Dienstag, 19. April 2011

Überraschungen sind leise und unauffällig. "Wir sind Bettler" im Grazer Stadtmuseum


Als ich unlängst mit Freunden, die in Graz zu Gast waren, die Ausstellung "Grazgeflüster" im Stadtmuseum besuchte, gabs eine Überraschung. In den an der Sackstraße liegenden und wie ein Schaufenster zur Straße geöffneten Räumen waren grade Handwerker mit letzten Handgriffen an einer Ausstellung beschäftigt.
An der noch verschlossenen Glastür gabs einen Text mit der Überschrift "Wir sind Bettler" (ein Luther-Zitat). In großen handgeschriebenen Blockbuchstaben wurde hier gegen das Bettelverbot, das in der Steiermark und in Graz ab 1. Mai gelten soll, Stellung bezogen.
Das Verbot "überschreitet eine Grenze, die unberührt bleiben muss. Es muss erlaubt bleiben, um Gaben zu bitten, und Gaben zu empfangen".

Was ist daran überraschend?

Ich denke, daß Museen selten direkt zu politischen und gesellschaftlichen Fragen Stellung beziehen, wenn diese aktuell und konfliktreich sind. Hier ist das der Fall, auch wenn nicht nur das Museum spricht, sondern die Graz Akademie, die sich gegen das Bettelverbot sehr engagiert. Mit dem Text und der kleinen Ausstellung, die der Text gewissermaßen 'eröffnet', positioniert sich auch das Museum klar und unmissverständlich.

Warum geschieht so etwas so selten, daß es einen überrascht, wenn es einmal doch passiert? Die Antworten scheinen auf der Hand zu liegen: ein Museum ist seinem 'Auftraggeber' und 'Geldgeber' verpflichtet, in gewisser Weise auch von ihm abhängig und geht Risiken ein, wenn es sich mit der 'herrschenden Meinung' anlegt; Museen  können aus praktischen Gründen schlecht auf aktuelle Entwicklungen und Ereignisse reagieren, weil sie ausreichend Ressourcen und Zeit benötigen - Ausstellung zu produzieren ist aufwendig; Museen sind neutral und sollen neutral bleiben.

Das letzte Argument ist das, das verschleiert, daß Museen strukturell in dem Sinn politisch agieren, in dem sie 'zivilisatorische Rituale' sind, die es immer mit Herkunft und Zukunft, Identität, Distinktion und Hegemonie zu tun haben und wirkungsvoll ihre soziale Macht gerade dann ausspielen, wenn sie behaupten, sie hätten keine.
Das zweite Argument wird widerlegt von Beispielen und von der Vielfalt der Mittel, Medien und Methoden, die Museen zur Verfügung stehen. Das erste Argument hat auf den ersten Blick etwas für sich. Das Grazer Stadtmuseum wird von der Stadt nicht grade verwöhnt. Die finanziellen Mittel sind eine sehr kurze Decke, nach der man sich mühsam Strecken muß und Loyalität von Politikern ist ein labiles Gut. Und Museen sehen sich vielleicht mehr als andere kulturelle Einrichtungen einer direkteren Gängelung ausgesetzt.
Doch stellt sich die Frage, wer ist der 'Auftraggeber' und der 'Geldgeber'? Ein Stadtrat, ein Kulturamtsleiter, eine Abteilung der Verwaltung usw.? - Der Leiter des Museums, Otto Hochreiter, hat unlängst in einer Diskussion mit Gastkuratoren und MitarbeiterInnen des Hauses von einem "öffentlich-rechtlichen Erzählauftrag" des Stadtmuseums gesprochen. Klingt bürokratisch, gefällt mir aber sehr, weil diese Formel klar macht, daß das 'Projekt Museum' ein gesellschaftliches ist (alle zahlen mit, alle besitzen de jure das Sammlungsgut) und Politiker und Verwalter den öffentlichen Auftrag Museum nur treuhänderisch verwalten. Verpflichtet ist ein Museum im emphatischen Sinn allen, 'der Öffentlichkeit'.

Daß hier Probleme liegen, ja gewiss. Aber ein Museum, das sich über (s)einen 'Erzählauftrag' wieder an die Öffentlichkeit rückkoppeln, geht mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein an seine Arbeit und öffnet ganz andere Optionen für Kooperation und - wie im Fall dieser Ausstellung - auf Positionierung, Intervention, Stellungnahme. Und es räumt der Zivilgesellschaft andere Möglichkeiten ein, 'ihr' Medium für kollektive Selbsterfahrung, für gemeinsame Lernprozesse selbst zu nutzen. Über das scheinbar beiläufige Faktum hinaus, setzt die (der Sache nach banale, im Prinzip oft geübte) Kooperation des Museums mit der Graz Akademie eine grundsätzliche Option frei. In dem Maß, in dem sich das Museum freispielt von politischer Rücksichtnahme, öffnet es sich Räume für zivilgesellschaftliches Engagement. (Und als Museumshistoriker füge ich hinzu: das ist nicht der Verrat an einer Idee, sondern die Reanimation des Museums als Projekt der Moderne).

Isoliert betrachtet ist die Ausstellung bescheiden, versammelt Arbeiten von Künstlerinnen die sich in den letzten Jahren und aktuell zum Betteln und zum Verbot 'geäußert' haben. Aber die Ausstellung und die spontane Artikulation des Museums ist in ein Netzwerk zivilgesellschaftlichen Widerstands und Widerspruchs eingebunden. Als solche ist sie gedacht und als solche wird sie hoffentlich auch etwas bewirken.

So bescheiden die Ausstellung ist, ich habe allen Respekt vor der Haltung, die damit zum Vorschein kommt. Sie ist so klar, wie der Text. "Eine Grenze darf nicht überschritten werden". Den Satz mochte man in den letzten Jahren und auch ganz aktuell öfters zücken, angesichts der politischen Entwicklung, angesichts der Implosion demokratischer Rechte und Strukturen, angesichts des Abbaues sozialstaatlicher Werte und Normen.

Museen sollten sich nicht hinter den logistischen, finanziellen oder institutionspolitischen Fragen verschanzen, also nicht hinter ihrer eigenen Fantasielosigkeit und Feigheit. Sie sind - um ein Wort Aby Warburgs zu gebrauchen - durchaus als 'nervöse Auffangorgane' gesellschaftlicher Prozesse zu gebrauchen.

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Wir sind Bettler

Eine Kooperation von Akademie Graz und Stadtmuseum Graz - KuratorInnen: Martin Behr, Astrid Kury

„Wir sind Bettler. Das ist wahr!“ schrieb Martin Luther am 18. Februar 1546, kurz vor seinem Tod.
Es ist wahr, wir sind Wesen, die bedürftig sind und es ein Leben lang bleiben. Ein generelles Bettelverbot, wie es in der Steiermark und in Graz am 1. Mai 2011 in Kraft tritt, überschreitet eine humanitäre Grenze, die unberührt bleiben muss. Es muss erlaubt bleiben, um Gaben zu bitten und Gaben zu empfangen. Die Ausstellung versammelt bestehende und neue künstlerische Positionen zum Thema Betteln und Bettelverbote.

Mit Arbeiten von: ERIC AUPOL, DELAINE LE BAS, JOACHIM BAUR, ERNST M. BINDER, CHRISTIAN EISENBERGER, STEFANIE ERJAUTZ, OLIVIA FÜRNSCHUSS, KARL GRÜNLING, PETER GERWIN HOFFMANN, ZLATKO KOPLJAR, XXKUNSTKABEL, CLAUDIA NEBEL, NORBERT NESTLER, FRIEDERIKE NESTLER-REBEAU, RESANITA, CHRISTOPH SCHLINGENSIEF, JOSEF SCHÜTZENHÖFER, WOLFGANG TEMMEL, GUSTAV TROGER, THEATER IM BAHNHOF, FRANZ WEST, JOSEF WURM, ZWEINTOPF, U.A.

Ausstellungsdauer: bis 4.Mai 2011
Öffnungszeiten: Di – So, 10:00 – 18:00 Uhr
Stadtmuseum Graz
Sackstraße 18
8010 Graz

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Akademie Graz
http://www.akademie-graz.at/

Gegen ein Bettelverbot in Graz / Facebook
http://www.facebook.com/group.php?gid=121805051185095

1 Kommentar:

carl auböck architekt hat gesagt…

toller post .danke!