Sonntag, 31. Dezember 2017

Das Museum des Jahres 2017: Das Weltmuseum in Wien

Das Weltmuseum hat mich überrascht. So umfassend habe ich den selbstkritischen Umgang mit der Geschichte und der Aufgabe des Hauses nicht erwartet. Dabei rechtfertigt sich das Museum nicht als notorisch als Museumstyp in Frage gestelltes ethnologisches Museum, sondern erläutert facettenreich Geschichte, Sinn und Fragwürdigkeit dieses Museumstyps an sich selbst.

Für ein Bundesmuseum ist eine solche Haltung völlig neu. Die Selbstbefragung erstreckt sich auf die Herkunft der Sammlungen, die wissenschaftlichen Grundlagen, die Praktiken des Ausstellens und vieles andere. Dabei ist das Museum ausgesprochen vielstimmig. Nicht nur weil alle Kuratoren ausführlich ihre Standpunkte und ihre Neugierde - in einer eigenen - Ausstellung artikulieren, sondern weil in Dutzenden von Videoclips Menschen zu Wort kommen - mit ihrem professionellem Wissen oder ihrem lebensgeschichtlichen Umgang mit Fragen und Objekten. 

Der Kolonialismus, die Fragen einer ethnologischen Restitution, der Umgang mit tabuisierten Objekten, die Frage nach der Autorität der Sprecherposition, die Frage der Teilhabe von wie auch immer Betroffener, eine praktische Kritik selbst die herkömmlichen Sammelstrategien, alles wird zur Diskussion gestellt.

Das wird in einem geglückten Wechselspiel von Dauerausstellung und (zeitlich begrenzten) „Trabantenausstellungen“ geleistet. Lisl Ponger z.B. bietet uns eine unglaublich dichte vielstündige Collage zum Thema Kolonialismus an, die unter anderem den großen Vorzug hat, nicht bloß die politische Geschichte des Kolonialismus detailliert aufzurollen, sondern dessen populäre und mediale Verarbeitung vorzuführen, Film, Malerei, (Trivial)Literatur.

Von Freunden und Kollegen habe ich sehr unterschiedliche Reaktionen zu hören bekommen, eine sehr schroffe und ablehnende, andere vorsichtig ambivalente und vorläufige. Man könne sich auch konsequentere Reaktionen auf die Probleme ethnologischer Museen vorstellen. Das kann ich auch, aber ich sehe am Beispiel etwa des Humboldt-Forums vergleichsweise die Qualität des Wiener Museums. Dort ist über der Restitutionsfrage und dem unvermeidlichen Neokolonialismus des Projekts eine sehr heftige öffentliche Debatte entstanden, ohne daß klar geworden ist, wie man damit umzugehen gedenkt. In Wien ist man schon weiter, hier wurde manches praktisch angepackt, was in Berlin erst debattiert wird.

Ich sehe wie andere auch Schwächen, z.B. dort, wo auf bewährte Ausstellungsweisen zurückgegriffen wird, auratisierend, vereinzelnd, Objekte in den Status von Kunst verwandelnd. Da hilft dann oft die textliche und auditive Information wenig oder ist unzulänglich umgesetzt. Allerdings ist es für so manche Sammlungen gelungen, sie geschickt mit neuen Narrativen zu durchkreuzen. Die drei habsburgischen „Sammlerschicksale“ werden sehr anschaulich dargestellt und verweisen über die konkreten Geschichten hinaus auf obsessives und possesistisches Sammeln, also auch auf Grundlagen von Musealisierung. An anderer Stelle lernen wir an Sammlerbiografien, daß es jenseits kolonialer Habgier und Militanz auch - so weit es überhaupt denkbar ist -, vorbehaltlose Neugier gab und Bereitschaft, sich dem Fremden zu stellen oder sich ihm gar anzuverwandeln.

Die Verwandlung eines Völkerkundemuseums in ein Weltmuseum hat sich nicht als graduelle Verbesserung vollzogen, sondern als Wandel der Haltung des Museums. Es problematisiert ethnologisches Ausstellen nicht bloß auf der Ebene der Zeigepraktiken, es stellt die Grundlagen der Institution in Frage und stellt diese Fragen zur Diskussion, bieten den Besuchern, Möglichkeiten, den Prozess der Selbstbefragung mitzuvollziehen. Der hegemoniale europäische Blick ist nicht ganz verschwunden, aber man erkennt die Bereitschaft, sich den Problemen dieses Museumstyps zu stellen und praktisch zu erproben, wie andere Zugänge möglich sind.

Das Museum hat eine alles was ich von österreichischen Museen kenne übertreffende Webseite mit über 4000 in eine mächtige Suchmaschine eingebettete Objekte, die vorzüglich abgebildet werden und sich auch mit dem Ort verknüpfen lassen, an dem sie derzeit gezeigt werden. Ein schönes Angebot, vorher oder nachträglich eine Besuch zu vertiefen, bequem vom Sofa aus. 

Ich war oft und lange im Museum, meist in Begleitung. Und jedes Mal entstanden intensive Diskussionen, oft sofort vor Ort, oder im Cafe des Museums. Und jedes Mal bin ich mit dem Wunsch weggegangen, bald wiederzukommen und die Entdeckungsreise durchs Museum erneut aufzunehmen. Bei aller Ambivalenz, die ich in Urteilen anderer finde und auch bei mir selbst, ich glaube nicht, daß ich mich bei weiteren Besuchen noch so sehr enttäuschen werde, um von der derzeitigen Einschätzung abzugehen: Dem Direktor des Museums und dem Museumsteam ist etwas sehr Erstaunliches gelungen, für Österreich nahezu einmalig, und, so weit ich das beurteilen kann, im europäischen Vergleich etwas selbstbewußt Vergleichbares und Fortgeschrittenes.

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