Sonntag, 11. Dezember 2022

Alexandra Föderl-Schmid (Süddeutsche Zeitung) und Christ Zöchling (profil) kommentieren die jüngste Entwicklung am Heeresgeschichtlichen Museum

Kurz hintereinander haben die Süddeutsche Zeitung und das profil Beiträge zum Heeresgeschichtlichen Museum gebracht. Hier die Links und Leseproben:

Alexandra Föderl-Schmid: Museumschefs gesucht. Noch dieses Jahr soll feststehen, wer nach den Turbulenzen um das Heeresgeschichtliche Museum künftig das Haus führen soll. Es ist nicht die einzige vakante Leitung, die es an den Wiener Museen zu besetzen gilt. In: Süddeutsche Zeitung 9. Dezember 2022
https://www.sueddeutsche.de/politik/oesterreich-heeresgeschichtliches-museum-tanner-ortner-hollein-kunsthistorisches-museum-albertina-schroeder-1.5711601?reduced=true

Zitat: “Außerdem wurde in einem offenen Brief, den bisher 70 Experten aus dem museologischen und historischen Fachgebiet unterzeichnet haben, Kritik am bisherigen Procedere geübt. In dem Appell wird eine "Neuausschreibung und ein Berufungsverfahren, das öffentlich und unter Einbeziehung in- und ausländischer ExpertInnen stattfindet und den Weg zur grundlegenden Erneuerung des Museums öffnet" gefordert. Kritik wurde an der Berufungskommission geübt, weil diese "fast ausschließlich aus Berufsoffizieren und Ministerialjuristen" bestehe.
Von der Ministerin wurde zwar Ende 2021 ein wissenschaftlicher Beirat eingerichtet, der aber den geltenden Regularien zufolge keinerlei Befugnis bei der Auswahl der Museumsleitung hat. Ministeriumssprecher Michael Bauer verweist im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung darauf, dass das Verfahren so abgehalten wurde, wie es das Ausschreibungsgesetz vorsieht. Wenn man Findungskommissionen oder externe Wissenschaftler in die Entscheidungsgremien mit einbeziehen wolle, müsse dafür das Ausschreibungsgesetz geändert werden. Er verwies auch darauf, dass von der Ministerin eine Personalberatungsfirma beauftragt wurde, die Erfahrung im öffentlichen Bereich habe.
Wohl als Reaktion auf die Kritik wurden kurzfristig drei weitere Bewerber eingeladen
(…) Nun wurden aus dem größeren Kreis der Bewerber in dieser Woche kurzfristig weitere Bewerber zu Gesprächen für diesen Freitag nach Wien geladen, was von Eingeladenen als Reaktion auf die Kritik am Bestellungsverfahren gewertet wurde.
Aus dem Ministerium heißt es, dass dennoch noch bis Jahresende eine Entscheidung fallen soll. Angesichts der massiven Kritik dürfte sich Tanner sehr gut überlegen, ob sie tatsächlich nochmals den Favoriten vieler Berufssoldaten und so mancher Beschäftigter nominiert.

Christ Zöchling: Hat das Heeresgeschichtliche Museum eine Zukunft? Eine neue Historikergeneration sagt: Nein, in der Form nicht, und fordert eine Reflexion über Militär und Krieg, die einer Republik würdig ist. In: profil
11.12.2022

Zitat: „Der umstrittene Direktor Ortner ist freilich nur das Symptom eines Konflikts, der tiefer geht. Was man mit diesem Museum tun soll, ist eine Generationenfrage geworden. Eine Historikergeneration, die die Kolonialgeschichte aufarbeitet, den österreichischen Opfermythos lächerlich findet und bereit ist, Denkmäler zu stürzen oder zumindest kritisch zu hinterfragen, findet ein Festhalten am Habsburg-Mythos und militaristischen Heldenlegenden einer Republik unwürdig.“
Zitat: „Generell: kein Gesamtkonzept, keine Erzählung und auch  keine Leitidee.  Nur immer „Ruhm und Ehre“ des Hauses Habsburg und seiner Heerführer sowie propagandistische Verzerrungen bis hin zu stereotypen Feindbildern.“
Zitat: „Zur Tradition des Hauses gehört auch, dass man über die Nachkriegsdirektoren, die NSDAP-Mitglieder waren, nobel schweigt. Einer von ihnen, Heinz Zatschek, war sogar im Büro von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, der mit der „Endlösung der Judenfrage“ beauftragt war, tätig gewesen. Im Museum findet sich auf der Tafel für Zatschek dazu kein einziges Wort.“


Montag, 5. Dezember 2022

Heeresgeschichtliches Museum. Die Bewerber



An dieser Stelle hatte ich die Namen der sechzehn Bewerber um den Leitungsposten des Heeresgeschichtlichen Museum veröffentlicht. Im Sinne der wünschenswerten Transparenz des Bewerbungsverfahrens. Es scheint das nicht in jedermanns Interesse zu sein und es gibt Überlegungen oder Vorbereitungen aus dem Kreis der MitarbeiterInnen des Museums, zu klagen. Deswegen lösche ich diesen Post. 

 



Heeresgeschichtliches Museum. Personalstand 2021

In den Debatten um das Heeresgeschichtliche Museum wurde immer wieder gefragt, wie viele Mitarbeiterinnen das Museum denn hätte. Auf der Webseite finden sich keine Angaben zum Personal, was eher unüblich für Museen ist. Hier nun der Personalstand 2021. Quelle: Jahresbericht des Heeresgeschichtlichen Museums.








Sonntag, 4. Dezember 2022

Heeresgeschichtliches Museum. Reaktionen auf den Mobbingvorwurf




Kurz nach dem Bekanntwerden der Mobbingvorwürfe - etwa ein Dutzend Personen von insgesamt 80 BeamtInnen und MitarbeiterInnen hatte ihn unterzeichnet - wurde eine andere Unterschriftenliste bekannt, die die Vorwürfe zu relativieren versuchte. Zu dokumentarischen Zwecken veröffentliche ich den an Minister Tanner gerichteten Brief (ich habe nur den etwas beschnitten Text mit unleserlicher Unterschrift).

Von den von Mobbing Betroffenen heißt es (5.12), daß keinerlei Schritte unternommen wurden, sie zu kontaktieren und ein Mobbingverfahren einzuleiten.



Kunst & Wahrheit (Texte im Museum 1106)

"Faking the news". Kunsthaus Graz 2022 Foto GF

 

Offener Brief des wissenschaftlichen Leiters des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands an die Bundesminsterin Klaudia Tanner



Offener Brief des wissenschaftlichen Leiters des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands an die Bundesminsterin Klaudia Tanner


Sehr geehrte Frau Bundeministerin Mag.a Klaudia Tanner

Aufgrund der aus Presseinformationen bekannt gewordenen Details über die Shortlist für die Neubesetzung der Direktion am HGM fordern wir

- den sofortigen Stopp des Vergabeverfahrens

- die Offenlegung aller Bewerbungen und Bewerbungsunterlagen für Mitglieder des wissenschaftlichen Beirates

- die Offenlegung der angewandten Kriterien für die Erstellung der derzeitigen Shortlist durch die Verantwortlichen Beamten des BMLV

- die allfällige Wiederholung des Auswahlverfahrens unter Einbeziehung der Mitglieder des wissenschaftlichen Beirates

- oder andernfalls den Abbruch des Besetzungsverfahrens und eine neuerliche Ausschreibung der Direktion des HGM

Die Neuausschreibung der Direktion war ursprünglich aufgrund zahlreich festgestellter Mängel in der bestehenden Führung des HGM unausweichlich geworden. Erscheint die Belassung der problematischen Führung des HGM über den aktuellen Vertragszeitraum hinaus an sich schon bedenklich, so ist das nunmehrig bekannt gewordene Ergebnis des neuen Auswahlverfahrens völlig inakzeptabel. Dass ausgerechnet jener Direktor, dessen eklatante Führungsmängel zur Neuausschreibung geführt haben, sich nun wieder als aussichtsreichster Kandidat auf dem aktuellen Dreiervorschlag für die Besetzung der Direktion wiederfindet, erscheint absurd und völlig inakzeptabel – die Chancen der beiden anderen Kandidaten erscheinen marginal, in einem Fall schon aufgrund des jugendlichen Alters sowie der Unerfahrenheit in der Führung einer Institution und im zweiten Fall durch die völlige Fachfremdheit des Bewerbers.

Die Mängel in der geschäftsführerischen Leitung des derzeitigen Direktors wurden durch einen extrem kritischen Bericht des Bundesrechnungshofes detailliert kommuniziert. Die wesentlichen konservatorischen und inhaltlichen Mängel betreffend die Dauerausstellung sowie den skandalösen Ausstellungsabschnitt „Demokratie und Diktatur“ wurden durch zwei Untersuchungskommissionen genauestens beschrieben.

Neuerdings wurde auch der Ausstellungsteil über Geschichte und Aufgabe des österreichischen Bundesheeres nach 1945 – nach Auskunft des Museumspersonals für immer – geschlossen. Dass in einer Institution der Republik die Darstellung der Militärgeschichte im Jahre 1945 endet und die 75-jährige Geschichte der Streitkräfte der Zweiten Republik nicht thematisiert werden soll, ist absurd. Als kleines Trostpflaster bleibt, dass damit auch die diffamierende Darstellung des österreichischen Zivildienstes mittels einer hetzerischen Karikatur aus der rechtsextremen Publikation „Aula“ endlich nicht mehr zu sehen ist.

Leider immer noch zu sehen ist der nur unmerklich veränderte Ausstellungsbereich „Demokratie und Diktatur. Vor allem aber wurden die 2020 im Bericht der Expertenkommission ausdrücklich als sehr problematisch bezeichneten und ohne jede Beschriftung und Kontextualisierung präsentierten nationalsozialistischen Propagandaplakate weder entfernt noch als solche gekennzeichnet (Stand 27.11.2022). Eine Direktion, die diese Problematik nicht sehen will, ob aus Naivität oder anderen Gründen, ist für die Leitung einer solch bedeutenden Institution untragbar.






Elena Messner: Zurück an den Start! Die Bestellung der HGM-Direktion muss gestoppt werden




Elena Messner: Zurück an den Start! Die Bestellung der HGM-Direktion muss gestoppt werden
  

Der durch Medienberichte bekannt gewordene Stand des Bestellungsprozesses für die Direktion des Heeresgeschichtlichen Museums (HGM) zeigt einmal mehr, dass das grundlegendste Problem des HGM seine Zugehörigkeit zum Verteidigungsministerium ist. Was öffentlich bislang kaum bekannt war: Die Auswahl für den Dreiervorschlag an die Ministerin (eine Frau ist nicht darunter) trifft eine fast ausschließlich aus Berufsoffizieren und Ministerialjuristen zusammengesetzte Bewertungskommission des BMLV. Diese besteht aus zwei von Ministerin Tanner bestimmten Dienstgebervertretern sowie zwei vom Zentralausschuss des BMLV eingesetzten Dienstnehmervertretern. Die beiden zuletzt Genannten gehören durch die jetzige politische Konstellation der ÖVP an. Diese Kommission hatte die „Eignung“ der Bewerber zu beurteilen, obwohl ihren Mitgliedern jede wissenschaftlich-museologische Fachkenntnis fehlt. Das Ergebnis ist ein Dreiervorschlag, auf dem sich der bisherige Direktor des HGM Christian Ortner an aussichtsreicher Stelle befindet. Jener Direktor also, gegen den aktuell Mobbingvorwürfe laut wurden, der aber vor allem jahrelang jede Kritik am Museum ignorierte und sich in Interviews gegen jede Reform des HGM positionierte, und das obwohl die Kritik an diesem Museum vom Rechnungshof ebenso detailreich ausformuliert wurde wie von renommierten Museolog/-innen und Historiker/-innen, die das Ministerium mit einer gründlichen Begutachtung des Museums beauftragt hatte. Es stellt sich die Frage: Wie konnte Ortner die Bestellungskommission davon überzeugen, den vom Ministerium mehrfach glaubhaft angekündigten Reformprozess zu befürworten und umzusetzen? Die Beteuerungen des BMLV, man meine es mit der Reform ernst, werden mit diesem Dreiervorschlag jedenfalls ad Absurdum geführt. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, dass es bei der Ausschreibung nur vordergründig um die Suche nach dem/der Bestqualifizierten ging, während hinter den Kulissen die Durchsetzung genehmer Kandidaten aus dem eigenen Umfeld betrieben wurde – etliche renommierte österreichische und deutsche Bewerber wurden nicht einmal zum Hearing eingeladen. Rückblickend lässt auch die Abwicklung des Verfahrens diese Vermutung plausibel erscheinen: Die Ausschreibung wurde trotz vehementer Kritik jahrelang hinausgezögert, dann folgte eine sehr plötzliche Ausschreibung im Sommer, die auffällig kurze Bewerbungsfrist und die sehr aufwändigen Unterlagen, die verlangt wurden, erscheinen im Rückblick wie ein systematisches Vorgehen zumindest einiger Akteur/-innen im Ministerium – was zugleich auf tiefgehende Unstimmigkeiten im Ressort schließen lässt. Der Ausschreibungsprozess hat sich zur Farce entwickelt. Wenn Ministerin Tanner den Reformprozess ernst meint, dann muss der laufende Bestellungsprozess gestoppt und die HGM-Direktion neu ausgeschrieben werden. Sonst wird sich ein Verdacht weiter erhärten: Das HGM ist nicht reformierbar und bleibt ein „Verteidigungsmuseum“ bestimmter Kreise im Bundesheer. Dass damit das Ansehen des Hauses, des Ministeriums und auch Österreichs international Schaden nimmt, scheint dabei keine Rolle zu spielen.   

erschienen in: Die Ptresse 28.11.2022

Elena Messner, Kulturwissenschaftlerin, an der Universität Wien, Lehrbeauftragte an der Universität Klagenfurt, Gründungsmitglied von #hgmneudenken. Gem. mit Peter Pirker gab sie 2021 den Sammelband „Kriege gehöre ins Museum. Aber wie?“ (Edition Atelier) heraus