Samstag, 29. August 2020

Healing America. Demokratische Geschichtskultur in US-Museen


Gottfried Fliedl


Healing America. Demokratische Geschichtskultur in US-Museen


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Die Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen Polizisten in New York am 25. Mai 2020 löste Demonstrationen nicht nur in New York und den USA sondern weltweit aus. Zweifellos war der Totschlag durch einen Polizisten rassistisch motiviert. Aber viele Kommentatoren wiesen auf ein viel grundsätzlicheres Problem hin: auf einen Widerspruch, der seit der Deklaration der Unabhängigkeitserklärung und der Verabschiedung der Verfassung von 1776 als eine Art von Geburtsfehler der Vereinigten Staaten die Geschichte der Nation begleitet. Die dort niedergelegten universalen Rechte wurden von Anbeginn an grossen gesellschaftlichen Gruppen verweigert. Frauen, der indigenen Bevölkerung und den Black Americans.

Das große Versprechen auf Gleichheit - hier zitiert in der ältesten deutschen Übersetzung -, ist bis heute uneingelöst: „Wir halten diese Wahrheit für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“ 
Anlässlich von Ereignissen wie der Tötung von George Floyd bricht dieser Grundwiderspruch immer wieder auf, aber nicht nur als einzelner Vorfall, sondern als Aufbrechen eines Problems, das die Gesellschaft als Ganzes geprägt hat. Indizien dafür sind die fortgesetzten und umfassenden Diskriminierung, die etwa das Sozialsystem, das Gesundheitswesen, den Zugang zu Ämtern und Positionen betrifft, generell die Gefährdung durch Armut, Arbeitslosigkeit u.v.a.m. Die USA sind „eine in Widersprüchen geborene Nation“ hat die Harvard-Historikerin Jill Lenore in ihrer viel beachteten kürzlich erschienenen Geschichte Amerikas geschrieben.

Die Harvard-Historikerin Jill Lepore hat die USA als „eine in Widersprüchen geborene Nation“ charakterisiert.

Als ich 2019 Gelegenheit hatte, einige der exquisitesten Geschichtsmuseen in New York und Washington zu besuchen, war ich überrascht, daß dieser Widerspruch dort das zentrale Thema ist und in allen diesen Museen offen benannt, ausführlich erläutert, kritisch beleuchtet wird und den Angelpunkt der Erzählungen und Deutungen bildet.
Kaum hat man beispielsweise die Kernausstellung des National Museum of American History in Washington betreten, wird dieser Widerspruch im Kontext des nation building knapp, klar und unmissverständlich thematisiert. Wer war ausgeschlossen? Wer hatte das Wahlrecht? Wer zählte überhaupt als Grundlage des Wahlverfahrens zur Bevölkerung und wer nicht? Who are the counted?  - allesamt Fragen, die von der Feststellung begleitet werden: And America has never stopped debating… Es wird sofort klar, daß das Problem nicht als historisches im Sinn eines abgeschlossenen, überwundenen Ereignisses vorgestellt wird, sondern als eines, das der permanenten Diskussion bedarf, also auch im Museum.

Wer sind überhaupt jene, die sich in der Unabhängigkeitserklärung - dort mit den kalligraphisch vom übrigen Text abgehoben ersten Wörtern - sich als We the people? zum politischen Subjekt machen? Was bedeutet Citizenship eigentlich und worin bestehen die Rechte und Pflichten als amerikanischer Bürger? Wer ist überhaupt Amerikaner? Wie wird man das? Und was bedeutet es, Amerikaner zu sein - in rechtlicher aber vor allem in sozialer und politischer Hinsicht? Wer ist truely american (das waren am Anfang nahezu nur white persons) und was bedeutet das heute?

Die Frage nach dem together zieht die Frage nach den unterschiedlichen Formen von Integration nach sich. 
Zum Beispiel: In einer Vitrine der Dauerausstellung des National Museum of American History steht eine Miniaturausgabe der Freiheitsstatue. Vor ihr sind einige Objekte mit Texterläuterungen platziert, die die Formen der Integration im Kontrast zum durch die Statue verbürgten Freiheitsversprechen visualisieren. Einige waren immer schon hier (die indigene Bevölkerung), einige wurden gezwungen (Sklaven), einige kamen freiwillig (die Kolonisatoren), einige blieben einfach. Fragen und Antworten soll man selber finden. Zu einer anspruchsvollen Aufforderung: Discover How Diverse People Built A Nation Together.
Selbstverständlich sind das Fragen, die nicht bloß die USA bewegen. Es sind Fragen die etwa auch in Europa zum Repertoire der umkämpften politischen Fragen gehören, brennende Frage, die die Immigration aufwirft aber auch die Bedrohung von Nationalstaaten durch regionale Autonomiebestrebungen (Katalonien, Schottland). Im neugegründeten Australischen Nationalmuseum gehörte der Satz What does it mean to be an Australien? zum Mission Statement. 

Der große Unterschied ist, daß die USA ein unbestrittenes Fundament ihrer staatlichen Identität haben- die erwähnten Gründungstexte, die die Norm aber auch die Herausforderung für alle offenen Fragen bilden. Was die US-Geschichtsmuseen, die ich besuchen konnte, betreiben, ist Dingpolitik ganz im Sinne Bruno Latours. Die res publica,die Sache, die alle angeht, sind strittige Angelegen­heiten, um derentwillen und um die herum man sich versammelt. Aber eben nicht nur in einer museal befriedeten Weise, sondern indem das Museum selbst zum Ort des Streits, des Dissenses werden darf, mindestens zu einem, an dem die Grundlage des Gemeinsamen Entzweiung anerkannt wird.

Allen hier erwähnten Museen ist die Erinnerung an die Verfassung und an die Unabhängigkeitserklärung gemeinsam, und das in aller Ambivalenz: es ist ebenso die Erinnerung an die Geburtsstunde der Nation, aber mehr noch daran, daß die Demokratie, die noch vor dem Staat USA da war, unvollendet ist. In den Museen gibt es immer beides: die Erinnerung an die demokratische Grundlage des Staates und die Erinnerung an das zwiespältige Erbe, das die Nation spaltet, indem es die niedergelegten Rechte großen Teilen der Bevölkerung vorenthält.  Dabei wird immer wieder nachdrücklich klar gemacht, daß es sich nicht um historische Fragen im Sinne einer abgeschlossenen Vergangenheit handelt, sondern um Fragen, die unter sich permanent verändernden Bedingungen - etwa den demografischen Verschiebungen -, immer neu gestellt werden müssen.

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Die Dekonstruktion der US-Geschichte beginnt schon, ehe man die Dauerausstellungen des National Museum of American History betreten hat, und das ausgerechnet bei der herausragendensten Persönlichkeit: Da sitzt er, George Washington, überlebensgroß, gipsern-weiß, als ein antiker Heros und weist mit dem Finger zum Himmel, der aber nicht mehr von Göttern bewohnt sondern vom Licht der Aufklärung - hier in Gestalt sehr profaner Neonleuchten - erhellt wird. Das Pathos der Skulptur wird mit einer Reihe von Texten vom idealischen Sockel geholt: Im Museum ist er nicht mehr nationaler Heros, sondern ein „fallible man rather than the marble hero“ und die Erläuterung der Geschichte des Denkmals entzaubert zusätzlich den gewaltigen Gestus von Werk und Person, etwa indem man ihm einen modernen hero entgegenstellt: Nicht mehr und nicht weniger als Martin Luther King!. 

1832 wurde das Monument für Washington in Auftrag gegeben, 1840 fertiggestellt und zunächst in der Rotunde des Kapitols aufgestellt. Kurz nach 1900 kam es in den Besitz des Smithsonian Institute. Man darf annehmen, daß die eher ungewöhnliche Ikonografie nicht mehr passend für die Repräsentation von Demokratie erschien. Da hält in der Dekoration des Stuhls, auf dem Washington sitzt, Herkules für das amerikanische Volk her und Columbus trifft als „Neue Welt“ personifiziert einige „Indianer“ und der Lichtgott Apollo personifiziert die Aufklärung. Später in der Ausstellung begegnen wir noch einmal Washington, und zwar der Geschichte seiner Rezeption. Den Bemühungen, seinen Ruf aufrecht zu erhalten und immer wieder neu zu definieren. Aber auch das ist Arbeit am Mythos. Denn was da in Literatur, Biografik und schulischer Pädagogik aufgewendet wurde, um den Ruf des unbefleckten Heros zu zementieren, macht die Konstruktion eines Bildes transparent, dem das Museum ganz und gar nicht mehr folgen will.

Doch allen Zweifeln wie zum Trotz lesen wir hinter dem Washington-Monument die in riesigen Lettern verkündeten Zeilen: Hinter der monumentalen Figur lesen wir in monumentalen Lettern: „The nation we build togehther“.

Ein anderer nationaler Heros, der vergleichbar monumental in einem anderen Museum präsent ist, wurde zu der Zeit meiner Museumsbesuche ebenfalls zum Objekt der kritischen Infragestellung – Theodore Roosevelt (1858-1919), der vor dem Haupteingang des National Museum of Natural History in New York sitzt.

Daß er seit 1940 hoch zu Ross sitzend von einem „Neger“ und einem „Indianer“, beide zu Fuß und halbnackt, begleitet wird, nimmt das Museum und vermutlich auch dessen Community und die Öffentlichkeit inzwischen nicht mehr so ohne weiteres hin. Auch hier  bieten Texte wie bei Washingtons Monument Relativierung an: The „...statue itself communicates a racial hierarchy that the Museum and members of the public have long found disturbing.“ Wiewohl man zuletzt noch die Bewertung dem Betrachter zuschob: „Today some see the statue as a heroic group; others, as a symbol of racial hierarchy.“  Diese Neutralität wird inzwischen nicht mehr aufrechterhalten. Inzwischen ist auf Grund der am Beginn dieses Textes erwähnten rassistischen Vorfällen und den daraus erneuerten Aktivitäten der Black Lives Matter im Museum der Entschluss gefallen, das Denkmal zu entfernen. Jedenfalls hat das Museum das beantragt. 

Das ist mehrfach bemerkenswert, denn Roosevelts Vater war Mitgründer des Museums und Theodore war ein Pionier der Naturschutzbewegung und großer Förderer des Museums, dem die gewaltige Eingangshalle mit Fresken gewidmet ist. Die an den Wänden applizierten politisch-programmatischen Parolen stammenden von ihm. Eine weitere Halle im Untergeschoß dokumentiert seine früh einsetzende Naturforschung und seine Initiativen zum Naturschutz.

In einer eigenen Ausstellung Adressing the Statue und der zugehörigen Webseite war schon zuvor vom Museum eine Debatte eröffnet worden, die alle nur wünschenswerten Information zur Geschichte und Kunstgeschichte der Statue bot. Dort findet man kontroverse Statements aus dem Haus und Wissenschaftern sowie Denkmalpflegern aus verschiedensten Disziplinen und vor allem auch aus der Community. Das ergab ein sehr dichtes Netzwerk von Diskurs und Information. Umfassende, differenzierte und oft erstaunlich tiefreichende Information gehört zum Standard der großen US-Museen. Dort und über Newsletter beteiligen sie sich auch an aktuellen politischen Debatten. Das Smithsonian benötigte kaum drei Tage, um umfassend und mit Verweis auf vertiefende Information in seinen Museen und Sammlungen, auf die Ermordung von George Floyd zu reagieren und Rassismus in den USA zu thematisieren. Eingeleitet wurde das mit einem unmißverständlichen und klaren Statement des Sekretärs, wie hier der Direktor genannt wird, des Instituts.

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Die spektakulärste Visualisierung des „Geburtsfehlers der Nation“ findet sich im National Museum oft African American History and Culture in Washington (2016 eröffnet). Zum historischen Teil des Museums muß man mit einem Lift mehrere Stockwerke tief unter die Erde fahren und steht dann unvermittelt vor einem vielfigurigen, großen denkmalhaften Environment, das namentlich bekannten Sklaven gewidmet ist, die lebensgroß und in realistischer Ästhetik dargestellt werden. Die Würdigung bislang „geschichtsloser“ Menschen in einer sonst bedeutenden und singulären Persönlichkeiten vorbehaltenen Pathosform, geht einher mit der Kritik an dem unter ihnen stehenden, neben Washington zweiten bedeutenden Founding Fahther, Thomas Jefferson. Hinterlegt ist das Ensemble mit einem Zitat aus der Unabhängigkeitserklärung, die die Überschrift trägt The Founding of America. Aber am Sockel des Denkmals lesen wir - wie ein Echo auf diese Überschrift - The Paradox of Liberty. 
Zwischen den Figuren sind Ziegel zu halbhohen Mauern aufgestapelt, die die Namen der hunderte von Sklaven tragen, die Jefferson besaß. Viele der Gründerväter der Vereinigten Staaten hatten Sklaven, George Washington, zusammen mit seiner Frau etwa dreihundert. Dennoch waren sie es, die die Sätze zur Gleichheit aller Bürger formulierten und als Grundgesetze der jungen Nation deklarierten.

Die Text-Erläuterung zur Jefferson-Statue kommt sofort auf den Grundwiderspruch zu sprechen: „Thomas Jefferson helped to create a new nation based on individual freedom and self-government. Yet over the course of the life, Jefferson himself owned 609 slaves. Their labor and service provided him personal liberty and wealth. Like Jefferson, 12 of the first 18 American presidents owned slaves. The declaration (of independence GF) did not extend „Life, Liberty, ant the pursuit of Happiness“ to all Americans, undermining the ideal that „all men are created equal“.

Von diesem buchstäblich fundamentalen Auftakt in den unterirdischen Geschossen geht man auf einer durch alle Geschosse reichenden Rampe in Richtung Gegenwart, aber diese Aufwärtsbewegung lässt sich nicht als Fortschritts- oder gar Erlösungsbewegung deuten. Man flaniert an einer dichten Erzählung staatlichen Versagens, großer Verbrechen, der Unterwerfung und Ausgrenzung, der Diskriminierung aber auch der Anpassung, des Widerstands und des Kampfes um Anerkennung vorbei - bis zur Bürgerrechtsbewegung und den auf die Strasse getragenen Konflikten in jüngster Zeit. 
Der oberirdische Teil des Museums informiert umfassend über die afroamerikanische Kultur, bildende Kunst, Film, Tanz, Fernsehen, Theater, Sport - vor allem aber Musik. An unzähligen Stationen begegnet man in dieser riesigen Abteilung allen nur denkbaren musikalischen Ausdrucksformen und vielen berühmten Persönlichkeiten. Ich habe noch nie eine Ausstellung ein Publikum in so aufgeräumter Stimmung erlebt wie in der riesigen Abteilung des Universums „schwarzer Musik“. 

Hier ist ein eigener Abschnitt der Rolle der Black people in der Armee des 2.Weltkrieges gewidmet, einer der am wenigsten überzeugenden Ausstellungen des Museums. Es dominiert eine Militärtisch-Patriotische Sicht, die Hervorkehren heldenmütigen Verhaltens. Die Botschaft ist die, daß die Teilhabe am Zweiten Weltkrieg ein doppeltes Versprechen der Verwirklichung der Demokratie war. Eines „abroad“ im Kampf gegen den Faschismus und der Wiederherstellung eines freien Europa und eines „at home“ als Herstellung der Gleichberechtigung.

In der die Eröffnung des Museums begleitenden medialen Rezeption und in den Äusserungen zum mission statement des Hauses dominierte die Museumsgründung als Akt der Anerkennung der black people und sie wurde auch von den so Adressierten genau so gesehen. Es überwog breiteste Zustimmung. Das Museum hatte von Anfang etwa doppelt so viele Besucher, wie der Planung zugrundegelegt wurde.

Anerkennung wird nicht nur in der Ausstellung vermittelt, sie wird auch durch Architektur und symbolische Situierung im Stadtraum bewirkt. Der monumentale Bau ist Teil der langen doppelten Reihe staatlicher Museen an der Mall - ein Hybrid aus Straße und Park, der an einer Seite vom Kapitol und an der andren Seite vom Lincoln-Memorial begrenzt wird. Der Blick aus dem Museum fällt auf den „Nabel“ der gewaltigen Anlage, auf das nahegelegene Washington-Monument. Zusammen mit vielen weiteren Denkmälern, das berühmteste ist das Vietnam Veterans Memorial, bilden die Museen der 1846 gegründeten Smithsonian Institution den zentralen lieu de mémoire der amerikanischen Nation. Sie sind integraler Teil der politischen Repräsentation und des nationalen Gedächtnisses. Hier sind wir im symbolischen und politischen Zentrum der Nation. Die Mall ist zudem ein öffentlicher Raum sui generis, Ort von Versammlungen, der staatlichen Repräsentation, von Aufmärschen und Demonstrationen. 

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Die symbolische Verdichtung von Architektur, Stadtplan und politisch-kultureller Botschaft gilt auch für das Museum, das der zweiten großen immer noch entgegen des Verfassungsversprechens diskriminierten Gruppe gewidmet ist, der indigenen Bevölkerung. Das National Museum oft the American Indian (2004 eröffnet) ist das der First Nations. Ein mehrgeschossiger Monumentalbau, der schon in der Gestaltung des Außenraums eine Botschaft enthält, nämlich daß wir hier mit einer naturnahen Kultur konfrontiert werden. Die „Landschaft“ um das Museum aus Bepflanzung, einzelnen skulpturalen Objekten und Wasserläufen signalisieren ein auf den ersten Blick ahistorisches Verständnis der indigenen Kultur. 

Im Inneren empfängt uns eine gewaltige Rotunde mit Galerien und einer mächtigen, gestuften Kuppel unter der die Objekte und textliche Leitmotive den Eindruck einer sehr alten und naturverbundenen Kultur verstärken. Wir werden zuallererst mit dem Reichtum an z.T. zeitgenössichen Artefakten konfrontiert, die als Ausdrucks- und Überlebensfähigkeit der indianischen Kultur präsentiert werden. Der Besucher wird aus der Perspektive eines indianischen Wir angesprochen - das Museum spricht nicht über indigene Stämme sondern diese sprechen direkt zu uns. Kurz zuvor hatte ich im Naturhistorischen Museum die einschlägige Abteilung gesehen, wo die „Indianer“ mithilfe akkurater Modelle als Miniaturvolk in Vitrinen präsentiert werden -. in unmittelbarer Nachbarschaft zur Abteilung die die Evolution des Menschen aus dem Affenreich erzählt. 

Im Washingtoner Museum treten uns die indigenen Stämme mit großem Selbstbewußtsein entgegen. Unter der Überschrift Nation to Nation wird etwa über die lange Kette der Verhandlungen berichtet, in der sich die Nation USA und die indianischen Nationen gegenübersaßen. So als ob „Nation“ in beiden Fällen dasselbe meinte aber auch so als ob es eine (indigene) Nation, eben die die Native Nations innerhalb des Staates USA gäbe. Vielleicht  beruht dieses Selbstbewußtsein auf der mehrtausendjährige Existenz indianischer Stämme auf dem Kontinent, das auch durch die Kolonisierung nicht erschüttert werden konnte und das im „First“ vor „Nations“ ostentativ ausgedrückt wird.

Auch hier gibt es eine große Abteilung, die die Geschichte der Eroberung, der Vertreibung, der Vernichtung und der erzwungenen Assimilation erzählt. Die Politik der 1940er bis 1960er Jahre wurde tatsächlich unter dem Begriff der Termination betrieben und sollte das „Indianerproblem“ ein für alle mal lösen. Wieder überrascht, wie detailliert und ohne jede beschönigende Relativierung im Museum darüber berichtet wird. Hier habe ich z.B. zum ersten Mal von trails of tears gehört, zu denen Stämme gezwungen wurden und die nicht auf deren bloße Vertreibung uas ihnen zugesagten Reservaten abzielten, sondern auf Vernichtung. Die unterschieden sich von dem, was man aus der NS-Zeit unter dem Namen „Todesmärsche“ kennt, in nahezu nichts.

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Becoming american, als Frage auch der persönlichen Haltung und geforderten Identifikation mit dem Staat, ist dort das Schlüsselthema, wo Einbürgerung viele Jahrzehnte lang stattfand. Ellis Island, eine kleine, Manhattan vorgelagerte Insel, war zwischen 1892 und 1954 der Ort der kontrollierten Einwanderung, den etwa 12 Millionen Einwanderer bis zur Schließung der Station passieren mussten. Nach Auflassung dieses Tors zum „gelobten Land“ wurden die Gebäude 1990 zu einem Museum umgewandelt. Hier wird nicht nur der gesamte Prozess der Kontrolle und Verwaltung der Einwanderer beschrieben. Da hier ja auch über das Recht Staatsbürger zu werden entschieden wurde, wird die gesamte Geschichte der Immigration weit über das 20. Jahrhundert thematisiert - überraschend bereits mit Christoph Columbus beginnend. 

Das bedeutet, daß Immigration als Kolonialisierung aufgefasst und erzählt wird, und das gilt auch für die Binnenimmigration, das heißt die Geschichte der Besiedlung des riesigen Landes, für das man ja Einwanderer massenhaft benötigte - nur etwa 2% der vor New York ankommenden Passagiere wurden zurückgewiesen. An detailreicher und unmissverständlichen Kritik an den katastrophischen Begleiterscheinungen, namentlich der Vertreibung und Vernichtung der indianischen Stämme, fehlt es hier nicht. Wir lernen, daß die Existenz der USA auf einer gigantischen gewaltförmigen Landnahme beruht, die die alte Bevölkerung nahezu auslöschte.

Auch dieses Museum, das sich fast ausschließlich auf Texte, Fotos, Environments und Toninstallationen stützt und so gut wie keine authentischen Musealien zeigt, schreibt also eine Geschichte von Ein- und Ausgrenzung, von Vertreibung und Verfolgung. Die Geschichte der Integration von Millionen die bis etwa 1929 ohne Einschränkungen ermöglicht wurde, wird dagegen nicht als Erfolgsbilanz dagegen aufgerechnet, sondern nüchtern und faktenbasiert dargestellt. 

Das Museum kommt nahezu ohne Objekte aus. Im Untergeschoß dominieren Environments aus Requisiten, Texte und Toninstallationen. in den oberen Geschossen Fotografien, die den gesamten komplizierten Prozess der Überprüfung der Einwanderer schildern aber auch die folgende, überwiegend zivilgesellschaftliche Obsorge für Quartier und Arbeit.

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Allen hier erwähnten Museen ist also die Erinnerung an den „Geburtsfehler“ gemein, an den Zwiespalt von Verfassungsversprechen und Realpolitik. Verfassung und Unabhängigkeitserklärung sind allgegenwärtig, ihr Geist indes in den Museen immer in aller Ambivalenz: diese Texte bezeugen die Geburtsstunde von Demokratie (die vor dem Staat da war) aber auch den Zwiespalt in einem Erbe, das bis heute Nation spaltet, indem es die niedergelegten Rechte großen Teilen der Bevölkerung vorenthält.
Es schien mir naheliegend, den Ort aufzusuchen, an dem der „heilige Gral“ der Nation verwahrt wird, die - in Sichtweite der großen Museen gelegenen - National Archives

Dort, in der neoklassizistischen, fast sakralen „Rotunda“, gibt es keine Relativierung oder Kritik, hier huldigt man der säkularen Religion „Demokratie“ vor den originalen, unikalen und handschriftlichen Texten. Unabhängigkeitserklärung, Verfassung und Bill of Rights liegen - technisch enorm aufwändig - vor einem altarähnlichen Aufbau, an der lange, bis auf die Straße reichende Reihen von Besuchern, vorbeiziehen. Diese Texte sind das unbestrittene Fundament der amerikanischen Demokratie und die öffentliche Präsentation der Originale einzigartig. 

Einigermaßen Vergleichbares kenne ich nur aus Israel, dem Shrine of the Book, das mit den ausgestellten Qumran-Rollen die archäologische Fundierung der israelischen Staatsideologie stützt und dem schweizerischen Bundesbriefmuseum in Schwyz, wo ein aus dem 13.Jahrhundert stammendes Dokument mit anderen, späteren, ausgestellt wird. Ein Dokument, dessen historische Validität umstritten ist und das erst im späten 19.Jahrhundert und ziemlich willkürlich zum Gründungsdokument der Schweiz gepusht wurde. 
Daß diese Gründungstexte-Texte der Vereinigten Staaten für bestimmte Gruppen gelten und ihnen Rechte verschafft, die anderen vorenthalten werden, das macht die latente Krise aus, deren derzeitiges Aufbrechen mit Sorge betrachtet wird. Die Performance des Präsidenten, die Wucht der Corona-Krise in den USA, der schroffe Gegensatz der beiden großen Parteien, die vielberedete Spaltung der Gesellschaft, materiell, ideologisch, das alles und vieles andere mehr summiert sich auf beängstigende Weise. Angesicht dieser Situation ist die Frage naheliegend, welchen Effekt die hier als diskursiv und demokratisch geschilderte museale Geschichtskultur denn in der gesellschaftlich-politischen Praxis hat. Es gibt aber generell kein Maß für die Wirkung von Museen und als touristischer Besucher entzieht sich mir auch die ganze Palette der über Ausstellungen hinausgehenden Bemühungen, Vermittlungsprogramme, digitale Information usw., vollkommen der Kenntnis und Beurteilung. Was sich mir ebenfalls entzieht, ist das Ausmaß des Einflusses Privater, die über Zuwendungen an Museen in Form von Geld oder Sammlungen - die National Gallery in Washington ist ohne die Familie Mellon nicht denkbar -, Einfluß haben. Aber welchen genau? 

Über vielen Abteilungen der Museen findet man die Namen der Stifter und Stifterinnen, von Bill Gates abwärts. Doch ob sie überhaupt und in welchem Ausmaß Einfluß nehmen, das läßt sich mit dem bloßen Augenschein eines durchschnittlichen Museumsbesuches, wie ich ihn mir geleistet habe, einfach nicht beurteilen. Man kann so viel sagen, daß Museen sehr empfindlich auf Kritik an ihrer gut versteckten sozialen und materiellen Verfasstheit sind. Hans Haackes Recherche zum Immobilienbesitz der Shapolsky et al. Manhattan Real Estate Holdings, A Real Time Social System, as of May 1, 1971, das zur Absage seiner Personale am Guggenheim Museum führte, mag damals großes Aufsehen erregt haben, aber inzwischen ist die Kritik an den Museen in den USA systemisch geworden. Ausgelöst von der Opioid-Krise die wesentlich von Firmen der Familie Sackler wie Purdue Pharma verursacht wurde, mobilisierten Künstlerinnen wie Nan Goldin in Museen wie dem Metropolitan den Widerstand, der dazu geführt hat, daß an so manchen Institutionen die weit gestreute „mäzenatische“ Tätigkeit der Familie Sackler hinterfragt und eingestellt wurde.

Und noch eine Beobachtung gehört hierher: während die durch die Verfassung in die Welt gesetzten Konflikte, namentlich ethnischen, eine so wichtige Rolle spielen - die sozialen tun es nicht. Über Einkommens- und Arbeitsverhältnisse, über Arm und Reich, über Besteuerung und Sozialfürsorge und vieles andere mehr, erfährt man sehr wenig. Die zweite Leerstelle ist ebenso bemerkenswert. Die Außenpolitik kommt kaum vor, die Entwicklung der USA zur interventionistischen Weltmacht ließ sich in keinem der von mir besuchten Museen bzw. Ausstellungen nachvollziehen.

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Auffallend ist, wie oft das Wort healing vorkommt. Können Museen heilen? Gar eine ganzes Land, wie es im Zusammenhang mit dem 9/11-Museum in New York versprochen wurde? Dieses Museum ist einem grossen Trauma gewidmet, der Verletzung der Integrität der gesamten Nation. 

Der ganze Komplex, das unterirdische, über den Resten der Grundmauern der Zwillingstürme des World Trade Center errichtete Museum, der umgebende Hain, Trabantendenkmäler, die beiden Gedenk-Brunnen, dies alles ist auf die Wiederherstellung der nationalen Integrität gerichtet. Beachtlich ist der Anteil zivilgesellschaftlicher Initiativen, die diesem Ziel diverse Denkmäler rund ums Museum gewidmet haben. Hier findet, über dem zerstörten Fundament des World Trade Center buchstäblich eine Neufundierung statt, in Form eines Hybrids aus Museum, Memorial, Reliquienkammer, Infocenter, Grabstätte und Denkmal. Das Museum erstreckt sich in unterirdischen Räumen, die bis auf die Fundamente der beiden zerstörten Gebäude des World Trade Center hinabreichen. Man wird mit der zyklopischen Mauer konfrontiert, die das Fundament vom Hudson River abschottet und man hat die Möglichkeit das erhaltene Fundament abzuschreiten über denen die gewaltige Kubatur des Zwillingsgebäudes architektonisch angedeutet wird. Die meisten Ausstellungsstücke sind Relikte der Katastrophe, vom Feuerwehrauto bis zum verlorenen Schuh, vom verbogenen Träger der Gebäude bis zum Personalausweis. Das gesamte Ensemble spricht von einem Opfer, aus dem sich die Gemeinschaft wieder erheben kann und erhoben hat. Eine Heilung? Die Täter werden inszenatorisch marginalisiert, nur die Tötung Osama bin Ladens wird ausführlich in der Absicht einer musealen Beglaubigung vorgeführt. Hinter das Verdikt des verabscheungswürdigen Terrorismus wird nicht gegangen.

Heilung war auch ein Wort, das anlässlich der Eröffnung des National Museum of African American History and Culture. Es kam z.B. von einer Kuratorin des Museums, aber auch BesucherInnen verknüpften immer wieder die Existenz des Museums mit einer nun erreichten umfassenden Anerkennung der schwarzen Bevölkerung der USA.
Der Terminus Heilung widerspricht dem politischen Diskurs, den die hier genannten Museen führen. Heilung zielt auf eine Wiederherstellung eines früher einmal als ganzheitlich vorgestellten Zustandes. Der Diskurs aber auf einen im Grunde unabschließbaren Prozess. Aber ob Heilung oder Diskurs - was erwarten sich die Museen selbst? Alle erwähnten Museen halten eine Dialektik von Versprechen und Verfehlen in Gang. Alle berufen sich auf die Verfassung, führen aber auch deren Widersprüchlichkeit vor, in der Praxis nie restlos verwirklicht zu sein. Es wird eine Kritik vorgetragen, wie ich sie in dieser Schärfe und Konsequenz von keinem europäischen Museum kenne. Doch wie lässt sich das mit der „staatstragenden“ Rolle nationaler Museen vereinbaren? Wie läßt sich die unbestechliche Darstellung von Geschichte mit all ihren Katastrophen und Traumata mit der Vorstellung des „Healing“ verbinden? 

Nun so, dass es immer eine Perspektive gibt, die in der Vollendung des Projekts der Nation liegt. Es ist die Idee einer USA, in der der Verfassungspatriotismus beschworen, aber nicht wirklich gelebt wird, aber wo versprochen und angeregt wird, alles dafür zu tun, dass das dereinst der Fall sein wird. 

In einem Museumstext zum Widerspruch von Sklaverei und Verankerung von Freiheitsrechten in der Verfassung heißt es: „The paradox of the American Revolution - the fight for liberty in an era of widespread slavery- is embedded in the foundation of the United States. The tension between slavery and freedom - who belongs and who is excluded - resonates through the nation s history and spurs the American people to wrestle constantly with building „a more perfect Union“. An anderer Stelle wird das als American Experience bezeichnet, als „…this paradox (is) embedded in national institutions (…) still vital today.“ 
Building a more perfect Union, das ist ein Leitmotiv in den Geschichtsmuseen. Was immer an Opfern gefordert wurde, welche kollektiven Verletzungen stattgefunden haben, letztlich kommt alles einer Perfektibilität des Ganzen zugute. Die Erzählungen der Museen laufen zentralperspetivisch auf die Idee der Vervollkommnung hinaus und damit auf eine Lösung der Probleme. 

Man darf das nicht als bloß rhetorisch auffassen und die Verschiebung der (Er)Lösungen in eine unbestimmte Zukunft hinein nicht als bloße Ideologie. Die Spannung zwischen dem Versprechen der Unabhängigkeitserklärung und der langen Geschichte der Diskriminierungen wird immer wieder versöhnt durch eine Botschaft der permanenten Wandelbarkeit und mit der Einladung, sich an diesem Wandel aktiv zu beteiligen. 

Auch darüber reden und informieren die Museen und bieten der Diskussion selbst Platz. Das geht bis zur ausführlichen Erläuterung des Rechtes auf Widerstands und auf Demonstrationsfreiheit. Während hierzulande angesichts der Coronakrise und rechtsradikaler Demonstrationen dieses Recht als allgemein gültig bestritten und beschnitten wird. Über den Appell hinaus, sich an Wahlen zu beteiligen werden auch die „Abstimmung auf der Straße“, die Demonstration, ausdrücklich als berechtigte und nötige Artikulation des Politischen Willens einbezogen. Die militante Auseinandersetzung wird nicht als Gefährdung der Demokratie eingestuft, sondern als erklärbare Reaktion auf die Defizite der Politik. Eine ganze Abteilung - sie war die einzige, die ich ausgesprochen manipulativ fand, nämlich den Akt der Wahl per se als vollendete und wirkungsvolle politische Beteiligung verklärend, beschäftigte sich mit der Bedeutung der Wahl und der Ausübung des Wahlrechtes, gerade für die Stärkung der Minderheiten.

AMERICA CAN BE CHANGED. IT WILL BE CHANGED, lesen wir in riesien Blockbuchstaben über der Biografie der Mary McLeod Bethune, die eine einflussreiche Streiterin für die Rechte der „Negroes“ war, und der Boxlegende Muhammad Ali ist in derselben Plakatschrift die Headline MAKING A WAY OUT OF NO WAY zugeordnet und seine Biografie mit In a Tradition of Activism charakterisiert. Nachdem man einen langen Weg durch die Dauerausstellung des Museum of African American History und Culture gegangen ist und schonungslos mit der Geschichte der Sklaverei, der Rassendiskriminierung, der Bürgerrechtsbewegung konfrontiert war, steht man am Schluß unter einem in gewaltigen Lettern ein personalisiertes Zitat an die Wand geschriebenen: I, TOO, AM AMERICAN. Im National Museum of American History ist der Slogan A Nation We Build Together mehrfach zu finden. Der Slogan enthält einerseits den Appell der Beteiligung aller am Gelingen einer Nationwerdung, womit gleichzeitig das noch Unvollendete dieses nation building eingestanden wird. Selbst Donald Trumps berühmt-berüchtigtes Make America Great Again, ist vom Eingeständnis infiziert, daß Amerika derzeit nicht groß oder nicht groß genug ist.

Was die Museen, die ich besucht habe, von europäischen signifikant unterscheidet, ist, daß sie Geschichte nicht als von der Gegenwart getrennte Erzählung über Vergangenes verstehen, nicht als Repräsentation zurückliegender Ereignisse, sondern immer gegenwartsbezogen auf die Vervollkommnung des gesellschaftlichen Ganzen gerichtet sind. Sie sind produktiv, nichtrepräsentativ: Es wird ein Diskurs geführt über eine unvollendete politische Agenda. Daher ist das Verhältnis von Erzählung und Museum einerseits und Politik und Gesellschaft andrerseits anders miteinander verwoben als in europäischen Museen. In den Ausstellungen werden Fragen aufgeworfen, die in eine Diskussion münden, die ihrerseits auf ein America in the making zielt. 

Museen sollen etwas beitragen zur Vervollkommnung der Demokratie, zur „Heilung“ jener Widersprüche, die in der Gründung der Vereinigten Staaten und in deren Gründungsdokumenten angelegt sind. Es geht nicht nur um allgemeine Information, Wissensvermittlung und eine vage Absicht zur politischen Bildung, sondern letztlich um in Handlungsanweisungen umsetzbare Diskurse. Die Museen situieren sich nicht außerhalb und nachträglich in Relation zu etwas Vergangenem, sie situieren sich in einem zeitlichen und historischen, jedenfalls unabgeschlossenen Kontinuum und verstehen sich als Agentur der gesellschaftlichen Debatte und Willensbildung. Was Museen so fragwürdig macht, ist ihre strukturelle Befriedung. Die liegt im Wandel des Leitmediums begründet, dem sogenannten authentisch-originalen Ding, den es auf dem Weg vom Gegenstand zum Exponat durchmacht. Und an der Verschleierung jener Prozesse mit denen in Museen Bedeutungen und Erzählungen so generiert werden, daß sie als Wahrheitsgeschichten erscheinen und meist auch affirmiert werden. US-Amerikanische Museen entkommen diesem strukturellen Dilemma nicht (das wäre erst um den Preis der Auflösung dieses europäisch-aufklärerischen Konstrukts „Museum“ zu haben), aber sie gehen einen anderen Weg sich gesellschaftlich zu positionieren.

In der Frage Who is an American? steckt nicht nur die nach individueller Eignung sich zu integrieren und aufgenommen zu werden und die Bereitschaft, sich mit einem Staat zu identifizieren. Hier geht es um eine permanente Bestimmung dessen, was die USA sind und was sie sein sollen. Wie diese Fragen formuliert und textlich aufbereitet und visuell kommentiert werden verrät, daß die Adressaten immer schon als Staatsbürger angesprochen und aufgerufen werden, die ermutigt werden, sich als politische Subjekte zu begreifen und zu beteiligen. Das knüpft, ob bewußt oder nicht sei offen gelassen, an das Konzept des Museums der Französischen Revolution an, das als zivilisierendes Ritual (Sabine Offe) als Medium des politischen Umbruchs gedacht war und als Instanz einer durch Diskurs fundierten gesellschaftlichen Verständigung über die res publica. Als solches sind die Gründungen in Paris und den Provinzen einerseits überragend in ihrem Einfluß auf die folgende europäische  und dann rasch globale Entwicklung und andrerseits so gut wie vergessen was ihren politischen Kern betrifft: Ort agonaler Öffentlichkeit zu sein, in der das Gesellschaftliche erstritten wird.

Das Museum so wie ich es in den USA kennengelernt habe, ist ein Ort, in dem Konfliktgeschichten nicht bloß erzählt werden sondern als Material für öffentliche Debatten aufbereitet werden, die ihrerseits kontrovers geführt werden müssen. Das was ich gesehen habe, kommt der Idee des „agonalen Museums“ nahe. Der Vorstellung, daß Museen Orte sind, an denen Öffentlichkeit aktiv vom Museum aus gestaltet und kontroverse Diskussionen initiiert werden können und auch sollen, die ihrerseits in die Öffentlichkeit zurückwirken.



Graz/Luzern im Oktober 2020

Sonntag, 9. August 2020

Bundesmuseen-"Pleite"?

Der Corona-Schock währte nur kurz. Als plötzlich Friseurinnen "systemrelevanter" waren und früher öffnen durften als Museen, scheuchte das einige DirektorInnen der Bundesmuseen auf und wir konnten Grundsätzliches zur Lage der Museen hören: nicht bloß etwas zur finanziellen Lage sondern nun, aus der Not heraus, auch zur gesellschaftlichen Rolle und den Aufgaben der Museen.

Das war schnell vorbei. Es war nicht zu erkennen, daß die Museen ihre materielle und ideelle Situation gründlich überdenken wollten und man konnte auch nichts programmatisch Neues ausmachen. Dabei war es nicht schwer abzusehen, daß die sogenannte Corona-Krise nicht schnell beendeten sein und irgendwann die Lage der Museen enger und enger werden würde.

Nun gibt es eine Aussage des für die Museen zuständigen Ministers: "Laut Information der Bundesmuseen/ÖNB mit Stand 30.6.2020 ist trotz massiver Gegensteuerungen zu befürchten, dass die Einrichtungen bis Jahresende ihre Reserven aufgebraucht haben und somit die Gefahr besteht, dass der Fortbestand ab 2021 nicht gegeben wäre".

Es ist nicht zu erwarten, daß die Bundesmuseen ernsthaft gefährdet wären. Sie werden alle weiterbestehen, aber zu welchen Bedingungen? Wird man nicht zwingend einsparen müssen, bei Institutionen, die ohnehin unterfinanziert sind? Und zu wessen Lasten wird die Existenz der Museen weiter garantiert werden? Doch zuungunsten des Personals?

Mit der Lage der Museen in den USA ist die der österreichischen Bundesmuseen sicher nicht zu vergleichen, aber der Umstand, daß das Metropolitan Museum trotz seiner milliardenschweren Stiftungsrücklagen hunderte Mitarbeiter kündigt und daß man mit der Schließung etwa eines Drittels der US-Museen rechnet, wirft doch die Frage auf, wie sich die Situation der Bundesmuseen entwickeln wird - und nicht nur der.

Worum es geht, beziehungsweise worum es gehen könnte, wird gerade in Berlin deutlich. Die Evaluation der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, in der die Auflösung der bisherigen Stiftungskonstruktion empfohlen wird, hat zu einer öffentlich geführten Kontroverse geführt, in der sich nun auch die LeiterInnen der einzelnen Stiftungsmuseen sehr deutlich geäußert haben. Unbestritten ist auf allen Seiten, der Politik, der Evaluierungskommission und bei den Museen, daß es um nicht bloß eine organisatorische Reform gehen kann, sondern daß ein neues Selbstverständnis der Museen entwickelt werden muß.

Diese Diskussion hätte nach dem erwähnten "Schreckschuss", der die Bundesmuseen traf, eigentlich losgehen können, wurde aber nicht genutzt. Die damalige Versicherung, wie wichtig denn die Museen nun einmal seien, wird nicht genügen, nicht, wenn sich die Krise vertieft, was zu erwarten ist. Die Chance, die Krise offensiv für die Entwicklung eines neuen Leitbildes (im übertragenen Sinn) der Museen zu nutzen, hat man verstreichen lassen.

Sonntag, 28. Juni 2020

Dienstag, 9. Juni 2020

Heeresgeschichtliches Museum. Es kommt etwas in Bewegung. In Richtung wie bisher oder Erneuerung, bleibt offen.

"Mit dem HGM verfügen wir neben einem großartigen Museum auch über viel Verantwortung gegenüber unserer Geschichte, der Geschichte unseres Militärs und der dunkelsten Stunden unserer Zeit. Die kritische und differenzierte Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Dritten Reichs ist mir hierbei ein besonderes Anliegen" sagt via Austria Presseagentur die für das Heeresgeschichtliche Museum zuständige Ministerin. Das Museum werde weiter Teil des Verteidigungsminsteriums bleiben. Und die vorgesehene weitere Evaluierung des Museums werde es geben.

Offen bleibt, welche "Teile" denn nun geändert werden und vor allem von wem. Wird der bisherige Direktor wiederbestellt und bleibt das bisherige Museumsteam unverändert? Gegen das waren ja Vorwürfe rechtsetremistischer Betätigung laut geworden, die aus den diversen Evaluierungen inzwischen verschwunden sind. Und der bisherige Leiter bemühte sich eher um die Relativierung der Vorwürfe. Sich selbst als Autor künftiger Erneuerung zu empfehlen ist angesichts jahelanger Duldung des nun kritisierten Status Quo eher eine Drohung.

Ungelöst bleibt auch, warum in einem Heeresmuseum ein bestimmter Abschnitt der Zeitgeschichte überhaupt eine eigene Ausstellung bekommen soll, warm es eine ungeklärte Doppelgelisisgkeit mit dem Haus der Geschichte Österreich (und anderen zeigeschichtlichen Museen) weiter geben soll.

Diskussionswürdig sind Überlegungen, die z.B. Wolfgang Muchitsch, Leiter der Evalierungskommissiion angestellt hat, beiden Museen, dem Haus der Geschichte Österrreich und dem Heeresgeschichtlichen Museum den vollen Status eines Bundesmuseums zu geben und dadurch die überfällige Kooperation zwischen beiden Museen möglich zu machen. Der mutigere Schritt, der politisch wohl kaum durchsetzbare, wäre der, das Kozept beider Museen gründlich zu überdenken und unter Umständen ein einziges Museum der österereichisvchen Geschichte zu etablieren. Von mr aus in einem Neubau aber, warum nicht, im derzeitigen Gebäude, dem Arsenal.

Überfällig wäre auch die Herstellung voller Transparenz bei der Bestellung von ExpertInnen und Einrichtung von Kommissionen und, endlich einmal, die Einbindung jener zivilgesellschaftlichen Gruppen, die sich bei der Krtitik am Museum verdient gemacht haben und sie überhaupt erst ins Rollen brachten.

Zur jüngsten Entwicklung der Diskussion um das Museum seit der Anfrage der "Grünen" im Parlament im Februar 2020 siehe diesen Link.

Und grundsätzliche Anmerkungen zum Museum sowie weiterführende Links finden sich unter diesem Link.

Freitag, 5. Juni 2020

Das meistkritisierte Museum Österreichs: Wie es weitergeht mit dem Heeresgeschichtlichen Museum

Noch nie seit 1945 ist ein Museum derart lange und umfassend in der Kritik gestanden wie das Heeresgeschichtliche Museum in Wien. Und es steht noch immer in der Kritik, auch wenn es Anzeichen gibt, daß das zuständige Verteidigungsminsterium so weit es nur geht alles beim Alten lassen und möglicherweise die geplante weitere Evaluation nicht mehr durchführen lassen will.

Hier die jüngste Entwicklung.

Die parlamentarische Anfrage der Grünen und die Antwort der Ministerin
Die Anfrage der Grünen vom 20.2.2020 wurde mit Zitaten zur schon lange anhaltenden Kritik am Museum eingeleitet und begründet und stellte an die Ministerin Fragen wie die nach der Zusammensetzung der diversen Kommissionen, der Befangenheit des Leiters der Evaluierungskommission, der als Präsident des Museumsbundes für die Verleihung des Museumsgütesiegels verantwortlich war sowie zum Procedere und zu Fristen der diversen Untersuchungen. Eine eigene kritische Position gegenüber dem Museum wird in der Anfrage der Grünen nur indirekt - in der ausschnittsweisen Zitierung kritischer Stimmen -, sichtbar.
Hier der Anfragetext: https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXVII/J/J_00963/imfname_783485.pdf

Die Antwort der Ministerin, exakt zwei Monate nach der Anfrage, 20.4.2020, zieht sich weitgehend auf sachliche verwaltungstechnische Aspekte zurück und läßt sich auf so Gut wie keine inhaltliche Diskussion. Die Qualifikation des Leiters des Museums wird vom Ministerium bestätigt. Über inhaltliche Konsequenzen wird nahezu nichts geäußert. Es gehört aber zum parlamentarischen Ritual der „Anfrage“, daß Antworten meist ausschließlich auf der Ebene rechtlich-administrativen Procedere abgewickelt werden.
Hier der Text der Anfragebeantwortung
https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXVII/AB/AB_00999/imfname_791916.pdf

Ein Interview des Direktors
In der Kleinen Zeitung äußerte sich am 13.März 2020 der Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums zu seinen Plänen und zur Kritik an ihm und seinem Haus. Er kündigte an, sich erneut um den Leitungsposten zu bewerben.
https://www.kleinezeitung.at/kultur/kunst/5784388/Herresgeschichtliches-Museum_Umstrittener-Direktor-M-Christian

Eine ausführliche Kritik 
In derselben Ausgabe, in der sich der Leiter des HGM zu Wort meldete, gab es in der Kleinen Zeitung auch eine ausführliche Kritik, getragen vor allem mit Äußerungen von Andrea Brait von der Universität Innsbruck
https://www.kleinezeitung.at/kultur/kunst/5784368/Wien_Weichenstellungen-im-kritisierten-Heeresgeschichtlichen-Museum

Medienreaktionen. Erste Kritik auf die Anfragebeantwortung durch die Minsterin
Die ersten Medienreaktionen neigen dazu, die Anfragebeantwortung des Ministeriums als Versanden zu interpretieren. Die Repliken auf die Anfrage wird als Ausweichen eingeschätzt und als Festhalten am Status Quo. Immerhin sei eine Überarbeitung des Ausstellungsteils zur Republikgeschichte denkbar geworden.
Vgl. etwa Der Standard, 24.4.2020 https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXVII/AB/AB_00999/imfname_791916.pdf

Der Evaluierungsbericht zur Ausstellung 1918 - 1938

Ende Mai wurden dann via APA Auszüge des Evaluierungsberichts zum zeitgeschichtlichen Ausstellungsteil veröffentlicht - nicht der gesamte Bericht. Diverse Zeitungen wie die Salzburger Nachrichten, Die Kleine Zeitung und der Standard sprachen teilweise von „vernichtender“ Kritik. "Nicht mehr zeitgemäß und insgesamt unzureichend" wurde zitiert. Der Kurier hatte schon am 1.6. einen Kommentar. https://kurier.at/kultur/heeresgeschichtliches-museum-zu-viele-hakenkreuze-und-hitler-bilder/400928165 Der Standard gab zunächst die APA-Meldung wieder https://www.derstandard.at/story/2000117817143/expertenkommission-kritisiert-ausstellung-im-heeresgeschichtlichen-museum?ref=rec
Und am 4.6. kommentierte Die Presse https://www.diepresse.com/5822026/man-konnte-auch-anders-vom-krieg-erzahlen

Der Museumsleiter reagiert erneut
Am 2. Juni glaubte sich der Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums berechtigt, sich in der Rolle des Erneuerers des Museums zu präsentieren und freute sich über die Evaluierung als „konstruktive Anregung“. Vgl. Der Standard https://www.derstandard.at/story/2000117841477/hgm-direktor-ortner-freut-sich-ueber-konstruktive-anregungen

Detaillierte Kritik
Am 5.6.2020 setzte Der Standard mit einer detaillierten Kritik nach. Hier wird im Detail auf den dem Standard vollständig vorliegenden Expertenbericht eingegangen und auf die abwiegelnde Haltung des Ministeriums. Während sich viele Zeitungen zunächst mit dem Abdruck der APA-Meldung begnügt hatten, wurde hier detailliert und mit Äußerungen einzelner Kommissionsmitglieder argumentiert und Schwächen der Ausstellung 1918 bis 1945 (eine Ausstellung, die Direktor Manfrede Rauchensteiner zu verantworten hat) offengelegt.
https://www.derstandard.at/story/2000117889587/historiker-muchitsch-hgm-wirkt-wie-ein-firmenmuseum-des-heeres
Am 6.6. veröffentlichte der Standard einen weiteren Kommentar, in dessen Zentrum unter dem Stichwort "message contro" die Haltung des Minsteriums steht. https://www.derstandard.at/story/2000117912503/heeresgeschichtliches-es-braucht-reform-keine-message-control?ref=rec

Der Leiter der Kommission äußert sich
Der ausführliche und sorgfältig argumentierende Artikel wurde ergänzt durch ein ebenso ausführliches Interview mit dem Leiter der Evaluierungskommission Wolfgang Muchitsch, Leiter des Universalmuseum Joanneum in Graz und Präsident des Österreichischen Museumsbundes. Hier werden bemerkenswerte Umstände der Kommissionstätigkeit offengelegt, zum Beispiel das Desinteresse der Ministerin an direkter Kommunikation, die überdies im Unklaren läßt, ob die vorgesehene Evaluation des gesamten restlichen Museums überhaupt stattfinden wird. Nicht nur die Ausstellugskritik wird bekräftigt, auch das haus als Ganzes wird in den Blick genommen: Das Museum agiere wie ein „Firmenmuseum des Heeres“ und halte einem Vergleich mit neueren europäischen Heeres- und Kriegsmuseum nicht stand. Muchitsch Äußerungen beziehen auch die Frage der Kommunikation zwischen dem HGM und dem Haus der Geschichte Österreich ein und werfen damit die Frage auf, ob nicht sinnvollerweise eine andere Konstruktion der Institution angestrebt werden soll.
https://www.derstandard.at/story/2000117889587/historiker-muchitsch-hgm-wirkt-wie-ein-firmenmuseum-des-heeres

Doppelte Fortsetzung der Kritik
Der Standard veröffentlichte in der Ausgabe vom zwei Gastkommentare. Einen von der Grünen-Abgeordneten Eva Blimlinger, die Initiatorin der pralamentarischen Anfrage gewesen war imd eine der Initiatorin der kritischen Tagung hgmneudenken, Elena Messner .
Hier der Text "Aller Anfang ist gar nicht so schwer" von Eva Blimlinger:
https://www.derstandard.at/story/2000117982846/aller-anfang-ist-gar-nicht-so-schwer

Und hier der Kommentar von Elena Messner: Läßt sich das Heeresgeschichtliche Museum reformieren?
https://www.derstandard.at/story/2000117982846/aller-anfang-ist-gar-nicht-so-schwer

Welche Experten?
Ebenfalls im Standard fragte (17.6.) Michael Hochedlinger, in Antwort auf die Beiträge von Elena Messner und Eva Blimlinger, nach der Qualifikation der involvierten Experten, um dann doch eher wieder nur die Militärhistoriker zu favorisieren.
https://www.derstandard.at/story/2000118108625/kritik-an-hgm-es-geht-auch-ohne-experten


Die Schwäche der Kritik
Ein Problem zieht sich durch alle Berichte und Äußerungen seit der Kurier im Vorjahr in Berufung auf zwei engagierte und genau recherchierende Blogs erstmals zum Heeresgeschichtlichen Museum und seinen rechtslastigen Umtrieben und fragwürdigen Ausstellungen berichtete. Die Kritik wird meist als Kritik am Einzelnen geführt, an diesem oder jenem Objekt, an diesem oder jenem fehlenden Text, dem einen oder anderen Lapsus. Das mag ja im einzelnen Fall auch zutreffen, woran es noch immer mangelt, ist eine umfassende und integrale Museumskritik. Dafür steht auch kaum ein begriffliches und methodisches Werkzeug zur Verfügung - und das merkt man eigentlich allen Äußerungen an. Sie sind meist zu kurz gesprungen. Was dieses Museum so unerträglich macht ist sein Versagen, Geschichte analytisch, diskursiv, kritisch durchzuarbeiten - und selbstverständlich auch seine Nähe zu monarchischen, militaristischen und rechten Ideologien. Gerade hier wirkt aber nicht nur der Mangel an griffigen Werkzeugen der Kritik hemmend, sondern die Beisshemmung der Geschichtswissenschaften (und nicht nur der), wo es um konflikthaltige Ereignisse und Prozesse geht. Kein Wunder, wie immer und immer wieder sich Konflikte um die sogenannte Erste Republik entwickeln, etwa um die Einschätzung von Austrofaschismus (wo der Begriff selbst kontrovers diskutiert wird)  oder Nationalsozialismus oder einzelnen Akteueren wie etwa Engelbert Dollfuß.

Zurück zum Status Quo oder Neuanfang?
Nun gibt es als Resultat der Berichterstattung und Prüfungen eine sehr lange Liste von Beobachtungen, Einschätzungen, Kritiken. Nicht nur in Form offizieller Kommissionsberichte (ein Rechnungshofbericht steht noch aus), Äußerungen zweier involvierter Minister und Kommissionsmitglieder, Medienberichten und Wortmeldungen von HistorikerInnen und diversen Expertinnen. Und es hat eine beachtliche, zivilgesellschaftlich initiierte, Tagung stattgefunden. Das alles sollte in Summe eigentlich verhindern, daß die Kritik am Museum erstickt (wird) und es zu einer umfassenden Erneuerung kommt. Die kann in einer völligen Überarbeitung aller Ausstellungsteile liegen, aber sinnvoll ist das wohl nur dann, wenn man an Grundfragen rührt: Sollte das Museum nicht zum echten Bundesmuseum und aus dem Verteidigungsministerium ausgegliedert werden? Womit der Weg frei wäre für ein koordiniertes Planen an einem oder mehreren Geschichtsmuseen. Wobei man gleich noch größer denken könnte und etwa die Gedenkstätte Mauthausen mit ihren Ausstellungen aus dem Innenministerium herausnimmt und alles in ein Netzwerk einbindet. Damit hätte auch das Haus der Geschichte Österreich, möglicherweise in ganz neuer Form, eine Perspektive.

Weitere Information:

* Das Heeresgeschichtliche Museum hat "Braune Flecken"? Wenn es nur das wäre. Es gehört geschlossen. Hier der Link

* Zur Geschichte und Architekturgeschichte sowie zur ursprünglichen Funktion des "Arsenals" als gegenrevolutionäre Anlage siehe hier.

* Zur aktuellen Debatte um das Museum und Vorwürfe und Kritik an ihm siehe hier.

* Endlich gibt es Kritik am Heeresgeschichtlichen Museum. Ein Post (hier der Link) zum Beginn der Debatte ums Museum vom September 2019 und Links zu den Quellen und Initianten, die die Debatte mit ihren Recheerchen angestoßen hatten.

* Gerhard Roth hat vor vielen Jahren einen wunderbaren Text zum Museum verfasst. Hier ein Appetithäppchen - als Anregung, den ganzen Text zu lesen: Link

Mittwoch, 3. Juni 2020

Talking about race

Als ich im vorigen Herbst Gelegenheit hatte, mehrere namhafte US-Geschichtsmuseen zu besuchen, war ich überrascht vom kritischen Umgang mit der Geschichte des Landes und von der Auseinandersetzung mit der Frage, wie unvollkommen das in der Verfassung der Vereinigten Staaten niedergelegte Versprechen auf Demokratie für alle ist.
Vor diesem Hintergrund beeindruckt mich das unmissverständliche Statement des Sekretärs (wir würden sagen: Generaldirektosrs) des größten und nationalen Museumskomplexes der USA, der Smithsonian Institution zur tagesaktuellen Frage des Rassismus.
Ich habe mich während meiner Museumsbesuche in New York und Washington immer wieder gefragt, wie ich die klare und kritische Auseinandersetzung mit Demokratie mit der akuten politischen Situation in Einklang bringen kann. Ich habe drauf keine Antwort und auch jetzt nicht, angesichts der Tötung eines Farbigen durch einen weißen Polizisten. Aber die Reaktion nötigt Respekt ab und ich wünschte mir, daß auch hierzulande Museen derart rasch und geistesgegenwärtig auf politische Krisen reagierten.
Ich finde es alles andere als selbstverständlich, daß es nur wenige Tage dauert, bis das Museum sich klar äußert und dann ein Informationsangebot macht, „Talking about race“. Hier der Link: https://nmaahc.si.edu/learn/talking-about-race.

Kreuz und Inschrift. Das Großprojekt „Humboldt-Forum“ beschädigt sich laufend selbst



Das Humboldt-Forum in Berlin dürfte so schnell nicht in ruhiges Fahrwasser gelangen, als ein von Debatten zukünftig unbehelligtes Projekt. Das vorletzte Unglück, das ihm ohne jedes eigene Verschulden zustieß, wurde durch die Corona-Krise ausgelöst. Die - ohnehin schmalspurige und provisorische - Eröffnung musste verschoben werden. Die bislang letzte Krise ist hingegen gewissermaßen hausgemacht und man kann sich über die Wahl des Zeitpunkts zu dem sie ausgelöst wurde nur wundern. Daß das ursprünglich die riesige Kuppel krönende Kreuz wieder errichtet werden würde, war schon länger klar und wurde seinerzeit auch schon heftig kritisiert, als eine private Spende der Gattung des Versandhauskönigs Otto die Anbindung finanziell möglich machte. Und jetzt kam noch eine Inschrift hinzu, die, ebenfalls „original“, als rekonstruktionswürdig eingestuft wurde. Und die an Eindeutigkeit kaum etwas zu wünschen übrig läßt. Die von König Wilhelm Friedrich IV. persönlich aus Bibelstellen montierte Inschrift lautet: „Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“

Die semantischen Spitzfindigkeiten, mit denen der symbolische Akt mit nahezu schon fast aufklärerisch-religionskritischen Zwischentönen versehen wegerklärt wird (etwa von Christoph Johannes Markschies, evangelischer Theologe und Professor für antikes Christentum der Humboldt-Universität Berlin in der Berliner Zeitung vom 27.5.2020 im Gespräch mit Nikolaus Bernau), mögen historisch gut gestützt sein, aber es ist nun mal ein symbolischer Akt der jetzt gesetzt wird und als solcher in veränderetem Umfeld und auch anders als nur strikt historisch zu deuten ist. Oder soll man Markschies folgen und es verdienstvoll finden, wie „ehrlich“ rekonstruiert wurde: „Die Inschrift ist so antijüdisch wie das gesamte Christentum in Preußen zu der Zeit antijüdisch war – man hat auf die Tatsache, dass Jesus Jude war, theologisch keine Rücksicht genommen. Das ist nicht schön, aber das ist so. Für mich gehört es auch zur Ehrlichkeit dieser Rekonstruktion, dass man das Problematische der christlichen Theologiegeschichte zeigt.“

Ebenso sophisticated ist der zweite Versuch der Entschärfung von Kreuz und Inschrift, der museologische, der einfach Bau und Dekor zum Ausstellungsobjekt erklärt. Das mag bei manchen zeitgenössischen Museumsbauten angehen, die mit einem autonomen Kunstanspruch auch als Werk rezipiert werden sollen, genau so wie die Werke, die in ihm gezeigt werden (wie es sich etwa Hans Hollein von seinem Museum am Abteiberg in Mönchengladbach gewünscht hat), aber selbst da lassen sich sich Werk und Wirkung nicht als starre Gleichung ausgeben, sondern der Bau steht immer auch in einem freien Spiel der sich stets wandelnden jeweils zeitgenössischen Deutungen.

Vorschläge, doch durch erläuternde Texte die fatalen Botschaften zu relativieren oder wenigstens zu entschärfen gleicht der Verzweiflungstat eine Nestroyschen Zerrissenen, der mit einer Hand ungeschehen macht, was die andre angerichtet hat. Genauso verfahren sind die Appelle des Humboldt-Forums an uns Bürger und Besucher, man möge doch mit den Widersprüchen - die es doch selbst gestiftet hat - umgehen lernen.

Nein, diesmal ist nicht zu sehen, wie die Geste der doppelten Geisterbeschwörung von Christen- und Preussentum so gedeutet werden kann, daß das mit der offiziellen aufklärerischen und antikolonialen Intention des Projekts irgendwie zusammenpasst. Dabei fallen angesichts der christlichen Symbolik die monarchischen fast unter den Tisch wie die Tageszeitung (Susanne Messer am 28.5.2020) bemerkte: „Bei der originalgetreuen Rekonstruktion sind keine monarchischen Symbole wie Adler, Wappen und Kronen ausgelassen.“ Das Monarchische, die Vermengung von politischer Macht mit christlichem Glauben und der Kirche verkörpert jedoch der ganze Bau und kontaminiert das gesamte Vorhaben hier ein museales Zentrum der globalen kulturellen Aussöhnung zu verwirklichen. Sollen gegen diese Hypothek auch didaktische Texte aufgeboten werden?



Die Argumente, auf die sich viele Befürworter stützen, argumentieren mit dem wieder Sichtbar machen von Geschichte gerade durch die Rekonstruktion, mit der Wiederherstellung von Authentizität. Es soll materiell wiederhergestellt werden, was einmal an diesem Ort stand. Was da an Widersprüchlichkeit zutage trete, gehöre nun einmal zu dieser Geschichte. Doch das Argument ist fatal irreführend und täuscht über die Kehrseite der jüngeren Geschichte des Schlosses hinweg. Mit der Entscheidung zum (teilrekonstruierten) Wiederaufbau hat man auch die Entscheidung zum Verschwinden von Geschichte getroffen. Die Rekonstruktion sollte ja auch etwas vergessen machen: den Palast der Republik und die Geschichte der DDR, nicht nur an diesem Ort, sowie die Teilung Berlins. Insofern war die Rekonstruktion des Schlosses schon lange vor der Errichtung des Kreuzes über der ominösen Inschrift hoch problematisch. Wieso soll sich die „Berliner Republik“ ausgerechnet in diesem preussischen Monumentalbau aktuell Wiedererkennen sollen? Mit der Ausstellung „Preussen - Versuch einer Bilanz“ (1981) schien - ungewöhnlich erfolgreich für eine historische Ausstellung - ein befreiender Schlussstrich unter die Geschichte Preussens gezogen. Das wird jetzt gerade ausgelöscht.
Der Historiker Jürgen Zimmer (zitiert aus einer Sammlung von Reaktionen zu Kreuz und Inschrift im Magazin des Humboldt-Forums vom 25.5.2020):  „Der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ist auch eine Auslöschung, bestimmter Aspekte der Geschichte Berlins, der Geschichte Deutschlands: der Zweite Weltkriege mit seinen Zerstörungen, die deutschen Teilung und nicht zuletzt die DDR. Der Wiederaufbau versucht dagegen die identitätsstiftende Bezugnahme auf Preußen, auf die Monarchie, auf die Zeit vor den vor allem von Berlin/Deutschland ausgegangenen Verwüstungen zweier Weltkriege und dem Holocaust. Das Kreuz steht in diesem Kontext auch für das Gottesgnadentum der Hohenzollern, also für eine undemokratische Ausrichtung, für einen universellen Herrschaftsanspruch. Die christliche Fundierung ist Herrschaftslegitimation und gewinnt ihrerseits daraus normative Prägekraft für die Gesellschaft.“

Der „Geburtsfehler“ (Andreas Kilb) des Projekts liegt in der Vermischung zweier Entscheidungen. Die eine lag darin, auf private Initiative hin eine Teilrekonstruktion des Berliner Schlosses als letztlich staatlich-repräsentatives Bauvorhaben voranzubringen, die andere darin, nachträglich auf der Suche nach einer Funktion eine museale Nutzung durch die Stiftung Preussischer Kulturbesitz vorzusehen. Und dabei ausgerechnet die ethnologischen Sammlungen von Dahlem ins Zentrum zu holen, als neuen Gravitationspunkt der vielfältigen Sammlungen, die dort schon seit 1830 auf der Museumsinsel versammelt sind. Das war schon fragwürdig genug und umstritten, aber erst als die lange verleugnete koloniale Geschichte der ethnologischen Sammlungen durch einen mediengerecht plakativ geschrieben Text zum hitzig hochgekochten Medienhype wurde, platzte die Idee einer humanen Geistesstätte definitiv. Wo viele Kulturen gleichberechtigt und anerkannt versammelt sein sollten und damit dem Eurozentrismus (der in der Idee des Museum selbst steckt) ein neues Modell entgegengesetzt werden sollte, ausgerechnet dort wird nun wie eine gezielt gesetzten Pointe nachträglich alles mit einem verheerenden Vorzeichen versehen.


Kein Wunder, daß jetzt in den Medien ein Sturm der Entrüstung losbricht und es herbe Kritik und Polemik nur so hagelt. Das Kreuz „vergiftet die ohnehin ideologisch aufgeladene Atmosphäre um das Weltkulturenmuseum des Bundes erst recht. In Zukunft werden es die Postkolonialen noch leichter haben, das Forum als Beutekammer europäischer Räuberstaaten zu brandmarken. Sie müssen sich nur vor den Eingang stellen und nach oben zeigen. Auf das Kreuz Christi, das zur Knute des Königs entstellt ist.“ (Andreas Kilo in der FAZ vom 29.5.2020). Ähnlich entgeistert schreibt in Monopol vom 26.5.2020) Saskia Trebing, die auf die Parallele der Wiederrichtung der mit NS-Geschichte kontaminierten Garnisonskirche in Potsdam verweist: „Beim Humboldt Forum ist eine Situation entstanden, in der man das postkoloniale Konzept inzwischen angestrengt irgendwo zwischen anderslautenden Umständen und Symboliken suchen muss. So als könne man im Nachhinein einfach auf Panels und Workshops wegdiskutieren, dass der Großteil der Entscheider weiß und männlich ist, die Exponate aus aller Welt hinter einer rekonstruierten preußischen Schlossfassade einziehen und nun ein prominentes Kreuz auf einem Museum die Silhouette Berlins prägen wird.“
Und Susanne Messner stellt dem Projekt fast schon einen Totenschein aus, wenn sie in Tageszeitung vom 28.5.2020 schreibt: „Das Humboldt Forum ist seit Jahren eine der Institutionen in dieser Stadt, die – um es euphemistisch auszudrücken – kritischer beäugt wird als jede andere. Schon lang weisen kritische Stimmen mit penetranter Hartnäckigkeit darauf hin, dass das Humboldt Forum den Grundwiderspruch, auf dem es baut, nie wird lösen können.“  Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung vom 28.5.2020: „Welche Botschaft geht von einer aus, die das „Heil“ der Welt nur jenen verspricht, die an Jesus Christus glauben? Eine religiöse und kulturelle Anmaßung Europas, der Millionen Menschen und viele Kulturen zum Opfer gefallen sind.“

Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung vom 22.5.2020: "Jetzt schon kann man sagen, dass jene symbolisch bedeutsamen Bauteile besonders sorgfältig rekonstruiert wurden, die, um eine königliche Formulierung zu variieren, den Ludergeruch der Reaktion verströmen. Der Einwand, da werde halt ein Bau-, ja ein Kunstwerk historisch getreu rekonstruiert, trifft nicht. Er verschleiert vielmehr, wie viele Einzelentscheidungen falsch und ohne große öffentliche Diskussion gefällt worden sind.“
Lutz Herden in Der Freitag vom 2.6.2020: „Unter dem Kreuz können sich die Schloss- und Schirmherren nun heimisch fühlen. Sie müssen nicht länger bestreiten, worauf es ihnen ankam. Immerhin wird auf das Zeichen eines in Deutschland stets auch staatskirchlichen Christentums zurückgegriffen, das willig segnete, was es zu segnen galt: brutale Kolonialpolitik, die Ausrottung eines Volkes in Südwestafrika, Aggression und Verbrechen im Ersten Weltkrieg, Zivilisationsbruch und Massenmord des NS-Regimes (Stichwort: „Deutsche Christen“). So unerschütterlich und stolz, wie nun Kreuz und Schloss vereint ihre Botschaft aussenden, sieht das mitnichten nach Abbitte aus. Im Gegenteil.“

Wie das Humboldt-Forum je seinen „Geburtsfehler“ überwinden werden kann, bleibt ungewiss. "Es steht zu befürchten, das Humboldt-Forum hat bereits einen Ruf verloren, bevor es sich überhaupt einen verschaffen kann.“  (Lutz Herden, wie oben zitiert). Vielleicht erledigt sich alles durch Gewöhnung und Ermüdung und eine innovative und ambitionierte Arbeit des Forums wird die langsam alt werdenden und in Vergessenheit geratenden Debatten allmählich überlagern. Mag sein. Jetzt ist erst einmal das Kind tief im Brunnen und die „Kreuzeserrichtung“ das so ziemlich Falscheste zum ziemlich falschesten Zeitpunkt.

Da ist aber noch eine andere offene Frage. Möglich wurde sie durch eine Spende von einer Million Euro aus dem Jahr 2015 durch Inga Maren Otto, die Witwe des Versandhausgründers. Daß das Schloß überhaupt wiedermachtet werden konnte, verdankt sich auch privater Initiative. Daß so zentrale kulturpolitische Entscheidungen nicht vom Staat kommen, sondern von Privaten, kann man nicht als wohltätiges Mäzenatentum schönreden. Da findet ein Paradigmenwechsel statt. Staatliche Kulturpolitik setzt in mehr oder weniger demokratischen Verfahren steuerfinanzierte Projekte um, die im Prinzip allen zugutekommen. Gerade das Museum wird von der Idee der Wohlfahrt aller Bürger getragen und adressiert sich daher folgerichtig seit dem späten 18.Jahrhundert an das Gesamt seiner Bürger. Die wiederum tragen durch ihre Steuerleistung die Institution, die ihnen als öffentlicher Raum im emphatisch politischen Sinn zur Verfügung steht - als einer der Orte, der sich bildenden res publica.

Hier, in Berlin (und an vielen anderen Orten, ich könnte aktuelle Fälle aus Österreich beisteuern, von der Gründung der Albertina Modern bis zu Heidi Hortens Privatmuseum) geht aber die Entscheidungsgewalt über vom Repräsentanten der Öffentlichkeit hin zum privaten Spender (der womöglich auch noch Steuererleichterungen lukriert). Politik und Verwaltung nicken nur noch ab, was Einzelnen in ihrem privaten Interesse opportun erscheint. Dieser Einzelne und nicht mehr die Repräsentanten des Demos bestimmt dann über gesellschaftliche Prioritäten.

Das mag am einzelnen Beispiel nicht so dramatisch erscheinen, aber gerade die Berliner Museen haben ihre Geschichte als nationalstaatliche Repräsentationsorte, die sich in der Konkurrenz zu anderen europäischen Metropolen etablierten und bewähren sollten. Das kumuliert um 1900, ist bis heute nicht zu Ende gekommen. Daß Helmut Kohl zum Deutschen Historischen Museum anläßlich eines Besuchs beim französischen Staatspräsidenten Mitterand, der grade an seinem Grand Louvre bastelte, inspiriert sein soll, ist mehr als nur eine urban legend. (Vgl. dazu Ein Schloß, ein Präsident, eine Kanzlerin. Museumspolitik im Großmaßstab. Link am Ende des Textes)

Museen sind nun mal, gerade wenn es um solche Dimensionen geht wie in Berlin, und um einen ‚Firmennamen‘ "Preussischer Kulturbesitz“, ideologische Staatsapparate, die hegemonial und integrativ zugleich wirken können. Wenn der Staat diese ambivalente Funktion kultureller Großinstitutionen Privaten überläßt und deren Intentionen und Idiosynkratien, deren ideologischen und materiellen Interessen, dann verzichtet er auf seine eigene Verantwortung und Möglichkeiten der Steuerung. Dieser Paradigmenwechsel gibt zu schwer denken.

Nachtrag vom 4.6.2020: Wie die Süddeutsche Zeitung entdeckt hat, gibt es eine weitere Inschrift, keine historische, also keine rekonstrierte. Sie wurde von der Stifterin des Kreuzes gewünscht und sie bekam sie. "Eine Würdigung ihres verstorbenen Mannes: "Im Gedenken an meinen Mann Werner A. Otto 1909 - 2011. Inga Maren Otto". Was für eine Pointe...

Zwei weitere, ältere Texte zum Humboldt-Forum

Das "Humboldtforum" im Berliner Schloss als "Kolonialzoo" und "permanenter Kirchentag"
https://museologien.blogspot.com/2010/06/das-humboldtforum-im-berliner-schloss.html

Ein Schloß, ein Präsident, eine Kanzlerin. Museumspolitik im Großmaßstab.
https://museologien.blogspot.com/2018/04/ein-schlo-ein-prasident-eine-kanzlerin.html








Montag, 18. Mai 2020

Individualisierung, nachts im Museum


Wie die Süddeutsche Zeitung jüngst berichtet, ist ein  25 Jahre alter deutscher (das musste wohl sein für eine deutsche Zeitung) Student wurde am Sonntag in Sidney festgenommen, nachdem er in der vergangenen Woche eine nächtliche Tour durch Australiens ältestes (verschärft den Tatbestand!) Museum unternommen hatte. Einem Polizeibericht zufolge ist der Mann in der Nacht (hat wohl Nachts im Museum gesehen) von Sonntag auf Montag gegen 1 Uhr nachts in das naturhistorische Museum in Sydney eingebrochen und hat dann einen gemütlichen 40-Minütigen Ausflug durch die Ausstellung gemacht.
Die Aufnahmen der Überwachungskamera zeigen dabei nicht nur, wie der Mann einen Cowboy-Hut (?) aufsetzt und damit umherläuft, sondern auch mit Exponaten für Selfies poste. Dafür legte er sogar seinen Kopf zwischen die Zähne eines T-Rex-Skeletts. Der 25-Jährige soll allerdings auch etwas gestohlen haben: den Hut und einen nicht genauer benannten Kunstgegenstand. Der Student soll sich dem Guardian zufolge am Sonntag schließlich selbst der Polizei gestellt haben und am Montag einem Untersuchungsrichter vorgeführt werden.

Mittwoch, 13. Mai 2020

Mango Daiquiri

„Heute ist Welt-Cocktail-Tag! 🍹 Auch wenn unsere neue Lucy Bar derzeit geschlossen bleiben muss, könnt ihr trotzdem in den Genuss ihres vorzüglichen Mango Daiquiris kommen. Wie das geht? Einfach folgendes (jetzt nicht mehr so) streng geheimes Rezept nachmixen und zu Hause genießen. Wir freuen uns schon auf eine baldige Wiedereröffnung!“

Das Belvedere21 wirbt .... ja worum eigentlich ?

Donnerstag, 30. April 2020

Die Herausforderungen der Museen in der Corona-Krise. Ein Text von Helmut M. Bien

Inspiriert von einer Petition von Helmut M. Bien habe ich eine Replik auf seien Text geschrieben. Dabei ging es um die frage, ob und wie sich Museen in und nach der Coronakrise andern müssten und sollten. Auch wenn wir, Helmut Bien und ich, unterschiedlicher Meinung sind - gerade die Unterschiede interessieren mich-, wir gehen beide davon aus, dass die Situation die Museen grundlegend herausfordert.

Nun hat auf meinen Text Helmut Bien geantwortet:

Lieber Herr Fliedl,

herzlichen Dank für die freundliche Aufnahme meiner Petition an uns selbst, die Kulturschaffenden. Denn retten müssen wir uns vermutlich selbst...

Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie als Museologe und Museumshistoriker mit großer Erfahrung bei meinen optimistischen Einschätzungen Fragezeichen machen. Aber so ist es, wenn man wie ich der weit verbreiteten Verliebtheit ins Scheitern etwas entgegensetzen möchte. Da steht man schnell als naiver Optimist da, während Bedenkenträger auf sich selbst erfüllende Prophezeiungen setzen und sozusagen von der kulturpessimistischen sicheren Seite aus anstrengungslos recht behalten können. Damit meine ich natürlich nicht Sie sondern eine aktuelle Stimmung in Deutschland, die von anderen alles und von sich selbst kaum etwas erwartet und sich in der Opferrolle einrichtet. Gerade deshalb bin ich Ihnen so dankbar, mich noch ein wenig klarer artikulieren zu können zumal das vordergründige Ziel des Aufschließens der Museen erreicht zu sein scheint.  

Die augenblicklich kursierenden Utopien und Dystopien über den Untergang des Abendlandes und das Ende der Menschheit verfolgen weit weniger den Zweck, dass sie Wirklichkeit werden. Es sind Warnungen an die Handelnden, dass Gefahr besteht und dass die Voraussagen möglichst nicht eintreffen mögen. Insofern ist der Irrtum der Propheten kein Unglück und spricht auch nicht gegen sie. Sie sollen das Problembewusstsein schärfen und Handlungsbedarf signalisieren, wenn wir auf eine Wegscheide zusteuern. Das ist die paradoxe Situation in unserer auf Kommunikation basierenden Gesellschaft.

Und es gehört zur Dialektik der augenblicklichen Diskussionen von Wirtschaft gegen Gesundheit, Jung gegen Alt, Fressen gegen Moral dazu, dass sich so trefflich Freund-Feindschafts-Verhältnisse herstellen lassen, es aber in Wirklichkeit darum geht, möglichst viel unter einen Hut zu bekommen. Auch da gehört es zu den systemischen Merkwürdigkeiten von Rollenverteilungen, dass ein Virologe als Virologe erläutert, das vom Standpunkt seiner Wissenschaft aus der Shutdown möglichst lange aufrechterhalten bleiben muss, derselbe aber als verantwortungsbewusster Bürger genau diese seine Haltung für komplett absurd halten müsste.

Meine Petition an uns selbst versucht nichts weiter als relativ pragmatisch das aktuelle Geschäftsmodell des Museums auf seine Haltbarkeit hin zu bedenken und nicht darüber zu klagen, dass es so wie bisher vielleicht kaum mehr weitergeht sondern zu überlegen, welche Chancen bisher nicht genutzt wurden, vielleicht auch weil der Erfolg des Museums in den letzten Jahren nicht in Frage stand.

Die Fragmentierung unserer Gesellschaft hat die Museumslandschaft mitgemacht und eine kaum überschaubare Vielfalt von Institutionen geschaffen. Viele der Neu-, Um- und Ausgründungen verdanken sich der kulturellen Identitätspolitik, die darin bestand das Einzigartige und Unverwechselbare beispielsweise einer Stadt in Gestalt von Museumsanlagen erlebbar und vorzeigbar zu machen. Museen wurden zu Ankerinstitutionen des Stadtmarketings und der touristischen Aufwertung von Innenstädten, die von Verödung bedroht sind. Diese Problemlage wird sich durch die Coronakrise noch weiter verschärfen, weil der stationäre Einzelhandel ebenso bedroht ist wie die Gastronomisierung der Stadtzentren. Kulturinstitutionen werden da neben den Stadtbild beherrschenden Kirchen eine Rolle spielen. Kirchen und Sportstadien stehen mit den  Museen in einer Reihe, als diejenigen die den Stoff für die Selbstverständigung der Gesellschaft bieten. Natürlich auch die Konzerthäuser und Theater, Bibliotheken und Universitäten. Aber durchgehend geöffnet haben vor allem die Museen. Und sie sind voraussetzungslos zu besuchen und können jetzt schnell betriebsfähig gemacht werden.

Sie beschreiben sehr schön, wie die Quotenorientierung der Museumsausstellungen das Problem schafft, als dessen Lösung sie sich anbietet. Wenn viel Geld für Transporte und Versicherungen der Block-Busterausstellungen ausgegeben werden muss, dann müssen auch viele Besucher kommen. Es ist eine Art von Finanzialisierung des Kulturellen, bei dem viel viel kostet und viel viel bringt. Nur sollte das Angebot möglichst flach sein, damit es niemanden überfordert (Highlight, Weltpremiere, geniale Werke). Letztlich vielleicht doch ein Nullsummenspiel und angesichts der Tatsache, dass wir langfristig mit reduzierten Besucherzahlen klar kommen müssen, auch ökonomisch ohne Perspektive. Anstelle der Quote müssen die Qualität und die Tiefe des Bildungserlebnisses treten. Das lässt sich mit der Einbindung der Kreativszene und neuen Angeboten erreichen. Und mit der Entdeckung des lokalen/regionalen Publikums. Der Service, den man den Touristen angedeihen lässt, der lohnt sich auch für die Bürgerinnen und Bürger vor Ort, wenn die das Gefühl bekommen, dass sich der Museumsbesuch immer und immer wieder lohnt und nicht nur etwas ist, das man in seiner Jugend ein Mal hinter sich bringt. 

Sie haben völlig recht, auch über das Selbstverständnis der Museumswissenschaftler und Mitarbeiter sollte neu nachgedacht werden. Museen sind keine Universitäten, die der freien Forschung und Lehre zugedacht sind. Manche Museen benehmen sich zwar so. Museen haben meistens einen Auftrag, so allgemein er auch formuliert sein mag. Forschen, Sammeln und Bewahren gehören ebenso dazu wie das Zeigen und Erklären. Letzteres ist eine in Deutschland eher unterentwickelte Qualität etwa im Vergleich zur angelsächsischen Welt, die viel marktkonformer um Besucher buhlen muss, um die Grundfinanzierung zu sichern. Klaus Biesenbach (Kurator, New York) ist aktuell der Meinung, dass 30 Prozent der amerikansichen Museen nach dem #Shutdown erstmal nicht wieder aufmachen werden.  Eine ‚Marktbereinigung’, die sich in unserem öffentlich-rechtlichen System so nicht stellen wird, die aber sicherlich neue Fragen nach Relevanz und effizienter Organisation aufwerfen werden, auf die man sich in seinem aktuellen Handeln schon einstellen sollte. Denn werden diese Fragen erst in den Gremien und der Öffentlichkeit gestellt, dann sind sie vielfach schon beantwortet und in der Regel negativ. Hier wäre also eine vorauseilende Relevanz-Evaluation sinnvoll und damit die Frage, welche inhaltlichen Brücken sich von den aktuellen Problemen der Gesellschaft schlagen lassen zu den Sammlungsbeständen und den Ausstellungsprojekten der Vergangenheit und Zukunft.

Sie haben recht. Dabei brauchen die Museen auch die Zusammenarbeit mit Externen, die aus anderen Wissensbereichen Erkenntnis und Erfahrung beisteuern. Hier läge das Potenzial, die transdisziplinäre Arbeit zu stärken.

Die Frage nach der Systemrelevanz wird im Augenblick gestellt, um zu begründen, dass die eigene Arbeit nicht schlechter gestellt werden dürfte als die anderer. Es ist eine die auf Gleichheit und gleiche Rechte zielt. Die Systemrelevanz ist theoretisch leicht zu begründen, praktisch muss sie sich in der Krise darin erweisen, dass die Institution sichtbar ist und bleibt und Beiträge leistet, das Gemeinwesen in Gang zu halten. Mein Vorschlag zielt darauf ab, dass die Museen Arbeit schaffen, indem sie sich neu positionieren und ihre implizite Rolle als herausragende Einrichtungen der Selbstverständigung auch explizit machen. Das können die Museen, indem sie ihre Räume nicht nur als Lager- und Schauräume sondern als Arbeitsräume neu erfinden. Das wäre das Neue gegenüber den Roosevelt-Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in der Großen Depression der 1930er Jahre.

Die Museumswissenschaftler müssten ihr Rollenverständnis erweitern. Sie sind nicht nur kompetente Fachleute und versierte Kustoden ihres Sammlungsgebietes, sie könnten auch die Rolle von Kuratoren und Moderatoren übernehmen, die Menschen miteinander verbinden und nicht nur unerbittlich auf hohem Niveau senden. Signale empfangen und Akteure vernetzen wäre ebenso wichtig. Resonanzräume schaffen, nicht nur Echokammern. Auch das ist als eine Kritik an manchem Social-Media-Enthusiasmus der Institutionen zu verstehen, die jetzt einfach nur den Taktschlag und die Intensität ihrer Zielgruppenansprache erhöhen ohne die Augenhöhe mit den Angesprochenen zu suchen und interaktivität anzustreben. 

Die Museen haben ihre Gäste in den Rollen von Konsumenten fixiert, Rundgänge ähneln den Verhaltensmustern beim Window-Shopping. Die Besucher goutieren das Gezeigte, erkennen Bekanntes wieder, repetieren Kontexte, lassen sich ein wenig überraschen und bewerten wie Kunde König: gefällt/gefällt nicht. Ein eher statisches Wahrnehmungsmodell mit narzistischen Zügen.

Aus der Rezeptions-Ästhetik etwa eines Bazon Brock wissen wir, dass vielmehr möglich ist. Kunstwerke brauchen professionalisierte Besucher, die sehen können, was sie wissen oder auch nicht. Die in der Lage sind, Exponate als Vorschläge der Problemstellung zu identifizieren und die selbst eine Haltung dazu entwickeln können.

Inzwischen gibt es noch andere Ebenen der Rezeption. Damit meine ich nicht nur Instagram-Trophäen-Schnappschüsse sondern auch Malkurse oder auch eigne Forschungsprojekte etwa in Natur- und Technikmuseen oder auch Maschinensprach-Kurse in Museums-Labs wie der Ars Electronica oder dem ZKM Karlsruhe, bei denen Besucher zu Usern und selbst produktiv werden.

Alle diese Aktivitäten zielen darauf, den Museumsbesuch zur Gewohnheit zu machen und in den Alltag zu integrieren ganz unabhängig davon, ob die jeweilige Ausstellung interessant ist oder nicht. Dazu gehören auch Vortragsangebote, Film- Performance- und Musikdarbietungen, Festivals oder Restaurant- und Cafe-Besuche.

Museen, das wäre die Anforderung, müssten Menschen um ein Thema herum versammeln und nicht nur Objekte. Und Museumswissenschaftler sind nicht nur Sender von Botschaften sondern auch Empfänger, die Anregungen in Kommunikationsangebote verwandeln können. 

Mir ist schon klar, dass diese Qualifikationen bisher eher die Ausnahme als die Regel sind, aber darin bestände gerade die Notwendigkeit und der Reiz, dass die Museen in der Krise die Mittel bekommen, diese Leute einzubinden und damit die Museen vielfältiger und auch resilienter zu machen.

Und es gibt den Faktor Zeit. Ich glaube wir sollten die kommenden Monate als eine Zeit der Improvisation sehen, in der es auf ein Learning by Doing ankommt. Die Älternen könnte das auch an die Zeit der Wiedervereinigung in Deutschland erinnern. Einer verrückten Zeit, in der das Gelingen vom Machen abhing und sich die Verliebtheit ins Scheitern niemand leisten konnte. Für eine Selbstverständigung  als Voraussetzung zum Handeln bleibt da nicht allzuviel Zeit. Beides könnte parallel und am praktischen Beispiel erfolgen  

Die Frage der Systemrelevanz ist auch eine der Konkurrenz der Begehrlichkeiten. Die entscheidet sich nicht nach Plausibilität und Prestige sondern im Wettbewerb und in der machtvollen Artikulation der Interessen. Es kann auch sein, dass systemrelevante Institutionen unter die Räder kommen. Davor schützt auch Systemrelevanz nicht. Denn die ist nur bedingt einklagbar und immer auch eine Frage der Konsensfindung: Systemrelevant ist das wofür Geld da war…

So hat Angela Merkel vor einem Zuviel an Künstlerprogrammen gewarnt, weil dann die Italiener und Spanier noch viel weniger verständen, warum Deutschland und die anderen Calvinisten ihnen die erbetenen EU-Mittel vorenthalten. So schnell kanns gehen. Und es gibt immer jemanden, dem es schlechter geht. Deshalb verbieten sich alle Klagen.

Wir werden uns also warm anziehen müssen und schnell eine Vernetzung in der Gesellschaft hinkriegen müssen, damit nicht nur die Big Player den Kassensturz glimpflich überstehen sondern auch die Museumslandschaft in ihrer Vielfalt.

Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Davor schützen auch keine Verträge und Gesetzesklauseln. Im Ausnahmezustand ist vieles Verhandlungssache. Und auch Jens Spahn, der Gesundheitsminister, hat schon mal vorgebaut. Im Nachhinein werde man sich für vieles entschuldigen müssen. 

Das ist die unbequeme Wahrheit

Herzliche Grüße