Samstag, 9. Februar 2013

Hier lang... (Texte im Museum 380)

Von Jörn Borchers Facebook-Album geklaut, weils aber auch zu schön ist. (S)Ein Foto aus dem Louvre von 2007

Das "Open Museum" in Glasgow. Die Idee der Vermitllung und der Partizipation auf dem Prüfstand

Eins der - fast zur Mode gewordenen - Stichworte der gegenwärtigen Museumsdebatten ist 'Partizipation'. Es wird unter diesem Etikett über Beteiligung, Einschluß, Selbstermächtigung diskutiert. Die Spannweite ist groß, wie man sich Partizipation vosrstellt. Das reicht vom bloßen mitmachen bis zum selbst verantworteten Tun.
Konsequent zu Ende gedacht, stößt man auf einen Widerspruch. Wenn man jede autoritative Einflußnahme aufgibt, wenn sozusagen der Ort der Macht den Platz wirklich wechselt, dann hört es auf, Partizipation zu sein. Partizipation wird ja vor dem Hintergrund von gesellschaftlichen und institutionellen Machtstrukturen diskutiert. Wie ist es möglich, diese - bezüglich des Museums oft sehr diskreten, versteckten, aber umso wirksameren Strukturen aufzuweichen oder eben auch ganz aufzulösen? Wenn alle Einflußnahme aufgegeben wird, dann ist aber auch das, was dann entsteht, für den- oder diejenigen, die ein partizipatives Projekt initiiert haben, völlig unverfügbar. Es wird irgendetwas sein, nicht mehr kontrollierbar, vielleicht auch weit weg von dem, was man landläufig unter Museums- oder Vermittlungsarbeit versteht.
Ich sage weder daß das gut und wünschenwert ist, noch daß es es nicht machbar und abzulehnen ist. Ich möchte nur auf diesen Widerspruch hinweisen und ein Programm vorstellen, das die kommunalen Museen in Glasgow gemeinsam betreuen, das "Open Museum", und bei dem man ganz praktisch prüfen kann, wo Partizipation anfängt oder endet.
Dieses Programm ist einfach und es ist erfolgreich. Ob man es ein partizipatives Projekt nennen kann? Ich bin nicht sicher, denn der Grad an Eigeninitiative und -verantwortung jener Gruppen, Communities, Teams, Stadtteilbewohnern, Schulklassen usw., die es nutzen, ist hoch.

Was ist das "Open Museum"?
Die städtischen Museen Glasgows betreiben eine gemeinsames Ressourcen-Center, was schon aus finanziellen und logistischen Gründen vernünftig erscheint. Es gibt ein gemeinsames Depot, das übrigens nach gewissen, einfachen Spielregeln für jedermann nutzbar ist, es gibt gemeinsame Verwaltungs- und Laborressourcen, Forschung und eben das "Open Museum".
Es wird von einer handvoll Personen betreut, die z.B. Stadtteilinitiativen bei der Erstellung von Ausstellungen unterstützen, die aber auch Objekte jedermann, der sich das wünscht, zur Verfügung stellen.
Zu dem Zweck werden Kisten gebastelt, in die thematisch zusammenpassende Objekte mit begleitenden Text- und Bildmaterial verstaut werden. Dazu gibt es eine eigne Werkstatt, eine Wunderkammer an Bastelmaterial, Werkstoffen, Farben, Klebern, Dingen und - Ideen.


Wenn z.B. eine Kiste zum Thema "Radfahren" realisiert werden soll, dann werden etwa zwanzig oder dreißig oder vielleicht auch mehr Objekte, fast ausnahmslos Originale aus den Sammlungsbeständen, zusammengestellt und eine passgenaue robuste und ansprechend gestaltete Kiste gepackt. Man muß sich das vielleicht so vosrstellen wie einen Picknickkorb. Jedes Teil hat sein passgenaues 'Bett', in das es schützend gelegt werden kann.


Das allein macht schon Lust, sich mit den Dingen zu befassen und die Sorgfalt, mit der das Behältnis herrgestellt ist, iat auch Ausdruck der Wertschätzung der Objekte.
Die Objekte ergeben keine Erzählung und keine Botschaft. Auch die beigefügten Materialien haben keine bestimmte pädagogische Absicht oder den Zweck der Wissensvermittlung. Es wird kein Lehrziel formuliert. Was man vor sich hat ist weder Exponat noch Lehrbehelf, es ist zunächst Material, Spielmaterial, Diskussionsstoff, den man nach eigenem Gutdünken nutzen kann.



Die Kisten werden an Gruppen verliehen, einige Wochen lang und es gibt dazu keinerlei vorgaben (wenn ich mich recht erinnere, gibt es auch keine Leihgebühr). Das "Open Museum" verzichtet auf jedes 'Briefing' und evaluiert nicht. Es gibt auch keine Bedenken, daß etwas zu Bruch gehen könnte. Obwohl die Objekte, die verliehen werden durchaus ihren Wert und ihre Bedeutung haben können, es ist beileibe kein Ramsch aus dem Depot, ganz im Gegenteil, und auch wenn manche Objekte  wirklich schön, interessant, rätselhaft, ansprechend usw. sind, trägt man es mit Fassung, wenn, was selten passsiert, etwas kaputt geht.


Ich habe das "Open Museum" im Rahmen einer Exkursion gesehen und die Reaktion der Gruppe war paradox. Einerseits haben an keiner Station der Exkursion die Augen so geleuchtet und nirgendwo begann gleich ein so begeistertes Stöbern, Probieren, Phantasieren. Es hat großen Spaß gemacht. Andrerseits war die Diskussion danach polarisiert. Begeisterung hier, große Skepsis da. Für die Skepsis gibt es eine, sicher nicht vollständige Erklärung. Im "Open Museum" wird der 'Vermittler' obsolet. Es gibt den "Bastler" und es gibt zwei Personen, die Ideen entwickeln, Objekte aussuchen, den Verleih organisieren (ich nehme mal an, von einer Adminstration unterstützt). Das "Open Museum" benötigt keine Instanz mehr 'zwischen' Objekt(en) und Personen. Damit fällt nicht nur eine (Berufs)Rolle weg, und deren Legitimation, sondern auch die autoritative Geste des Zeigens, Bedeutens, (Be)Lehrens usw.

Was an Autorität oder Deutungsmacht übrig bleibt, steckt in der vorbereitenden Arbeit, im Auswählen der Objekte (und davor schon, im Prozess, in dem die Museumssammlungen zustandegekommen sind - mehr oder weniger ja auch eine Wahl mit Interessen und Ideolgien). Man kann darüber nachdenken, wie stark oder wie schwach die Vorgaben sind, die in einem solchen Koffer stecken oder darüber, was durch das Setting, die Handhabe des Projekts alles ermöglicht wird und was nicht. Sicher ist, daß in dem Moment, in dem so eine Kiste außer Haus geht, keinerlei Einfluß auf das genommen wird, was dann passiert.
Ab diesem Zeitpunkt ist es keine Partizipation mehr, oder? Die Nutzer, Spieler, (Gedanken)Bastler, Ausprobierer, Nachdenker sind sich selbst genug, sie beteiligen sich nicht "an etwas", sie machen 'es' selbst. Es ist eine Reise ins Offene.




Samstag, 2. Februar 2013

Roboter im Technischen Museum Wien

"Roboter. Maschine und Mensch?" Eine Ausstellung im Technischen Museum in Wien

Eine Standard-Schnell-Kritik

Information
Gut. Relativ wenig Text, der aber in wichtigen Fragen recht genau und knapp informiert. Der technisch-funktionale Blöick wird um so manche kulturhistorische Frage erweitert. Voraussetzung der Entwicklung von Robotern, Was sind Roboter, medizinische und industrielle Anwendung, humanoide Roboter, Rationalisierung der Arbeit, Werbeträger, SciFi, Film und Roboter, aktuelle Entwicklungstendenzen, Automaten, Experimente, spielerischer Zugang uam.

Augenschmaus
Ganz gut, sehr unterschiedlich je nach Thema. Highlight sind die humanoiden Originalroboter der 50er- und 60er-Jahre




Unterhaltung
Wenn man kindlichen Spieltrieb ausleben will, kommt man im letzten Teil der Ausstellung auf seine Rechnung, beim Zuschauen und Selbermachen




Museologische Inntelligenz / Innvation / Experiment
Ich kann man mich an nichts erinnern, was an der Gestaltung / dem Konzeot irgendwie neuartig oder überraschend gewesen wäre

Erotik / Sex appeal
Da Roboter, sofern sie nur irgendwie humanoid sind, männlich und technisch dumm sind, kann man in dieser Hinsicht nichts erwarten. Die Gestaltung kann man freundlich 'unauffällig' nennnen. Weniger freundlich: billig und sehr unambitioniert (es sollte wohl auch alles eher billig bleiben).


Spannung
Hält sich in Grenzen, manch überraschender Information folgt dann wieder etwas, was nicht grade sehr wissenswert ist

Augenschmaus
Abgesehen von der Gruppe humanoider Roboter, die das augenkulinarische Highlight sind, ist die Anmutung der Objekte, was in der Natur von Schaltkreisen, Sensoren, Uhrwerken etc. liegt, recht bescheiden. Auch als Spielwaren machen Roboter nicht wirklich was her


Standpunkte / Sichtweisen
Obwohl der von vielen Ausstellungen gewohnte und verschwiegene, aber daurch erst wirksame auktoriale und autoritative Ton herrscht, hinter der ein allwissendes Subjekt steckt (die Kuratoren werden am Beginn der Ausstellung allerdings genannt), ist alles durch einen essayistischen Zugang, durch viele kleine feine und gewitzte Beobachtungen entschärft. Die Texte nehmen einen ganz angenehm an die Hand und drehen einen in auch ganz unerwartete Blickrichtungen


Gender
Robotermacher und Roboter sind Männer - eine Ausnahme wie die aus Fritz Langs 'Metropolis' ist eben eine Ausnahme. Roboter bedienen Frauen (Staubsaugen) oder belästigen sie (Rock-Hochheben). Die Kuratoren haben wohl bemerkt, daß da eine Frage sein könnte, stellen sich aber unbedarfter als sie sind (siehe den Post "Geschlecht und Kurator" hier)

Was fehlt
Zum Beispiel die Frage, was aus der tendentiellen Ersetzung menschlicher Arbeit durch Maschinen / Roboter werden wird. Und gerade in Zusammenhang mit dieser Frage, die Querverbindung zur Ausstellung 'In Arbeit' im Haus


Worüber man stolpert
Über den verschwiegenen Umgang mit Sponsoren, die zwar genannt werden, über deren indirekten / indirekten Einfluß man aber nichts erfährt

Lieblingsobjekt
Ein ziemlich derangiertes Puppenpaar, das sich Sätze wie "Das nie rostende Schwert - die Zunge der Frau" an den Kopf wirft, wofür es alle etwa dreißg Sekunden knallende Ohrfeigen gibt



Nahversorgung
Seit dem schlimm missglückten Umbau des Einganges des Museums, sitzt der kulinarisch bedürftige Besucher in der ehemaligen empfangenden, sehr großen Säulenhalle, die zu groß ist, um einigermaßen gemütlich zu sein und die es trotz ihrer Bombastik nie schafft, die Bescheidenheit des Angebots zu übertönen. Suchen Sie lieber das Weite




Verhaltensregeln
Im ganzen Haus herrscht ein Vorschrift- und Abmahnungston, bei dem man sich als Besucher fragt, wessen Feind man eigentlich ist. Nach der Kasse gibt es eine Kartenkontrolle samt im Anordnungston verfasster Hausordnung im Ausmaß einer Großwerbefläche. Keine Angst, in der Ausstellung gibts nichts davon - und das Personal ist überall freundlich um Sie bemüht. Mit einer Ausnahme. Am Informationsschalter ist man von jeder Annäherung durch Besucher sichtlich inkommodiert und nimmt übel, wenn man es wagt, dort vorstellig zu werden

Gesamtnote
Noten werden hier nicht vefrgeben, keine Hauben und Gabeln und auch keine Sterne. - Fragen Sie sich, wie verspielt sie sind, wann sie zuletzt einen Roboter gesehen haben, was passieren würde, wenn ein Roboter Ihren Arbeitsplatz einnehmen könnte oder ob Sie sich für Ihren englischen Rasen einen Roboter wünschen. Und dann entscheiden Sie, ob sie ins Technische Museum fahren






Verkehrte Welt (Texte im Museum 376)



Freitag, 1. Februar 2013

Philadelphia Centennial Exhibition 1876 (Entrée 94)



Ausschreibung auf österreichisch

Vor kurzem wurden die Leitungspositionen der Albertina und des Technischen Museums ausgeschrieben.
Beide Ausschreibungen enthaltenen einen sehr ungewöhnlichen Passus, in dem die jeweiligen Leiter zur Bewerbung eingeladen werden.
Hier der Text zur Ausschreibung der Albertina-Direktion.
"Bewerberinnen und Bewerber, auch der derzeitige Geschäftsführer, werden eingeladen, ihre Bewerbungen mit dem Zusatz „vertraulich“ bis spätestens 28.2.2013 an das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, Sektion IV, z.Hd. SC Dr. Michael P. Franz, Minoritenplatz 5, A – 1014 Wien (E-Mail: michael.franz@bmukk.gv.at) unter Anführung der Gründe, die die Bewerberin/den Bewerber für die Funktion als geeignet erscheinen lassen, zu übermitteln."

Eine Ausschreibung ist selbstredend ein Instrument der Findung geeigneter Personen, die sich an eine unbestimmte Öffentlichkeit wendet, aus der dann im Verfahren der oder die Geeignete gefunden wird. Der Offenheit des Verfahrens widerspricht prinzipiell jede Nennung einer bestimmten Person. Ich und viele meiner Freunde haben eine solche Ausschreibung noch nie gesehen. Manche halten sie für rechtswidrig und die Einladung an die derzeitigen Leiter für ein triftiges Motiv von potentiellen Bewerbern im Falle einer Nichtberücksichtigung klagen zu können. Das kann ich nicht beurteilen.
Warum teilt die Ministerin oder der Sektionschef den betreffenden Personen nicht direkt, aber auf getrenntem Weg mit, daß ihre Bewerbung erwünscht ist?
Kann man eine andere Erklärung dafür angeben, als die, daß allen Bewerbern damit signalisiert wird, daß ihre Bewerbung wenig Chancen hat?