Dienstag, 1. Dezember 2020

Der Schatz der Frau Antonowa

1945 wurden Kunstschätze aus dem eben besiegten Deutschland als Kriegsbeute in die Sowjetunion gebracht,. Darunter auch der sogenannte Schatz des Priamos. Die Spuren dieses Raubs wurden so gut verwischt, daß der berühmteste aller archäologischen Funde als verschollen wenn nicht zerstört galt.

In den 80er-Jahren wurden innerhalb der sowjetischen Bürokratie Spuren in Akten des Kunstraubes aufgefunden und es berichteten auch westliche Zeitschriften darüber. Dennoch wurde die Verbringung des Schatzes nach Moskau weiter abgestritten und als sich Hinweise verdichteten, er könnte sich im Puschkin-Museum befinden, bestritt das deren Direktorin, Irinia Antonowa vehement.

Sie war 1945 in das Museum eingetreten und auch mit der Übernahme von Kunstwerken aus Deutschland, etwa aus der Dresdner Galerie, betraut. 1961 wurde sie Leiterin des Museums. Im Oktober 1994 zeigte sie völlig überraschten deutschen Museumsvertretern in ihrem Büro Artefakte aus dem Schatz - eine Sensation, die rasch um die Welt ging und Irina Antonowa berühmt machte. Einer der großen Rätsel der Kunstwelt war gelöst. Einer der deutschen Experten berichtete: „Man brachte uns den Schatz nacheinander auf einem Tablett, und wenn wir ein Tablett untersucht hatten, wurde es wieder weggeschleppt.“ 


Anschließend wurde der „Troja-Schatz“ im Puschkin-Museum ausgestellt. Irina Antonowa beharrte jedoch militant weiter auf dem Standpunkt, daß es sich um Reparation handle, die die enormen Schäden, die die deutsche Armee und die Zeit der Besatzung in der Sowjetunion hinterlassen habe kompensieren soll und daß die Artefakte nicht an Deutschland zurückgegeben würden. Der Schatz befindet sich weiter im Puschkin-Museum. Am 30.11.2020 ist Irina Antonowa im Alter von 98 Jahren gestorben.

Sonntag, 29. November 2020

Am Ende. Das Museum

 Am Ende. Das Museum


Krszysztof Pomian, Historiker und Museumswissenschafter, hat kürzlich in einem Vortrag (Wie schlecht steht es wirklich um die Zukunft der Museen? Abgedruckt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24.11.2020, S.12) dem Museum eine überaus düstere Zukunft vorhergesagt. Seine Argumentation ist übersichtlich und scheint zwingend. 


Es sind zwei Entwicklungen, die er die Existenz des Museums bedrohend nennt. Die Coronavirus-Pandemie und den Klimawandel.


Für die Entwicklung der Pandemie sieht er drei Szenarien. Selbst wenn die günstigste und, so Pomian, unwahrscheinlichste eintritt, die „Pandemie als Unfall ohne Langzeitfolgen“, also  eine Einhegung und Zurückdrängung durch medizinischen Fortschritt, werden die ökonomischen Folgekosten zu einem dramatischen Einbruch der Kultursubventionen führen.


Egal ob es sich um steuerfinanzierte öffentliche Museen (wie in Europa) handelt oder um von Privaten gestützte (das Modell das in den USA weit verbreitet ist, im Land mit den meisten Museen, etwa 30.000), es würden im Falle erwartbarer wirtschaftlicher Rückschläge weniger Gelder zur Verfügung stehen, Personal entlassen werden müssen und das Programm verschlankt werden. Museen würden in einen „Überlebensmodus“ versetzt.


Wie sich der Klimawandel entwickeln wird, kann niemand vorhersehen. Aber es scheint inzwischen breiteste Übereinstimmung über seine Dramatik und die Dringlichkeit von Gegenmaßnahmen zu geben. Pomian scheint nicht viel Hoffnung in die Möglichkeit einer Lösung zu setzen und er gibt dem Museum im Fall katastrophischer sozialer und politischer Entwicklungen keine Chance.


Was die wirtschaftlichen Kosten der Pandemie betrifft, so könnte man Pomian entgegnen, daß die großen, von der öffentlichen Hand getragenen Museen kaum so schnell einfach preisgegeben würden. Das gilt vor allem für die national und regional bedeutsamen Häuser. Und gegen den bedrohlichen Entfall privater Gelder spricht, daß große Vermögen im Augenblick noch wenig betroffen sind. Man hört auch noch nichts (zumindest in Österreich) von Museumsschließungen. Allerdings werden Haushalte von Kommunen und Ländern gekürzt und damit meist auch die Kulturetats. Entlassungen hat es schon gegeben und auch die Streichung von Ausstellungen. Und Großbritannien bietet, mit seiner lange vor Corona einsetzenden neoliberalen Politik ein Beispiel, wie einschneidend sich Einsparungen auf Museen auswirken.


Niemand kann die Dynamik der Pandemie und ihrer Auswirkung auf die Wirtschaft vorhersagen und dasselbe gilt in noch höherem Maß für die Effekte des Klimawandels. Da ist es längst nicht mehr die Frage, ob es zu einer massiven oder katastrophischen Krise kommt, sondern wie schnell und wie vehement sie eintreten wird. Es ist also schwer, Pomians Pessimismus etwas entgegenzusetzen.


Vor vielen Jahren hat schon einmal ein versierter Museumsleiter und Museologe die Frage nach dem „Museum at the end of the time“ gefragt (Dieser Text ist mit zwei weiteren unter dem Übertitel To Help Think about Museums More Intensely als warm-up exercises in der Zeitschrift Museums News, November – December 1996 erschienen, sowie in: Stephen Weil: Making Museums Matter. Washington, Smithsonian Institution, 2002 ). Stephen Weil stellte uns mit seinem Text aber nicht vor alternativlose pessimistische Prognosen. Er skizziert, ironisch und gewissermaßen mit pädagogischer Absicht, wie sich MitarbeiterInnen von Museen je nach ihrer Aufgabe, die sie in der Organisation haben, auf das „Ende der Welt“ einrichten. Der Kurator, der Finanzverantwortliche, der Sicherheitsexperte usw.- wie reagieren sie? Nun, pragmatisch und befangen in ihrer jeweils speziellen, engen und professionellen Sichtweise, aber nie das Ganze des Museums im Auge behaltend. Weils Text ist also auch pessimistisch: Das Museum würde sich zu keiner wirklich nachvollziehbaren, alle Kompetenzen des Museums integrierend Haltung aufraffen können.


Der Große Unterschied zu Pomians Text ist aber der, daß Weil dem Museum zumindest das Potential von Handlungsmöglichkeit einräumt. Mag die Meinungsbildung innerhalb der Organisation angesichts beruflicher Befangenheit auch zersplittern, das Museum könnte und müsste eine Haltung gegenüber der Zukunft auch angesichts ihrer Hoffnungslosigkeit entwickeln. Und Weil fordert uns und die Verantwortlichen an Museen mit seinem Text dazu auf, darüber more intensely nachzudenken.


Pomian erwähnt so eine Möglichkeit einer aktiven Reaktion nicht einmal. Und das hat mit seinem selten einseitigen Museumsbegriff zu tun. Er sieht im Museum eine Art von ewigem Archiv, dessen wichtigste Aufgabe es ist, die ihm anvertrauten Dinge ohne erkennbaren zeitlichen Horizont zu bewahren. Für ihn liegt die „Bestimmung“ des Museums darin, „ihren Sammlungen eine unbegrenzte Zukunft zu sichern“. Daß die konservatorische Aufgabe des Museums nur Sinn macht, wenn mit den aufbewahrten, den deponierten Dingen in Ausstellungen sinnhaft und narrativ kommuniziert wird, interessiert ihn in diesem seinen Text nur allgemein und andeutungsweise. Er bleibt deskriptiv, wenn er die musealisierten kulturellen Güter „als Zeugnisse der menschlichen Innovationskraft“ sieht, wobei er einräumt, daß sie Zeugnisse sowohl der „Wohltaten“ wie der „Verbrechen“ seien.


Leider kann man Stephen Weils Sicht aber ebensowenig praktische Perspektiven abgewinnen. Museen scheinen solchen Herausforderungen, wie er sie an die Wand malt nicht gewachsen. Dabei durfte er sich noch spielerisch, in einer wie an einen Sci-Fi-Film erinnernden Szenario, bewegen. Alle annahmen waren fiktive. Jetzt droht aber ganz real, was damals bei ihm noch konstruiert war. Und es zeigt sich ja auch wirklich, wie überfordert die Museen aktuell sind, wenn sie ihre gesellschaftliche Funktion glaubhaft zu vertreten sollen. 


Der zur Zeit, in der Stephen Weil seinen Text verfasste, nicht denkbare Ernstfall ist eingetreten und wird bei Pomian eindrucksvoll detailliert als Zusammenbruch der Zivilisation beschrieben. Wo es keine Zukunft mehr zu geben scheint, wird das zukunftsorientierte Museum (das es, ich meine: wiederum widersprüchlich und einseitig, für Pomian ist) überflüssig. Ja mehr als das: das was einmal Fortschritt war und positiv besetzt war, ist nun völlig kontaminiert insofern er nur schädliche und „irreversible Veränderungen“ hervorgebracht habe. 


Die Zukunft werde deshalb nicht bloß gleichgültig gegenüber den Museen sein, sondern ihnen feindselig und wohl auch destruktiv gegenüberstehen. „Die Überreste der Vergangenheit, seien es Werke der Kunst oder der Technik oder historische Relikte, verdienen es nicht, bewahrt zu werden, außer vielleicht als Beispiele, wie man es nicht machen sollte. Da die Zukunft eine Serie von Katastrophen sein wird, werden die Menschen, die sie durchleben müssen, auf jeden Fall andere Sorgen haben, als sich für die Überreste einer Vergangenheit zu interessieren, die Schuld an ihrer unheilbaren Notlage ist.“ Die „radikale Ökologie“ ist „ein radikaler Antihumanismus. Als solcher verweigert sie den Museen jegliche positive Bedeutung, sie kann sie nur als Tempel eines Glaubens ansehen, der bekämpft und beseitigt werden muß. Ihr Sieg sollte er je eintreten, würde das Ende der Existenz von Museen bedeuten.“


Pomian bringt aber noch ein weiteres, ein drittes Krisenszenario zur Sprache. Er bleibt dabei ganz allgemein und knapp und wendet sich den großen politischen Spannungen zu. Er beläßt es bei einem einzigen Hinweis, auf die Rivalität im Dreieck USA, China und Russland und deutet eine „Verdüsterung“ an, die in der Veränderung „grundlegender Überzeugungen unserer Gesellschaft“ auswirken, „wie sie auch in den Museen zum Ausdruck kommen.“ Er läßt aber offen, was er darunter versteht. Etwa die zunehmende Kommerzialisierung der Museen, ihre Eventisierung (das Museum als Schwimmbad, als Ort kindlicher Geburtstagsfeiern, als Datingagentur)? Kommt der Kanon der „Werte“ ins rutschen oder schmilzt das das Museum tragende Bildungsbürgertum wie das arktische Eis?


Hier müsste doch die Frage nach der Verantwortung gefragt werden, die die Museen selbst haben, die Frage nach ihrer Reaktion auf die von Pomian beschriebenen Entwicklungen. Welche Reflexion kam aus den Museen selbst, welche Fragen haben sie an sich selbst gerichtet? Die Reaktionen auf die Coronakrise bietet da reichlich Stoff, sich dazu ein Bild zu machen. Sowohl nach der sogenannten „ersten Welle“ und eben jetzt, bei Beginn der zweiten, wehren sich Museen und Museumsverbände gegen die Unterschätzung der Museen als nicht „systemrelevant“ und gegen die Einstufung als „Freizeitorte". Kurzum - sie stellen genau die essentielle Frage, aber, ängstlich, nur indirekt und nicht offen: wer braucht uns noch und wer wird uns künftig noch brauchen und warum? Aber geben die Museen dazu Antworten?


Es gibt in ihren Reaktionen elitistische Arroganz, die sich wenig um solidarisches Verhalten schert und fürs Museum per se kulturelle und besondere Hochachtung fordert. Es gibt den Rückzug auf die mantraartig immer gerne wiedergekäute ICOM Definition, als ob die eine Antwort böte. Es gibt die Beschwörung eines vagen Bildungsbegriff, der nie auf den Punkt gebracht wird und nebulös bleibt. Es gibt die Behauptung, nicht weniger als den Zusammenhalt der Gesellschaft zu bewirken, so als ob eine solche identitätspolitische Funktion je durchdacht und in ihrer ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit je eine dieser Behauptung angemessene Museumspraxis hervorgebracht hätte. Und es gibt die Flucht in die Kommerzialisierung, von der Pomian befürchtet, daß sie sich angesichts der doppelten Bedrohung der Museen noch verstärken wird.


Museen haben es im Konkurrenzkampf um ihren Status und um Quoten, den sie mit andern  kulturellen Institutionen und Events austragen, verlernt, sich sowohl historisch in der Geschichte ihrer Institution fundiert zu definieren noch als aktuell gesellschaftspolitische Akteure zu positionieren. Sie konnten sich auf breiter Anerkennung ausruhen, die weder der Marktlogik unterworfen schien noch der Ökonomie der Aufmerksamkeit: Museen schien in ihrem „Wert“ unantastbar. Da gab es nichts mehr zu begründen oder zu rechtfertigen. So überrascht es nicht, wenn die derzeitige zentrale Forderung der Museen lautet: Lasst uns wieder aufsperren, damit wir weitermache können wie bisher.


Allerdings: Was der eben verstorbene Berliner Philosoph Klaus Heinrich der Universität bescheinigt hat (Selbstaufklärung und Verdrängung. Der Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst gebe. Interview. Deutschlandfunk Kultur 5.11.2017 https://www.deutschlandfunkkultur.de/selbstaufklaerung-und-verdraengung-der-gesellschaft-ein.2162.de.html?dram:article_id=399906), kann man auch für das Museum behaupten: beide Institutionen haben ihre aufklärerische Bedeutung verloren. Hier wird nicht nur nicht mehr die Aufklärung der Gesellschaft über sich selbst angesichts drohender Katastrophen betrieben. Hier haben die Institutionen auch verlernt, diese Aufgabe überhaupt als ihre essentielle wahrzunehmen. Der Museumsbetrieb ist blind geworden gegenüber den Bedingungen und Herausforderungen, aus denen diese einzigartige, merkwürdige und widersprüchliche Institution einmal entstand. Heute ist unklarer denn je, was die Res Publika denn vom Museum eigentlich zu erwarten hat. Der Pessimismus ist begründet, aber er kommt nicht allein aus einer Entwicklung, die die Museen nicht beeinflussen können, sondern er kommt aus ihrer Schwäche, es erst gar nicht versuchen und als ihre dringendste Aufgabe sehen zu wollen.


Wie weiter? (Sokratische Fragen 57)

 

Werden in hundert Jahren

Menschen Museen besuchen,

um etwas über uns zu erfahren?

Freitag, 27. November 2020

Sitzen mit Andy Warhol (Sitzen im Museum)

 

Andy Warhol Museum Pittsburgh

Das Museum als Freizeit (Sokratische Frage 56)

 

Gegen die Regeln, die während der Corona-Krise Museen auferlegt werden, wehren sich diese, daß sie keine Freizeiteinrichtungen sind.

Frage: Haben (viele) Museen in den letzten Jahrzehnten sich nicht genau darum bemüht? Teil der Freizeitgesellschaft zu werden?

Mittwoch, 25. November 2020

Ein einziger Satz - eine einzige Aufgabe (Sokratische Frage 55)

 

Würde zur Formulierung der Aufgabe, die Museen haben nicht ein einziger Satz genügen?

Der Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst zu geben.

Montag, 23. November 2020

Wir sind systemrelevant! Wir sind unverzichtbar!

Heute in der Süddeutschen Zeitung: Wir sind systemrelevant: Der Theaterbetrieb kreist in der Krise nur larmoyant um sich selbst. Damit tut er sich keinen Gefallen.

Dazu der SZ-Mitarbeiter Peter Laudenbach: Es genügt Ulrich Khuon (Präsident des Deutschen Bphnenvereuns. Anm.GF) und seinen Kollegen und Kolleginnen in den Chefetagen der Theater nicht, Ansteckungsrisiken kleinzureden. Sie überhöhen das Theater, als sei es die wichtigste Instanz des gesellschaftlichen Zusammenhalts, das letzte Bollwerk gegen Barbarei, Vereinsamung und Sinnkrisen. In dieser schrägen Logik erscheint eine vorübergehende Theaterschließung aus Gründen des Gesundheitsschutzes wie die administrative Anordnung zum Untergang des Abendlandes. So erklärt Khuon in seinem Brief an die Kanzlerin, 'das Schließen dieser wichtigen öffentlichen Orte' stifte 'großen gesellschaftlichen Schaden'. Theater und andere Kultureinrichtungen seien 'Orte des Austauschs, die für die Gesellschaft eine unverzichtbare Bedeutung haben' ... Außerhalb der Theaterblase mutet solch pathetische Rhetorik nicht nur schwer nachvollziehbar an. Sie ist Es genügt Ulrich Khuon und seinen Kollegen und Kolleginnen in den Chefetagen der Theater nicht, Ansteckungsrisiken kleinzureden. Sie überhöhen das Theater, als sei es die wichtigste Instanz des gesellschaftlichen Zusammenhalts, das letzte Bollwerk gegen Barbarei, Vereinsamung und Sinnkrisen. In dieser schrägen Logik erscheint eine vorübergehende Theaterschließung aus Gründen des Gesundheitsschutzes wie die administrative Anordnung zum Untergang des Abendlandes. So erklärt Khuon in seinem Brief an die Kanzlerin, 'das Schließen dieser wichtigen öffentlichen Orte' stifte 'großen gesellschaftlichen Schaden'. Theater und andere Kultureinrichtungen seien 'Orte des Austauschs, die für die Gesellschaft eine unverzichtbare Bedeutung haben' ... Außerhalb der Theaterblase mutet solch pathetische Rhetorik nicht nur schwer nachvollziehbar an. Sie ist peinlich."

Man kann mühelos das Wort Theater durch Museum ersetzen und sich fragen, ob die Kritik exakt genau so auch an den Museen und Museumsverbänden geübt werden müsste.

Sonntag, 22. November 2020

Jetzt auch das noch!

 

Weitgefasste Musealisierung oder: Darf das denn sein, das Museum derart abzuwerten, als Endlager von hoffnungslos Überholtem - Wo dem Museum eh grade dauernd mangelnde Systemrelevanz vorgehalten wird...

Samstag, 21. November 2020

Die Kulturvermittlung ist weiblich (Sokratische Frage 54)

 

Der österreichische Verband der KulturvermittlerInnen hat nach einer (nicht besonders repräsentativen, aber dennoch vermutlich in diesem Punkt informativen) abefragung festgestellt: Die Kulturvermittlung ist weiblich.


Frage: Ist Kunst- und Kulturvermittlung ein Frauenberuf. Und warum?

Mit James Bond im Museum

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bietet ihren Kulturfabriken Lesern Überbrückungshilfe in Zeiten der Coronakrise an - eine Serie unter dem Titel „Meine liebste Ausstellung“. Der redaktionelle Begleittext zur lesenswerten Serie ist ein einziges Playdoyer für die Erfahrung des originalen Kunstwerkes im Museum. Mit James Bind als Kronzeugen.


Wer Bond sagt, denkt zu allererst an Verfolgungsjagden und Gekuschel in Hotelbetten, an raffiniertes Waffenzubehör und Martinis in den berühmtesten Bars der Welt. Eine der schönsten Szenen aller James-Bond-Filme allerdings spielt im Museum, in „Skyfall“ – vor einem Original in Londons National Gallery: dem Gemälde „The Fighting Temeraire“ von William Turner, auf dem das alte Holzschiff von einem modernen Dampfschlepper zum Abwracken bugsiert wird. Q und Bond sitzen davor, und Q sagt zu dem noch etwas derangierten und eben erst wieder in Dienst gestellten Agenten: „Welche Melancholie! Ein großes altes Schlachtschiff, auf dem Weg zur Verschrottung. Die Unvermeidbarkeit der Zeit, finden Sie nicht? Was sehen Sie, Bond?“ Er: „Ein Schiff. Und noch ein Schiff.“ Obwohl der nach Bonds Meinung zu junge Quartiermeister computeraffin ist, hätte die Szene vor einem digital eingespielten Bild nicht die Hälfte ihrer Wirkung entfaltet. Trotz großem Einsatz hat bislang keine digitale Präsentation von Museumsbeständen verfangen. Kunstwerke müssen in ihrer körperlichen Präsenz gefühlt werden, denn ja: Gemälde etwa bilden mit ihrer organischen Leinwand und dem Holzrahmen einen physischen Gegen- und Widerstand aus. Wir müssen vor ihnen stehen, ihre Abmessungen wahrnehmen und vor allem mit den Augen über ihre Oberflächen wandern und auf den Farbreliefs eine Berg- und Talfahrt vollführen. All diese unmittelbaren Reize können uns nur Originale verschaffen, und so ersehnen wir die Wiedereröffnung der Museen herbei.

Montag, 2. November 2020

Wie man intelligent Fragen stellt (Texte im Museum 973)

Aus der Ausstellung "Geburtskultur" des Frauenmuseum Hittisau. Foto GF 2020

 

"Geburtskultur". Das Frauenmuseum in Hittisau feiert sein 20-jähriges Jubiläum

Das Frauenmuseum Hittisau nimmt sich unter dem Titel „Geburtskultur“ derzeit eines Themas an, dessen Bedeutung mit einem einzigen Satz in der Ausstellung deutlich wird und der sinngemäß lautet: wir alle haben zwei Dinge gemeinsam - daß wir sterblich sind und daß wir geboren worden sind.

In mehreren Abschnitten nimmt sich die Ausstellung dieser Universalität des Themas an, kulturgeschichtliche, soziologische, künstlerische, medizinische und andere Diskurse um Gebären und Geborenwerden werden geführt, mit sorgfältig verfassten und klug hinsichtlich ihres Informationsgehaltes gestaffelten Texten und mit sehr vielen Objekten. Beeindruckend sind die einerseits sehr knappen andrerseits ein Thema in seiner Fülle absteckenden Einführungstexte aber auch der enorme Gestaltungstreichtum der diversen Textsorten.



Es gibt zwei Qualitäten, die die Ausstellungen des Frauenmuseums immer auszeichnen: die Verschränkung mit aktuellen Fragen und Problemen - nie agiert man nur in der historischen Perspektive allein - und das Ausmaß der Beteiligung Betroffener und Kompetenter.

Die Aktualität der Ausstellung wird einem wiederum an nur zwei Fakten sofort klar: es gibt in ganz Vorarlberg nur noch eine einzige Hebamme und von den einst existierenden Geburtshäusern existiert keines mehr. Ein Gespräch mit einer jungen Frau, die mit ihren drei noch sehr kleinen Töchtern gerade die Ausstellung zu besichtigen beginnt und mit der Ich und meine Begleiterin ins Gespräch kommen, macht klar, welche Transformation in der „Geburtskultur“ stattgefunden hat und welche Wünsche jemand hat, der sich eine andere, vielfältigere, auf Bedürfnisse und Wünsche von Frauen und Eltern eingehende Kultur wünscht.


Und: Ausstellung wie diese werden sorgfältig vorbereitet, unter Beteiligung aller, die Expertinnen sind, ein Wort, das hier nicht bloß institutionelle Expertise meint, sondern alle einschließt, die aus ihrer Betroffenheit heraus agieren und sich engagieren wollen und die Erfahrungen beisteuern können.

Wie schon seit Gründung des Museums korrespondiert diese Inklusion mit der Organisationsstruktur des Museums. Es gibt zwar formell eine Leitung, aber die gesamte Arbeit des Museums wird gemeinsam getragen, von einer Gruppe von Frauen, die sich aus unterschiedlichsten Lebenssituationen heraus engagieren.


Jetzt, wo das Museum seinen 20. Geburtstag feiert, feiert man auch sich selbst, diese große Anzahl von Mitarbeiterinnen, die seit Beginn an der Entwicklung und der Arbeit des Museums beteiligt waren und sind.

Was oft theoretisch gefordert wird, aber praktisch kaum realisiert wird, hier gehört es zur Philosophie und Praxis des Museums: Inklusion, Beteiligung, flache organisatorische Hierarchie, Wahrnehmung von Problemen, gesellschaftliches Engagement.

Das Frauenmuseum in Hittisau ist innerhalb der österreichischen Museumslandschaft ein einzigartiger Ort. Und den Besuch der Ausstellung, das dürfte schon klar geworden sein, kann ich nur herzlich und nachdrücklich empfehlen. (Sobald das Coronaregime sich wieder gelockert hat).


 


Sonntag, 1. November 2020

Donnerstag, 22. Oktober 2020

Rechnungshof: schwerste Vorwürfe gegen das Heeresgeschichtliches Museum

Es sind erst wenige Informationen, die bezüglich des Rechnungshofberichtes zum Heeresgeschichtlichen Museum bisher bekannt geworden sind. Aber sie sind derart schwerwiegend, daß der Rechnungshof auch Strafanzeige erstattet hat. Organisatorisches Mißmanagement, Verschweigen von Mißständen, Betreiben von Vereinen ohne Genehmigung und Wissen des Ministeriums, Kritik an der Leitung des Museums, Kritik an der Führungslosigkeit durch das Ministerium, abenteuerliche Zustände in Sammlungen und Depots, Lagerung von Kriegsmaterial durch Bedienstete ohne Wissen der Direktion, das sind Themen der Prüfung.

Schon vor Tagen konnte man erfahren, daß die Direktion international ausgeschrieben wird. Ein Zeichen, daß es nun mit der Direktion Ortner definitiv zu Ende ist. Aber damit ist wenig gelöst.

Mit einer bloß organisatorischen Reform wird es nicht getan sein. Hier weist alles auf eine Ausgliederung aus dem Landesverteidigungsministerium hin, auf eine grundlegende organisatorische Reform und eine komplett neue inhaltliche Konzeption. Das wird die Frage aufwerfen, ob denn ein Heeresmuseum weiter sinnvoll ist, oder ob nicht ein Museum neuen Typs geschaffen werden muß.

Mittwoch, 7. Oktober 2020

Die Zukunft des Museums, Besucherbindung oder...? (Seitensprünge 24)

 

Kunstmuseum Bern

Die letzten Europäer. Das Jüdische Museum Hohenems setzt neue Ausstellungsmaßstäbe

Großartige Eröffnung einer Ausstellung, der ich viele Besucher, breite öffentliche Aufmerksamkeit und ebenso breite Diskussion wünsche. Das Jüdische Museum Hohenems schätze ich als das ernsthafteste und wichtigste Museum Österreichs ein. Die Eröffnung hat meinen Eindruck vertieft und bestätigt und ich bin neugierig, die Ausstellung bald selbst zu sehen.

Unter dem Titel Die letzten Europäer nutzt das Museum den Nachlass einer aus Hohenems stammenden, schließlich über halb Europa verstreute Familie, warum die Idee eines humanen, friedvollen Europa in der jüngsten Gegenwart preisgegeben wird. Und sich all der Utopien und Programme entledigt hat, die nationale Spaltung und militante Auseinandersetzung beenden sollten um zu Nationalismus, Abschottung und Ausgrenzung zurückzukehren.

Das Museum wendet sich fundamentalen Fragen europäischer Politik zu und agiert zugleich historisch-erinnerugspolitisch und geistesgegenwärtig. Es bezieht eine klare, kritische und fundierte Position, von der aus es informiert und zu Diskussionen anregt. Die Deutlichkeit und Klarheit, mit der hier Gegenwartsprobleme angesprochen werden, ist im Vergleich zu anderen Museen unerwartet und umißverständlich. Es ist eine politische Intervention, die - an einem Museum gesetzt -ihresgleichen sucht.

Politisch ist ein Museum nicht deswegen, weil und wenn es sich Fragen der Gesellschaft annimmt, politisch ist es dann, wenn es Räume zivilgesellschaftlicher Debatten eröffnet, in denen die res publica sich zusammenfindet und ihre Angelegenheiten aushandelt, auch im Dissens und im Streit, auch im Austausch der Argumente und Fakten, auch im Aufeinandertreffen von Interessen und Affekten - aber immer im Blick, wie das Gemeinwohl gesichert werden kann.

Dieser Raum wird auf mindestens drei Ebenen eröffnet: der der Ausstellung im Museum und auf einer eigenen Webseite mit zahlreichen Essays zum Themenspektrum sowie schließlich mit einem europäischen Tagebuch.

Die Webseite des Museums zur Ausstellung: https://www.jm-hohenems.at/ausstellungen/aktuelle-ausstellung

Die Webseite zur Ausstellung: http://www.lasteuropeans.eu

Das Europäische Tagebuch: http://www.lasteuropeans.eu/tagebuch/

Ich empfehle sehr, die Eröffnung mit ihren Statements des Museumsleiters Hanno Loewy, der Wissenschafterin Almeida Assmann und der Kuratorin Felicitas Hermann-Jelinek nachzuhören - als Vorbereitung auf den Besuch. Hier der Link: https://www.youtube.com/watch?v=jK1_A_molRo

Samstag, 29. August 2020

Healing America. Demokratische Geschichtskultur in US-Museen

  

Museum of American History. Historische Dauerausstellung. Eingangsbereich. Der Text lautet: 

More than just waging a war of independence, American revolutionaries took a great leap of faith and established a new government based on the sovereignty of the people. It was truly a radical idea that entrusted the power of the nation not in a monarchy but in its citizens. Each generation since continues to question how to form „amore perfect union“ around this radical ideas.


 

Gottfried Fliedl

 

Healing America. Demokratische Geschichtskultur in US-Museen

 

1

Die Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen Polizisten in New York am 25. Mai 2020 löste Demonstrationen nicht nur in New York und den USA sondern weltweit aus. Zweifellos war der Totschlag durch einen Polizisten rassistisch motiviert. Aber viele Kommentatoren wiesen auf ein viel grundsätzlicheres Problem hin: auf einen Widerspruch, der seit der Deklaration der Unabhängigkeitserklärung und der Verabschiedung der Verfassung von 1776 als eine Art von Geburtsfehler der Vereinigten Staaten die Geschichte der Nation begleitet. Die dort niedergelegten universalen Rechte wurden von Anbeginn an grossen gesellschaftlichen Gruppen verweigert. Frauen, der indigenen Bevölkerung und den Black Americans.

Das große Versprechen auf Gleichheit - hier zitiert in der ältesten deutschen Übersetzung -, ist bis heute uneingelöst: „Wir halten diese Wahrheit für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“[1]

 

Anlässlich von Ereignissen wie der Tötung von George Floyd bricht dieser Grundwiderspruch immer wieder auf, aber nicht nur als einzelner Vorfall, sondern als Aufbrechen eines Problems, das die Gesellschaft als Ganzes geprägt hat. Indizien dafür sind die fortgesetzten und umfassenden Diskriminierungen, die etwa das Sozialsystem, das Gesundheitswesen, den Zugang zu Ämtern und Positionen betrifft, generell die Gefährdung durch Armut, Arbeitslosigkeit u.v.a.m. Die Harvard-Historikerin Jill Lepore hat die USA als „eine in Widersprüchen geborene Nation“ charakterisiert.[2]

 

Als ich 2019 Gelegenheit hatte, einige der exquisitesten Geschichtsmuseen in New York und Washington zu besuchen, war ich überrascht, daß dieser Widerspruch dort das zentrale Thema ist und in allen diesen Museen offen benannt, ausführlich erläutert, kritisch beleuchtet wird und den Angelpunkt der Erzählungen und Deutungen bildet.

 

Kaum hat man beispielsweise die Kernausstellung des National Museum of American History in Washington betreten, wird dieser Widerspruch im Kontext des nation building knapp, klar und unmissverständlich thematisiert. Wer war ausgeschlossen? Wer hatte das Wahlrecht? Wer zählte überhaupt als Grundlage des Wahlverfahrens zur Bevölkerung und wer nicht? Who are the counted?  - allesamt Fragen, die von der Feststellung begleitet werden: And America has never stopped debating… Es wird sofort klar, daß das Problem nicht als historisches im Sinn eines abgeschlossenen, überwundenen Ereignisses vorgestellt wird, sondern als eines, das der permanenten Diskussion bedarf, also auch im Museum.

 

Wer sind überhaupt jene, die sich in der Unabhängigkeitserklärung - dort mit den kalligraphisch vom übrigen Text abgehoben ersten Wörtern - als We the people? zum politischen Subjekt machen? Was bedeutet Citizenship eigentlich und worin bestehen die Rechte und Pflichten als amerikanischer Bürger? Wer ist überhaupt Amerikaner? Wie wird man das? Und was bedeutet es, Amerikaner zu sein - in rechtlicher aber vor allem in sozialer und politischer Hinsicht? Wer ist truely american (das waren am Anfang nahezu nur white persons) und was bedeutet das heute?

Die Frage nach dem together zieht die Frage nach den unterschiedlichen Formen von Integration nach sich. 


How did we become us? Die Frage nach der kollektiven Identität durchzieht mit vielen Fragen die gesamte Dauerausstellung des Museum of American History


Zum Beispiel: In einer Vitrine der Dauerausstellung des National Museum of American History steht eine Miniaturausgabe der Freiheitsstatue. Vor ihr sind einige Objekte mit Texterläuterungen platziert, die die Formen der Integration im Kontrast zum durch die Statue verbürgten Freiheitsversprechen visualisieren. Einige waren immer schon hier (die indigene Bevölkerung), einige wurden gezwungen (Sklaven), einige kamen freiwillig (die Kolonisatoren), einige blieben einfach. Fragen und Antworten soll man selber finden. Mit dieser anspruchsvollen Aufforderung: Discover How Diverse People Built A Nation Together.

 

Selbstverständlich sind das Fragen, die nicht bloß die USA bewegen. Es sind Fragen die etwa auch in Europa zum Repertoire der umkämpften politischen Fragen gehören, brennende Frage, die die Immigration aufwirft aber auch die Bedrohung von Nationalstaaten durch regionale Autonomiebestrebungen (Katalonien, Schottland). Im neugegründeten Australischen Nationalmuseum gehörte der Satz What does it mean to be an Australien? zum Mission Statement. Der große Unterschied ist, daß die USA ein unbestrittenes Fundament ihrer staatlichen Identität haben- die erwähnten Gründungstexte, die die Norm aber auch die Herausforderung für alle offenen Fragen bilden. Was die US-Geschichtsmuseen, die ich besuchen konnte, betreiben, ist Dingpolitik ganz im Sinne Bruno Latours.[3] Die res publica,die Sache, die alle angeht, sind strittige Angelegen­heiten, um derentwillen und um die herum man sich versammelt. Aber eben nicht nur in einer museal befriedeten Weise, sondern indem das Museum selbst zum Ort des Streits, des Dissenses werden darf, mindestens zu einem, an dem die Grundlage des Gemeinsamen als Entzweiung anerkannt wird. Identität ist nicht einfach zu haben, sie entwickelt sich als ein Prozess, in dem anerkannt werden muß, daß er es immer mit Spaltungen zu tun hat. Das macht ja Demokratie so schwierig, daß in ihr kein fester Ort auszumachen ist, keine res publica, die wie eine Sache auf Dauer unverändert im Zentrum stehen kann, keine Person, die auf Dauer das Gemeinsame repräsentieren darf.

 

Allen hier erwähnten Museen ist die Erinnerung an die Verfassung und an die Unabhängigkeitserklärung gemeinsam, und das in aller Ambivalenz: es ist ebenso die Erinnerung an die Geburtsstunde der Nation, aber mehr noch daran, daß die Demokratie, die noch vor dem Staat USA da war, unvollendet ist. In den Museen gibt es immer beides: die Erinnerung an die demokratische Grundlage des Staates und die Erinnerung an das zwiespältige Erbe, das die Nation spaltet, indem es die niedergelegten Rechte großen Teilen der Bevölkerung vorenthält.  Dabei wird immer wieder nachdrücklich klar gemacht, daß es sich nicht um historische Fragen im Sinne einer abgeschlossenen Vergangenheit handelt, sondern um Fragen, die unter sich permanent verändernden Bedingungen - etwa den demografischen Verschiebungen[4] -, immer neu gestellt werden müssen.

 

2

Die Dekonstruktion der US-Geschichte beginnt schon, ehe man die Dauerausstellungen des National Museum of American History betreten hat, und das ausgerechnet bei der herausragendsten Persönlichkeit: Da sitzt er, George Washington, überlebensgroß, gipsern-weiß, als ein antiker Heros und weist mit dem Finger zum Himmel, der aber nicht mehr von Göttern bewohnt sondern vom Licht der Aufklärung - hier in Gestalt sehr profaner Neonleuchten - erhellt wird. Das Pathos der Skulptur wird mit einer Reihe von Texten vom idealischen Sockel geholt: Im Museum ist er nicht mehr nationaler Heros, sondern ein „fallible man rather than the marble hero“ und die Erläuterung der Geschichte des Denkmals entzaubert zusätzlich den gewaltigen Gestus von Werk und Person, etwa indem man ihm einen anderen, modernen hero entgegenstellt: Nicht mehr und nicht weniger als Martin Luther King!


Vor dem Eingang zur Dauerausstellung: Ein heroisch-antikisierender George Washington - den die erläuternden Texte vom Sockel holen. 

1832 wurde das Monument in Auftrag gegeben, 1840 fertiggestellt und zunächst in der Rotunde des Kapitols aufgestellt. Kurz nach 1900 kam es in den Besitz des Smithsonian Institute. Man darf annehmen, daß die eher ungewöhnliche Ikonografie nicht mehr passend für die Repräsentation von Demokratie erschien. Da hält in der Dekoration des Stuhls, auf dem Washington sitzt, Herkules für das amerikanische Volk her und Columbus trifft als „Neue Welt“ personifiziert einige „Indianer“ und der Lichtgott Apollo personifiziert die Aufklärung. 


Später in der Ausstellung begegnen wir noch einmal Washington, und zwar der Geschichte seiner Rezeption, den Bemühungen, seinen Ruf aufrecht zu erhalten und immer wieder neu zu definieren. Aber auch das ist Arbeit am Mythos. Denn was da in Literatur, Biografik und schulischer Pädagogik aufgewendet wurde, um den Ruf des unbefleckten Heros zu zementieren, macht die Konstruktion eines Bildes transparent, dem das Museum ganz und gar nicht mehr folgen will.

 

Doch allen Zweifeln wie zum Trotz lesen wir hinter dem Washington-Monument die in riesigen Lettern verkündeten Zeilen: „The nation we build togehther“.

 

Ein anderer nationaler Heros, der vergleichbar monumental in einem anderen Museum präsent ist, wurde zu der Zeit meiner Museumsbesuche ebenfalls zum Objekt der kritischen Infragestellung – Theodore Roosevelt (1858-1919), der vor dem Haupteingang des National Museum of Natural History in New York sitzt.

 

American Museum of Natural History. "Knowledge", "The ultimate predator" und Roosevelt. Dieses Miteinander verschiedener Konzepte von Bildung und (Re)Präsentation wird bald ihren historischen Heros verlieren.

Die derzeit am Sockel der Figurengruppe angebrachte relativierende Kommentierung. - "You can learn more" ist ein in Museen ständig präsenter Imperativ.

Daß er seit 1940 hoch zu Ross sitzend von einem „Neger“ und einem „Indianer“, beide zu Fuß und halbnackt, begleitet wird, nimmt das Museum und vermutlich auch dessen Community und die Öffentlichkeit inzwischen nicht mehr so ohne weiteres hin. Auch hier bieten Texte wie bei Washingtons Monument Relativierung an: The „...statue itself communicates a racial hierarchy that the Museum and members of the public have long found disturbing.“ Wiewohl man zuletzt noch die Bewertung dem Betrachter zuschob und neutralisierte: „Today some see the statue as a heroic group; others, as a symbol of racial hierarchy.“  Diese Neutralität wird inzwischen nicht mehr aufrechterhalten. Inzwischen ist auf Grund der am Beginn dieses Textes erwähnten rassistischen Vorfällen und den daraus erneuerten Aktivitäten der Black Lives Matter[5] im Museum der Entschluss gefallen, das Denkmal zu entfernen. Jedenfalls hat das Museum das beantragt. 

 

Das ist mehrfach bemerkenswert, denn Roosevelts Vater war Mitgründer des Museums und Theodore war ein Pionier der Naturschutzbewegung und großer Förderer des Museums, dem die gewaltige Eingangshalle mit ihn rühmenden Fresken gewidmet ist. Die an den Wänden applizierten politisch-programmatischen Parolen stammenden von ihm. Eine weitere Halle im Untergeschoß dokumentiert seine früh einsetzende Naturforschung und seine Initiativen zum Naturschutz.

In einer eigenen Ausstellung Adressing the Statue und der zugehörigen Webseite[6] war schon zuvor vom Museum eine Debatte eröffnet worden, die alle nur wünschenswerten Information zur Geschichte und Kunstgeschichte der Statue bot. Dort findet man kontroverse Statements aus dem Haus und von Wissenschaftern sowie Denkmalpflegern aus verschiedensten Disziplinen und vor allem auch aus der Community. Das ergab ein sehr dichtes Netzwerk von Diskurs und Information. Umfassende, differenzierte und oft erstaunlich tiefreichende Information gehört zum Standard der großen US-Museen. Dort und über Newsletter beteiligen sie sich auch an aktuellen politischen Debatten. Das Smithsonian benötigte kaum drei Tage, um zusammen mit dem Verweis auf vertiefende Information in seinen Museen und Sammlungen, auf die Ermordung von George Floyd zu reagieren und Rassismus in den USA zu thematisieren und klar zu verurteilen. Eingeleitet wurde das mit einem unmißverständlichen und klaren Statement des Sekretärs, wie hier der Direktor genannt wird, des Instituts.

 

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Die spektakulärste Visualisierung des „Geburtsfehlers der Nation“ findet sich im National Museum oft African American History and Culture in Washington (2016 eröffnet). Zum historischen Teil des Museums muß man mit einem Lift mehrere Stockwerke tief unter die Erde fahren und steht dann unvermittelt vor einem vielfigurigen, großen denkmalhaften Environment, das namentlich bekannten Sklaven gewidmet ist, die lebensgroß und in realistischer Ästhetik dargestellt werden. Die Würdigung bislang „geschichtsloser“ Menschen in einer sonst bedeutenden und singulären Persönlichkeiten vorbehaltenen Pathosform, geht einher mit der Kritik an dem unter ihnen stehenden, neben Washington zweiten bedeutenden Founding Fahther, Thomas Jefferson. Hinterlegt ist das Ensemble mit einem Zitat aus der Unabhängigkeitserklärung, die die Überschrift trägt The Founding of America. Aber am Sockel des Denkmals lesen wir - wie ein Echo auf diese Überschrift - The Paradox of Liberty. 

 

Der Auftakt zur historischen Ausstellung des National Museum of African American

Zwischen den Figuren sind Ziegel zu halbhohen Mauern aufgestapelt, die die Namen der hunderte von Sklaven tragen, die Jefferson besaß. Viele der Gründerväter der Vereinigten Staaten hatten Sklaven, George Washington, zusammen mit seiner Frau etwa dreihundert. Dennoch waren sie es, die die Sätze zur Gleichheit aller Bürger formulierten und als Grundgesetze der jungen Nation deklarierten.

Die Text-Erläuterung zur Jefferson-Statue kommt sofort auf den Grundwiderspruch zu sprechen: „Thomas Jefferson helped to create a new nation based on individual freedom and self-government. Yet over the course of the life, Jefferson himself owned 609 slaves. Their labor and service provided him personal liberty and wealth. Like Jefferson, 12 of the first 18 American presidents owned slaves. The declaration (of independence GF) did not extend „Life, Liberty, ant the pursuit of Happiness“ to all Americans, undermining the ideal that „all men are created equal“.

 

Eine "echte" Sklavenhütte, eine "Denkmal"-Figur einer Sklavin

Von diesem buchstäblich fundamentalen Auftakt in den unterirdischen Geschossen geht man auf einer durch mehrere Geschosse reichenden Rampe in Richtung Gegenwart, aber diese Aufwärtsbewegung lässt sich nicht als Fortschritts- oder gar Erlösungsbewegung deuten. Man flaniert an einer dichten Erzählung staatlichen Versagens, großer Verbrechen, der Unterwerfung und Ausgrenzung, der Diskriminierung aber auch der Anpassung, des Widerstands und des Kampfes um Anerkennung vorbei - bis zur Bürgerrechtsbewegung und den auf die Strasse getragenen Konflikten in jüngster Zeit. 

 

Der oberirdische Teil des Museums informiert umfassend über die afroamerikanische Kultur, bildende Kunst, Film, Tanz, Fernsehen, Theater, Sport - vor allem aber Musik. An unzähligen Stationen begegnet man in dieser riesigen Abteilung allen nur denkbaren musikalischen Ausdrucksformen und vielen berühmten Persönlichkeiten. Ich habe noch nie eine Ausstellung ein Publikum in so aufgeräumter Stimmung erlebt wie in der riesigen Abteilung des Universums „schwarzer Musik“. 



Hier ist ein eigener Abschnitt der Rolle der Black people in der Armee des 2.Weltkrieges gewidmet, einer der am wenigsten überzeugenden Ausstellungen des Museums. Es dominiert eine Militärtisch-Patriotische Sicht, die Hervorkehren heldenmütigen Verhaltens. Die Botschaft ist die, daß die Teilhabe am Zweiten Weltkrieg ein doppeltes Versprechen der Verwirklichung der Demokratie war. Eines „abroad“ im Kampf gegen den Faschismus und der Wiederherstellung eines freien Europa und eines „at home“ als Herstellung der Gleichberechtigung.





In der die Eröffnung des Museums begleitenden medialen Rezeption und in den Äusserungen zum mission statement des Hauses dominierte die Museumsgründung als Akt der Anerkennung der black people und sie wurde auch von den so Adressierten genau so gesehen. Es überwog breiteste Zustimmung. Das Museum hatte von Anfang etwa doppelt so viele Besucher, wie der Planung zugrundegelegt wurde.


Der Bau des National Museum of American African, Architekt: David Adjaye



Anerkennung wird nicht nur in der Ausstellung vermittelt, sie wird auch durch die Architektur und symbolische Situierung im Stadtraum bewirkt. Der monumentale Bau ist Teil der langen doppelten Reihe staatlicher Museen beidseits der Mall - ein Hybrid aus Straße und Park, der an einem Ende vom Kapitol und an der andren Seite vom Lincoln-Memorial begrenzt wird. Der Blick aus dem Museum fällt auf den „Nabel“ der gewaltigen Anlage, auf das nahegelegene Washington-Monument. Zusammen mit vielen weiteren Denkmälern, das berühmteste ist das Vietnam Veterans Memorial, bilden die Museen der 1846 gegründeten Smithsonian Institution[7] den zentralen lieu de mémoire der amerikanischen Nation. Sie sind integraler Teil der politischen Repräsentation und des nationalen Gedächtnisses. Hier sind wir im symbolischen und politischen Zentrum der Nation. Die Mall ist zudem ein öffentlicher Raum sui generis, Ort von Versammlungen, der staatlichen Repräsentation, von Aufmärschen und Demonstrationen.[8]

Die Mail bildet das Rückgrat der Planstadt Washington, die mit der Errichtung der Nation als Hauptstadt geplant und entwickelt wird. Stadtplan, Mail und Bauten wie das Kapitol bilden die Geburt der Nation gewissermaßen in Stein ab. Daß hier Museen der „ausgeschlossenen“ Gruppen angesiedelt sind, sozusagen im politischen Herzen der Nation, gibt der musealen Repräsentanz selbstredend ein besonders Gewicht. Für diese Gruppen existierten anderswo in den USA bereits Museen und Ausstellungen, aber erst als Nationalmuseen an der Mall in Washington erhalten sie ihr ganzes Gewicht.


Inzwischen scheint auch ein Museum of Latino American History eine beschlossene Sache zu sein, seit das 1994 initiierte Projekt im Senat beschlossen wurde.[9] Einige Monate zuvor war ein weiteres Museum beschlossen worden, ein Woman’s History Museum,[10] das ausdrücklich als Neubau, möglichst nahe an der Mall realisiert werden soll. Damit wären alle Gruppen, deren verfassungsmäßigen Rechte als nicht voll abgegolten angesehen werden, an der Mall repräsentiert. 

 

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Die symbolische Verdichtung von Architektur, Stadtplan und politisch-kultureller Botschaft gilt auch für das Museum, das der zweiten großen immer noch entgegen des Verfassungsversprechens diskriminierten Gruppe gewidmet ist, der indigenen Bevölkerung. Das National Museum oft the American Indian (2004 eröffnet) ist das der First Nations. Ein mehrgeschossiger Monumentalbau, enthält schon in der Gestaltung des Außenraums eine Botschaft, nämlich daß wir hier mit einer naturnahen Kultur konfrontiert werden. Die „Landschaft“ um das Museum aus Bepflanzung, einzelnen skulpturalen Objekten und Wasserläufen signalisieren ein auf den ersten Blick ahistorisches Verständnis der indigenen Kultur. 

 


Das National Museum of the American Indian wurde von Indianische Planern errichtet, wie die Architekten Douglas Cardinal von den kanadischen Blackfoot und Johnpaul Jones von den Cherokee.


Im Inneren empfängt uns eine gewaltige Rotunde mit Galerien und einer mächtigen, gestuften Kuppel unter der die Objekte und textliche Leitmotive den Eindruck einer sehr alten und naturverbundenen Kultur verstärken. Wir werden zuallererst mit dem Reichtum an z.T. zeitgenössichen Artefakten konfrontiert, die als Ausdrucks- und Überlebensfähigkeit der indianischen Kultur präsentiert werden. Der Besucher wird aus der Perspektive eines indianischen Wir angesprochen - das Museum spricht nicht über indigene Stämme sondern diese sprechen direkt zu uns. Kurz zuvor hatte ich im Naturhistorischen Museum die einschlägige Abteilung gesehen, wo die „Indianer“ mithilfe akkurater Modelle noch wie Spielzeug als Miniaturvolk in Vitrinen präsentiert werden -. in unmittelbarer Nachbarschaft zur Abteilung die die Evolution des Menschen aus dem Affenreich erzählt. 

 

Sofort nach dem Eingangsbereich findet man sich im Erdgeschoss der Rotunde im Beginn des Ausstellungsrundganges

Im Washingtoner Museum treten uns die indigenen Stämme dagegen selbst mit großem Selbstbewußtsein entgegen. Unter der Überschrift Nation to Nation wird etwa über die lange Kette der Verhandlungen berichtet, in der sich die Nation USA und die indianischen Nationen gegenübersaßen. So als ob „Nation“ in beiden Fällen dasselbe meinte aber auch so als ob es eine (indigene) Nation, eben die die Native Nations innerhalb des Staates USA gäbe. Vielleicht  beruht dieses Selbstbewußtsein auf der mehrtausendjährige Existenz indianischer Stämme auf dem Kontinent, das auch durch die Kolonisierung nicht erschüttert werden konnte und das im „Fisrst“ vor „Nations“ ostentativ ausgedrückt wird.

 


Auch hier gibt es eine große Abteilung, die die Geschichte der Eroberung, der Vertreibung, der Vernichtung und der erzwungenen Assimilation erzählt. Die Politik der 1940er bis 1960er Jahre wurde tatsächlich unter dem Begriff der Termination betrieben und sollte das „Indianerproblem“ ein für alle mal lösen. Wieder überrascht, wie detailliert und ohne jede beschönigende Relativierung im Museum darüber berichtet wird. Hier habe ich z.B. zum ersten Mal von trails of tears gehört, zu denen Stämme gezwungen wurden und die nicht auf deren bloße Vertreibung aus ihnen zugesagten Reservaten abzielten, sondern auf Vernichtung. Die Märsche unterschieden sich von dem, was man aus der NS-Zeit unter dem Namen „Todesmärsche“ kennt, in nahezu nichts.



Eine Eigentümlichkeit, die ich nur in diesem Museum gesehen habe, ist der Versuch kontrastierende Standpunkte gegenüberzustellen, in Form von Texten aber, nur vereinzelt auch in Form von Bilder.

 

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Becoming american, als Frage auch der persönlichen Haltung und geforderten Identifikation mit dem Staat, ist dort das Schlüsselthema, wo Einbürgerung viele Jahrzehnte lang stattfand. Ellis Island, eine kleine, Manhattan vorgelagerte Insel, war zwischen 1892 und 1954 der Ort der kontrollierten Einwanderung, den etwa 12 Millionen Einwanderer bis zur Schließung der Station passieren mussten. Nach Auflassung dieses Tors zum „gelobten Land“ wurden die Gebäude 1990 zu einem Museum umgewandelt. Hier wird nicht nur der gesamte Prozess der Kontrolle und Verwaltung der Einwanderer beschrieben. Da hier ja auch über das Recht Staatsbürger zu werden entschieden wurde, wird die gesamte Geschichte der Immigration weit über das 20. Jahrhundert hinaus thematisiert - überraschend bereits mit Christoph Columbus beginnend. 



Frage und Antwort. Hier wird unter anderem das zivile Ritual der Einbürgerung gezeigt, das im Kern auf einem Eid auf die Verfassung und der feierlichen Loslösung vom Herkunftsland besteht.

Das bedeutet, daß Immigration als Kolonialisierung aufgefasst und erzählt wird, und das gilt auch für die Binnenimmigration, das heißt die Geschichte der Besiedlung des riesigen Landes, für das man ja Einwanderer massenhaft benötigte - nur etwa 2% der vor New York ankommenden Passagiere wurden während der Zeit der Masseneinwanderung zurückgewiesen. An detailreicher und unmissverständlichen Kritik an den katastrophischen Begleiterscheinungen, namentlich der Vertreibung und Vernichtung der indianischen Stämme, fehlt es hier nicht. Wir lernen, daß die Existenz der USA auf einer gigantischen gewaltförmigen Landnahme beruht, die die alte Bevölkerung nahezu auslöschte.


Auch dieses Museum, das sich fast ausschließlich auf Texte, Fotos, Environments und Toninstallationen stützt und so gut wie keine authentischen Musealien zeigt, schreibt also eine Geschichte von Ein- und Ausgrenzung, von Vertreibung und Verfolgung. Die Geschichte der Integration von Millionen die bis etwa 1929 ohne Einschränkungen ermöglicht wurde, wird dagegen nicht als Erfolgsbilanz dagegen aufgerechnet, sondern nüchtern und faktenbasiert dargestellt. 

 



Das Museum kommt nahezu ohne Objekte aus. Im Untergeschoß dominieren Environments aus Requisiten, Texte und Toninstallationen. in den oberen Geschossen Fotografien, die den gesamten komplizierten Prozess der Überprüfung der Einwanderer schildern aber auch die folgende, überwiegend zivilgesellschaftliche Obsorge für Quartier und Arbeit.[11]

 

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Allen hier erwähnten Museen ist also die Erinnerung an den „Geburtsfehler“ gemein, an den Zwiespalt von Verfassungsversprechen und Realpolitik. Verfassung und Unabhängigkeitserklärung sind allgegenwärtig, ihr Geist indes in den Museen immer in aller Ambivalenz: diese Texte bezeugen die Geburtsstunde von Demokratie, aber auch den Zwiespalt in einem Erbe, das bis heute Nation spaltet, indem es die niedergelegten Rechte großen Teilen der Bevölkerung vorenthält.



Es schien mir naheliegend, den Ort aufzusuchen, an dem der „heilige Gral“ der Nation verwahrt wird, die - in Sichtweite der großen Museen gelegenen - National Archives.[12] Dort, in der neoklassizistischen, fast sakralen „Rotunda“, gibt es keine Relativierung oder Kritik, hier huldigt man der säkularen Religion „Demokratie“ vor den originalen, unikalen und handschriftlichen Texten. Unabhängigkeitserklärung, Verfassung und Bill of Rights liegen - technisch enorm aufwändig geschützt und gesichert - vor einem altarähnlichen Aufbau, an der lange, bis auf die Straße reichende Reihen von Besuchern, vorbeiziehen. Diese Texte sind das unbestrittene Fundament der amerikanischen Demokratie und die öffentliche Präsentation der Originale einzigartig. Einigermaßen Vergleichbares kenne ich nur aus Israel, dem Shrine of the Book, das mit den ausgestellten Qumran-Rollen die archäologische Fundierung der israelischen Staatsideologie stützt und dem schweizerischen Bundesbriefmuseum in Schwyz,[13] wo ein aus dem 13.Jahrhundert stammendes Dokument mit anderen, späteren, ausgestellt wird. Ein Dokument, dessen historische Validität umstritten ist und das erst im späten 19.Jahrhundert und ziemlich willkürlich zum Gründungsdokument der Schweiz gepusht wurde.[14]

 

Die kalligraphisch hervorgehobenen drei ersten Wörter der Unabhängigkeitserklärung enthalten das ganze Pathos und die ganze Radikalität der Selbstermächtigung der Bürgerschaft

Daß diese Gründungstexte-Texte der Vereinigten Staaten für bestimmte Gruppen gelten und ihnen Rechte verschafft, die anderen vorenthalten werden, das macht die latente Krise aus, deren derzeitiges Aufbrechen mit Sorge betrachtet wird. Die Performance des Präsidenten, die Wucht der Corona-Krise in den USA, der schroffe Gegensatz der beiden großen Parteien, die vielberedete Spaltung der Gesellschaft, materiell, ideologisch, das alles und vieles andere mehr summiert sich auf beängstigende Weise. Angesicht dieser Situation ist die Frage naheliegend, welchen Effekt die hier als diskursiv und demokratisch geschilderte museale Geschichtskultur denn in der gesellschaftlich-politischen Praxis hat. Es gibt aber generell kein Maß für die Wirkung von Museen und als touristischer Besucher entzieht sich mir auch die ganze Palette der über Ausstellungen hinausgehenden Bemühungen - Vermittlungsprogramme, digitale Information usw., vollkommen der Kenntnis und Beurteilung. Was sich mir ebenfalls entzieht, ist das Ausmaß des Einflusses Privater, die über Zuwendungen an Museen in Form von Geld oder Sammlungen - die National Gallery in Washington ist ohne die Familie Mellon nicht denkbar -, Einfluß haben. Aber welchen genau? 

 

Über vielen Abteilungen der Museen findet man die Namen der Stifter und Stifterinnen, von Bill Gates abwärts. Doch ob sie überhaupt und in welchem Ausmaß Einfluß nehmen, das läßt sich mit dem bloßen Augenschein eines durchschnittlichen Museumsbesuches, wie ich ihn mir geleistet habe, einfach nicht beurteilen. Man kann so viel sagen, daß Museen sehr empfindlich auf Kritik an ihrer gut versteckten sozialen und materiellen Verfasstheit reagieren. Hans Haackes Recherche zum Immobilienbesitz der Shapolsky et al. Manhattan Real Estate Holdings, A Real Time Social System, as of May 1, 1971, das zur Absage seiner Personale am Guggenheim Museum führte, mag damals großes Aufsehen erregt haben, aber inzwischen ist die Kritik am Einfluß privater Personen und Familien auf die Museen in den USA systemisch geworden. Ausgelöst von der Opioid-Krise die wesentlich von Firmen der Familie Sackler wie Purdue Pharma verursacht wurde, mobilisierten Künstlerinnen wie Nan Goldin in Museen wie dem Metropolitan Museum in New York den Widerstand, der dazu geführt hat, daß an so manchen Institutionen die weit gestreute „mäzenatische“ Tätigkeit der Familie Sackler hinterfragt und eingestellt wurde.

 

Und noch eine Beobachtung gehört hierher: während die durch die Verfassung in die Welt gesetzten Konflikte, namentlich ethnischen, eine so wichtige Rolle spielen - die sozialen tun es nicht. Über Einkommens- und Arbeitsverhältnisse, über Arm und Reich, über Besteuerung und Sozialfürsorge und vieles andere mehr, erfährt man sehr wenig. Die zweite Leerstelle ist ebenso bemerkenswert. Die Außenpolitik kommt kaum vor, die Entwicklung der USA zur interventionistischen Welt- und Wirtschaftsmacht ließ sich in keinem der von mir besuchten Museen bzw. Ausstellungen nachvollziehen.

 

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Auffallend ist, wie oft das Wort healing vorkommt. Können Museen heilen? Gar eine ganzes Land, wie es im Zusammenhang mit dem 9/11-Museum in New York versprochen wurde? Dieses Museum ist einem grossen Trauma gewidmet, der Verletzung der Integrität der gesamten Nation. 

Der ganze Komplex, das unterirdische, über den Resten der Grundmauern der Zwillingstürme des World Trade Center errichtete Museum, der umgebende Hain, Trabantendenkmäler, die beiden Gedenk-Brunnen, dies alles ist auf die Wiederherstellung der nationalen Integrität gerichtet. Beachtlich ist der Anteil zivilgesellschaftlicher Initiativen, die diesem Ziel diverse Denkmäler rund ums Museum gewidmet haben. Hier findet, über dem zerstörten Fundament des World Trade Center buchstäblich eine Neufundierung statt, in Form eines Hybrids aus Museum, Memorial, Reliquienkammer, Infocenter, Grabstätte und Denkmal.[15] 



Das Museum erstreckt sich in unterirdischen Räumen, die bis auf die Fundamente der beiden zerstörten Gebäude des World Trade Center hinabreichen. Man wird mit der zyklopischen Mauer konfrontiert, die das Fundament vom Hudson River abschottet und man hat die Möglichkeit, das erhaltene Fundament abzuschreiten über denen die gewaltige Kubatur des Zwillingsgebäudes architektonisch angedeutet wird. Die meisten Ausstellungsstücke sind Relikte der Katastrophe, vom Feuerwehrauto bis zum verlorenen Schuh, vom verbogenen Stahlträger der Gebäude bis zum Personalausweis. 


Das gesamte Ensemble spricht von einem Opfer, aus dem sich die Gemeinschaft wieder erheben kann und erhoben hat. Eine Heilung? Die Täter werden inszenatorisch marginalisiert, nur die Tötung Osama bin Ladens wird ausführlich in der Absicht einer musealen Beglaubigung vorgeführt. Hinter das Verdikt eines verabscheungswürdigen und verbrecherischen Terrorismus wird nicht gegangen. Kein weltpolitischer Kontext, keine Erörterung von Motiven.


Hinter dieser Wand befindet sich ein Raum, in dem die nicht identifizierbaren Überreste der beim Einsturz der Türme Getöteten aufbewahrt werden. Die Farbnuancen der Kacheln bilden das Blau des Himmels am Tag des Anschlags ab. Die Inschrift wurde pedantisch philologisch wegen ihres ganz anderen historischen Kontextes kritisiert, sie enthält aber die zentrale Botschaft des Museums (aller Museen?): Niemand wird je aus dem Gattungs- und Nationalgedächtnis gelöscht werden.

 

Eine der zivilgesellschaftlichen Initiativen und zugleich ein kaum überbiegbares Symbol für den Wunsch nach "Healing"

Heilung war auch ein Wort, das anlässlich der Eröffnung des National Museum of African American History and Culture fiel. Es kam z.B. von einer Kuratorin des Museums, aber auch BesucherInnen verknüpften immer wieder die Existenz des Museums mit einer nun erreichten umfassenden Anerkennung der schwarzen Bevölkerung der USA.

 

Der Terminus Heilung widerspricht dem politischen Diskurs, den die hier genannten Museen führen. Heilung zielt auf eine Wiederherstellung eines früher einmal als ganzheitlich vorgestellten Zustandes. Der Diskurs aber ist ein im Grunde unabschließbarer Prozess. Aber ob Heilung oder Diskurs - was erwarten sich die Museen selbst? Alle erwähnten Museen halten eine Dialektik von Versprechen und Verfehlen in Gang. Alle berufen sich auf die Verfassung, führen aber auch deren Widersprüchlichkeit vor, in der Praxis nie restlos verwirklicht zu sein. Es wird eine Kritik vorgetragen, wie ich sie in dieser Schärfe und Konsequenz von keinem europäischen Museum kenne. Doch wie lässt sich das mit der „staatstragenden“ Rolle nationaler Museen vereinbaren? Wie läßt sich die unbestechliche Darstellung von Geschichte mit all ihren Katastrophen und Traumata mit der Vorstellung des „Healing“ verbinden? 

 

Nun so, dass es immer eine Perspektive gibt, die in der Vollendung des Projekts der Nation liegt. Es ist die Idee einer USA, in der der Verfassungspatriotismus beschworen, aber nicht wirklich gelebt wird, aber wo versprochen und angeregt wird, alles dafür zu tun, dass das dereinst der Fall sein wird. 

 

In einem Museumstext zum Widerspruch von Sklaverei und Verankerung von Freiheitsrechten in der Verfassung heißt es: „The paradox of the American Revolution - the fight for liberty in an era of widespread slavery- is embedded in the foundation of the United States. The tension between slavery and freedom - who belongs and who is excluded - resonates through the nation s history and spurs the American people to wrestle constantly with building „a more perfect Union“. An anderer Stelle wird das als American Experiencebezeichnet, als „…this paradox (is) embedded in national institutions (…) still vital today.“

 

Building a more perfect Union, das ist ein Leitmotiv in den Geschichtsmuseen. Was immer an Opfern gefordert wurde, welche kollektiven Verletzungen stattgefunden haben, letztlich kommt alles einer Perfektibilität des Ganzen zugute. Die Erzählungen der Museen laufen zentralperspetivisch auf die Idee der Vervollkommnung hinaus und damit auf eine künftige Lösung der Probleme. Man darf das nicht als bloß rhetorisch auffassen und die Verschiebung der (Er)Lösungen in eine unbestimmte Zukunft hinein nicht als bloße Ideologie. Die Spannung zwischen dem Versprechen der Unabhängigkeitserklärung und der langen Geschichte der Diskriminierungen wird immer wieder versöhnt durch eine Botschaft der permanenten Wandelbarkeit und mit der Einladung, sich an diesem Wandel aktiv zu beteiligen. 

 

Auch darüber reden und informieren die Museen und bieten der Diskussion selbst Platz. Das geht bis zur ausführlichen Erläuterung des Rechtes auf Widerstands und auf Demonstrationsfreiheit. Während hierzulande etwa angesichts der Coronakrise und rechtsradikaler Demonstrationen dieses Recht als allgemein gültig bestritten und beschnitten wird. Über den Appell hinaus, sich an Wahlen zu beteiligen werden auch die „Abstimmung auf der Straße“, die Demonstration, ausdrücklich als berechtigte und nötige Artikulation des Politischen Willens einbezogen. Die militante Auseinandersetzung wird nicht als Gefährdung der Demokratie eingestuft, sondern als erklärbare Reaktion auf die Defizite der Politik. Eine ganze Abteilung - sie war die einzige, die ich ausgesprochen manipulativ fand, nämlich den Akt der Wahl per se als vollendete und wirkungsvolle politische Beteiligung verklärend, beschäftigte sich mit der Bedeutung der Wahl und der Ausübung des Wahlrechtes, gerade für die Stärkung der Minderheiten.

 

AMERICA CAN BE CHANGED. IT WILL BE CHANGED, lesen wir in riesien Blockbuchstaben über der Biografie der Mary McLeod Bethune, die eine einflussreiche Streiterin für die Rechte der „Negroes“ war, und der Boxlegende Muhammad Ali ist in derselben Plakatschrift die Headline MAKING A WAY OUT OF NO WAY zugeordnet und seine Biografie mit In a Tradition of Activism charakterisiert. Nachdem man einen langen Weg durch die Dauerausstellung des Museum of African American History und Culture gegangen ist und schonungslos mit der Geschichte der Sklaverei, der Rassendiskriminierung, der Bürgerrechtsbewegung konfrontiert war, steht man am Schluß unter einem in gewaltigen Lettern ein personalisiertes Zitat an die Wand geschriebenen: I, TOO, AM AMERICAN. Im National Museum of American History ist der Slogan A Nation We Build Together mehrfach zu finden. Der Slogan enthält einerseits den Appell der Beteiligung aller am Gelingen einer Nationwerdung, womit gleichzeitig das noch Unvollendete dieses nation building eingestanden wird. Selbst Donald Trumps berühmt-berüchtigtes Make America Great Again, ist vom Eingeständnis infiziert, daß Amerika derzeit nicht groß oder nicht groß genug ist.


Der Ausgang aus dem historischen Rundgang des National Museum of African American

 

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Was die Museen, die ich besucht habe, von europäischen signifikant unterscheidet, ist, daß sie Geschichte nicht als von der Gegenwart getrennte Erzählung über Vergangenes verstehen, nicht als Repräsentation zurückliegender Ereignisse, sondern immer gegenwartsbezogen auf die Vervollkommnung des gesellschaftlichen Ganzen gerichtet sind. Sie sind produktiv, nicht repräsentativ: Es wird ein Diskurs geführt über eine unvollendete politische Agenda. Daher ist das Verhältnis von Erzählung und Museum einerseits und Politik und Gesellschaft andrerseits anders miteinander verwoben als in europäischen Museen. In den Ausstellungen werden Fragen aufgeworfen, die in eine Diskussion münden, die ihrerseits auf ein America in the making zielt. 

 

Museen sollen etwas beitragen zur Vervollkommnung der Demokratie, zur „Heilung“ jener Widersprüche, die in der Gründung der Vereinigten Staaten und in deren Gründungsdokumenten angelegt sind. Es geht nicht nur um allgemeine Information, Wissensvermittlung und eine vage Absicht zur politischen Bildung, sondern letztlich um in Handlungsanweisungen umsetzbare Diskurse. Die Museen situieren sich nicht außerhalb und nachträglich in Relation zu etwas Vergangenem, sie situieren sich in einem zeitlichen und historischen, jedenfalls unabgeschlossenen Kontinuum und verstehen sich als Agentur der gesellschaftlichen Debatte und Willensbildung. 


Was Museen grundsätzlich so fragwürdig macht, ist ihre strukturelle Befriedung. Sie sind "Unschuldskomödien". Die liegt im Wandel des Leitmediums begründet, dem sogenannten authentisch-originalen Ding, den es auf dem Weg vom Gegenstand zum Exponat durchmacht und durch den es "sein eigenes Nichtsein" hinter sich herzieht (Joachim Ritter) und "seine Seele verliert" (wie es unlängst der Kurator Hannes Sulzenbacher anlässlich einer Ausstellungseröffnung formuliert hat). Und es liegt an der Verschleierung jener Prozesse mit denen in Museen Bedeutungen und Erzählungen so generiert werden, sodaß sie als Wahrheitsgeschichten erscheinen und meist auch so affirmiert werden. US-Amerikanische Museen entkommen diesem strukturellen Dilemma nicht (das wäre erst um den Preis der Auflösung dieses europäisch-aufklärerischen Konstrukts „Museum“ zu haben), aber sie gehen einen anderen, offensiveren, politischeren Weg, sich gesellschaftlich zu positionieren.

 

In der Frage Who is an American? steckt nicht nur die nach individueller Eignung sich zu integrieren und aufgenommen zu werden und die Bereitschaft, sich mit einem Staat zu identifizieren. Hier geht es um eine permanente Bestimmung dessen, was die USA sind und was sie sein sollen. Wie diese Fragen formuliert und textlich aufbereitet und visuell kommentiert werden verrät, daß die Adressaten immer schon als Staatsbürger angesprochen und aufgerufen werden, die ermutigt werden, sich als politische Subjekte zu begreifen und zu beteiligen. Das knüpft, ob bewußt oder nicht sei offen gelassen, an das Konzept des Museums der Französischen Revolution an, das als zivilisierendes Ritual (Sabine Offe) als Medium des politischen Umbruchs gedacht war und als Instanz einer durch Diskurs fundierten gesellschaftlichen Verständigung über die res publica. Als solches sind die Gründungen in Paris und den Provinzen 1793ff. einerseits überragend in ihrem Einfluß auf die folgende europäische - und dann rasch globale - Entwicklung. Aber andrerseits so gut wie vergessen was ihren politischen Kern betrifft: Ort agonaler Öffentlichkeit zu sein, in der das Gesellschaftliche erstritten wird und aufs immer Neue erstritten werden muß.

 

Das Museum so wie ich es in den USA kennengelernt habe, ist ein Ort, in dem Konfliktgeschichten nicht bloß erzählt werden sondern als Material für öffentliche Debatten aufbereitet werden, die ihrerseits kontrovers geführt werden müssen. Das was ich gesehen habe, kommt der Idee des „agonalen Museums“ nahe: Der Vorstellung, daß Museen Orte sind, an denen Öffentlichkeit aktiv vom Museum aus gestaltet und kontroverse Diskussionen initiiert werden können und auch sollen, die ihrerseits in die Öffentlichkeit zurückwirken.

 


 

Graz/Luzern im Oktober 2020



[1] We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by the Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“ Der deutsche und der oringinale englische Wortlaut zit. nach  Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Unabhängigkeitserklärung_der_Vereinigten_Staaten

[2] Jill Lepore: Diese Wahrheiten. Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. New York 2019, dt. München 2020

[3] Bruno Latour: Von der Realpolitik zur Ding­politik oder Wie man Dinge öffentlich macht. Berlin 2005

[4] Diese Verschiebungen sind von größter Bedeutung, weil sie sich auf das Wahlverhalten auswirken und die Tendenz einer schrumpfenden weissen Bevölkerungsanteils große Ängste auslöst.

[5] Black Lives Matter ist eine 2013 entstandene Menschenrechtsbewegung, die sich gegen Gewalt gegen people of color einsetzt.

[7] Der größte Museumskomplex der Welt geht auf die Stiftung seines Vermögens des 1829 verstorbenen Chemikers und Mineralogen und in England lebenden Robert Smithson zurück, der als Auflage die Widmung zugunsten „der Vermehrung und Verbreitung von Wissen“ festlegte. Die Beratungen des Kongresses über die sinnvollste Art der Erfüllung dieses Wunsches dauerte viele Jahre und mündete in die zukunftsweisende Entscheidung, Museen und Forschungsinstitute miteinander zu vereinen. 

Das sogenannte Institution Building, wegen des an europäischen Vorbildern orientierten Stils ach The Castle genannt, der erste Bau der mit den gestifteten Mitteln errichtet wurde, ist das älteste Bauwerk an der Mall.

Heute beherbergt es ein Informationszentrum, eine Ausstellung zur Geschichte der Institution und eine Ausstellung, die, in einer Art Wunderkammer-Präsentation, die einzelnen Museen des Smithsonian vorstellt - und das Grabmal des Stifters (der selbst amerikanischen Boden nie betreten hat), dessen sterbliche Überreste 1904 in die USA überführt wurden.

[8] Die National Mall, wie sie offiziell heißt, gehört als „Prachtstraße“ zur frühesten Phase der Stadtentwicklung der Hauptstadt der USA und wird nach und nach zu der heute fast 5 Kilometer und 500 breiten Anlage, an der sich repräsentative Gebäude ind Institutionen für Politik und Kultur aneinanderreihen.

[9] Im Juli 2020. Webseite der Friends oft he National Museum oft he American Latino: https://americanlatinomuseum.org/victory-hr2420-passed/

[10] https://wamu.org/story/20/02/12/the-next-smithsonian-might-be-a-womens-history-museum/

[11] Die Gestaltung Ausstellungen der hier erörterten Museen ist durchweg konventioenll. Die Orientierung an Diskursen und Fragestellungen bringt es mit sich, daß die Texte eine eminente Rolle übernehmen. Die sind allerdings meist vorzüglich knapp, klar und instruktiv. Das gilt vor allem für die Videoclips des Museums of American History, die einerseits abstrakt, andrerseits unglaublich effizient gestaltet präzise informieren. Bedeutungen werden eher selten über Objekte und Objektarrangements generiert und an eine szenografische Unterstützung von Erzählungen erinnere ich mich so gut wie gar nicht. Was in europäischen Museen schon länger üblich zu werden beginnt, ist, das Dilemma des Ausstellens an der Nahtstelle von Wissenschaft und Kunst angesiedelt zu sein, dadurch zu lösen, daß man Kunst und Künstler direkt einbezieht, habe ich kaum vorgefunden. Mit einer signifikanten Ausnahme. Im Holocaust-Museum unterbrechen mehrere Räume mit abstrakter Kunst hochkarätiger US-Künstler den historischen Parcours. Es sind Räume, die offenbar als kontemplative Unterbrechungen gedacht sind.

Auffallend ist die Neigung zu einer Art Abbildrealismus, der nun wiederum an europäischen Museen so schwer denkbar ist. Monumentale Skulpturen, die eigentlich dem Genre Denkmal zuzuordnen wären (also etwas anderes behaupten, als Figurinen) und daher einem europäischen Museumsbesucher schon deshalb auffallen müssen, gehören zum Repertoire der Ausstellungsgestaltung.

Zum vermeintlich authentischen Objekt hat man eine, wie mir schien, noch ziemlich ungebrochenes Verhältnis. Wenn es eine Sklavenhütte zu zeigen gibt, dann muß es schon eine „echte“ sein und eine Baracke im Holocaust-Museum kommt dann auch „wirklich“ aus einem Konzentrationslager, mag dann die nackte Struktur solcher Bauten, noch dazu im musealen Kontext umgebender Objekte, merkwürdig sprachlos wirken. Im 9/11 Museum genügt dann ein Ziegelstein, um zu beweisen, daß Osama bin Laden an einem bestimmten Ort von einem US-Kommando getötet wurde.

[12] Die Bedeutung dieses Ortes ist mir vor Jahren durch einen Film bewußt geworden, „National Treasure“ (USA 2004. Dt. als Der Schatz der Tempelritter), der in einer in einen Abenteuerfilm verpackten großen Parabel zwei Arten von Schätzen kontrastiert. Ein in historischen Zeiten zusammengetragener, den die Founding Fathers so gut versteckt haben, daß er als verschollen gilt, und der Verfassungstext, auf dessen Rückseite sich eine Karte verbirgt, die den Weg zum Schatz weist. In der Verfolgungsjagd nach dem Schatz entpuppt sich dann der Text, der aus dem national Archive entwendet wird, als doppeldeutig. Der materielle Schatz, der mithilfe der Karte schließlich tatsächlich gefunden wird, wird nachrangig, als eigentlicher Schatz, entpuppen sich Text und Geist der Verfassung, als res publica, als wahrer National Treasure.

Als Nabel des Films kann man jene Szene sehen, in der der historisch versierte Schatzjäger seinem technisch versierten Freund jene Zeilen aus der Unabhängigkeitserklärung vorliest, die von der Rettung der Demokratie angesichts ihrer drohenden Zerstörung spricht: “But when a long train of abuses and usurpations, pursuing invariably the same Object evinces a design to reduce them under absolute Despotism, it is their right (this means: the people’s right, the right of everyone. GF), it is their duty, to throw off such Government, and to provide new Guards for their future security.”

Das ist der wahre Schatz der USA, ihre Verfassung. Die zusammengetragenen materiellen Güter können am Ende des Films, so kostbar sie sein mögen, an die Museen der Welt verteilt werden.

Ausführlich dazu: Gottfried Fliedl: A question raised by the French Revolution answered by Hollywood: Does Democracy need museums?. In: Blog Musologien; https://museologien.blogspot.com/2013/02/a-question-raised-by-french-revolution.html

[13] Das Museum wird als Akt geistiger Landesverteidigung angesichts der drohenden politischen Entwicklung vor allem in Deutschland 1936 gegründet. 

[14] Das Gemeinsame der drei Museen sehe ich darin, daß es sich bei diesen common objects um Texte, um Schrift (nicht um dreidimensionale Dinge) handelt, daß man gewissermaßen das Ding, das sammeltlesen können soll. Sie alle sind so etwas wie nationale Bundesladen (Beat Wyss).

[15] Ausführlich zu diesem Museum: Gottfried Fliedl: Die USA haben ein Nationalmuseum. Das 9/11 Memorial Museum, in Museologien (Blog) https://museologien.blogspot.com/2014/05/die-usa-haben-ein-nationalmuseum-das.html