Montag, 20. Januar 2020

Tagung zum Heeresgeschichtlichen Museum

Im September vorigen Jahres habe ich über das Heeresgeschichtliche Museum berichtet (hier der Link), das zu dieser Zeit wegen rechtsradikaler Umtriebe, von denen in zwei Blogs berichtet wurde, in die überregionale Berichterstattung geriet. Nun gibt es eine Veranstaltung, die die Dringlichkeit des Zustandes dieses Museums in Erinnerung ruft und, so darf man sich wünschen, nachhaltige Wirkung hat. Ich bin nicht der einzige, der der Meinung ist, der den Zustand des Museums für unhaltbar hält. 
Als kleine "Gabe" für die TeilnehmerInnen und Veranstalterinnen der Tagung habe ich einen schönen Text des Historikers und Kurators Peter Melicher in den Blog gestellt (hier der Link). GF


#hmgneudenken

Seit Ende des Jahres 2019 wurde die Kritik am Heeresgeschichtlichen Museum (HGM) so laut, dass vier vom Verteidigungsministerium eingesetzte Kommissionen die Vorwürfe prüfen. Es berichteten der Kurier, Der Standard, Falter, Die Presse oder ORF-Online. Auch vor den jüngsten Vorwürfen gab es bereits Kritik von Historiker_innen, Intellektuellen und Politiker_innen am Museum. 
Im Zentrum der Debatte stand der unkritische und affirmative Umgang mit der militärischen Vergangenheit Österreichs seitens des HGM und seiner Leitung, Vorwürfe der Offenheit für Rechtsextremismus, sowie institutionelle Schwächen des Museums.
Die Organisator_innen Elena Messner, Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin, sowie Nils Olger, Filmschaffender, möchten mit  der Ausstellung und Tagung #HGMneudenken sollen die bestehenden Kritikpunkte aufgegriffen und um künstlerische und historisch-museologische Perspektiven erweitert werden. Damit wird die Diskussion um ein zeitgemäßes Museum eröffnet, in dem historische Militärobjekte kritisch gedacht und in eine demokratische Erinnerungskultur eingebettet werden.
Es wirken mit: AK Denkmalpflege, Dieter-Anton Binder, Lisa Bolyos, Andrea Brait, Ljubomir Bratić, Enar de Dios Rodriguez, Richard Ferkl, Jutta Fuchshuber, Jenny Gand, Felicitas Heimann-Jelinek, Sabrina Kern, Mathias Lichtenwagner, Ernst Logar, Wolfgang Maderthaner, Walter Manoschek, Ina Markova, Elena Messner, MUSMIG-Kollektiv, Silke Müller, Georg Oberlechner, Nils Olger, Karl Öllinger, Peter Pirker, Ljiljana Radonić, Dana Rausch, Dirk Rupnow, Sebastian Reinfeldt, Lisa Rettl, Johann Schoiswohl, Tomash Schoiswohl, Georg Spitaler, Petra Sturm, Hubertus Trauttenberg, Gerhard Vogl, Martin Weichselbaumer

Programm

24.01.2020, 11.00 – 22.00

Begrüßung durch Nils Olger und Elena Messner, 11.00

Panel 1: Kurzvorträge und anschließende Diskussion, 11.20 – 12.40
Moderation: Jutta Fuchshuber
Peter Pirker: Lob der Aufopferung. Die Wehrmacht und die Wiederkehr des Heroismus nach 1955
Ina Markova: "Republik und Diktatur" - Die Dauerausstellung im HGM.
Ljiljana Radonić: Postsozialistische Länder im Vergleich - Krieg im Museum  
Karl Öllinger: Aktuelle politische und mediale Kritik am HGM (Kurzstatement)

Führung 1: Nils Olger, 13.00 – 14.00
Präsentation der Beiträge von Peter Pirker, AK Denkmalpflege, Ljubomir Bratić, Richard Ferkl, Lichtenstein und Marionette, Tomash Schoiswohl, Lisa Bolyos, Martin Weichselbaumer, Sabrina Kern, Petra Sturm, Dana Rausch    

Panel 2: Kurzvorträge und anschließende Diskussion, 14.30 – 15.30
Moderation: Peter Pirker
Andrea Brait: Historisch denken lernen im Militärmuseum
Mathias Lichtenwagner: "[k]eine Auseinandersetzung, [k]eine Rehabilitierung, [k]ein Gedenken" - Wo steht 2020 die Debatte um die Desertion aus der Wehrmacht?
Sebastian Reinfeldt: Die Pappenheimer, die wir kennen: Das HGM in der Wikipedia 

Führung 2: Elena Messner, 15.30 – 16.30

Präsentation der Beiträge von Jenny Gand, Ernst Logar, MUSMIG-Kollektiv, Silke Müller, Johann Schoiswohl, Georg Oberlechner, Lisa Rettl, Nils Olger, Enar de Dios Rodriguez

Podiumsdiskussion 1: "Status Quo des HGM: Kritische Bestandsaufnahmen der Musealisierung österreichischer Militärgeschichte", 17.00 – 18.00
Moderation: Georg Spitaler
Es diskutieren Walter Manoschek, Wolfgang Maderthaner und Felicitas Heimann-Jelinek
Podiumsdiskussion 2: "Quo vadis HGM: Das Museum neu denken – aber wie?“, 18.00 – 19.30
Moderation: Nils Olger, Elena Messner
Es diskutieren Hubertus Trauttenberg, Dirk Rupnow, Gerhard Vogl und Anton-Dieter Binder

Vernissage, Verköstigung von The Sad Saus, 19.30 – 22.00

* Zur Geschichte und Architekturgeschichte sowie zur ursprünglichen Funktion des "Arsenals" als gegenrevolutionäre Anlage siehe hier.
* Zur aktuellen Debatte um das Museum und Vorwürfe und Kritik an ihm siehe hier.
* Endlich gibt es Kritik am Heeresgeschichtlichen Museum. Ein Post (hier der Link) zum Beginn der Debatte ums Museum vom September 2019 und Links zu den Quellen und Initianten, die die Debatte mit ihren Recheerchen angestoßen hatten.

Peter Melichar: Das Heeresgeschichtliche Museum oder die große Camouflage


Daß es kaum Kritik am Heeresgeschichtlichen Museum gab und gibt, hat mich immer gestört. Wo blieben die HistorikerInnen und MuseologInnen bloß bei gewrade diesem politisch-ideologisch wie museologisch derart fragwürdigen museum? Inzwischen hat sich trotz mancher verdienstvoller Texte grundsätzlich nichts geändert - eine umfassende Kritik am Museum steht noch immer aus. Nun rumort es, auch in den Medien und es wird jetzt, im Jänner 2020 (hier der Link) auch eine Tagung geben.
Einer der Historiker (und Ausstellungsmacher, derzeit Mitarbeiter des Landesmuseums in Vorarlberg), der vielen Jahren schon einen schönen Text zum Museum geschrieben hat, hat den erfreulicherweise gut aufgehoben und mir auf meine Bitte und Nachfrage zur Verfügung gestellt. GF


Peter Melicher: Das Heeresgeschichtliche Museum oder die große Camouflage



Ingeborg Bachmann schreibt über die Figur “Malina” in ihrem gleichnamigen Roman: “Aus Gründen der Tarnung Staatsbeamter der Klasse A, angestellt im Österreichischen Heeresmuseum, wo es ihm ein abgeschlossenes Studium der Geschichte (Hauptfach) und Kunstgeschichte (Nebenfach) ermöglichten, unterzukommen und einen günstigen Platz einzunehmen, auf dem er vorrückt, ohne sich zu bewegen, ohne sich je bemerkbar zu machen durch Einmischungen, Ehrgeiz, Forderungen oder unlautere Verbesserungsgedanken an den Prozeduren und schriftlichen Vorgängen zwischen dem Verteidigungsministerium am Franz-Josefs-Kai und dem Museum im Arsenal, das, ohne besonders aufzufallen, zu den merkwürdigsten Einrichtungen unserer Stadt gehört.”[1]


Tatsächlich handelt es sich beim Museum im Arsenal bis heute um einen ganzen Komplex von Merkwürdigkeiten. Zunächst scheint es, dass die Zeit stehen geblieben sei. So als ob es einem Konservator gelungen wäre, die gegenständlichen Reste einer seltsamen, längst untergegangenen Institution, der kaiserlichen Armee, in einem sehr eigentümlichen Glanz zu bewahren, vor allen Anfechtungen nachfolgender Generationen und vor allem etwas zu retten, von dem man in anderen, profanen Zusammenhängen heute gar nicht mehr sicher ist, ob es überhaupt existiert: den Geist dieser kaiserlichen Armee. Und diesem Geist ist es gerade wesentlich, mit der Geschichte der Armee nur insofern zu tun zu haben, als er ihre äußere Haut (bestehend aus dem ästhetischen Code, der sich in den Uniformen, den Fahnen, den Orden, den Schlachtengemälden, den Waffen und den Bildern und Büsten der mehr oder weniger bedeutenden Heerführer manifestiert) benützt, um von allem, was mit ihr viel mehr und viel stärker zu tun gehabt hat, abzulenken. Es geht dabei, einem militärischen Geist nicht unwürdig, um ein großes Täuschungsmanöver. Denn die gigantische Kultstätte, die sich einer Sammlung von Reliquien (einst umkämpften Feldzeichen, glänzenden Waffen und bunten Uniformen) und der Wirkung von Heldenlegenden bedient, zelebriert mit den Mitteln der Andacht und der Faszination einen vergleichsweise antiquiert anmutenden, gleichwohl noch immer funktionierenden militärischen Fetischismus. Zu vergessen ist allerdings nicht, dass im Zentrum des Kultes das Opfer steht und dass das, was geopfert wird, stets das Denken ist: Zuerst einmal das Denken der Militärhistoriker, im weiteren das der faszinierten Besucher, die sich in den Bann der glänzenden, pittoresken Fassade der Objekte und der mit ihnen verbundenen Legenden haben ziehen lassen.


Obwohl das Heeresgeschichtliche Museum zahlreiche Relikte aus dem Fundus der untergegangenen k. (u.) k. Armee präsentiert, repräsentiert die aus diesen Relikten aufgebaute Fassade nicht die Geschichte der Armee, sondern etwas anderes. Die k. (u.) k. Armee war eine äußerst komplexe soziale Institution mit zahlreichen (politischen, pädagogischen, ökonomischen, ästhetischen etc.) Funktionen. Sie befand sich in einer permanenten und vielschichtigen Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen System der Gesellschaft. Von all dem erzählt die glänzende Fassade der Relikte, die das Heeresgeschichtliche Museum in überwältigender Dichte versammelt, nichts. Und damit ist in einer gelungenen Ablenkung die Geschichte der Armee hinter ihren vermeintlichen Spuren wohl endgültig zum Verschwinden gebracht. Dadurch wird jedoch das Museum im Arsenal zu einem Erinnerungsort, der mit den Mitteln einer politischen und epistemologischen Kriegslist (“Wir haben das Original!”[2]) im tiefsten Frieden einen höheren Militarismus zelebriert.


Dass es jedoch nicht nur um ein Museum im Museum geht[3], wird besonders dort sichtbar, wo als Appendix zur gloriosen Geschichte der untergegangenen Armee eine höchst privat anmutende Militär–Version der Geschichte von 1918 bis 1945 montiert wurde. Sie wird flankiert von zahlreichen Gerätschaften, die im Grunde mit ihr nur sehr wenig oder gar nichts zu tun haben (beispielsweise absolut raumfüllend und dominant: ein bisher als Österreich-Symbol kaum eingesetzter Fieseler Storch). Diese Version des Ereignisverlaufs zeichnet sich durch zahlreiche Merkwürdigkeiten, vor allem aber durch bemerkenswerte Auslassungen aus: Obwohl der gesamte große Raum von einer technoid-überladenen Militär-Ästhetik beherrscht und das Militär damit gleichsam zum Alpha und zum Omega der Politik stilisiert erscheint, werden etwa Kriegsverbrechen als Ausgeburten militärischer Binnenlogik weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg thematisiert. Die gesamte Geschichte der Zwischenkriegszeit wird unter eine falsche militarisierte Perspektive subsummiert. Wenn schon die Militarisierung der Militärgeschichte falsch ist (selbst die Geschichte der Armee ist zu wichtig, um den Militärhistorikern überlassen zu werden), um wieviel problematischer ist dann jedoch – nicht aus ideologischen, sondern aus sachlichen Gründen – die Militarisierung der Geschichte von Staat und Gesellschaft?

[1] Ingeborg Bachmann, Malina, Frankfurt am Main 1980, S. 7 f.
[2] So lautet ein Werbeslogan des HGM, der sich auf jenes Automobil bezieht, das vom Thronfolger Franz Ferdinand 1914 in Sarajewo benutzt worden sein soll.
[3] Konnte man früher aus der Not eine Tugend machen und das HGM als großen "Speicher des Gedächtnisses" betrachten, der der Zeit entrückt in bemerkenswerter Symbiose von Bau, Deckengemälden und Sammlungen – gewissermaßen unter einem Glassturz – als Museum im Museum funktionierte, so ist das bei dem neueren Teil vollends nicht mehr möglich.

* Zur Geschichte und Architekturgeschichte sowie zur ursprünglichen Funktion des "Arsenals" als gegenrevolutionäre Anlage siehe hier.
* Zur aktuellen Debatte um das Museum und Vorwürfe und Kritik an ihm siehe hier.
* Gerhard Roth hat vor vielen Jahren einen wunderbaren Text zum Museum verfasst. Hier ein Appetithäppchen - als Anregung, den ganzen Text zu lesen: Link

Kuratorensprech (Texte im Museum 960)

Fundsaxge aus der Stadtzeitung FALTER

Sonntag, 5. Januar 2020

Warum es keine staatliche Museumspolitik in Österreich gibt und wohl auch weiterhin keine geben wird

Das Kulturkapitel in der Regierungserklärung 2020 hat rasch Reaktionen hervorgerufen, die meisten skeptisch bis abwehrend, etwa was eine Museumsholding betrifft. Überraschend sind aber weder ideologisch-politische Ablehnung noch der Text selbst. Wie schon in früheren Regierungspapieren werden diverse Massnahmen angekündigt, die untereinander kaum Verbindung haben und auch keinerlei leitender Vorstellung folgen. Was immer dann von den angeführten Massnahmen umgesetzt werden wird, einer kulturpolitischen Idee folgt die Regierungserklärung nirgends. 
Es lohnt sich also nicht einmal Gegenargumente zu sammeln, zu vage sind die einzelnen Punkte, zu zusammenhanglos, zu offen, was deren Umsetzung in die Praxis betrifft. Und es sind durchweg technische Massnahmen, jedwede inhaltliche Positionierung wird vermieden. Dass das Volkskundemuseum in Wien saniert gehört, baulich und finanziell, das wird niemand bestreiten. Aber ist ein Volkskundemuseum in der bisherigen Form inmitten einer urbanen Umgebung noch zeitgemäss? Zu solchen Fragen schweigt sich das Papier aus. 

Schon bisher gab es keine kohärente Kulturpolitik. Was nun wieder beklagt wird, dass innerhalb der Aufteilung der Regierungsagenden Kultur einen marginalen Platz einnimmt, ist nicht neu. Was an diesem Katalog «grün» sein soll, kann ich nicht sagen – gab es denn je so etwas wie eine grüne Kulturpolitik? Immerhin hatten die Grünen lange Zeit den prominentesten Kulturpolitiker, Wolfgang Zinggl, der sich aber als ein Art kultureller Korruptionsanwalt verstand und ebenfalls nie, mangels politischen Einflusses der Grünen, nie so etwas eine leitende, in der Parte der Grünen verankerte Idee verfolgte. Immerhin legte er 2016 ein beachtliches Papier zur Situation der Museen vor. (Sie die weiterführenden Links am Ende des Textes).

Deshalb lohnt es sich auch nicht, auf Details einzugehen oder Fehlendes zu beklagen. Man sollte sich zwar nicht gleich fürchten müssen, aber skeptisch sein: Die Massnahmen, die der Staat für die von ihm finanzierten Museen in den letzten Jahrzehnten getroffen hat, waren meist eher nachteilig und wurden den Eigentümlichkeiten der Institution nicht gerecht. Die Bundesmuseen als «wissenschaftliche Anstalten» gesetzlich zu verankern, verfehlt schlicht den gesellschaftlichen Sinn und Auftrag, den diese Einrichtungen haben und die Museumsfinanzierung via Ausgliederung am niederländischen Vorbild auszurichten, scheiterte daran, dass das Finanzministerium auf der Deckelung der Finanzierung bestand. Mit den bekannten gravierenden Folgen.

Eher kann man die Prognose wagen, dass es auch künftig so etwas wie Kultur- oder Museumspolitik nicht geben wird. Dafür gibt es vor allem zwei starke Gründe. Der eine liegt darin, dass dieses Politikfeld für Parteien in jeder Hinsicht unattraktiv ist - für Machterhalt, Klientelismus, Wählermobilisierung uninteressant. Hier verbrennt sich niemand die Finger. Der andere Grund ist der, dass Parteien ohnehin über einen beispiellosen vielfältigen Einfluss verfügen – über Finanzierung, Personalpolitik, Entsendung von Aufsichtsorganen u.a.m. Die Gründung eines Republikmuseums aus dem Büro eines Ministers heraus (die Folgen dieser undurchdachten, überhasteten Museumsgründung werden kaum zu reparieren sein) oder die Abberufung Sabine Haags als Direktorin mögen als Beispiele genügen. 

Meine Skepsis stützt sich aber nicht nur auf diese beiden Aspekte. Es gibt zwei weitere Umstände, die eine Hypothek für jede Ambition darstellen, so etwas wie staatliche Museumspolitik zu betreiben. Es gibt für das (kleine) Politikfeld (staatliche) Museen vier Akteure. Politik/Verwaltung; Museen/Museumsmanager; Besucher; und (v.a. bei Kunstmuseen) Sammler/Galerien. Museumspolitik müsste das Beziehungsgeflecht zwischen den vier Akteuren und den unterschiedlichen Interessen neu gestalten. Da aber die Politik aus den genannten Gründen kaum ein Interesse an einer kohärenten, langfristigen Museumspolitik hat; da die Institutionen und ihre Leitung auf ihrer Autonomie beharren (was das Beharren einer ziemlich unzeitgemässen hierarchisch-autoritativen Leitung inkludiert); da das Publikum nahezu komplett aus dem Diskurs ausgeschlossen ist und keinen Einfluss auf Museen hat; da das Interesse von Sammlern/Galerien/Stiftern ziemlich eng und vorwiegend ökonomisch motiviert ist – wer sollte dann eigentlich der Akteur einer Museumspolitik sein? Von wem sollte eine diesen Positionen und Interessen übergeordnete Museumspolitik kommen? 

Und: Soll man es sich denn überhaupt wünschen, dass die Politik die leitenden Ideen formuliert, an denen sich Museen ausrichten sollten? (Das kann sie auch gar nicht). Es geht um eine gesellschaftliche Aufgabe, die nicht kleinen politischen, strukturell fachlich inkompetenten Eliten überlassen werden dürfte, sondern Formen der Partizipation auf allen Ebenen erforderte. Andere Länder sind da schon weiter, kennen Praktiken und Methoden so etwas zu gewährleisten und leisten sich Entwicklungspläne und evaluierte Zielformulierungen. Also stellt sich eine zweite Frage, die anders als die eben geschilderte, sehr besonders österreichisch ist und etwas mit der Geschichte und Soziologie des staatlichen Museumswesens zu tun hat. Der Grossteil der vom Bund verwalteten und finanzierten Museen ist in der Donaumonarchie entstanden, z.T. aus habsburgischen Sammlungen. Im Vergleich zu Deutschland, England, Frankreich oder der Schweiz spielte hier bürgerliches Engagement eine geringere Rolle (das gilt nicht für die Museen in den Ländern und Städten). Das Museum, das heute als bedeutendstes Österreichs gilt, das Kunsthistorische, wurde als Hofmuseum geplant und gebaut, als ein Museum, das den Glanz der Habsburgermonarchie und die Sammelpolitik des Hauses Habsburg feiern sollte, während andere Staaten schon Jahrzehnte ihre nationalen Institutionen als bürgerlicher Ideologie verpflichtete Bildungseinrichtungen gegründet hatten.

Der Versuch, die «Republikanisierung» der Museen nach 1918 zu betreiben scheiterte. Der Staat Österreich war gezwungen, das riesige «Erbe» der Monarchie zu übernehmen und zu transformieren. Bei den Museen fand dieser Prozess nicht statt. Hans Tietze, ein bedeutender Kunsthistoriker, Historiker und Denkmalpfleger versuchte als Leiter des Unterrichtsamtes und zuständig für die Museen, eine durchdachte Politik der Transformation einzuleiten. Eine, die der Republik ihr adäquate Institutionen geben sollte. Er scheiterte mit seinem Konzept am konservativen Widerstand. Seither wurde nie wieder versucht, so etwas wie eine Museumspolitik des Bundes auch nur zu denken und die Versäumnisse von damals sind die Probleme von heute (etwa die unnötig durch Sammlungsüberschneidungen verschärfte Konkurrenzsituation).
Man könnte einwenden, dass eine «Republikanisierung» nun nicht mehr nötig sei. Die Popularisierung des Museums, der Museumsboom, die Steigerung der Besuchszahlen, das alles sei ja als ein Prozess der Demokratisierung zu verstehen. Hier teile ich aber die Skepsis eines Walter Grasskamp, eines Museologen und Kunsthistorikers, dessen Urteil ich sehr schätze. Er analysiert die Museumsentwicklung der letzten Jahrzehnte, die Wandlung zum Freizeitort, die Eventisierung, die Übernahme sozialpolitischer Aufgaben u.a.m. als «Vergessen» dessen, was Museen ausmacht und historisch ausgemacht hat.
Genau hier tauchen Fragen auf nach dem, was man sich von Museen eigentlich erwartet. Wozu brauchen wir Museen? Welchen Ansprüchen sollen sie gerecht werden? Welchen gesellschaftlichen Sinn sollen sie (mit)tragen? Welcher «Wohlfahrt» sollen sie, die als steuerfinanzierte Institutionen Teil des Wohlfahrtsstaates sind, dienen? Braucht man Museen eher als Orte des folgenlosen ästhetischen Genusses, der zerstreuenden Schaulust oder als Medien von Reflexions- und Orientierungswissen, mithin als Zukunft aufschliessend und nicht bloss Tradition hortend? (Das was (Musik)Theater, Kino, Literatur sehr wohl können).
Diese Fragen wurden, wenig überraschend, auch diesmal nicht gestellt (im Regierungsprogramm) und sie werden auch künftig, denke ich, nicht gestellt werden. 

Verwandte Themen: Es gibt keinen "Fall Eike Schmidt". Hier findet sich etwas Ausführlicheres zur seinerzeitigen Abberufung von Sabine Haag und der ErnennungEike Schmidts zum Leiter des Kunsthistorischen Museums. Der "Fall" hat sich zwar erledigt, aber als symptomatisch für staatliches, parteipolitisches Handeln soll die Geschichte in Erinnerung gehalten werden. Hier der Link.
Von 2017 stammt ein Blogeintrag, der wiederum das Kunsthistorische Museum ins Zentrum rückt und die "Genealogie" seiner Leitungen - als Versuch, das Fehlen, und etwa schon von Hermann Fillitz eingeforderte Museumskonzept - "hsitorisierend" verständlich zu machen. Hier der Link
An der Übernahme der Sammlung Esel durch die Albertina gab es seinerzeit massive Kritik. Sie bezog sich sowohl auf die Planlosigkeit des Umganges des Bundes mit Sammlungen als auch auf die Konterkarieren einer mit dem von der Regierung in Auftrag gegeben "Weissbuch" angebahnten grundsätzlicheren Museumsreform. Hier der Link
Ein schon eine gute Weile zurückliegendes Interview mit Martin Fritz im Standard erinnert daran, wie sehr sich - was Fritz schon damals feststellte - Die Diskussion im Kreis dreht. Hier der Link
Mit der Frage, ob es so etwas wie eine "Grüne" Museumspolitik gibt, habe ich mich schon mal beschäftigt, anlässlich der Veröffentlichung eines umfangreichen und beachtlichen Papiers, das Wolfgang Zinggl verfasst hat. Hier der Link mit dem weiterführenden Verweis auf das Online-Dokument.


Sonntag, 22. Dezember 2019

Donnerstag, 12. Dezember 2019

o.T.


Kultur/Barbarei (Sokratische Fragen 48)

"Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein."

Dieser Satz aus den Geschichtsphilosophischen Thesen Walter Benjamins scheint auch ohne seinen komplexen Kontext unmittelbar verständlich.

Was würde es für das Museum bedeuten ihn in seiner Alltagspraxis vollkommen ernst zu nehmen?

 

Das Museum als Beinhaus

Historisches Museum Luzern. "Schaufenster" am Museum. Der Text erläutert nichts, er  informiert über die Modalitäten eines Besuchs im Museum. Foto GF 2019

Freitag, 29. November 2019

Dresdner Juwelenraub. Unschätzbare Werte. Geglückte Ausbeutung

Am 25.November wurden aus dem Grünen Gewölbe in Dresden Kunstwerke gestohlen. Inzwischen weiss man, welche und wie viele. Ueber den Wert liess man sich in Zahlen nur unklar aus. Denn was meinte man mit den veröffentlichten zahlen? Den Versicherungswert? Den Verkaufswert im Falle einer Veräusserung? Da ist es schon besser von "unschätzbar" zu reden.
Um so sicherer schienen in ersten Reaktionen die Journalisten zum symbolischen Wert, der da eben verloren gegangen war. Andreas Platthaus sah in der Frankfurter Allgemeinen das "Sieges- und Heimatgefühl" der Sachsen "zerstört". Das Siegesgefühl? Das Heimatgefühl? Zerstört? Ja, denn: "Es gibt anderswo auf der Welt größere Diamanten als in Dresden, aber die Besonderheit etwa der sogenannten Brillantgarnitur als bedeutendste der drei liegt darin, dass hier ein Generationenprojekt zu besichtigen war: August der Starke kaufte den Großteil der Diamanten, sein Sohn August III. ergänzte weitere höchst bedeutende Steine, darunter den legendären 'Dresdner Grünen', und sein Urenkel Friedrich August III. schließlich ließ aus Juwelen seiner beiden Vorfahren die jetzige Brillantgarnitur anfertigen - als 'Brücke zwischen den Fürstengenerationen', wie Dirk Syndram, der Direktor des Grünen Gewölbes, das Schmuckensemble charakterisiert hat." Ja dann! Wenn daran bis jetzt die sächsische Identität hing!
Aber es geht auch ins andere Extrem, und das scheint mir interessanter, weil hier Abschied von einer genuin bürgerlichen Affirmation kultureller Tradition genommen wird: "Wer von uns hat sich je dafür interessiert, welchen Manschettenknopf August der Starke, zu welchem Fingerring trug?" Fragt sich und uns Arno Widmann in der Berliner Zeitung und spottet über die Anbetung der Tradition. "Wer von uns interessiert sich für die Veränderungen in der Kunst der Diamantenschleiferei in den vergangenen dreihundert Jahren?" Und: "Ganz sicher haben die Sachsen weniger hart an diesen Gegenständen gearbeitet, als sie vielmehr geschröpft wurden, damit die Majestäten sie erwerben konnten. Das gehört auch zur Wahrheit des Grünen Gewölbes: Hier zeigte der Herrscher, was er sich alles leisten konnte. Es ist ein Dokument rundum geglückter - verwenden wir das alte Wort - Ausbeutung. Deren Opfer zu sein, gehört ganz sicher zur sächsischen Identität."
Wenn der Regierungschef des Landes sagt, "Nicht nur die Staatlichen Kunstsammlungen wurden bestohlen, sondern wir Sachsen", dann meint er das natürlich etwas anders.