Montag, 20. Januar 2020

Peter Melichar: Das Heeresgeschichtliche Museum oder die große Camouflage


Daß es kaum Kritik am Heeresgeschichtlichen Museum gab und gibt, hat mich immer gestört. Wo blieben die HistorikerInnen und MuseologInnen bloß bei gewrade diesem politisch-ideologisch wie museologisch derart fragwürdigen museum? Inzwischen hat sich trotz mancher verdienstvoller Texte grundsätzlich nichts geändert - eine umfassende Kritik am Museum steht noch immer aus. Nun rumort es, auch in den Medien und es wird jetzt, im Jänner 2020 (hier der Link) auch eine Tagung geben.
Einer der Historiker (und Ausstellungsmacher, derzeit Mitarbeiter des Landesmuseums in Vorarlberg), der vielen Jahren schon einen schönen Text zum Museum geschrieben hat, hat den erfreulicherweise gut aufgehoben und mir auf meine Bitte und Nachfrage zur Verfügung gestellt. GF


Peter Melicher: Das Heeresgeschichtliche Museum oder die große Camouflage



Ingeborg Bachmann schreibt über die Figur “Malina” in ihrem gleichnamigen Roman: “Aus Gründen der Tarnung Staatsbeamter der Klasse A, angestellt im Österreichischen Heeresmuseum, wo es ihm ein abgeschlossenes Studium der Geschichte (Hauptfach) und Kunstgeschichte (Nebenfach) ermöglichten, unterzukommen und einen günstigen Platz einzunehmen, auf dem er vorrückt, ohne sich zu bewegen, ohne sich je bemerkbar zu machen durch Einmischungen, Ehrgeiz, Forderungen oder unlautere Verbesserungsgedanken an den Prozeduren und schriftlichen Vorgängen zwischen dem Verteidigungsministerium am Franz-Josefs-Kai und dem Museum im Arsenal, das, ohne besonders aufzufallen, zu den merkwürdigsten Einrichtungen unserer Stadt gehört.”[1]


Tatsächlich handelt es sich beim Museum im Arsenal bis heute um einen ganzen Komplex von Merkwürdigkeiten. Zunächst scheint es, dass die Zeit stehen geblieben sei. So als ob es einem Konservator gelungen wäre, die gegenständlichen Reste einer seltsamen, längst untergegangenen Institution, der kaiserlichen Armee, in einem sehr eigentümlichen Glanz zu bewahren, vor allen Anfechtungen nachfolgender Generationen und vor allem etwas zu retten, von dem man in anderen, profanen Zusammenhängen heute gar nicht mehr sicher ist, ob es überhaupt existiert: den Geist dieser kaiserlichen Armee. Und diesem Geist ist es gerade wesentlich, mit der Geschichte der Armee nur insofern zu tun zu haben, als er ihre äußere Haut (bestehend aus dem ästhetischen Code, der sich in den Uniformen, den Fahnen, den Orden, den Schlachtengemälden, den Waffen und den Bildern und Büsten der mehr oder weniger bedeutenden Heerführer manifestiert) benützt, um von allem, was mit ihr viel mehr und viel stärker zu tun gehabt hat, abzulenken. Es geht dabei, einem militärischen Geist nicht unwürdig, um ein großes Täuschungsmanöver. Denn die gigantische Kultstätte, die sich einer Sammlung von Reliquien (einst umkämpften Feldzeichen, glänzenden Waffen und bunten Uniformen) und der Wirkung von Heldenlegenden bedient, zelebriert mit den Mitteln der Andacht und der Faszination einen vergleichsweise antiquiert anmutenden, gleichwohl noch immer funktionierenden militärischen Fetischismus. Zu vergessen ist allerdings nicht, dass im Zentrum des Kultes das Opfer steht und dass das, was geopfert wird, stets das Denken ist: Zuerst einmal das Denken der Militärhistoriker, im weiteren das der faszinierten Besucher, die sich in den Bann der glänzenden, pittoresken Fassade der Objekte und der mit ihnen verbundenen Legenden haben ziehen lassen.


Obwohl das Heeresgeschichtliche Museum zahlreiche Relikte aus dem Fundus der untergegangenen k. (u.) k. Armee präsentiert, repräsentiert die aus diesen Relikten aufgebaute Fassade nicht die Geschichte der Armee, sondern etwas anderes. Die k. (u.) k. Armee war eine äußerst komplexe soziale Institution mit zahlreichen (politischen, pädagogischen, ökonomischen, ästhetischen etc.) Funktionen. Sie befand sich in einer permanenten und vielschichtigen Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen System der Gesellschaft. Von all dem erzählt die glänzende Fassade der Relikte, die das Heeresgeschichtliche Museum in überwältigender Dichte versammelt, nichts. Und damit ist in einer gelungenen Ablenkung die Geschichte der Armee hinter ihren vermeintlichen Spuren wohl endgültig zum Verschwinden gebracht. Dadurch wird jedoch das Museum im Arsenal zu einem Erinnerungsort, der mit den Mitteln einer politischen und epistemologischen Kriegslist (“Wir haben das Original!”[2]) im tiefsten Frieden einen höheren Militarismus zelebriert.


Dass es jedoch nicht nur um ein Museum im Museum geht[3], wird besonders dort sichtbar, wo als Appendix zur gloriosen Geschichte der untergegangenen Armee eine höchst privat anmutende Militär–Version der Geschichte von 1918 bis 1945 montiert wurde. Sie wird flankiert von zahlreichen Gerätschaften, die im Grunde mit ihr nur sehr wenig oder gar nichts zu tun haben (beispielsweise absolut raumfüllend und dominant: ein bisher als Österreich-Symbol kaum eingesetzter Fieseler Storch). Diese Version des Ereignisverlaufs zeichnet sich durch zahlreiche Merkwürdigkeiten, vor allem aber durch bemerkenswerte Auslassungen aus: Obwohl der gesamte große Raum von einer technoid-überladenen Militär-Ästhetik beherrscht und das Militär damit gleichsam zum Alpha und zum Omega der Politik stilisiert erscheint, werden etwa Kriegsverbrechen als Ausgeburten militärischer Binnenlogik weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg thematisiert. Die gesamte Geschichte der Zwischenkriegszeit wird unter eine falsche militarisierte Perspektive subsummiert. Wenn schon die Militarisierung der Militärgeschichte falsch ist (selbst die Geschichte der Armee ist zu wichtig, um den Militärhistorikern überlassen zu werden), um wieviel problematischer ist dann jedoch – nicht aus ideologischen, sondern aus sachlichen Gründen – die Militarisierung der Geschichte von Staat und Gesellschaft?

[1] Ingeborg Bachmann, Malina, Frankfurt am Main 1980, S. 7 f.
[2] So lautet ein Werbeslogan des HGM, der sich auf jenes Automobil bezieht, das vom Thronfolger Franz Ferdinand 1914 in Sarajewo benutzt worden sein soll.
[3] Konnte man früher aus der Not eine Tugend machen und das HGM als großen "Speicher des Gedächtnisses" betrachten, der der Zeit entrückt in bemerkenswerter Symbiose von Bau, Deckengemälden und Sammlungen – gewissermaßen unter einem Glassturz – als Museum im Museum funktionierte, so ist das bei dem neueren Teil vollends nicht mehr möglich.

* Zur Geschichte und Architekturgeschichte sowie zur ursprünglichen Funktion des "Arsenals" als gegenrevolutionäre Anlage siehe hier.
* Zur aktuellen Debatte um das Museum und Vorwürfe und Kritik an ihm siehe hier.
* Gerhard Roth hat vor vielen Jahren einen wunderbaren Text zum Museum verfasst. Hier ein Appetithäppchen - als Anregung, den ganzen Text zu lesen: Link

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