Montag, 29. März 2010

Die Dauerausstellung des Jüdischen Museums Wien wird verschwinden

Die designierte Direktorin des Jüdischen Museums der Stadt Wien, die Fernsehjournalistin und -sprecherin Danielle Spera, die überraschend von den Verantwortlichen einem halben Dutzen hervorragender Museumsexperten und -leiter vorgezogen wurde (s. Blog dazu), ließ im Interview in der von ihr mitbegründetn Zeitschrift NU (Nr. 38; 4/2009) keinen Zweifel an der Aufgabe der Dauerausstellung.
Das ist mir ein ganz großes Anliegen. Eine permanente Ausstellung gehört alle 12 bis 14 Jahren erneuert, das ist also im Jüdischen Museum Wien schon überfällig. Derzeit gibt es die Hologramme. Das war vor circa 20 Jahren State oft the Art, inzwischen ist es überholt. Da wir nicht viel Platz haben, denke ich an eine Multi-Media-Ausstellung. Die kann man auch schnell erneuern. Das ist für mich ein sehr dringendes Projekt. 
An Stelle der alten Dauerausstellung denkt sich Frau Spera eine Multimediaausstellung, die könne man schnell erneuern, an Übernahmen von Ausstellungen wie "Koscher & Co." mit Begleitveranstaltungen wie "Kochkurse, Abendessen, Snackboxen mit koscherem Essen an Schulen".
Dem "Wunsch der Entscheidungsträger" nach vermehrter touristischer Attraktivität, will die Direktorin gerecht werden: "Ich möchte jüdische Pfade einrichten. Das Museum soll im Ausland bekannt gemacht werden. Migranten und ihre Nachkommen sollen sich einen virtuellen Stadtplan erstellen können, auf Spurensuche gehen. Oder prominente, jüdische Persönlichkeiten sollen virtuell durch die Stadt führen ... Es ist mein Ziel, Menschen, die nach Wien kommen, bei der Spurensuche zu helfen, Dazu werden wir alle vorhandenen Quellen brauchen. Und ich möchte unbedingt Schulprojekte initiieren, damit Schüler Fragen stellen."
"Das Jüdische Museum in Wien ist eine Zumutung. Es stellt die Erwartungen, die Besucher an konventionelle Ausstellungen herantragen, infrage, es verunsichert sie, es fordert sie heraus", hatten Sabine Offe und ich als ersten Satz in unserer Analyse und Würdigung der Dauerausstellung geschrieben. Die Sprödigkeit, der Anspruch, die Herausforderung des Konzepts war schon oft Anlaß des Widerspruchs und der Verstörung. Die Kuratorin der Ausstellung, Felicias Heimann-Jelinek, ließ nie einen Zweifel daran, daß Popularität, Besucherfreundlichkeit, narrative oder mediale Attraktivität, nicht ihr wesentliches Ziel sind. Sie dreht bezüglich der "Besucherfreundlichkeit" die Verantwortlichkeit um: bei einem reflexiven Ausstellungskonzept muß auch der Besucher sich aktiv verhalten, sich einlassen wollen. Denn es wendet sich vor allem an Menschen, die bereit sind, sich verantwortlich der Geschichte zu stellen.
Bei allem Respekt für die Ziele und Vorstellungen von Frau Spera, ihre museologischen Ideen sind dünn und konventionell und fallen weit hinter das Konzept der noch existierenden Dauerausstellung zurück. Selbstverständlich ist es legitim, eine Dauerausstellung zu erneuern. Aber dann muß es ein überzeugendes neues Konzept geben. Nur wenn es besser ist als das alte, ist die Erneuerung vernünftig.

Die Ausstellung gibt die Gegenstände nicht als Geschichten aus, sondern zeigt sie als gegenwärtige Schatten vergangener Geschichte. Diese Geschichte wird nicht durch Anwesenheit, sondern durch ihr Fehlen und Fehl-am-Platz sein im Museum bezeugt und bedarf immer neuer und gegenwärtiger Erzählungen und Aneignung durch die Besucher. BesucherInnen des Jüdischen Museums in Wien haben nach dem Rundgang durch die Dauerausstellung keinen “Gesamtüberblick“ über Geschichte, Religion, Kultur “der Juden“, wie manche ihn von der Ausstellung eines Museums erwarten zu können meinen  – aber sie können erkennen und unterscheiden zwischen dem, was sie im Museum gesehen haben und dem, was wirklich geschehen ist und im Museum keinen Raum finden kann, zwischen dem, was vergangen und dem, was gegenwärtig ist, zwischen dem, was gewusst und dem, was nicht gewusst und vermittelt werden kann. Vermittelt wird ihnen, dass Geschichte und Gedächtnis weder institutionell noch individuell verfügbar sind, dass sie auf ihre Fragen und Nachfragen und die Bereitschaft, sich den Zumutungen des Museums auszusetzen, angewiesen bleiben. Und die Ausstellung verweist sie auf die Möglichkeit, auch solche Fragen zu stellen, die nicht durch Objekte und Informationen als schnelle Antworten zum Schweigen gebracht werden können.
Das war das Resumé, das Sabine Offe und ich zur Bedeutung der Ausstellung zogen. Diese Ausstellung war weit über die eines bestimmten Jüdsichen Museums hinaus ein Modell für die museale Repräsentation von Geschichte, eine - meiner Meinung - herausragende, auch im weiten internationalen Vergleich unikale Antwort auf avancierte theoretische Positionen und museologische Herausforderungen.
 Die Frage ist: wofür wird das zerstört werden? 

Die Zitate zur Dauerausstellung aus: Sabine Off, Gottfried Fliedl: Die Dauerausstellung des Jüdischen Museums der Stadt Wien, in: Wiener Jahrbuch für Jüdische Geschichte, Kultur & Museumswesen, Bd.6, Wien 2004. S. 19 – 26
Abbildung: Eine der 'Erinnerungsspuren' im Erdgeschoss der Dauerausstellung. Nancy Spero.

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