Montag, 14. Februar 2011

Wertigkeiten und Fertigkeiten. Die Museologin Roswitha Muttenthaler zur Bedeutung der Hologramme des Jüdischen Museums



Martin Kohlabuer: Modell für das Environment der Hologramme für das Jüdische Museum der Stadt Wien















Roswitha Muttenthaler: Wertigkeiten und Fertigkeiten
                                
Der Wertschätzung der Hologramme kann ich mich als Museologin und Kulturwissenschaftlerin nur anschließen. Was ihre herausragende Bedeutung ausmachte, ist bereits dargelegt worden. Meine Wortmeldung möchte ich daher weniger auf die physische Zerstörung legen, auch wenn ich diesen Akt wie viele andere nicht nachvollziehen kann. Doch genauso brisant wie die Zerstörung finde ich den Prozess der Demontierung ihrer Bedeutung und der Disqualifizierung einer kritischen Öffentlichkeit, wie sich dies in den bisherigen Stellungnahmen des Jüdischen Museums und zum Teil auch in der Presse abzeichnete.

Eines meiner Metiers, mit dem ich mich seit Jahren auseinandersetze, ist die Analyse von Ausstellungen mittels interdisziplinärer Methoden, mit dem Ziel, Blicke für angelagerte Deutungen zu schärfen und diese in einen Diskurs zu überführen. Bekanntermaßen ist es in Hinblick auf mögliche Konnotationen und den so genannten Subtext von erheblicher Bedeutung, welche Bilder oder Worte bei der Vermittlung von Aussagen gewählt werden.
Wenn Der Standard am 11.02.2011 bereits in der Schlagzeile mit dem Begriff „Aufregung“ operiert, werden völlig andere Konnotationen ausgelöst, als wenn etwa die Begriffe Kritik oder Diskussion verwendet würden. Die als Aufregung bezeichneten Wortmeldungen lassen in bestimmter Weise emotionalisierte Protagonist/innen assoziieren. Dies impliziert, dass der Kritik tendenziell inhaltliche Argumente, eine sachliche Berechtigung der Motive genommen wird, und so ein bestimmter Deutungs-Rahmen für das Kommende gesetzt wird. Gegen Ende des Artikels wird erneut ein emotionalisierender Moment eingebracht: die Museumsdirektorin wird mit der Redewendung, „menschlich enttäuscht“ zu sein, zitiert. Es handelt sich nicht allein um eine heutzutage in der öffentlichen wie privaten Kommunikation sehr beliebten Formulierung, sondern die Redewendung bietet unter dem Aspekt der Betroffenheit die Möglichkeit, indirekt Menschen abzuqualifizieren, die Auslöser der Enttäuschung in ein negatives Licht zu rücken und auf Mitgefühl zu rekurrieren. Dabei stellt sich mir zum einen die Frage, wem der Raum gegeben wird, seine Enttäuschung mitzuteilen. Was wäre, wenn die namentlich genannten Verursacher der Enttäuschung vice versa ebenfalls menschlich erschüttert wären? Zum anderen halte ich es für bedenkenswert, persönliche Befindlichkeiten mit inhaltlichen Argumentationen zu verschränken. Und ein No-go bilden Formulierungen, die Unterstellungen erlauben, wie sie Der Standard im ersten Artikel am 11.2.2011 machte: Kritik erscheint aus persönlicher Motivation gespeist und dass die Direktion von "Kampagnisierung" und von "Intrige" spricht, wird unkommentiert übernommen.  
Die Sprache von Presseartikeln unterliegt immer auch Anforderungen der medienwirksamen Zuspitzung. Doch  ist die Wortwahl von den Statements des Jüdischen Museums bestimmt: So ist auf der Website der Begriff „Aufregung“ ergänzt um jenes der „Erregung“. Die Konnotationen der beiden Begriffe gleichen sich, gehen aber beim Begriff Erreger noch viel weiter. Denn hier kann etwa auch das medizinisch-hygienische Bedeutungsfeld aufgerufen werden, in dem der Begriff klar negativ besetzt ist: Erreger von Krankheiten, Seuchen etc. Was bedeutet dieses Konnotationsfeld für die von Kritiker/innen geäußerten Argumente, wenn eine Stellungnahme des Jüdischen Museums mit „Stationen der Geschichte einer österreichischen Erregung“ überschrieben ist und dieser Formulierung auch den Titel einer Ausstellung bildet? Während die kritische Öffentlichkeit in einer disqualifizierenden Rhetorik gefasst wird, wählt das Jüdische Museum für seine eigenen Argumentationen Begriffe wie „Fakten“ und Formulierungen wie „Suche nach einer neuen Heimat“.
Ob solche Setzungen PR-geschulten Strategien geschuldet oder passiert sind, interessiert mich vorerst weniger. Entscheidend finde ich, wie diese wertenden Rahmungen mit dem Bestreben einhergehen, die Bedeutung der Hologramme gering zu halten. Dies lässt sich an der beharrlichen Betonung der technischen Ebene erkennen: in auf der Website des Museums veröffentlichten Statement wird ihre Form und Montierung und die angebliche Unmöglichkeit der Demontierung detailliert beschrieben, ohne ihre inhaltlichen Dimensionen zu erwähnen. Die Hologramme erscheinen als beliebig austauschbares Ausstellungsmittel, wie es Vitrinen sind. Sie werden als „eine Technologie zur Darstellung von Inhalten, die sich allerdings nicht durchgesetzt hat“ beschrieben, die nunmehr durch Abnützung „technisch ausgedient“ sind. Zudem sei durch ein zweites Set an kleineren Hologrammen gewährleistet, „dass dieses Instrument als Erinnerung an eine veraltete Technologie erhalten“ bleibt. Mit „Aufregung um veraltete Hologramm-Technologie“ titelt auch Der Standard seinen ersten Artikeln am 10.2.2011. Diese Haltung wird ergänzt durch die Aussage der Direktorin, die Hologramme seien keine Exponate. 
Wie schon im offenen Brief an die Museumsdirektion formuliert, liegt die Besonderheit der Hologramme im Zusammenfallen von Präsentation und Exponat. Doch selbst wenn die Hologramme „nur“ als Ausstellungsmittel konzipiert worden wären, stünde ihnen der Weg zum Exponat immer offen. Zum museologischen Grundwissen gehört, dass Exponate nicht per se gegeben sind, sondern von wissenschaftlichen, museologischen Disziplinen und gesellschaftlichen Diskursen geschaffen werden, wie dies Barbara Kirshenblatt-Gimblett 1991 etwa für ethnografische Objekte formulierte: „Ethnographic artifacts are objects of ethnography. They are artifacts created by ethnographers.“ Dies gilt auch für Präsentations- oder Wissenschaftsexponate. Beispielsweise werden Funktionsmodelle zur Veranschaulichung von technischen Funktionen immer wieder auch zu sammlungswürdigen musealen Objekten. Für welche dies erfolgt und welche als entsorgbares Gebrauchsgut gelten, unterliegt wie bei allen Sammelprozessen sich ändernden Zuschreibungen von symbolischen, historisch-musealen Wertigkeiten. Die Sammlungswürdigkeit erhielten die Hologramme sowohl aus der Besonderheit der Hologramme - das Zusammenfallen von Präsentation und Exponat - als auch durch ihre Relevanz in der öffentlichen und wissenschaftlichen Rezeption, durch ihre Rolle für die Ausstellungs- und Gedächtniskultur – von Martin Beck so treffend Diskursrelevanz genannt. Damit bin ich bei meinem zentralen Anliegen: Warum führt das Jüdische Museum keine Diskussion über Wertigkeiten, sondern verschiebt sie zu einer der (technischen) Fertigkeiten? Dabei hängen beide unmittelbar zusammen. Die Zerstörung mit mangelnden Fertigkeiten zu argumentieren, verdeckt, dass in der Regel die Wertigkeit auch die Fertigkeit bestimmt. Wird etwas als unwiederbringlich wertvoll betrachtet, werden erstaunliche Ressourcen und Wissenskapazitäten aktiviert, um technische Lösungen zu finden. Dass diese gar nicht so hoch gewesen wären, erklärte ein am Aufbau der Hologramme Beteiligter.

Roswitha Muttenthaler, Museologin, Kuratorin, Kulturwissenschaftlerin
Wien, 12. Februar 2011

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