mag das komisch erscheinen. Ein modernes jüdisches Museum soll nicht Leute mit Langeweile aus dem Haus treiben, sondern Besucher in spannende, moderne Ausstellungen locken.


Ich persönlich freue mich auf die Fertigstellung des Umbaus und wünsche der Direktorin und dem ganzen Team alles Gute!

BG,
S.

PS: Im Übrigen gibt es ja (wie ich den Medien entnehme) ein zweites Set der Hologramme für das Archiv.

PPS: Unabhängig davon wie man zu der Sache steht: Die "petzende" Mitarbeiterin sollte sich schämen! Der richtige Weg wäre eine interne, kritische Diskussion gewesen.

Anonym hat gesagt…

es ist schon beruhigend zu wissen, dass es in unserem Land (und in jenen, die sich hier einmischen müssen) keine anderen Probleme gibt!

Irmfried Wöber hat gesagt…

Irmfried Wöber - leider erst jetzt. Ich war im Ausland und fast kein Internetzugang
Als erster Holograf in Österreich, war ich von Beginn an mit der Aufgabe der technischen Lösungen der Hologramme im JMW betraut. Mit meinen Freunden und Kollegen aus München konnten wir dann in wochenlanger Arbeit in einem speziell eingerichteten Studio die Aufnahmen durchführen - es sind holografische Stereogramme (Regenbogen Hologramme) auf Film und werden zur guten Planlage auf ein Trägermaterial (zb.Glas) aufkaschiert. Diese frei stehende Installation wurde von Herrn Martin Kohlbauer konstruiert und von uns durchgeführt. Warum bitte hat man mit uns nicht Konatkt aufgenommen? Wir leben ja noch! Zu dieser Ausstellung ist auch ein Buch erschienen "Jüdisches Museum Wien" ISBN 3-901398-03-1 Ich darf aus diesem Buch den letzten Absatz von Herrn Kohlbauer zitieren." Die Form dieser Präsentation der jüdischen Geschichte Wiens versteht sich nicht als Ausstellung im herkömmlichen Sinn, sondern vielmehr als kulturgeschichtliches Denkmal."
Es ist zum Heulen. Kann man nur zerstören? Es waren Unikate. Ein holografischer Meilenstein dieser Welt ist nicht mehr.
Mit holografischen Grüßen
Irmfried Wöber