Mittwoch, 25. März 2020

Museen in der Corona-Krise. Auf dem Weg zum digitalen oder zum radikalen Museum?

Auf Facebook lese ich: „Das Coronavirus hält die Welt in Atem und die teils katastrophalen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft sind noch lange nicht in ihrem tatsächlichen Umfang absehbar. Auch und vor allem den Kulturbereich trifft es hart. Aber vielleicht ist diese Krise auch als Chance für diejenigen Kultureinrichtungen zu sehen, die nicht unmittelbar in ihrer Existenz bedroht sind und die noch Handlungsspielräume besitzen. Möglicherweise kann sogar die Digitalisierung einen erheblichen Schub dadurch erhalten, dass das Publikum und der Besucher nur noch online erreicht werden kann. Aus der Not wird vielerorts eine Tugend gemacht.“ (Quelle: zeilenabstand.net).

Täusche ich mich? Ist nicht dieser Optimismus die Digitalisierung des Museums betreffend, schon lange vor der Coronakrise stärker denn je unterwegs gewesen, hat nicht der „Schub“ schon längst eingesetzt? Bislang waren all diese Angebote, digitalisierte Objekte, Infoangebote, Lernseiten, Feedbackschleifen, Vermittlungsstrategien usw. immer unter der Voraussetzung angeboten worden, daß die Institution intakt und alles Digitale nur sozusagen Beiwerk, extra Dienstleistungen seien. 

Das ist jetzt anders. Museen sind geschlossen, nicht etwa weil sie Museen sind, sondern weil es Orte sich gefährdender Menschenansammlungen sind. Plötzlich steht die Institution nicht mehr zur Verfügung. (Ein Beitrag, der ebenfalls um die Herausforderung kreist, die die Coronakrise den Museen stellt, findet sich hier: https://museologien.blogspot.com/2020/03/die-museen-und-der-coronavirus-was.html). 

Aber anders als das Theater, die Oper, das Konzert, der Film, das Buch, wo es längst eine Tradition der digitalen Transformation gibt, ist diese für das Museum eine noch kaum erprobte, kaum entwickelte Herausforderung. Noch fehlt es hier weithin an Reflexion und experimenteller Praxis die die naive Vorstellung, das Museum einfach so wie es ist im Netz zu reproduzieren weit hinter sich ließe und in der etwas Neues entwickelt werden könnte, so wie sich ja auch längst Hybridformen von Theater, Kino, Rundfunk usw. entwickelt haben.

Worin soll denn die „Tugend“ bestehen, von der im Zitat die Rede ist? Doch nicht in den 1200 Links, die mir eine fleißige Sammlung in die Hand gibt, damit ich die National Gallery in London oder den Prado in Madrid „besuchen“ kann, und doch wohl auch nicht das Video, in dem ich mit dem Grazer Stadtrat durch die neueste Ausstellung des GrazMuseums gehen kann oder und auch nicht das Angebot des Bayrischen Nationalmuseums, die Ausstellung „Treue Freunde. Hunde und Menschen“ via Computer zu bewundern.

Von der Museumssoziologie kann man schon lange erfahren, in welch hohem Ausmaß der Museumsbesuch ein soziales Ereignis ist. Wie läßt sich denn unter den Bedingungen des erzwungenen „Social distancing“, das Digitalisierung sowieso meist nach sich zieht, da braucht es die Verbote der Coronokrise gar nicht, das Museum als Ort des Sich-Sammelns und des agonistischen Diskurses, von Bildung überhaupt, weiterdenken? Was ist mit dem „sozialen Raum“ Museum?

Und was ist mit der fundamentalen Transformation der Materialität der Dinge? Die galt doch bisher als die Essenz des Musealen, als unhintergehbare Bedingung des Museums, in dem Duplikate, Repliken etc. nur unter besonderen Bedingungen geduldet wurden. Sätze, die gegen den Trend der Digitalisierung gerichtet sind, hört man selten. Der Direktor der Albertina will einschlägige Angebote ausschließlich als zusätzliches Angebot sehen, nie als Ersatz von Ausstellungen: „Das Erlebnis vor dem Original ist nicht substituierbar.“

„Verschwindet“ da mit der (weil dem Publikum verschlossenen) Institution nicht gleich die Idee des Museums mit? Befristete Sperre für die Öffentlichkeit - warum nicht, wenn es ein effizienter Beitrag zur Krisenbewältigung ist. Aber „Abschaffung“ der Materialität der Sammlung durch Virtualisierung? Wozu hat es dann das Museum bisher eigentlich/ gebraucht?

Nun, vielleicht ist ja gerade das der Schritt in eine radikale Negation des Museums hinein, in der etwas Neues entstehen könnte, etwas was die Beschränkungen und Hypotheken der bisherigen Museumsidee auflösen könnte und an seine Stelle einen anderen Umgang mit Dingen, andere Weisen des Lernens, des Erfahrungen-Machens ermöglichen würde, eben ohne festen Ort, ohne besondere Architektur, ohne Entgelt, ohne autoritative Hierarchien. Dazu müssten die Museen die ihnen unerwartet zufallende „Pause“ als Zeit des Überdenkens und Projektierens nutzen. 


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