Donnerstag, 30. August 2012

Vom Ding zum Exponat (Das Museum lesen)



"Die Abfolge: Ding, Abfallprodukt, Zeichen mit Symbolcharakter wird von der Mehrheit der Gegenstände durchlaufen, aus denen sich das kulturelle Erbe zusammensetzt. Aber nur von der Mehrheit, nicht von allen. In einigen Fällen hat man nämlich am Anfang nicht ein Artefakt, sondern ein Naturobjekt; das gilt für Fossilien, Wälder, Naturparks, geschützte Arten von Tieren und Pflanzen usw. Zudem gibt es Artefakte, die schon immer Zeichen mit Symbolcharakter waren: Gemälde, Zeichnungen, Stiche, Skulpturen, Münzen, liturgische Gegenstände, gedruckte Bücher oder Manuskripte, Inschriften, Gebäude, Kleider und, im allgemeinen, alle die Artefakte, die nicht wegen ihres Gebrauchswertes allein hergestellt wurden, sondern gedacht waren auch als Augenweide und als Verweis auf Unsichtbares. Im Gegensatz zu den Dingen, die zu Zeichen mit Symbolcharakter geworden sind, wechseln diese Objekte im Laufe ihrer Geschichte nicht die Kategorie. Aber Zweck und Bedeutung auch dieser Objekte ändern sich. Ein Dekorelement oder ein religiöses Kultobjekt haben, einmal im Museum angelangt, einen besonderen Zweck, der von ihrem ursprünglichen verschieden ist. Um sich davon zu überzeugen, betrachte man nur ein Bild. Ein Bild hängt nicht in einem Museum, um die Wände zu schmücken, im Gegenteil, die Wände wurden errichtet, um das Bild ausstellen zu können. Und ein religiöses Kultobjekt wird in einem Museum weder zu Gebeten noch zu Spenden anregen; es ist entweder ein historisches Zeugnis früherer Gläubigkeit oder ein Kunstwerk, an dem man das Material oder die künstlerische Ausführung oder beides bewundern kann. Genauso bezeugt ein Adelspalast, einmal zum historischen Bauwerk geworden, nicht mehr den Platz seines Besitzers in der Adelshierarchie. Vergleicht man ihn aber mit anderen Palästen derselben Epoche, so zeigt er, wie die Architektur damals Unterschiede des sozialen Status zum Ausdruck brachte. Somit weckt er Fragen und Reaktionen, die verschieden sind von denen, die seine ursprüngliche Funktion hervorrief.
Die Bildung des kulturellen Erbes besteht also in der Umwandlung von gewissen Abfallprodukten in Zeichen mit Symbolcharakter (analog dazu die Umwandlung von gewissen Naturobjekten) und in einer Zweck und Bedeutungsänderung von Zeichen mit Symbolcharakter. Die Auswahl der für das kulturelle Erbe würdig befundenen Objekte hängt ab von ihrer Fähigkeit, eine neue Sinnstiftung zuzulassen, die hauptsächlich an ihre Vorgeschichte, ihre Rarität gebunden ist. Sind sie aber einmal zu Zeichen mit Symbolcharakter geworden, dann wird ihnen ein spezieller Schutz zuteil, der sie vor zerstörenden Einflüssen von Mensch und Umwelt schützt."
Krzystof Pomian 

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