Donnerstag, 7. Januar 2010

Das Haus der Natur in Salzburg als Institut des SS-Ahnenerbes

Zum neuesten Stand der Erforschung, Diskussion und Aufarbeitung der Rolle von Eduard Paul Trat und des von ihm gegründeten naturmuseums durch das Haus der Natur selbst siehe den Post „Das Haus der Natur stellt sich zum ersten Mal seiner Gesichte. Hier: http://museologien.blogspot.co.at/2014/10/das-haus-der-natur-stellt-sich-zum.html 


 1990 erhielt das Haus der Natur in Salzburg den Österreichischen Museumspreis. Der Preis würdigte damit nicht nur eines der populärsten und viel besuchten Museen in Österreich, sondern ein Haus, das in der NS-Zeit eine zentrale Forschungs- und Vermittlungsstätte der SS war und das wesentlich zur Legitimation des nationalsozialistischen Herrschafts- und Unrechtssystems beigetragen hat.
In der gutachterlichen Begründung wurde  nicht nur die Abteilung Mensch und Tier in Fabel und Mythos, mit der sich das Museum für den Preis beworben hatte, gewürdigt, sondern insgesamt das dynamische Museum einschließlich seiner Geschichte und seines Gründers, Eduard Paul Tratz, der das Haus der Natur als ein mutiges und weitblickendes Unternehmen, als Erlebniswelt 1924 gegründet hat.

Der Gründer und - bis 1976 - Leiter des Hauses der Natur, Eduard Paul Tratz beschrieb 1930 seine Sammlung so: "Freilich über ungeheure Reihen streng wissenschaftlicher und systematischer Kollektionen verfügt unser Museum nicht. Denn unser Museum hat von allem Anfange an nicht andere, sondern völlig neue Aufgaben. Eine Institution, die aus dem Volke herausgewachsen ist, hat in erster Linie für das Volk zu sein."
Tratz betrieb seit den 30er-Jahren die Loslösung vom herkömmlichen Bild der Naturmuseen, das einem “ausgestopften Zirkus“ bzw. einer “Anhäufung von Klamotten“ gleiche. Das so charaktersierte Museum diente, so Tratz, dem 'heimischen Wirtschaftsleben' und dem 'internationalen Fremdenverkehr'.
Die Neuorientierung des Museums bestand z.B. in einer Zusammenfassung der Vererbungslehre und Rassenhygiene, einer Abteilung Der Boden als Ernährer des Menschen, eine zum Werden, Wesen und Vergehen des Lebens, Einfluß der Pflanzen auf die Kunst, den Brauch und Aberglauben, oder zur Sozialhygiene mit "Schwangerschafts-, Säuglings- und Kleinkinderfürsorge, dann Mutter und Kind, Kind und Schule.
Im Herbst 1938, also bald nach dem 'Anschluß' Österreichs an das Deutsche Reich, wurde das Haus der Natur, das eigenartigste naturkundliche Museum, das Großdeutschland nach der Eingliederung der Ostmark nunmehr besitzt  (Salzburger Volksblatt 16.11.1938), der SS-Stiftung 'Forschungs- und Lehrgemeinschaft (das) Ahnenerbe' angegliedert. Das 'Ahnenerbe' war 1935 vom Reichsführer der SS Heinrich Himmler und anderen gegründet worden, um mit  exakt wissenschaftlicher  Methodik ... 'Raum, Geist und Tat des nordrassigen Indogermanentums zu erforschen.
Neben arischer Kulturforschung förderte das 'Ahnenerbe' seit Beginn des 2. Weltkrieges auch medizinische und biologische Grundlagenforschung und deren Anwendung als wehrwissenschaftliche Zweckforschung. Hierzu zählten unter anderem: Kampfstoff- und Seuchenforschung, wehrmedizinische Forschung, angewandte Mathematik und Pflanzengenetik sowie die kriegswichtige Wehrgeologie, für die 1941 der Reichsbund für Karst- und Höhlenforschung mit Sitz in Salzburg und mit dem Bundesleiter Tratz gegründet wurde. Wehrgeologische Forschungen z. B. in Görz und Triest waren eine der Grundlagen der Partisanenbekämpfung. Insgesamt sollte so den wissenschaftlichen und ideologischen Anforderungen des nationalsozialistischen Staates und des 2. Weltkrieges entsprochen werden.


Tratz, in einem Sicherheitsdienst-Bericht als überzeugter Nationalsozialist eingestuft, leitete die neue Forschungsstätte des Ahnerbes für  ‚darstellende und angewandte Natur’ seit 1939. Die Funktion des Naturkundemuseums sollte nun sein, zu einem volkstümlichen und für jedermann, auch für den einfachsten Mann des Volkes, verständlichen und zugänglichen Mittler zwischen ihm und der Wissenschaft, zwischen Menschen und Natur werden. (Eduard Paul Tratz: Über die Aufgaben der naturwissenschaftlichen Museen im allgemeinen und über Arbeiten im "Haus der Natur" in Salzburg im besonderen, in: Der Biologe, 8/1939).
In einer Zeitschrift die vom Ahnenerbe herausgegeben wurde, stellte sich Tratz neuerlich die Frage: Welche Aufgaben hat ein naturwissenschaftliches Museum, im besonderen im Deutschen Reich? Verbindung der Wissenschaft zur Laienwelt, anschauliche und zusammenfassende Darstellung des Menschen in der Natur harmonische Synthese der Einzelforschung, Darlegung des vollendeten Zusammenklang in der Natur waren Tratz' Ziele, aber auch "Biologie", "Ontogenie", Erb- und Rassenkunde unseres eigenen Geschlechtes, die mittelbare Beziehung zur Umwelt, die Abhängigkeit des Menschenstammes vom Boden auch hinsichtlich der psychischen und geistigen Entwicklung und Einstellung. Damit kommen wir ganz zwangsläufig auf anscheinend ganz weit abliegende Wissensgebiete, wie auf das Brauchtum, auf das Reich der Sagen und der Kulte usw.
Im Naturbegriff Tratz' waren Störungen im Zustand des Werdens und Wachsens eines Wesens Behinderungen  der vollen Lebensbetätigung.
In freier Natur werden solche Krüppel oder Mißgeburten daher rücksichtslos ausgemerzt. Auch viele ursprüngliche Völkerstämme halten an dieser natürlichen Auslese fest. Ja, sie wird sogar vom ungetrübten Instinkt des Naturmenschen eingefügt in die Grundgedanken seiner Stammeskultur. Nur der zivilisierte Mensch hat als Folge seiner naturfremd gewordenen Verweichlichung und anders gearteten Moralvorstellungen den klaren Blick für solche Härte gegen sich selbst eingebüßt. Doch kann ein Volk an Körper und Seele nur dann gesund und kräftig bleiben, wenn es sich auch diesem Naturgesetz wenigstens in bedingtem Maße über Gefühlsregungen hinweg unterstellt.
So verstand es Tratz dann auch als selbstverständliche Pflicht..., der Volksgemeinschaft zu dienen und mitzuwirken an der naturwissenschaftlichen Unterbauung des großen und einmaligen Werkes unseres Führers sowie: Das Wiederfinden des Weges zur Natur als unsere Alleinbeherrscherin, sind in klarer und umfassender Weise nur möglich, wenn die naturwissenschaftlichen Museen diese ihre weltanschauliche Verpflichtung nicht nur erkennen, sondern auch zu erfüllen vermögen.
1939 wurde das Museum um acht Abteilungen erweitert; darunter fielen entsprechend den wissenschaftlichen und ideologischen Schwerpunkten des Nationalsozialismus: ‚Der Mensch: Anatomie, Entwicklung und Konstitution’  und:  Grundlage der Vererbung; Vererbungserscheinungen bei Pflanzen, Tieren (z.B. die Herausbildung des Haustieres aus der ursprünglichen Wildform) und Menschen; Arten- und Rassenbildung (Vererbung beim Menschen, Verschiedenheit der Rassen, der nordischen, dinarischen und ostischen, fremdrassige, jüdische Menschentypen, Haupttypen der Menschenrasse, Vorfahren des Menschen, Originalabgüsse ); Domestikation und Rückzüchtung; Rassenhygiene und Eugenik.
Als SS-Hauptsturmführer erhielt Tratz 1942 den Totenkopfring und meldete sich 1944 freiwillig zur Waffen-SS. Er war Abteilungsleiter des Ahnerbes, Träger des Blutordens und Kulturpreisträger der Gauhauptstadt Salzburg im Jahre 1944, Gaujägermeister und Naturschutzbeauftragter des Gaues Salzburg. Zusammen mit dem Anatomen August Hirt, dem Entomologen Eduard May und anderen nahm er an 'naturwissenschaftlichen Arbeitsbesprechungen' des 'Ahnerbes' teil, bei denen Hirt über seine zahlreiche Versuche an Menschen, wie den Kampfstoffversuchen berichtete. Darüber hinaus besuchte Tratz Mitarbeiter des 'Instituts für wehrwissenschaftliche Zweckforschung' des 'Ahnenerbes' auch in den Laboratorien, so im KZ Dachau und in Straßburg, und erstattete später Bericht an den Geschäftsführer des 'Ahnenerbes' Wolfram Sievers.
Auch profitierten Tratz und das Museum von den zahlreichen, allein durch den Krieg zugänglichen Exponaten. Sie reichten vom Mammut aus der Ukraine bis hin zu den Abformungen von  Zigeunertypen aus Konzentrationslagern. Erst nach 1945 wurden durch amerikanische Untersuchungen Details der Beraubung von Museen, z. B. in Polen, zugunsten des Salzburger Museums bekannt.
Besonders erwähnenswert fand der Gutachter für den Österreichischen Museumspreis eine museologische Rarität, nämlich die eindrucksvollen Tibet-Dioramen. Diese Dioramen sind ein Produkt der 'Großen Deutschen Tibetschau' im Februar 1943. 1938/39 waren unter der Leitung von Ernst Schäfer und unter der Schirmherrschaft Himmlers eine SS-Expedition im Dienste der biologischen Auslandsforschung nach Tibet unternommen worden. Die davon berichtende 'Tibetschau' wurde sofort zum Besuchermagneten u. a. weil Wehrmachts- und NSDAP-Formationsangehörige freien Eintritt hatten.
Neben zoologischen und botanischen Forschungen wurden rassen- und völkerkundliche Arbeiten durchgeführt. Eine umfangreichere Sammlung völkerkundlicher Gegenstände und eine Reihe von Kopf-, Hand-, und Fußabformungen, Gesichtsmasken, daktyloskopischen und Blutgruppenuntersuchungen sowie Körpervermessungen, durchgeführt von Bruno Beger, der später im KZ Auschwitz mit vergleichbaren Fragestellungen anatomische Forschungen durchführte, sollte helfen, die Synthese von Natur, Mensch und Kultur aufzuzeigen. Dabei ging es insbesondere um den Nachweis des Ursprungs als des 'arisch' bezeichneten Menschen.
Einen Teil der völkerkundlichen Sammlung und der anthropologischen Abformung stellte Schäfer, der auf Einladung des Gaupropagandamtes und des Hauses der Natur 1942 in Salzburg über seine Tibet-Expedition referierte, dem Museum zur Verfügung.
In großen Dioramen sollten sie der Öffentlichkeit vorgeführt werden, um den innigen Zusammenhang zwischen dem Menschen und seiner Umwelt optisch zu verdeutlichen. Initiiert und finanziert wurden die drei neuen Dioramen, an denen von 1940 an gearbeitet wurde, vom 'Ahnenerbe'. (Nach 1945 wurden die Dioramen anläßlich der Übersiedlung des Museums originalgetreu rekonstruiert).
Diese neue Abteilung, die heute noch Bestandteil des Museums ist, fügte sich nahtlos in die Tradition des Museums ein. Schon 1926 hatte das Museum eine gemeinsame Tagung mit der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft und der Wiener Anthropologischen Gesellschaft mit immerhin 320 Teilnehmern durchgeführt. Auch die Aufstellung von Abformungen von Rasseköpfen, also von nordischen, ostischen, dinarischen und jüdischen Köpfen - einige davon waren bis in die 90er-Jahre Teil der Schausammlung - und die Begehrlichkeit von Tratz nach Zigeunertypen, die er von einem Professor Ritter zu erlangen suchte, machen das durch nationalsozialistische Ideologie überformte darwinistische Konzept dieses Teils des Museums deutlich. Der der Vererbungs- und Rassenlehre gewidmete Saal wurde 1940 eröffnet - in demselben Jahr, in dem in einer Festaufführung der Film  Jud Süß in Salzburg gezeigt wurde.

1945 wurde Maximilian Pieperek zum Leiter des Hauses der Natur bestellt. Tratz, verhaftet und 1945 bis 1947 interniert, gelang es rasch, seine  unpolitische Haltung glaubhaft zu machen und sich zu rehabilitieren. 1949 bereits konnte Tratz seine Rehabilitierung öffentlich im Zuge des 25jährigen Jubiläums des Museums feiern - und er wurde wieder zum Leiter des Hauses bestellt.
Unter seinem Nachfolger, Eberhard Stüber wurde auf Initiative des Museums selbst lange nichts zur aktiven Aufarbeitung der Geschichte des Hauses unternommen. Erst als sich die Medien und die lokale Politik mit dem Museum zu beschäftigen zu begannen, begann sich die Wahrnehmung einer breiteren Öffentlichkeit für die Geschichte des Museums zu schärfen. Es wurden aus der Dauerausstellung verschiedene Objekte entfernt und Mißbildungen auf Anraten einer eigens eingesetzten Kommission an das Anatomisch-Pathologische Bundesmuseum in Wien übergeben. Das geschah erst 2004.
Ein wirklich überfälliger Schritt wurde erst 2007 gesetzt. Der Salzburger Historiker Robert Hoffmann wurde mit einem Gutachten zu den Aktivitäten von Eduard Paul Tratz im Rahmen des „Ahnenerbes“ der SS 1938-1945 beauftragt. Was teilweise bereits bekannt und erhoben worden war wurde in einem präzisen Text mit erhellenden neuen Forschungsergebnissen bereichert und zusammengefasst.
In den Schlußfolgerungen seines Gutachtens kommt Robert Hoffmann unter anderem auf die mangelnde Aufarbeitung des NS-Hintergrundes der Tibet-Dioramen zu sprechen und erweitert seine Überlegungen: Es war nie ein Geheimnis, dass die Tibetschau im „Haus der Natur“ ein Ergebnis der engen Kooperation zwischen dem Leiter der SS-Expedition nach Tibet 1938/39 Ernst Schäfer und Prof. Tratz darstellt. Dieser Zusammenhang wurde in der Selbstdarstellung des Museums nach 1945 allerdings eher verschleiert als thematisiert, was wiederum damit zusammenhängt, dass die NS-Ära in der Museumsgeschichte als Ganzes ausgeblendet wurde. Es wäre hoch an der Zeit, dieses Defizit im Rahmen einer umfassenden Sammlungs- und Organisationsgeschichte des „Hauses der Natur“ aufzuarbeiten, umso mehr als de facto alle österreichischen Kunstmuseen - auch jene im Bundesland Salzburg - ihre Sammlungsgeschichte im Zuge aufwändig betriebener Provenienzforschung längst lückenlos dokumentiert haben und sich auch führende naturwissenschaftliche Museen dieser Aufgabe gestellt haben.
Daß Hoffmann sein Gutachten nach Fertigstellung abänderte, zeigt, auch wenn es nur um einen Halbsatz ging, wie sehr das Museum und seine Geschichte noch immer zu Konflikten Anlass gaben und geben. Die Passage „...dass die NS-Ära in der Museumsgeschichte als Ganzes ausgeblendet wurde“ milderte er in einer Bemerkung ab „...dass die NS-Ära in der Museumsgeschichte bislang nicht adäquat behandelt wurde.“
Der ehemalige Landeshauptmann von Salzburg, Hans Katschthaler, Mitglied des Kuratoriums des Hauses der Natur, hatte sich in einem Zeitungsartikel heftig gegen die ursprüngliche Formulierung verwahrt.
Hoffmanns  Gutachten (1) ist ein Auftakt, eine Aufforderung zur Aufarbeitung, noch nicht diese Aufarbeitung selbst. Ob es zu einem großen wissenschaftlichen Projekt kommt ist unklar. Die Chancen sind günstiger, denn inzwischen gibt es einen neuen Direktor, von dem man annehmen kann, daß er – schon allein generationell – größere Distanz zur Geschichte des Hauses haben könnte. Auf der neuen, aktuellen Webseite des Museums wird, so ist mein Eindruck, peinlichst jedes Anstreifen an das Thema vermieden. Auch der einschlägige Wikipedia-Artikel enthält keine Spur eines Hinweises.
Immerhin, nach einem Umbau und einer beträchtlichen Erweiterung des Museums 2009, ist das bis dahin im Entrée ständig präsente Denkmal für Tratz verschwunden. Doch viele wissenschaftliche Einrichtungen und nach ihm benannte Preise erinnern weiter an ihn und das zeigt, daß die Aufarbeitung auch der Naturschutzbewegung als Ganzer guttun würde und nicht nur dem Museum. Eine gründliche Aufarbeitung der Geschichte und Funktion des Hauses der Natur durch das Museum selbst steht also noch immer aus. Sie könnte, wenn sie die gesamte Geschichte des Hauses umfasste, mehr sein als nur ein Stück Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, sondern eine museologische und zeitgeschichtliche Modellstudie.


(1) Eine Zusammenfassung: Robert Hoffmann: Ein Museum für Himmler. Eduard Paul Tratz und die Integration des Salzburger „Hauses der Natur“ in das „Ahnenerbe“ der SS, in: Zeitgeschichte, Heft 3, 35. Jahrgang, Mai / Juni 2008, Seite 154–175.
Fotos (GF): Tibetdioramen. Das aus dem Foyer "verschwundene" Tratz-Denkmal, eine Gedenktafel als "Unschuldskomödie" - demnach hätte das Museum gar keine Geschichte vor 1959.

Keine Kommentare: