Dienstag, 15. Juni 2021

Nur ein Boot. Kolonialer Kulturraub an einem Beispiel (Eine Mikroausstellung)

Für "Nur ein Boot" greife ich ich auf eine schon lange nicht mehr verwendete Darstellungsform zurück, die (zweidimensionale) Ausstellung. Texte, Zitate und Abbildungen werden in "Vitrinen" gezeigt und erzählen dem "Besucher" eine Geschichte. Diesmal von einem Boot, das bis vor kurzem, wenn man das so sagen mag, "in aller Unschuld" im Humboldt-Forum in Berlin zu sehen war und - nun weniger unschuldig - zu sehen ist. Denn nun hat sich Götz Aly dieses Objekts angenommen und die Geschichte des Bootes in einem Buch rekonstruiert. Diese Geschichte ist die militanter Kolonisierung, verschleierter Überlieferungsgeschichte, verweigerter Recherche. Auf einen eigenen Kommentar wird in der "Mikroausstellung" verzichtet. 




Nur ein Boot 

Vitrine 1 „Ausgestorben“ 

 „In meiner Kindheit bin auch ich regelmäßig in Dahlem gewesen. An Winterwochenenden machte mein Vater mit meinem knapp zwei Jahre älteren Bruder und mir Touren durch die West-Berliner Museen. Von allen Ausstellungsstücken, ob im Musikinstrumenten-Museum, dem Museum für Vor- und Frühgeschichte oder im Museum für Verkehr und Technik, sind mir die ozeanischen Boote im Ethnologischen Museum am besten in Erinnerung geblieben. Weil sie nicht hinter Glas versteckt sind, sondern zum Anfassen, Klettern und Spielen einladen. (…)“ 

Ich war „seit ungefähr 30 Jahren nicht mehr im Ethnologischen Museum. Die Boote stehen aber noch genau so da, wie ich es aus meiner Kindheit in Erinnerung habe: auf einem Teppichpodest mit schrägem Boden, als würden sie eine Welle hinabsurfen. (…) Im Humboldt-Forum sollen die Boote ganz anders präsentiert werden, in den Mittelpunkt der Ausstellung soll das Meer rücken – als geschäftiger Verkehrsweg, identitätsstiftender Kommunikationsweg und überlebenswichtiger Nahrungslieferant. In Dahlem sind die Boote vor allen Dingen: Boote. Lediglich kleine Schilder erklären in leicht angestaubter Museumssprache, was das Auge sieht. Zum Beispiel das Fischerboot zum Bonito-Angeln aus Samoa, um 1870 gebaut und „mit Brotfruchtbaumharz kalfatert“. 

Über das Segelboot aus Luf, Para-Mikronesien, erfährt man, dass es Anfang dieses Jahrhunderts – gemeint ist das Jahr 1904 – nach Berlin überführt wurde. Es ist das letzte seiner Art, „die Bevölkerung von Luf ist um 1940 ausgestorben“. (5) 

 „Für die Südsee kann man generell sagen, dass sehr viele Objekte auf gewaltsame Weise beschafft wurden. Daneben war der unredliche Tausch gegen Glasperlen und miserablen Tabak der Sorte »Niggerhead« gang und gäbe. Es handelt sich um systematisches Absaugen, Abgrasen und Ausrauben. Die Kolonie Deutsch-Neuguinea bestand von 1884 bis 1914. Spätestens um 1900 war auf diesen Inseln kaum mehr etwas zu holen. Berlin schickte dann seine Ethnologen auf die Kriegsschiffe mit der Aufforderung: Holt die Reste, bevor es zu spät ist! Die Museumsleiter betrachteten die »untergehenden Kulturen der Naturvölker« bald selber als ein abgeschlossenes Sammlungsgebiet. Ihnen war klar, dass die Ureinwohner der Inseln die Konfrontation mit dem Kolonialismus nicht überleben würden.“ (9) 




Vitrine 2  „Ahoi, liebes Luf-Boot!“ 

 „In der Nacht vom 28. Mai 2018 fuhr ein Schwertransport über den Potsdamer Platz. Auf der Ladefläche, verpackt in einer 20 Meter langen Kiste, ein einmaliges Wunderwerk der Menschheitsgeschichte: das reich verzierte Auslegerboot von der Insel Luf im heutigen Papua-Neuguinea. Generationen von Schulkindern haben es im Ethnologischen Museum in Dahlem bewundert. Nun war es auf dem Weg ins Humboldt-Forum, wo es ebenfalls eine der Hauptattraktionen sein wird. Mit 16 Metern ist das Boot so riesig, dass es nur durch ein frei gehaltenes Loch in der Fassade ins Stadtschloss passte. "Ahoi, liebes Luf-Boot!", grüßte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) auf ihrem Blog.“ (2) 

 „Im Humboldt-Forum sollen die Südseeboote des Ethnologischen Museums Dahlem einmal einen prominenten Platz einnehmen. Dort sollten sie auf die Bedeutung des Meeres verweisen, sagte die Kuratorin der Südsee-Sammlung, Dorothea Deterts, im DLF. (Deutschlandfunk) Es gehe um das Meer als Identitätsstifter, Verkehrs- und Kommunikationsweg.“ (4) 

Vitrine 3 „Reise“ „Die Reise des Südseebootes aus dem Ethnologischen Museum (gemeint ist die Übersiedlung des Bootes ins Humboldt-Forum; GF) begann auf der Insel Luf in Papua-Neuguinea. Aus einem Baumstamm und vielen Planken ließ der Häuptling Labenan den Rumpf des Bootes bauen. Offiziell kam es jedoch nie zum Einsatz, bis Max Thiel, ein Geschäftsführer der deutschen Handelsgesellschaft Hernsheim & Co das Boot 1903 erwarb und es zu einer Niederlassung der Firma auf der Insel Matupi transportieren ließ. Noch im selben Jahr wurde es vom Museum für Völkerkunde in Berlin angekauft und zunächst nach Hamburg verschifft. Von hier kam es dann im Februar 1904 ins Museum für Völkerkunde in die heutige Stresemannstraße in Berlin. (…) 

1970 wurde unser Luf-Boot schließlich aus dem Dornröschenschlaf geweckt und kam in die Dauerausstellung des Ethnologischen Museums, in der es bis 2017 verweilte. Dann schloss das Museum in Dahlem seine Pforten und die Vorbereitungen für den großen Umzug in das Humboldt Forum in Berlin-Mitte begannen.“ (3) 




Vitrine 4 „Erworben“ 

„Der Historiker Götz Aly erzählt in seinem (eben) erschienen Buch "Das Prachtboot" die erschreckende Geschichte eines der spektakulärsten Objekte, das im Humboldt-Forum gezeigt werden wird: des "Luf-Boots", das, so Aly, 1903 in der damaligen Kolonie Deutsch-Guinea geraubt wurde.“ (2) 

„Das Luf-Boot, zeigt Alys ebenso schmissig geschriebene wie umfassend recherchierte Studie, ist keineswegs auf faire und gerechte Weise vom Deutschen Reich erworben worden, wie es die Staatlichen Museen suggerieren. Vielmehr gelangte es am Ende eines jahrzehntelangen Prozesses der Ausrottung und Verdrängung der Ureinwohner Ozeaniens ohne nachweisbare Bezahlung in den Besitz eines „weithin bekannten Kunsträubers und Kulturschänders“ (Aly). Das Prachtboot der Südsee-Sammlung im Humboldt Forum ist, anders gesagt, ein Stück koloniales Raubgut.“ (7)

„Ellmenreich: Wie sind die nach Berlin gekommen ins Ethnologische Museum? Deterts: Auch ganz unterschiedlich. Die meisten wurden angekauft. Ein Boot, das größte unserer Boote, von der Insel Luf. Das ist eine Insel, die heute zum Staat Papua-Neuguinea zählt. Das ist angekauft worden und 1899 wurde es auf Luf gesehen in einem Bootshaus, konnte dort aber, weil es nur noch wenige Männer vor Ort gab, nicht mehr fortbewegt, geschweige denn gesegelt werden, und ist dann von einer deutschen Handelsgesellschaft, Hernsheim & Co, angekauft worden, dem Ethnologischen Museum in Berlin angeboten worden und dann 1904 nach Berlin gekommen.“ (4) 

„Der Hamburger Unternehmer Eduard Hernsheim, einer der größten Player im Pazifik, hörte von einem angeblichen Überfall auf seine Handelsstation auf Luf. Untertänigst bat er Bismarck deshalb um "häufigeren Besuch" deutscher Kriegsschiffe. Bismarcks Strafexpedition erreichte die Insel an Weihnachten. Obwohl die rund 400 Bewohner keine Gegenwehr leisteten, töteten die Soldaten etwa die Hälfte von ihnen und brannten alle Häuser und Schiffe nieder. 20 Jahre später besuchte der damalige Direktor von Hernsheim & Co, Max Thiel, die Insel. Die überlebenden Lufiten hatten ein neues Bootshaus und ein neues, großes Boot gebaut. Für Hernsheim war der Handel mit geplünderten "Kuriositäten" von den Inseln ein wichtiger Geschäftszweig neben den Plantagen. Er wusste, dass Luschan, inzwischen Leiter der Ozeanien-Abteilung im Berliner Völkerkundemuseum, außer Schädeln nichts so liebte wie Schiffe. Er schaffte das Boot von der Insel und verkaufte es ihm für 6000 Mark.“ (2)


 

Vitrine 5 „Gesammelt“ 

 „Über eine weitere von den Marinesoldaten des Kanonenboots Möwe exekutierte Strafexpedition berichtete der Südseereisende Wilda, den Dr. Schnee zur Teilnahme eingeladen hatte. Diesmal zielte die »Züchtigung« auf die »verhältnismäßig sehr wohlhabende« Bevölkerung von Buka, der nördlichsten Insel der Salomonen-Gruppe. Wie üblich sicherten sich die deutschen Herren »die ethnographisch wertvollen Sachen«, bevor sie alle erreichbaren Hütten in Flammen aufgehen ließen. In diesem Fall wurde die Aneignung musealer Herrlichkeiten dokumentiert und als strafweise »Fortnahme des Besitzes« umschrieben. Dr. Schnee kümmerte sich persönlich darum, dass zwar die Kanus wie üblich zerschlagen oder angezündet, aber »die guten Fischernetze aus Brotfruchtfaser sorgfältig« verpackt und nach Berlin verfrachtet wurden.“ (1) 

„Die Museumsleute kauften im großen Stil bei skrupellosen Plünderern ein. Sie wirkten an den "Völkerschauen" mit. Sie hatten teils Karrieren wie Franz Emil Hellwig, der sich als "Wildschweinjäger, Fabrikbesitzer, Hausierer, Uhrmacher" versucht hatte, bevor er - aus der Südsee zurückgekehrt - Kurator im Hamburger Völkerkundemuseum wurde. Schon damals mokierten sich Wissenschaftler über den "methodisch unfertigen Zustand der Ethnologie" und die "sinnlose Anhäufung von Gegenständen, besonders ... aus unseren Kolonien“. Und dann ist da noch die Vorarbeit, die Ethnologen und Anthropologen für die Rassenlehre leisteten: Überschwänglich dankte der Freiburger Anatom Eugen Fischer etwa für die "Liebenswürdigkeit", dass ihm, gleich nach der Hinrichtung ihrer Besitzer, zwei "Papuaköpfe" in "Formol" geschickt wurden. Bernhard Meyer vom Ethnographischen Museum in Dresden bettelte um "Menschenschädel" und "ganze Skelette", auch "aus Gräbern“.“ (2) 

„Georg Thilenius, Direktor des Hamburger Völkerkundemuseums, (gab) den Teilnehmern der Südsee-Expedition von 1908 den Auftrag, bestimmte Gebiete „leerzuforschen“.“ (7) 

„Von November 1902 bis Januar 1903 war (Franz Emil) Hellwig als Sammler ethnographischer Gegenstände im Auftrag der Firma Hernsheim an Bord der Gazelle. U. a. zusammen mit dem Regierungsarzt Otto Dempwolff und dem Kaufmann Heinrich Rudolph Wahlen besuchte er verschiedene Inseln. Auf der Insel Luf (1° 31' 60" S, 145° 4' 6" O) nahe den Admiralitäts-Inseln blieb er alleine zurück, um Sitten und Sprache der Einheimischen zu studieren. Im Jahre 1904 begab er sich wieder nach Deutschland. Die auf diese Expedition gesammelten Gegenstände wurden von Max Thiel, Direktor von Hernsheim an Georg Thilenius, den Direktor des Völkerkundemuseums Hamburg für 20000 M verkauft. Aus den Erlösen seiner privaten Sammlertätigkeit konnte Hellwig 1907 in Halle ein Kolonialwarengeschäft erwerben. In den Jahren 1908 bis 1910 nahm er an der Hamburger Südsee-Expedition, die im ersten Jahr von Friedrich Fülleborn geleitet wurde, als Sammler und Photograph teil. Nach Ende der Expedition wurde Hellwig am Völkerkundemuseum in Hamburg beschäftigt.“ (6) 

 „Aly: Um ihr Gewissen zu beruhigen, behaupteten die vielfach räuberisch vorgehenden Sammler gern, sie würden die Zeugnisse untergehender Kulturen retten. Diese Form der Rechtfertigung hält sich bis heute. Aber die sogenannten Retter gehörten selbst zu den europäischen Stoßtruppen kultureller Verwüstung.“ (8) 

 Vitrine 6 "Weltweit einmalig“ 

„Aly: Das Reiseboot ist wunderschön und ein höchst wichtiges, ja strahlendes Weltkulturerbe. Aber warum existiert von diesem Bootstyp nur noch ein einziges Exemplar auf der Welt? Die Antwort darauf führt in ein düsteres Kapitel deutscher Kolonialgeschichte.“ (8) 

„Weltweit einmalig“ (Stiftung Preussischer Kulturbesitz. „Wie man sich das »Kaufen« der Agenten Hernsheims beziehungsweise die fließenden Übergänge zwischen Abpressen, Übervorteilen, Betrügen und Rauben vorstellen muss, schilderte Richard Parkinson 1904 in einem Brief an das Berliner Völkerkundemuseum: »Die Firma Hernsheim & Co. hat [die Inseln] Maty [Wuvulu] und Durour [Aua] rattenkahl absammeln lassen; es ist ein ethnographischer Raubzug, wie ich ihn noch nicht gesehen [habe].« Allerdings hatte Parkinson knapp vier Jahre zuvor selbst von Luschan gefordert, »einen ständigen Agenten« für die Südsee zu ernennen, der dort möglichst viele »größere wertvolle Sammlungen« erwerben solle, bevor überhaupt nichts mehr zu haben sei: »Es ist erstaunlich, wie schnell jetzt alle Sachen verschwinden, auch das Allergewöhnlichste wird allmählich zu einer Seltenheit.«“ (1) 

„Im Sommer 1882 erfuhr Eduard Hernsheim, der gerade in Deutschland weilte, dass seine Station auf einer Nachbarinsel von Luf von Eingeborenen niedergebrannt und eines seiner Schiffe zerstört worden war. Daraufhin erwirkte er beim Reichskanzler Bismarck eine militärische Strafaktion, die vom 26. Dezember 1882 bis zum 5. Januar 1883 durch das Kanonenboot „Hyäne“ und die Korvette „Carola“ vollzogen wurde. In diesen elf Tagen zerstörten die Mannschaften der beiden deutschen Schiffe sechs Dörfer, zahlreiche Hausgeräte und Pflanzungen und mehr als fünfzig „Kanoes“, darunter zahlreiche Exemplare von der Größe und Qualität des Luf-Boots. Die Bevölkerung, deren Lebensgrundlage vernichtet war, sollte sich von diesem Schlag nicht mehr erholen. Hatten vor der Aktion bis zu vierhundert Menschen auf Luf gelebt, so waren es wenige Monate später nur noch etwa sechzig.“ (7) 




Vitrine 7 „Mahnmal des Schreckens“ 

 „In den 1880er Jahren unterwarf die deutsche Kaiserliche Kriegsmarine einen Teil von Neuguinea und umliegender Inseln, den hinfort so bezeichneten Bismarck-Archipel.“ (1) „Mit (Götz) Alys Buch ist das "liebe Luf-Boot" nun ein ebenso unmögliches Exponat geworden. Die Leute, die es nach Berlin brachten, sind verantwortlich für den Untergang eines Volks und seiner Kultur.“ (2) „In einer ersten Reaktion erklärte eine Sprecherin der SPK gegenüber der SZ, man werde das Boot weiterhin zeigen - nur jetzt als "Mahnmal der Schrecken der deutschen Kolonialzeit". 

Auf die Herkunft des Boots und die Strafexpedition, in deren Zuge etwa die Hälfte der Bewohner getötet wurde, soll in der Ausstellung eingegangen werden.“ (2) 

„Das heutige Papua-Neuguinea ist eines der ärmsten Länder der Welt.“ (8) 

Vitrine 8 „Auktionsbewertung 160 000 bis 200 000 Euro“ 

„Einzelne Stücke aus Hellwigs Raubgut werden bis heute gehandelt. So konnte man 2014 die Ankündigung »Museale Neuguinea-Figur unterm Hammer« lesen. Das hochvornehme Wiener Auktionshaus Dorotheum, 1938 bis 1944 führend an der Versteigerung des Eigentums entrechteter, geflohener und ermordeter Juden beteiligt, veranstaltete die Auktion, zu der mit folgendem Text eingeladen wurde: »Spitzen-Objekt der Dorotheum-Auktion ›Stammeskunst / Tribal Art‹ vom 24. März 2014 ist eine sehr seltene, alte Aufsatz-Figur einer ›Heiligen Flöte‹ der Biwat ( ... ) von vorgelagerten Inseln im Nordosten Neuguineas. Gesammelt im Jahr 1904 von dem deutschen Abenteurer und Kaufmann Franz Emil Hellwig. ( ... )“ 



Vitrine 9 „Nur ein Boot“ 

„Die originalen Eingangsbücher und Inventare enthalten wesentlich deutlichere und zahlreichere Hinweise auf das Sammeln wertvoller Ethnographica mit Hilfe von Kanonenbooten und im Kontext ungezählter sogenannter Strafexpeditionen. Genau deshalb weigern sich die meisten Direktoren ethnologischer Museen bis heute, die großen handgeschriebenen ursprünglichen Verzeichnisse, also die dokumentarischen Grundlagen ihrer Bestände, der interessierten Öffentlichkeit in digitaler Form zugänglich zu machen.“ 

 „Aly: Ich habe die Inventare des Berliner Ethnologischen Museums zur Südsee durchgelesen, insgesamt sieben handgeschriebene Folianten. Das geht sehr schnell. Vieles wiederholt sich. Dabei fällt auf, dass in der öffentlich zugänglichen Datenbank der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die längst nicht alle Stücke enthält, eine »Strafexpedition« zur »Expedition« verniedlicht wird, da wird ein Max Braun als Sammler geführt und nicht mitgeteilt, dass er Unterzahlmeister des Kanonenboots »Möwe« war, der Sammler Jakob Weisser diente in ähnlicher Funktion auf dem Kanonenboot »Hyäne«, da wird ein Auktionshaus in London, das regelmäßig koloniales Raubgut unter den Hammer brachte, zur »Sammlerin Webster«.“ (8) 

 „Aly selbst schlägt vor, der Republik Papua-Neuguinea, auf deren Territorium die Insel Luf liegt, das Auslegerboot zunächst rechtsgültig zu übereignen. Über eine Rückführung könne man später immer noch reden.“ (7) 

 „Aly: Angemessen erklärt führt dieses zum Museumsobjekt gemachte Boot mitten hinein in die deutsche Kolonialpolitik, zu den Bestrafungsbefehlen des Reichskanzlers Otto von Bismarck und zur grausamen Behandlung der Menschen in den deutschen »Schutzgebieten«. Außerdem ist dieses Boot das letzte Zeugnis einer großen Kultur. Es kann 50 Menschen tragen, gegen Wind kreuzen, ist hochseetüchtig. Es gibt eine Vorstellung davon, mit welchen Fahrzeugen die entlegensten Südseeinseln vor vielen 1000 Jahren besiedelt wurden – zu einer Zeit, als man im heutigen Deutschland noch in Höhlen hauste.“ (8) 

 „Zunächst sollten wir uns – konkret die Stiftung Preußischer Kulturbesitz – als Treuhänder und Bewahrer dieser Kulturschätze verstehen. Ich bin unbedingt dafür, dass sie öffentlich gezeigt werden. Ich plädiere aber auch dafür, in den Museen endlich damit zu beginnen, die kolonialen Gewaltgeschichten zu erzählen. Der Betrachter soll mit dem Zwiespalt zwischen jahrtausendealter Hochkultur und moderner Brutalkultur konfrontiert werden. Wie der Staat Papua-Neuguinea auf die Dauer reagiert, das werden wir sehen, aber ich bin dafür, dass wir diesen Staat rückwirkend als Treugeber betrachten und uns nicht als Eigentümer sehen. Wie es dann weitergeht, das ist eine Aufgabe für die nächste Generation. Es sollte nichts übereilt geschehen.“ (9) 

Literatur 

(1) Götz Aly: Das Prachtboot. Frankfurt/M. 2021 Leseprobe daraus in: Perlentaucher 11.5.2021 https://www.perlentaucher.de/vorgeblaettert/goetz-aly-das-prachtboot-leseprobe.html 

(2)Jörg Häntzschel: Raubkunst:"Mahnmal der Schrecken". Das Luf-Boot soll auch weiterhin im Humboldt-Forum gezeigt werden, erklären die Verantwortlichen in ersten Reaktionen auf das neue Buch von Götz Aly. In: Süddeutsche Zeitung, 10. Mai 2021 https://www.sueddeutsche.de/kultur/humboldt-forum-restitutionsdebatte-raubkunst-kolonialismus-goetz-aly-1.5290781 (2) Jörg Häntzschel: Koloniale Raubkunst: Das neue Buch von Götz Aly: Unmögliches Exponat. In: Süddeutsche Zeitung 10. Mai 2021 https://www.sueddeutsche.de/kultur/luf-boot-humboldt-forum-goetz-aly-1.5289074 

(3) Von der Insel Luf ins Humboldt Forum: Die Geschichte eines Südseebootes. Blog Staatliche Museen zu Berlin. Stiftung Preussischer Kulturbesitz, 25.Mai 2018 

(4) Südseeboote in BerlinTeil der Identität der Kulturen im Pazifik. Dorothea Deterts im Gespräch mit Maja Ellmenreich: Im Humboldt-Forum sollen die Südseeboote des Ethnologischen Museums Dahlem einmal einen prominenten Platz einnehmen. Deutschlandfunk 13.8.2015 https://www.deutschlandfunk.de/suedseeboote-in-berlin-teil-der-identitaet-der-kulturen-im.691.de.html?dram:article_id=328255 

(5) Lars Spannagel: Museen Dahlem Ein letzter Besuch vor dem Umzug ins Humboldt-Forum, in: Der Tagesspiegel 2.1.2016 https://www.tagesspiegel.de/kultur/museen-dahlem-ein-letzter-besuch-vor-dem-umzug-ins-humboldt-forum/12781932.html 

(6) Franz Emil Hellwig; Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Emil_Hellwig 

(7) Andreas Kilb: Pazifizierung im Schutzgebiet Kein fairer Erwerb: Der Historiker Götz Aly führt den Nachweis, dass ein ethnologisches Vorzeigestück des Humboldt-Forums koloniales Raubgut ist. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.6.2021 https://zeitung.faz.net/faz/feuilleton/2021-05-08/118d3dc17f5203176d36b866db6b36f5/?GEPC=s2&fbclid=IwAR3fH3SitprFBKeo6UJE09a8XoPQDw6dje-u8RWpPZVyEUh0_G_Extt373U 

(8) »Die Deutschen zerstörten ein Paradies – und behaupten bis heute das Gegenteil« Ein Segelboot von der Südseeinsel Luf soll ein Highlight der Ausstellung im Berliner Stadtschloss werden. Der Historiker Götz Aly sagt: Das Exponat steht für ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte. Ein Interview von Felix Bohr und Ulrike Knöfel in: Der Spiegel 8.5.2021 https://www.spiegel.de/kultur/deutscher-kolonialismus-in-der-suedsee-historiker-goetz-aly-ueber-die-zerstoerung-eines-paradieses-a-a4e4c3b8-b142-4b88-a5dd-749a1a9465fa 

(9) »Schuld und Sühne sind keine historischen Kategorien«. Ein geraubtes Boot aus der Südsee und seine Folgen: Ein Gespräch mit dem Historiker Götz Aly über das Erbe des deutschen Kolonialismus. Ijoma Mangold im Gespräch mit Götz Aly, in: Die Zeit, 11.5.2021 https://epaper.zeit.de/article/6c5134ed9e7a2946129495850675efc8ea48e6bc252cd6cef0bcadc033c827ab?fbclid=IwAR1y-9k7dng85KUHiHv2RgIeafO6yJiYVQKluMUAZOjfK14pjoGZ_eIetRQ

Freitag, 11. Juni 2021

Was man über den Oberösterreicher unbedingt wissen muss (Texte im Museum 994)

 

Stifterhaus Linz

Offenes Decodieren (Texte im Museum 993)



Eine Erläuterung, aus dem Internet gefischt: Die temporäre Kunstinstallation (von Cristoph Hinterhuber, G.F.) an der Außenfassade des Ferdinandeums verwandelt das Museum selbst in eine Skulptur und setzt ein Zeichen für die Zukunft des Museums und der Kulturarbeit in Tirol. Decode bedeutet „entschlüsseln“, recode „umcodieren“. An sich sind die beiden Begriffe eindeutig zu interpretieren. Werden sie allerdings durch de- und re- erweitert, eröffnen sie eine gedankliche Endlosschleife. Die eigentlichen Bedeutungen werden außer Kraft gesetzt, neue entstehen. In den vier möglichen, am Ferdinandeum dargestellten Varianten de-decode, de-recode, re-decode und re-recode entsteht ein Denkraum, der an den bevorstehenden Umbau des Ferdinandeums anknüpft und diesen symbolisch vorwegnimmt.

Mittwoch, 9. Juni 2021

„Gibts Fragen?“ (Joef Hader zu Beginn seines Kabarettptogramms „Hader privat“). (Texte im Museum 993)

 


“Exhibititionism - Sexuality at the Museum”

 “Exhibititionism - Sexuality at the Museum”

Call for Proposals

The Research Center for the Cultural History of Sexuality (Humboldt University, Berlin), the Kinsey Institute (Indiana University, Bloomington) and the Wilzig Erotic Art Museum (WEAM, Miami) would like to invite applications for the international conference "Exhibitionism. Sexuality at the museum" which will take place December 9-11, 2021.
The deadline for submitting proposals is August 15, 2021
Please find the online application form on our website: www.exhibitionismconference.com

"Exhibitionism. Sexuality at the museum" is a hybrid conference featuring online sessions during the day and evening events in Miami. It plans to bring together researchers, museum practitioners, artists, and educators whose work involves sexuality in museums, collections, and exhibition spaces. The aims of the conference are:

    Highlight the diversity of approaches that museums and exhibition spaces around the world use to talk about sexuality in new ways through artworks, objects, and other materials.
    Explore the way museums are increasingly becoming spaces for diverse sexual communities, creating opportunities for empowerment and to engage audiences.
    Foster and contribute to critical scholarship and museum practice on sexuality and museums in relation to and in order to highlight de-colonial, BIPOC, feminist, LGBTQIA+, crip, and working class initiatives and interventions.
    Connect researchers, museum professionals, artists, sex educators, and others working on sexuality and museums for intensive exchange and critical reflection to build networks and resources.

We invite and encourage papers and presentations from a wide range of disciplines and institutions.

The conference is organized by Hannes Hacke (HU Berlin), Rebecca Fasman (Kinsey Institute), and Melissa Blundell-Osorio (WEAM). Please see the attached pdf for more information.

We kindly ask you to circulate this call to people interested!

Best regards
in the name of the organisation team,

Hannes Hacke

--
Hannes Hacke
Research Center for the Cultural History of Sexuality
Humboldt-Universität zu Berlin
Unter den Linden 6, 10099 Berlin
https://hu.berlin/hanneshacke

PhD researcher
Centre for Anthropological Research on Museums and Heritage (Carmah)
Department of European Ethnology
Humboldt-Uiversität zu Berlin
http://www.carmah.berlin/people/hacke-hannes


Call for Proposals: “Exhibititionism - Sexuality at the Museum”, International Conference, December 9th - 11th, 2021

Deadline for submissions: August 15th, 2021
Conference organizers: Rebecca Fasman (Kinsey Institute, Indiana University, Bloomington), Hannes Hacke (Research Center for the Cultural History of Sexuality, Humboldt University, Berlin), Melissa Blundell-Osorio (Wilzig Erotic Art Museum, Miami)

The Kinsey Institute, the Wilzig Erotic Art Museum, and the Research Center for the Cultural History of Sexuality are hosting “Exhibitionism - Sexuality at the Museum,” a hybrid conference featuring online sessions during the day and evening events at WEAM for attendees in Miami and those who wish to travel to Miami. The conference will take place on December 9th - 11th, 2021 and aims to bring together researchers, museum practitioners, artists, and educators whose work involves sexuality in museums, collections, and exhibition spaces. We invite and encourage papers and presentations from a wide range of disciplines and institutions.

Conference background Museums are an integral part of the historical construction and classification of sexuality. Collections of artifacts and artworks addressing sexuality have played an important role in the production of sexual knowledge. From antiquities to contemporary art to everyday, mass-produced objects, the stories of sexuality have been told and collected through material culture. The public display of these collections of material culture connected to sexuality has always been contentious. There is a lack of educational concepts and methods for talking about sexuality in a museum setting, as well as still deeply-held restrictive notions of talking about sex.

At the same time, museums have often excluded sexualities and perspectives from women, people of color, queer people, disabled people, sex workers, indigenous people, and people from other marginalized communities. The racist and colonial legacies of museum collections, the exoticizing of non-western bodies and desires, and the objectification of women are well-known and studied. And yet, as more and more museums and exhibition spaces around the world recognize these extreme limitations, they are using artwork, objects, and other materials to talk about sexuality in new ways and critically engage with the diversity and intersections of sexuality, race, gender, class, and disability.

Museums are increasingly becoming spaces for community gathering, creating opportunities to engage audiences in programming that explores a variety of topics related to human sexuality. This is prompted in part by a growing number of museum and collections professionals who work with materials connected to human sexuality. But there is rarely a chance for a meaningful way for these professionals working on these topics to share and grow through their experiences and scholarship. This conference will remedy this issue.

Conference Goals and Intended Audience  
●    Highlight the diversity of approaches that museums and exhibition spaces around the world use to talk     about sexuality in new ways through artworks, objects, and other materials.
●    Explore the way museums are increasingly becoming spaces for diverse sexual communities, creating opportunities for empowerment and to engage audiences.
●    Foster and contribute to critical scholarship and museum practice on sexuality and museums in relation to and in order to highlight de-colonial, BIPOC, feminist, LGBTQIA+, crip, and working class initiatives and interventions.
●    Connect researchers, museum professionals, artists, sex educators, and others working on sexuality and     museums for intensive exchange and critical reflection to build networks and resources.Topic ideas include but are not limited to:
●    Curating Exhibitions on Sexuality
●    Intersectional Approaches: Centering Marginalized Voices
●    Being Explicit: Changing Language in Museum     Texts
●    Queering Museum Displays
●    A Natural History: Sex at the Science Museum
●    How to Deal with Depictions of Sexual Violence in Museums
●    BIPOC Sexualities in Museums
●    Desiring     Antiquities: Histories of Collecting
●    Classifications of Sexuality in Museum Collections
●    Erotic Art: Private Collectors/Public Display
●    Sexology and Anthropology: Colonial Legacies of Collecting Sexual Artifacts
●    Decolonizing Sexual Knowledge in Museums
●    LGBTIQ+ Community Museums and Collections
●    Building Trust - Bringing Private Collections to the Public
●    Connecting with Kink Communities in Museums
●    Museums as Cruising Spaces
●    Eroticism/Pornography/Art
●    Feminist Intervention in the Erotic (Art) Canon
●    A Male Gaze? Spectatorship and Voyeurism
●    Sex in/and Contemporary Art
●    Disability in the Erotic Archive
●    Sex Museums as Spaces of Sexual Learning
●    Target Audiences: Museum Education and Sexual Content
●    Using Museum Artifacts for Sex Education
●    Promoting Sexual Health - A Task for Museums?
●    Marketing for Sex Museums
●    Presenting the Histories of Sexuality Online - NSFW?
●    Censorship, “Age Appropriateness”, and Scandalization
    
Online presentation formats:The conference will have online sessions during the day, including a mixture of pre-recorded talks, live discussions, inter-active sessions, and space for meeting other        participants:

●     Presentations: 20 min recorded talk, tour, interview, etc. submitted before the conference, followed by a live Q&A/discussion at the conference
●    Panel discussion: 60 min, 3-4 people, live moderated discussion during conference (please provide list     of people you)
●    Interactive session: 60 min, live (e.g. label writing, storytelling with objects, sexual content on         social media, grant writing, show your own collection, etc.)    
●    Special interest group meeting/discussion room: 60 min, live (e.g. museum and sex educators, curators at     sex museums, BIPOC museum professionals, artists working with museums, thesauri enthusiasts, pornography archivists)Speaker honorarium and logistics: Since these sessions are virtual, there is no travel or accommodation stipend, however we will offer an honorarium of $200 if you are selected to present.  

Submission deadline: August 15th, 2021Submit your proposal: https://forms.gle/nvhgXGKdByVWND2TAWebsite:     www.exhibitionismconference.comQuestions? Contact us: info@exhibitionismconference.com


Sonntag, 6. Juni 2021

Nicht offen (Texte im Museum 991)

Kunsthaus Graz, im Juni 2021. Foto GF

Heute kein Fernsehen (Sitzen im Museum)

 


Abstand halten (Texte im Museum 990)

 

Kunsthaus Graz, im Juni 2021. Foto: GF

Ein Sammlung von Müll (Ein Museum)


Als Fahrer eines Müllabfuhrunternehmens hat Alois Schwarz es nicht übers Herz gebracht, einst geschätzte Dinge auf die Müllhalde zu kippen. Also hat er sie gesammelt. Daraus haben er und seine Frau Margarethe „Die Sammlung der verstoßenen Schätze“ eingerichtet. Wer „hinter“ die einst geliebten, später verstoßenen und nun wieder geliebten Ausstellungsobjekte „sehen“ kann, dem öffnet sich ein Fenster in den sozialen Wandel der vergangenen 50 Jahre und in das Leben der Menschen. (Webseite)


Das Gegenwärtige muß nicht nur alt und damit Müll, sondern auch Geschichte werden. Es muß Teil werden dessen, was wir so pathetisch als das „historische Erbe“ bezeichnen. Es geht dabei um unsere jüngste Geschichte und materiell um die neuesten Produkte.
Was geschieht damit mülltheoretisch im Sinne Michael Thompsons? Ein Teil der Dinge bleibt Müll, ein anderer Teil wird ewig. Der Müll wird verbrannt, das Ewige wird ausgestellt.
Und eines Tages werden Reste des Mülls, die der Verbrennung entkommen konnten, zu Ausstellungsgut erklärt, wahrend das, was wir von unseren Dingen ins Museum gestellt hatten, vielleicht, nein, nein, nicht im Müll, keine Angst, aber im Depot landet.

Lucius Burckhardt



Das Museum befinden sich in Straden (Steiermark; Österreich)

Ein Museum ist eine lose Folge von Museen, die die Diversität der Institution wiederspiegeln, thematisch, topografisch, zeitlich, typologisch.

Auch eine Zukunft des Museums

 


Samstag, 5. Juni 2021

Die Sache mit der "Quote"

Zeitungsmeldung: „Das Museum Altes Land hat im Schnitt 22.000 Besucher pro Jahr. Das sei ‚die beste Besucherquote eines Museums im gesamten Stader Landkreis’, gab Museumsleiter Dieter-Theodor Bohlmann auf der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Wirtschaft, Tourismus und Kultur bekannt.“ Besseres scheint man über ein Museum nicht sagen zu können, als es habe eine gute oder gar die beste Besucherquote. 

Nun bedeutet das Wort Quote aber nichts anderes als einen (prozentualen) Anteil an einer Gesamtmenge oder -anzahl. Das macht also in Bezug auf Museen gar keinen Sinn. Denn was wäre denn die Gesamtmenge an der eine Quote gemessen werden könnte? Alle Menschen einer Stadt als potentielle Besucher, alle einer Region, eines Staates...? 

„Sinn“ macht das Zählen von Besuchern vor allem im Vergleich der Museen untereinander. Jährlich veröffentlichte Statistiken werden gerne als Ranking gelesen, so wenig sinnvoll der Vergleich von Museen unterschiedlicher Größe, Sammlung oder Zahl an Ausstellungen auch ist. „Sinn“ macht das statistische Erfassen des Publikums auch im Vergleich mit anderen Ereignissen; so erfreut sich der von Museen mit Fußballspielen einer gewissen Beliebtheit. Museen überträfen, wenn man alles zusammenzählt, die Besuchszahlen der Fußballligen. 

Da geht es um die Legitimation der Institution, um die Unterstützung einer Argumentation, daß die Bildungsinstitution durchaus so attraktiv sein kann für ein großes Publikum wie ein Sportevent. Ganz besonders attraktiv ist die Quote aber als Wertmaßstab. Je größer die Zahl der Ausstellungsbesucher desto „bedeutender“, „besser“ ist die Ausstellung - so lautet die sehr schlichte Gleichung. Da es so etwas wie Ausstellungskritik kaum, Museumskritik so gut wie gar nicht gibt, füllt die „Quote“ die Leerstelle, die das Fehlen einer an Kriterien orientierten Kritik hätte. 

Es scheint mit abnehmender Bedeutung der herkömmlichen Bildungsaufgaben und der zunehmenden Bedeutung von Museen als touristischer Attraktoren und Freizeiteinrichtung, schwieriger zu werden, das Museum im herkömmlichen Sinn als Vermittler von Wissen und Bildung zu rechtfertigen und seine Sinnhaftigkeit zu begründen. In zunehmender Ökonomisierung des kulturellen Feldes, wird auch das Museum zudem mehr und mehr unter Beobachtung gestellt, ob es „rentabel“ ist. Das mißt man an einer anderen Quote, dem „Eigendeckungsgrad“. Das heißt, an jenen Einnahmen aus Eintrittsgeldern, Zuwendungen von Sponsoren, gewinnen aus dem Merchandising u.a., die gegengerechnet werden mit der aus Steuern bestrittenen Finanzierung durch die sogenannte öffentliche Hand. 

Quoten stützen statistisch den Schein gesellschaftlicher Unverzichtbarkeit und es überrascht nicht, daß während der Coronakrise die Debatte um die Größenordnung des Publikumszuspruchs aufkochte. Die Lockdowns wurden den Museen mit der begleitenden Bescheinigung sie seien eben wenig „systemrelevant“ verordnet. Nun war durch diese Diskussion zu entdecken, daß gerade die am besten finanzierten und großen Museumsinstitutionen, die die meisten „Drittmittel“ einwarben, am schnellsten Probleme mit der Finanzierung ihrer Ausstellungen und des, wie man so sagt, laufenden Betriebs, bekamen. Denn der zur Finanzierung großer Ausstellungen, der berüchtigten Blockbuster, nötige Bedarf wird überproportional von Touristen bestritten. 

Plötzlich bekam der Glanz der großen Zahl unschöne Flecken. Die hätten die jährlich als Erfolgsgeschichte verkündeten Zahlenkonvolute, die suggerierten, die Museen zögen immer mehr Besucher an, schon früher bekommen können. Und zwar aus einem nie wirklich beachteten Grund: Das Zustandekommen der Zahlen unterliegt keiner Kontrolle, methodische Fragwürdigkeiten – wie das Verwechseln von Besucherzahlen mit Besuchszahlen - und massive Manipulationen, wie das mehrfache Zählen von Besuchern, die in ein- und demselben Haus mehrere Ausstellungen oder Veranstaltungen besuchen -, verfälschen die Statistiken erheblich. Auch hier gilt das Bonmot Trau keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast. 

Die allerwichtigste Funktion der „Quote“ ist aber, die demokratische Qualität des Museums per se zu untermauern. Hohe Zahlen, die bei einzelnen (österreichischen) Museen die Millionengrenze übersteigen können, bei Ausstellungen in die Hunderttausender (was nicht sechsstellig ist, ist inzwischen nicht mehr erwähnenswert), sollen belegen, daß das Museum „jedermann“ („öffentlich“ heißt es in der ICOM-Definition) zugänglich ist. Spätestens um 1900 wird diese Zugänglichkeit als Nachweis dafür ins Treffen geführt, daß das Museum die „demokratischeste aller Bildungsinstitutionen ist“ (Gustav Pauli) und zwar deshalb, weil sie „jedermann“ offen stünde. 

Empirisch ist das längst widerlegt. Im Schnitt kommen etwa 50% einer Bevölkerung (eines Landes, einer Stadt usw.) nie in „ihre“ Museen. Das hat zwei Gründe: der soziale Status, altmodischer gesagt, die Klassenzugehörigkeit einerseits und die damit determinierten Bildungschancen andrerseits schließen Menschen vom Gebrauch und Genuß dieser Institution aus. Museen wirken sozial distinktiv und kulturell hegemonial. 

Die Quote verschleiert das. 

Obwohl es seit langem sehr differenzierte Untersuchungen zur Zusammensetzung, zur Herkunft, zu den Motiven des Publikums gibt, „verschluckt“ die Quote gerade dieses entscheidende strukturelle Merkmal von Museen und Museumspolitik. Davon „sprechen“ die veröffentlichten Zahlen einfach nicht und inzwischen werden umfassende Untersuchungen gemacht, wo auf Erhebungen der sozialen Bedingungen des Museumsbesuchs – oder seiner Vermeidung – einfach verzichtet wird. Mal sehen, ob die Debatten, die die Corona-Krise ausgelöst hat, etwas am Umgang mit der „Quote“ andern oder gar dazu führen, was Museumsleiter:innen ja vereinzelt schon vorgeschlagen haben, auf die Erhebung und Veröffentlichung zu verzichten.

Freitag, 4. Juni 2021

Peter Melichar: Fragen, die bleiben. Zur Tagung zum Heeresgeschichtlichen Museum

Die Tagung am 20. und 21. Mai im Wiener Literaturhaus brachte ein paar überraschende Erkenntnisse: Die gesamte Historikerzunft ist reumütig, weil man das HGM in den vergangenen Jahrzehnten nicht grundlegend kritisierte. Aber auch von allen anderen Vertretern sämtlicher Disziplinen, aber auch von Soziologinnen, Intellektuellen, Pfarrerinnen und Priestern hätte Kritik kommen können. Immerhin: Die Schriftstellerinnen Marlene Haushofer und Ingeborg Bachmann thematisierten das Museum schon um 1970 unnachahmlich in ihren Texten „Die Mansarde“ (Haushofer) und „Malina“ (Bachmann). Der Rest der Bevölkerung schwieg: Vermutlich lag das schlicht daran, dass es nur von kleinen Buben mit ihren Grossvätern besucht wurde. Da sich nun die Erkenntnis eingestellt hat, dass es so nicht geht, kamen überraschende Vorschläge:  Dirk Rupnow sprach sich für eine Sprengung aus (zumindest als rhetorisches Manöver). Weil einer der Teilnehmer den Einsatz eines Fieseler Storches nicht verstand, den Manfried Rauchensteiner aus schwedischem Besitz erwerben und zum Kriegsflugzeug umfärben ließ, verlangte er, dass ihm dieser die Bedeutung dieses deutschen Militärflugzeuges für die österreichische Geschichte erklären solle (Peter Melichar). Andere fragten, ob es überhaupt ein Heeresgeschichtliches Museum in Österreich brauche und sprachen sich für eine Neugründung als Demokratiemuseum aus (Gottfried Fliedl), wieder andere plädierten für eine temporäre Schliessung und völlige Neurorientierung. Was tatsächlich kommen wird, wusste der Leiter der HGM-Kommission, Wolfgang Muchitsch: Eine neue Direktorin bzw. ein neuer Direktor, der ein Team mit zwei oder drei Mitarbeiterinnen mitbringen darf und von einem kompetenten Beirat begleitet wird. Doch weder wird an der Einbettung des Museums in das bürokratische Gefüge des Verteidigungsministeriums etwas verändert noch an der Verwendung des Museums im Sinne der Traditionspflege. Das überraschendste überhaupt: Dass es einer zivilbürgerlichen Initiative gelungen ist, innerhalb einiger Monate Bewegung in die Sache zu bringen. Erstaunlich auch, dass es der Leitung des Ministeriums sowie des Heeresgeschichtlichen Museums selbst so völlig am Kampfeswillen mangelt. Nur noch ein paar matte Ablenkungsmanöver brachte man zustande. Das peinlichste darunter ist folgendes: Eine seit 2016 durch Österreich wandernde Ausstellung der Historiker Michael John und Albert Lichtblau, entstanden im Auftrag der Freunde von Yad Vashem, mit dem Titel „Gerechte“ wird seit kurzem im Eingangsbereich, in der sog. Ruhmeshalle und im Ersten Stock gezeigt. Diese Ausstellung thematisiert mutige Menschen, die Verfolgte während der NS-Zeit zu schützen und zu retten versuchten. Man fragt sich: Was hat diese Ausstellung mit dem HGM zu tun? Sie beantwortet keine der in diesem Zusammenhang dringlichen Fragen:   -       Haben österreichische Heeresverbände irgendwelche „Gerechte“ hervorgebracht? -       Wie viele ehemals österreichische Militärs haben wie viele Verfolgte geschützt und gerettet oder es zumindest versucht? -       Wie viele Kriegsverbrecher waren österreichischer Herkunft und wie viele waren in ehemals österreichischen Heeresverbänden und Militärschulen ausgebildet und sozialisiert? Welche Rolle spielten österreichische Armeeangehörige bei den Verbrechen der Wehrmacht? -       Wie viele österreichische Soldaten (bzw. Soldaten österreichischer Herkunft) wurden als Mitglieder des Widerstandes aus anderen Gründen verfolgt?  Zumindest die Direktion des Heeresgeschichtlichen Museums hätte sich diese oder ähnliche Fragen stellen und beantworten müssen, wenigstens den Versuch dazu wagen. Warum sie das nicht getan hat kann sie nur selbst beantworten. Feigheit vor dem Feind?

Donnerstag, 3. Juni 2021

Gesponsert sonnen (Sitzen im Museum)

 

Volkskundemuseum Graz im Juni 2021. Foto: G.F.

Wolfgang Muchitsch: Heeresgeschichtliches Museum Wien. Wie könnte es weitergehen?

 Auf der von Elena Messner und Peter Pirker veranstaltete Tagung "Heeresgeschichtliches Museum neu" (20. und 21.Mai 2021, Literaturhaus Wien) war Wolfgang muchitsch zu Gast. Er ist Leiter des Universalmuseum Joanneum und des Österreichischen Musuemsbund. Als Leiter der Kommission, die das Heeresgeschichtliche Museum evaluiert hat, kennt er dessen Situation genau und hat auch Einflüß auf den weiteren Prozess der Entwicklung des Museums.

Ich habe ihn gebten, seine Sicht der Dinge nach der Tgaung darszustellen - hier ist der Text.

Martin Fritz hat mir vor wenigen Tagen sein klares Statement zu wünschbaren Optionen zur Verfügung gestellt. Auf der Tagung hat sich daraus eine kurze Kontroverse mit Wolfgang Muchitsch zum Leitbildprozess entwickelt. Hier der Link zum Statement von Martin Fritz. https://museologien.blogspot.com/2021/06/martin-fritz-ein-leitbildprozess-fur.html

 


Gottfried Fliedl

Wolfgang Muchitsch

Heeresgeschichtliches Museum Wien - Wie könnte es weitergehen?

 

Über die Kritik am Heeresgeschichtlichen Museum Wien (HGM) wurde in den letzten Monaten vielfach in den Medien berichtet, wurden entsprechende Kommissionen zur Evaluierung eingesetzt und deren Ergebnisse veröffentlicht[1] sowie unter dem Titel #hgmneudenken öffentliche Diskussionen geführt.

Im Zuge dieses Prozesses hat die Kommission, der ich angehört habe und die erstmals ein österreichisches Museum in einer solchen Form überprüft hat, zu keinem Zeitpunkt die Existenz und Notwendigkeit des HGM in Frage gestellt und auch keine Hinweise auf antisemitische, rassistische oder rechtsextreme Inhalte gefunden, auch wenn fehlende Kontexte bei einigen Objektgruppen Interpretationsspielräume bieten.

Einzelne Bereiche wurden positiv hervorgehoben, wie die international bedeutenden Sammlungen, die Ausstellung zum Ersten Weltkrieg im Vergleich zu den übrigen Ausstellungsteilen sowie die engagierte Arbeit der Kulturvermittler*innen und die zahlreichen Angebote.

Gleichzeitig ist die vorgefundene Problemlage aber so vielschichtig, dass man diese nicht mit einzelnen kosmetischen Interventionen beheben kann, sondern nur mit einer Gesamtlösung, im Grund einer Neugründung des HGM.

 

Wo liegen die Probleme?

Zuallererst mangelt es an einem stringenten Gesamtkonzept, das die Haltung der Institution, seine Visionen und Ziele widerspiegelt und aus dem sich alle anderen Maßnahmen, Sammlungs- und Ausstellungspolitik, Zielgruppendefinition, Vermittlungskonzepte etc. bis hin zur Organisationsstruktur ableiten lassen. Da die im HGM zu verhandelnde Militärgeschichte untrennbar mit der politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Landes vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart verbunden ist, sollte ein solches Konzept naturgemäß auch mit anderen musealen Einrichtungen abgestimmt werden.

Das nächste „Problem“ ist die Hülle des HGM: das kulturhistorisch äußerst wertvolle Gebäude selbst und dessen Ausstattung, in dem ein inhaltliches und politisches Programm in Stein gegossen wurde – Glanz und Glorie der habsburgischen Armee und der Ruhm ihrer erfolgreichen Feldherren. Dieses politische Programm des Gebäudes mit seiner unkommentierten Feldherren- und Ruhmeshalle ist bis heute ungebrochen. Dementsprechend ist das Gebäude selbst das erste Museumsobjekt des HGM, dessen politischer Inhalt zu dechiffrieren ist. Dass das Gebäude einer umfassenden Sanierung und die räumlichen Funktionen einer Bereinigung bedürfen, ist ebenso offensichtlich wie der Investitionsrückstau in anderen Bereichen des HGM.

Ein weiteres „Problem“ sind die international bedeutenden Sammlungen des HGM, die in weiten Bereichen auf den Hinterlassenschaften von Offizieren, Feldherren und Mitgliedern des Hauses Habsburg aufbauen und daher die heute zurecht geforderte Multiperspektivität nicht in sich tragen. Die Perspektiven der einfachen Soldat*innen, der von Gewalt, Konflikten und Kriegen betroffenen Zivilbevölkerung oder die der Gegner fehlen dementsprechend.

Ein zusätzliches Problem, das auch vom Bundesrechnungshof aufgezeigt wurde, ist die Struktur, in der das HGM in das BMLV eingebettet ist. Ob das HGM innerhalb des BMLV überhaupt richtig angesiedelt ist oder ob es nicht eher in den Verband und damit die Kooperation der vom Bundesmuseen-Gesetz umfassten Bundesmuseen aufgenommen werden sollte, ist eine immer wiederkehrende Frage. Dass es sehr wohl möglich ist, auch innerhalb eines Verteidigungsressorts ein kritisches und selbstreflexives Militärmuseum zu führen, zeigt das immer wieder als Vorbild zitierte Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden. In welchem Ministerium es schlussendlich auch angesiedelt ist, das HGM braucht, neben den finanziellen Mitteln für die Umsetzung und den künftigen Betrieb einer neue Gesamtlösung, jedenfalls eine Struktur, die größere wirtschaftliche Freiheit und Kompetenzen beinhaltet, zumal dem HGM in § 31a (7) Forschungsorganisations-Gesetz inhaltliche Weisungsfreiheit und organisatorische Autonomie zuerkannt wird. Dementsprechend muss das bestehende Team breit aufgestellt und interdisziplinär erweitert werden, um neben den anerkannten militärhistorischen und waffentechnischen Expertisen auch andere Aspekte und Perspektiven der Geschichts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in sein Programm und seine Präsentationen einfließen lassen zu können.

Das bislang am intensivsten diskutierte Problem des HGM sind sicherlich dessen über die Jahrzehnte entstandenen ständigen Schausammlungen. Auch hier wird deutlich, dass ein Gesamtkonzept für das Haus und seine Ausstellungen fehlt. Kritisiert wird außerdem der Mangel an Multiperspektivität, die fehlenden Ansprüchen einer modernen Militärgeschichte, die fehlenden Kontextualisierungen sowie die im Vergleich zur gesamten Ausstellungsfläche von 7.300 m2 zu bescheidene Sonderausstellungsflächen von 115 m², was sehr viel über die Ausstellungspolitik eines Hauses aussagt. Die Schausammlungen erwecken den Anschein, von Fachwissenschafter*innen für ein Fachpublikum gemacht worden zu sein, haben vielfach den Charakter eines Schaudepots mit einer Überfülle an Objekten ohne nähere Erklärungen und Kontextualisierungen. Das HGM zeigt, wie Kriege vom österreichischen Feldherrnhügels aus geführt wurden, aber nicht warum sie entstanden sind, welche Auswirkungen und Folgen sie hatten und wie sie beendet wurden. Ruhm und Ehre des Hauses Habsburg und seiner Heerführer stehen im Mittelpunkt, Siege überstrahlen alles. Ursachen, Niederlagen und Gegner bleiben im Dunkeln, Beutestücke werden als Siegestrophäen präsentiert und bestehende Feinbilder weitertradiert.

 

Wie könnte es weitergehen?

Ausgelöst von den zivilgesellschaftlichen und medialen Debatten haben sowohl Bundesminister Thomas Starlinger (3. Juni 2019 bis 7. Jänner 2020) als auch Bundesministerin Klaudia Tanner (seit 7. Jänner 2020) den dringenden Handlungsbedarf erkannt und parallel zu einer laufenden Prüfung des Bundesrechnungshofs externe Kommissionen sowohl mit der Überprüfung des Museumsshop-Sortiments als auch der ständigen Schausammlungen beauftragt.

Der vorgelegte Bericht zu den Schausammlungen hat Bundesministerin Tanner sowie die Verantwortlichen im BMLV mittlerweile aus meiner Sicht und Wahrnehmung ernsthaft dazu bewogen, eine „große“ Lösung für das HGM anzustreben und anzugehen, die sowohl eine Reform der Struktur, eine Erweiterung des Teams, eine Generalsanierung der Liegenschaft als auch eine inhaltliche Neuorientierung und darauf aufbauend Neuaufstellung des Museums beinhaltet.

Sosehr ich dem von Martin Fritz in der letzten Diskussion vorgeschlagenen Prozess einer zivilgesellschaftlichen Neugründung einiges abgewinnen kann, bin ich doch angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen und des im Augenblick gegebenen window of opportunity im Sinne einer realistischen Lösung der Verfechter eines eher pragmatischen Zugangs.

Erste Schritte dazu sind neben der internen Reform der Struktur, die mehr Autonomie und wirtschaftliche Spielräume eröffnet, die Einsetzung eines breit aufgestellten internationalen Beirates, der der Ministerin sowie vor allem der Leitung des HGM bei der weiteren Entwicklung kollegial und konstruktiv kritisch beratend zur Seite stehen soll. Aufbauend auf einer internationalen Ausschreibung des BMLV im Herbst, die den Willen zu einer Neuorientierung bzw. Neugründung des HGM klar zum Ausdruck bringen müsste und von potenziellen Bewerber*innen als Entscheidungsgrundlage für eine Bestellung Konzepte für die mögliche Entwicklung des HGM einfordert, sollte eine neue Leitung des HGM bestellt werden, der man in weiterer Folge auch unbedingt die Möglichkeit geben muss, zwei bis drei Schlüsselposition mit Personen ihres Vertrauens zu besetzen. Dieses neue Leitungsteam wäre gemeinsam mit den Mitarbeiter*innen des HGM gefordert, in einem ersten Schritt unter der Einbindung möglichst vieler Stakeholder und Initiativen sowie des Beirates ein Gesamtkonzept für das „HGM Neu“ zu entwickeln, aus dem heraus sich alle weiteren Ziele und Maßnahmen ableiten. Inwieweit – bis zur tatsächlichen Umsetzung eines neuen Konzeptes, die schlussendlich einige Jahre benötigen wird – in bestehende Ausstellungsbereiche interveniert wird bzw. Teile geschlossen werden, sollte in der Entscheidung der künftigen Leitung liegen. Sinnvoll wäre es jedenfalls, die vom BMLV bereits zusätzlich in Aussicht gestellten Mittel nicht in einzelne kleine Reparaturmaßnahmen, sondern in die sorgsame Planung und Vorbereitung eines „HGM Neu“ einfließen zu lassen. Zugleich muss sich das BMLV bewusst sein, dass es sich dabei nicht nur um das spannendste, sondern wohl auch finanziell größte Museumsprojekt des Bundes in den kommenden Jahren handeln wird. Ein Vergleichswert wäre die nunmehr beginnende Neuaufstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin, für die bei einer ähnlichen Dimension, aber bei weiten vielfach besseren baulichen Infrastruktur über EUR 46 Mio. veranschlagt sind. Es bleibt zu hoffen, dass die zur Umsetzung des Konzepts erforderlichen Budgetmittel langfristig abgesichert zur Verfügung stehen und der politische Wille dafür in den kommenden Jahren nicht verloren geht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



[1] Bericht über die Überprüfung der Dauerausstellungen des Heeresgeschichtlichen Museums Wien (exkl. Des Zeitabschnitts 1918 bis 1945/46 Republik und Diktatur), 11. 1. 2021, Bundesministerium für Landesverteidigung (BMLV), https://www.bundesheer.at/download_archiv/pdfs/bericht_hgm_01022021.pdf [11.3.2021]

Mittwoch, 2. Juni 2021

Martin Fritz: Ein Leitbildprozess für ein "Heeresgeschichtliches Museum neu" ist notwenig

Die von Elena Messner und Peter Pirker veranstaltete Tagung "Heeresgeschichtliches Museum neu" (20. und 21.Mai 2021, Literaturhaus Wien) spitzte sich gegen Ende auf die Frage zu, in welchem Prozess und von wem denn die Entscheidungen über die künftige Entwicklung des Musuems kommen werden.

Martin Fritz hat in einem sehr klaren Statement die wünschbaren Optionen benannt. Ich habe ihn gebeten, sie mir zur Verfügung zus stellen. Hier also die Schriftfassung seines Statemts auf dem Panel „Ein Leitbildprozess für das HGM?" 

Gottfried Fliedl

 

„Es ist bezeichnend für die Situation, wenn man - wie jetzt gerade - hört, dass im Verteidigungsministerium bereits an Beiratsbesetzungen und Direktionsausschreibungen gearbeitet wird, während wir hier glauben, dass sich gerade erst grundsätzliche Interventions- und Denkräume eröffnet haben. Es ist also schwer, den Raum der Fantasie für einen Neuanfang offen zu halten, wenn er sich vielleicht schon wieder schließt. Doch ich will es versuchen:

 

1)     Nur zur Erinnerung: Es liegt nun mehrere Expert:innenberichte vor, die dem Museum und seinen Verantwortlichen sowohl inhaltliche wie auch organisatorische Unzulänglichkeit attestieren. Die selektive Zitierung der Berichte und der Fokus auf den Teil zu „Republik und Diktatur“ lies dabei in Vergessenheit geraten, wie grundlegend viele der Kritikpunkte zu fast allen Ausstellungsteilen sind. Im Grunde wäre eine vorübergehende Schließung notwendig.

 

2)     Trotzdem ist es zu früh für Direktionsausschreibungen. Interessanter wäre eine Form von Interimsverwaltung oder Gründungskonvent, die/der sich als temporäres Übergangsregime versteht. Nachdem durch die Berichte der Kommission endgültig klar wurde, dass die alten Kräfte abgelöst werden müssen, braucht es ein grundlegend neues Konzept. In einem solchen (Neu)gründungskonvent müsste sich mindestens die Vielfalt und die Expertise der aktuellen Tagung widerspiegeln.

 

3)     Alles andere als eine Integration der Initiative „HGM neu denken“ in diesen Prozess wäre ein Affront, wenn man bedenkt, welchen Dienst diese Gruppe der Republik Österreich durch ihre Aktivität bereits jetzt erwiesen hat.

 

4)     Auf den Einwand, dass es notwendig wäre, „pragmatische“ Lösungen zu suchen, kann geantwortet werden, dass es nur in einem überpragmatischen Umfeld wie dem ministeriellen als „unpragmatisch“ gelten kann, die Forderung nach einer breiteren Diskussions- und Neukonzeptionsphase zu erheben. Für die Einbeziehung von Fach- und Zivilgesellschaft in Veränderungsprozesse gibt es gute Vorbilder. Solche Prozesse brauchen Zeit, Geld und Sachverstand. Viele haben in den letzten Monaten ihren Sachverstand bereits ehrenamtlich eingebracht.

 

5)     Die letzte Chance des HGM wäre es gewesen, wenn es selbst die Kommission beauftragt hätte. Wenn die Initiative „HGM neu denken“ und der Impuls für diese Tagung vom HGM selbst ausgegangen wäre, hätten wir uns heute im HGM getroffen. Nicht zufällig habe ich beim HGM immer die Vorstellung, dass es eine physische Inbesitznahme des Museums durch die Zivilgesellschaft - wie nach einer Machtübernahme - bräuchte: Dann müsste man es auch nicht schließen, denn in jedem Raum könnte ein Vertreter/eine Vertreterin des Übergangsregimes für die Teilhabe des Publikums an den notwendigen Veränderungs- und Lernprozessen sorgen. Ich bleibe beim Schlusssatz meines Textes für den Reader: Die alten Kräfte hatten 103 Jahre dafür Zeit. Sie haben sie nicht genutzt.“

 

Martin Fritz

Dienstag, 1. Juni 2021

Verwildertes Denken (Texte im Museum 989)

 

Und noch einmal die Steiermark-Schau, und noch einmal jemer Teil, der "was war" heißt und im Geschichtsmuseum gezeigt wird. Wenn "Natur" oder "Wildnis" begrifflich-sprachliche Werkzeuge sind, die nur dem Menschen zur Verfügung stehen, dann wie etwas ohne Menschen Natur genannt werden kann, die Wildnis "ist". Könnte von Karl Valentin sein. (Foto GF)