Dienstag, 21. Januar 2020

Das Heeresgeschichtliche Museum hat "Braune Flecken"? Wenn es nur das wäre. Es gehört geschlossen


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ORF.at berichtet heute (Online seit heute, 5.00 Uhr 21.1.2020, hier der Link) unter dem Titel „Braune Flecken in HGM?“ über eine Ausweitung der, nun sagen wir mal „Prüfung“ des Heeresgeschichtichen Museums. Mehrere Zeitungsberichte hatten im September des Vorjahres über NS-affine Literatur und Shopartikel im Museumsshop sowie merkwürdig militaristische Veranstaltungen berichtet. In zwei Blogs waren diese und andere, aber erhebliche erweiterte Vorwürfe erhoben worden. Das Verteidigungsministerium kündigte eine Untersuchung an. Jetzt soll sogar das ganze Museum überprüft werden. Es wurde eine externe Kommission zur Prüfung des Museumsshops eingesetzt und dann noch eine zweite im November, die den Ausstellungsteil, der die Zeit zwischen 1918 und 1945 zeigt, überprüfen sollte. Noch im Dezember hat der Minister der sogenannten Übergangsregierung, Starlinger, dann „die Untersuchung auf das gesamte Museum samt Außenstellen ausgeweitet“.

Bei der Prüfung, berichtet der Ort, gehe es grundsätzlich nicht um die Zeit des Nationalsozialismus. Es solle, so teilt der Sprecher des Ministeriums mit, „ob man museumsdidaktisch auf dem letzten Stand ist“ und „ob man den richtigen Zugang hat.“ Zusätzlich prüft die die Disziplinarabteilung des Museums Vorwürfe, wonach die Besucherzahlen des Museums verfälscht worden sein könnten.

Andere Vorwürfe richten sich gegen den genannten Ausstellungsteil, der vom früheren Direktor des HGM, Manfrede Rauchensteiner konzipiert wurde. Demnach seinen in diesem Abschnitt Objekte nicht kontextualisiert, es werde zu wenig erklärt. Wehrmachtssoldaten würden etwa nicht als Täter der NS-Vernichtungsmaschinerie erwähnt.

In den seinerzeitigen Medienberichten war außerdem auch von der Existenz eines rechten Netzwerk im Museum die Rede und daß mehrere Mitarbeiter Burschenschaften angehörten.

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So. Es gibt jetzt also zwei oder gar drei Kommissionen, die etwas untersuchen. Wünschen wir diesen Kommissionen das Beste. Aber fragen wir uns, ob nicht schon das ganze ministerielle Procedere dazu geeignet ist, die Probleme kleinzureden. Es ist eine Leistung von Bürokratien, durch ihre Verfahren so etwas leisten zu können. Da ist zuerst einmal die Aufteilung der Kritik in mehrere Kommissionen, die eine Konzentration auch der öffentlichen Aufmerksamkeit auf Teilbereiche lenkt und verhindert, daß das Museum als Ganzes in den Blick kommt, die Frage nach seiner Berechtigung in der jetzigen Form, die Frage nach seiner ideologischen und seiner geschichtswissenschaftlichen Ausrichtung und die Frage nach seiner Organisation als Bundesmuseum das dem Landesverteidigungsministerium unterstellt ist.
Schwerer wiegt, daß die Formulierung der Frage- und Problemstellungen, die als aufklärungswürdig gelten, ebenfalls die zentralen Fragen einengen und auf Teilaspekte so beschränken, daß die Komplexität der Institution, ihrer Dauerausstellung mit allen ihren Aspekten (Gestaltung, Texte, Objektdisposition, Narrativ etc.) gar nicht mehr sichtbar werden. „Ob man den richtigen Zugang“ habe, ist eine völlig schief gestellte Frage, denn einen richtigen Zugang git es nicht und ob man museumsdidaktisch auf dem letzten Stand ist, läßt sich auch als rein methodische Spezialfrage unter Ansehung aller Inhalte abhandeln. In der fragwürdig eingestuften „zeithistorischen“ Abteilung fehlt nicht einfach die Kontextualisierung oder ausreichende Erklärung, hier geht es um ein schiefes und fragwürdiges Geschichtsbild und seine Umsetzung als Ausstellung.
Das Museum selbst aber auch das Ministerium - und man wird sehen, ob die Kommission dieser Haltung folgt -, macht auf Unschuldskomödie. Kritik am Museum, Kritik an den genannten Vorfällen und Ausstellungsteilen - nie gehört, gibt es nicht. Es wird schlicht ignoriert, was es schon an Kritik am Museum - Revisionismus ist ja kein kleiner Vorwurf -, gibt.

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„Braune Flecken?“ Wenn es nur das wäre! Das Museum hat eine uralte, in jeder Hinsicht dringendst veränderungswürdige Dauerausstellung. Es huldigt einem überholten patriotisch-monarchischen Bild österreichischer Geschichte, in dem der Geschichte der Armeen folkloristisch-patriotisch gehuldigt wird. Die spät(er) hinzugefügte Ausstellung - ich kenne nur kritische bis vernichtende Urteile von HistorikerInnen und MuseologInnen, niemand verteidigt die Ausstellung -, entstand mit dem Ehrgeiz, so etwas ein österreichisches Geschichtsmuseum angesichts der fruchtlosen Endlosdebatte um ein „Republikmuseum“. Der Ehrgeiz von Herrn Rauchensteiner, aus dem Heeresgeschichtlichen Museum so etwas wie ein Haus der Gesichte werden zu lassen, hat seinerzeit auch das Wohlwollen eines Standard-Chefredakteurs gehabt (vgl. Gerfried Sperl am 16. August 2015) - man darf nicht vergessen, wie viel Ahnungslosigkeit, Desinteresse und Oberflächlichkeit in solchen Debatten zirkuliert.

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Wenn sich nicht eine gewichtige zivilgesellschaftliche Kritik herausbildet, die die fachliche Kompetenz von HistorikerInnen, MuseologInnen usw. einzubinden versteht, wird man im Schachspiel der Politik und Verwaltung - mal lese mal dazu Wolfgang Zinggls (hier der Link zum Anfragetext) parlamentarische Anfrage und den Antworttext des Ministers (hier der Text)  - wenige Züge machen können. Deshalb ist die geplante Tagung am 24.1 () so wichtig und interessant, auch wegen der Multidisziplinarität.

* Zur Geschichte und Architekturgeschichte sowie zur ursprünglichen Funktion des "Arsenals" als gegenrevolutionäre Anlage siehe hier.

* Zur aktuellen Debatte um das Museum und Vorwürfe und Kritik an ihm siehe hier.

* Endlich gibt es Kritik am Heeresgeschichtlichen Museum. Ein Post (hier der Link) zum Beginn der Debatte ums Museum vom September 2019 und Links zu den Quellen und Initianten, die die Debatte mit ihren Recheerchen angestoßen hatten.

* Gerhard Roth hat vor vielen Jahren einen wunderbaren Text zum Museum verfasst. Hier ein Appetithäppchen - als Anregung, den ganzen Text zu lesen: Link


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