Montag, 15. März 2010

Museumsanalyse. Eine Aufforderung zur Diskussion

Mit freundlicher Erlaubnis von Markus Walz und H-Museum veröffentliche ich hier die Rezension zum Buch von Joachim Baur (Hg.): Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes. (Bielefeld: transcript, 2010. Kart., 287 S., ISBN 3-89942-814-5; EUR 26,80.)
Ich mache das, weil mir die Publikation gewichtig und ambitioniert erscheint und mit der Hoffnung auf eine Verbreiterung der Diskussion über eine einzelne Rezension hinaus.
Die deutschsprachige Museologie ist stark ‚angewandt‘ orientiert, das heißt an engen und eingrenzbaren fachlichen Fragen, auf die praxisanleitend reagiert wird und das meist ohne bezüglich des gesellschaftlichen, politischen, institutionellen Kontextes theoretisch besonders ambitioniert zu sein.
Ich unterschätze den Wert solcher Publikationen bis hin zum Handbuch oder zur ‚Anleitung‘ nicht, bedaure aber, daß theoretische Reflexion vergleichsweise wenig betrieben wird – die Namen einschlägiger Autoren und Publikationen sind recht schnell aufgezählt -, und auch kaum die Museumspraxis erreicht. Das mag aber keine Besonderheit der deutschsprachigen Länder sein.
Geschuldet ist das auch einem epidemisch grassierenden Aus- und Weiterbildungs(un)wesen, das aus institutionsegoistischer Perspektive schmalspurig entworfen nur sehr ausgedörrte Ansprüche verfolgt, ohne den enormen Reichtum transdisziplinärer Forschung und Diskussion zum Museum auch nur annähernd zu rezipieren.
In einer solchen Situation hat mich ein Buch neugierig gemacht, daß die Ansprüche eines ‚Readers‘ hat, dessen Grenzen zwar offensichtlich sind und von Markus Walz auch benannt werden, der sich aber doch über weite Strecken dem museologischen Reflexionswissen zuwendet und mit dem Titel „Museumsanalyse“ etwas programmatisch vorgibt, von dem ich nicht sofort und ausschließlich von einem einzigen Buch erschöpfende Auskunft erwarte.
Wie auch immer – ich würde es begrüßen, wenn um dieses Buch herum und seinen Anspruch, ‚ein neues Forschungsfeld‘ zu erschließen, eine Debatte zustande käme.

Gottfried Fliedl


Rezension von Markus Walz, Leipzig

Der Herausgeber ruft mit diesem Band einen neuen Forschungsansatz für museumsbezogene Studien aus: Da er der (theoretischen) Museologie eine
„philosophisch-totalisierende Herangehensweise“(8) und damit indirekt
Deduktivität unterstellt, soll sich „Museumsanalyse“ dadurch abgrenzen, dass sie von Fallstudien ausgeht, von denen sie auf „übergreifende gesellschaftliche, politische und kulturelle Verhältnisse“ schließen will (8).

Joachim Baur, „Was ist ein Museum? Vier Umkreisungen eines widerspenstigen Gegenstands“ bemüht sich, den Gegenstand Museum „hinreichend dingfest“ zu machen (15): zunächst in Typisierungsversuchen all dessen, was Museum heißt, anschließend etymologisch und begriffsgeschichtlich; dann mit der historischen Herleitung des heute als Museum bezeichneten Institutionentyps und abschließend eine Durchsicht verschiedenster Definitionsansätze der Gegenwart. Der Autor schlägt gut belesen Sichtschneisen in das umfangreiche Material, ohne zu einem bündigen Ergebnis zu gelangen, sodass man über den Widerspruch hinwegsehen mag, dass das (früh-) neuzeitliche Verständnis von Museum als eine enzyklopädisch angelegte Wissenssammlung im medialen und dinglichen Sinn zwar vorgetragen wird (20 f.), dennoch das British Museum oder das Museum Fridericianum naiv als Museen im modernen Sinn beansprucht werden (25).

Sharon Macdonald, „Museen erforschen. Für eine Museumswissenschaft in der Erweiterung“ (Zweitveröffentlichung in deutscher Übersetzung) liefert einen Überblick dessen, was in den britischen Museum Studies „New Museology“ heißt: die Verschiebung des Forschungsinteresses von Museumsinterna auf Kontexte – diejenigen, denen die Musealien entstammen, diejenigen der Museumsarbeit und diejenigen, aus denen heraus das Museum und seine Leistungen wahrgenommen werden – und deren perspektivische Umkehrung auf kulturelle Praxen, die als museumstypisch gelten, aber außerhalb dieser Institution Raum greifen.

Thomas Thiemeyer, „Geschichtswissenschaft: Das Museum als Quelle“ bietet eine kurze Verortung mit den Koordinaten Geschichte, Geschichtskultur, Tradition, Überrest und Lieu de Mémoire, bevor – ganz im Sinn eines Leitfadens für Fachfremde oder quer Eingestiegene – Methodenbausteine vorgelegt werden, zu denen man sich eine Selbstverortung in der historischen Sozialforschung anhand der bevorzugten Literatur (Lamnek) hinzudenken muss, die aber auch lehrbuchhaft zur Quellenkritik (von Droysen bis Brandt) leiten.

Eric Gable, „Ethnographie: Das Museum als Feld“ verortet sich in der Cultural Anthropology, deren jüngere Fachgeschichte mit Blick auf die Feldforschungmethodik aufgefaltet wird, bevor Fallbeispiele ethnographischer Beforschung von Ausstellungen, speziell reflexiver Präsentationen zu kolonialgeschichtlichen Themen, vorgestellt werden. Gable kritisiert ferner das Fehlen einer ethnographischen Publikumsforschung, die klären könnte, was die Gäste während des Museumsaufenthalts tatsächlich unternehmen, und schließt mit einer Selbstreflexion zu eigenen Feldforschungen im Histotainment-Park Colonial Williamsburg.

Jana Scholze, „Kultursemiotik: Zeichenlesen in Ausstellungen“ charakterisiert kurz das Anliegen der Semiotik und deren Sichtweise von Ausstellungen, bevor sie semiotisch orientierte Ausstellungsanalysen referiert: zunächst von Mieke Bal, anschließend von Scholze selbst. Im Gegensatz zu Thiemeyer wird kein Verfahrensleitfaden angeboten, sondern eher ein ausschnitthaftes Ergebnisreferat dieser zweifellos wegweisenden Literatur. Bedauerlich erscheint der Verzicht auf Untersuchungen Dritter, die Scholzes Instrumentarium bereits aufgegriffen haben, sodass nur eine Zusammenfassung von „Medium Ausstellung. Lektüren musealer Gestaltung“(2004) ohne neue Eindrücke vorliegt.

Heike Buschmann, „Geschichten im Raum. Erzähltheorie als Museumsanalyse“ stellt Begriffe und Analyseelemente der Erzähltheorie vor und illustriert deren Anwendbarkeit auf Ausstellungen; auf eine Anleitungshaltung wird hier ebenso verzichtet wie auf Ergebnisreferate (die einschlägige Dissertation der Autorin ist noch nicht abgeschlossen).

Volker Kirchberg, „Besucherforschung in Museen: Evaluation von Ausstellungen“ bietet einen historischen Rückblick sowie eine Typologie der Publikumsforschung in Museumsausstellungen an, problematisiert den Fokus auf Lernerfolgskontrolle und Verwerfungen im Selbstverständnis der Museumsfachleute durch aktuelle Tendenzen zur konstruktivistischen Erziehungswissenschaft. Im Überblick wird der Hang zu deskriptiven Studien herausgestellt und auf einige relevante Ergebnisse zur komplexen Grundlage von Lernerfolgen aufgrund von Ausstellungsbesuchen verwiesen. Eine gewisse Endlichkeit zeigt dieser kenntnisreiche Beitrag durch seine (unausgesprochene) Position in der Kultursoziologie, während in der Publikumsforschung auch betriebswirtschaftliche Marktforschung, Sozialgeographie und Umweltpsychologie agieren.

Katrin Pieper, „Resonanzräume. Das Museum im Forschungsfeld Erinnerungskultur“ referiert relevante Literatur zu den Begriffen Erinnerung, Gedächtnis, kollektives und kulturelles Gedächtnis sowie Erinnerungskultur und bezeichnet Museen als Indikatoren, Generatoren, Motoren und Produkt von Erinnerungskultur – zur Begründung dafür, Museen als Beobachtungsgelegenheit erinnerungskultureller Tendenzen, als Widerspiegelungen gesellschaftlicher, politischer Geschichtsbilder zu nehmen. Zur Vorgehensweise wird vorgeschlagen, ein Thema diachron oder in verschiedenen erinnerungskulturellen Kontexten synchron zu vergleichen, indem Texte über Museen (nicht Museen oder deren Leistungen) diskursanalytisch untersucht werden.

Anke te Heesen, „Objekte der Wissenschaft. Eine wissenschaftshistorische Perspektive auf das Museum“ akzentuiert zunächst das aktuelle Interesse für Universitätssammlungen einerseits, frühneuzeitliche Kunstkammern andererseits, bevor sie sich ganz auf Universitätssammlungen, also nur einen Ausschnitt des Beitragstitels, konzentriert. Das Interesse gilt „neuen Konstellationen“ in dem Sinn, dass im Zuge der Digitalisierung überholte Lehrmittel als Quasi-Musealien anfallen und die historisierende Tendenz von Universitätssammlungen verstärken, die ihrerseits einem wachsenden Rechtfertigungs- und Veröffentlichungsdruck unterliegen, während seriell erzeugte Sammlungsstücke durch ihre Belangarmut diesen Interessen nicht dienen. Wegen ihrer Aktualität und Historizität werden Universitätssammlungen als wertvolle Visualisationen des rasanten Wandels in der Wissenschaftskultur aufgefasst.

Volker Kirchberg, „Das Museum als öffentlicher Raum in der Stadt“ fasst Kirchbergs Werk „Gesellschaftliche Funktionen von Museen. Makro- meso- und mikrosoziologische Perspektiven“(2005) knapp zusammen. Hanna Murauskaya, Giovanni Pinna und Maria Bolaños, „Internationale Perspektiven der Museumsforschung“ bietet auf jeweils vier Druckseiten knappe Überblicke zur Situation und Literaturlage der Museologie, Museum Studies oder zu Museumsbezügen anderer Studienrichtungen in Frankreich, Italien, Russland und Spanien; die Einleitung motiviert diese eigenwillig gesetzten Schlaglichter als „Gesten“ gegenüber den international vielfältigen Ansätzen und der weder deutsch- noch englischsprachigen Literatur.

Im Überblick zeigen sich drei markante Begrenztheiten dieses Bandes. Zunächst einmal Anglophilie, die bis dahin reicht, Johannes Amos Comenius auf Englisch zu zitieren (Baur, 21); überwiegend wird auf englischsprachige Literatur rekurriert, ohne einen britisch-nordamerikanischen Fokus signalisiert zu haben. Probleme bereitet diese Haltung bei unterscheidbaren Begriffsbedeutungen. Die Nouvelle Muséologie wird als Ahnin der New Museology vereinnahmt und durch die egalisierende Übersetzung als Neue Museologie nicht unterschieden (Macdonald, 50; Kirchberg, 254), ohne dass eine Traditionslinie aufgezeigt wäre oder enge konzeptuelle Gemeinsamkeiten aufschienen; die falsche Datierung (50: angeblich in den späten 1970er-Jahren aufgekommen) ist darauf zurückzuführen, dass nur ein einzelner englischer Artikel als Literaturbasis diente.

Zweitens denken etliche der Beitragenden vorrangig an Geschichtsmuseen, nicht an die Vielfalt des Museumswesens; gelegentlich wird die Grenzüberschreitung zu den Kunstmuseen halbherzig erwogen (Pieper, 204 f.) oder als wenig zweckmäßig abgelehnt (Buschmann, 150) – andere Museumstypen bleiben unerwähnt. Inspirationen für naturwissenschaftliche Museen sucht man – außer der Standortbestimmung von Universitätssammlungen – vergebens.

Drittens ist zu bemängeln, dass zwar mehrere Beiträge das Wort Museumsanalyse verwenden, aber selten deutlich wird, dass Museen Institutionen sind, die sammeln, bewahren, erforschen, ausstellen und vermitteln: So spricht Pieper zwar umfassend von „Museum“, interessiert sich aber vornehmlich für Kommunikationsleistungen gesellschaftlicher Gruppen (203) und fasst das Museum selbst als Produkt (statt als Produzenten verschiedener Leistungen) auf (201); für Thiemeyer ist Museum ein Synonym für Dauerausstellung (80), konsequenterweise beleuchtet „historische Museumsanalyse“ vergangene Ausstellungen (81); Kirchberg und Scholze signalisieren schon im Beitragstitel, sich nur mit Ausstellungen zu befassen.

Damit lässt sich zusammenfassen, dass keine Handreichung zur Museumsanalyse vorliegt, wohl aber ein über bündige Beiträge leicht gemachter Einstieg in neuere Ansätze, Ausstellungen wissenschaftlich zu untersuchen; da zwei Beiträge auf noch laufenden Dissertationsprojekten basieren (Buschmann, Thiemeyer) bieten sich vorgreifende Einblicke in Forschungsdesigns. Eine vorbehaltlose Empfehlung verdient dieser Band nicht, da die klare Ausrichtung auf Bedarfe einer Zielgruppe fehlt: Wer den auf dem hinteren Buchumschlag und in der Einleitung angekündigten „Werkzeugkasten“ erwartet, wird von Thiemeyer bedient, ansonsten auf andere Literatur verwiesen; Historikerinnen und Historiker werden von Thiemeyer und Pieper unterfordert; mit gängigen Neuerscheinungen der letzten Jahre vertraute Kuratorinnen und Kuratoren erfahren bei Scholze oder Kirchberg nichts Neues; wer hereinschnuppern oder quer einsteigen möchte und auf die Fragmentarik von Readern gefasst ist, wird gut fundierte Einstiegsmöglichkeiten, aber auch begriffliche Nachlässigkeit (7: „Besucherzahlen“ statt richtig Besuchszahlen) und sehr uneinheitlichen Zitierweisen vorfinden (vielfach nur Verweise auf Werke, ohne Seitenzahl; Zitate nach Zitaten; der Herausgeber selbst setzt S. 37 voraus, dass alle wissen, wo „Adornos viel zitiertes Diktum“ nachzulesen ist).

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Zweitveröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis von Prof. Walz (E-Mail: walz@fbm.htwk-leipzig.de) und H-Museum.

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Gesendet: Donnerstag, 04. März 2010 21:21

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