Freitag, 5. April 2013

Das Wiener Völkerkundemuseum wird zum "Weltmuseum". Museumstransformationen im Zeitalter der Museumsvermarktung

Das Wiener Völkerkundemuseum soll demnächst "Weltmuseum Wien" heißen. Inspiriert ist die Umbenennung wohl von einigen, schon vor vielen Jahren umbenannten ethnologischen Museen, wie dem Haus der Kulturen in Berlin oder den Museen der Weltkulturen in Frankfurt oder Mannheim, oder dem Basler Museum der Kulturen. Diese kleine Aufzählung zeigt, daß es immer um Kulturen geht, nie nur um Welt. Die Koppelung von Welt und Wien, semantisch ohnehin zweideutig, hat wohl auch mit der angekündigten Neupositionierung des Museums zu tun, aber in erster Linie doch eher damit, irgendein Alleinstellungsmerkmal - nicht über Ziele, Strategien oder Konzepte -, sondern über die Benennung zu bekommen. Es geht um eine "neue Marke" und es ist bezeichnend daß sie zuerst zusammen mit einem neuen Logo und einem Internetauftritt vorgestellt wird, ehe in einigen Wochen das Konzept für das "neue" Museum vorgestellt werden wird.
Was ist ein Weltmuseum? Was ist ein Universalmuseum? Das Landesmuseum Joanneum in Graz hat sich vor nicht allzulanger Zeit diesen Namen gegeben. Dabei war eine Variante "Universalmuseum Steiermark" in Diskussion, aber der Verzicht auf die historische Benennung nach dem Gründer wurde von so manchem Kurator als Verzicht auf ein Stück historisch fundierter Identität des Museums aufgefasst. So koppelte man schließlich das Universale mit dem Joanneum. Begründet wurde die Umbenennung mit der Vielfalt der Sammlungen und, was möglicherweise bezeichnender ist, mit der besseren Übersetzbarkeit von Universalmuseum ins Englische im Unterschied zu Landesmuseum. Auch hier ging es also um die Schaffung einer neuen Marke, die von der Schaffung eines aufwändigen neuen Corporate Design einherging.
Beim Wiener Museum darf man auf das neue Konzept deshalb gespannt sein, weil es ja dort unter anderem um den Aufbau einer neuen Dauerausstellung geht und um die Frage, ob "Neupositionierung" sich nur auf den "Museumsmarkt" beziehen wird, oder auch auf Ziele und Methoden der Museumsarbeit.
Mit "Museumsmarkt" meine ich den Umstand, daß Museen immer stärker untereinander konkurrieren, um Besucher, um Aufmerksamkeit, um mediales Echo. Die Wahl, das Völkerkundemuseum "Weltmuseum" zu nennen, hat nicht nur mit dem lokalen wiener Museumsmarkt zu tun, sondern mit der internationalen Konkurrenz. Gerade weil die Koppelung von "Welt" und "Kulturen" schon mehrfach "vergeben" war, kam man wohl aufs "Weltmuseum".  Damit aus dem "Weltmuseum" nicht ein "Allerweltsmuseum" wurde, war die Spezifizierung "Wien" nötig. Die erst schafft Unverwechselbarkeit aber auch Vergleichbarkeit mit Basel, Mannheim oder Berlin - wo ja das geplante Museum im Schloß im Verbund mit der Museumsinsel bereits als "Universalmuseum" gehandelt wird.
In diesen Zusammenhang gehört auch die Entscheidung, die kunstgewerblichen (früher noch: kunstindustriellen) Sammlungsbestände unter dem Namen "Kunstkammer" auszustellen. Sicher, die Objekte kommen aus verschiedenen habsburgischen Kunstkammern, aber die Art und Weise ihrer Ausstellung hat nichts mit einer Kunstkammer zu tun. Schwerer wiegt, daß diese Sammlung nicht mehr identisch ist mit denen des 16. und 17. Jahrhunderts. Die allmähliche Auflösung der Kunstkammern ging mit einer neuen Klassifikation, Bewertung und Aufteilung in Sammlungsgruppen einher. Kunstkammerbestände gibt es in Ambras und - im Völkerkundemuseum und im Naturhistorischen Museum. Die Bestände der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums sind also Indizien eines sammlungsgeschichtlichen Bruchs, nicht einer Tradition.
Wenn die Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums die Kunstkammer als Wiege des Kunsthistorischen Museums bezeichnet, dann ignoriert sie nicht nur ältere habsburgische Sammlungsbestände in den beiden Schatzkammern sondern auch die grundlegende Transformation die nötig war, um aus den unzähligen Sammlungstypen der frühen Neuzeit (unter denen die Kunstkammer nur eine war) das Museum der Moderne hat entstehen lassen.
Wenn jetzt, wie bestellt oder inszeniert, Untersuchungen an der Hofburg Baureste der dortigen Kunstkammer zutage fördern, wird das als Sensation gemeldet und man ist sofort mit der Formulierung vom "ältesten Museum nördlich der Alpen" zur Hand. Das suggeriert zusätzlich zur Konstruierbarkeit einer jahrhundertelangen sammlungsgeschichtlichen Tradition, deren Fragwürdigkeit ich eben erwähnt habe, die Existenz einer "Museumsarchitektur". Doch Kunstkammern waren in der Regel höchst bescheidene Zimmer oder Gewölbe mit ebenso bescheidener Ausstattung, nüchterne Nutzräume und weit entfernt von dem, was als "Museum" bautypologisch seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden ist.

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