Mittwoch, 24. Oktober 2018

Mustergültige Oase der Ordnung (Texte im Museum 596)

Ausstellung Otto Ender. vorarlberg museum 2018 Foto GF

Das Haus der Geschichte Österreich als politisches Instrument des Parlaments und Symptom der Dritten Republik

In zwei Beiträgen, die ich im Rahmen von Tagungen zum Haus der Geschichte Österreich zur Diskussion gestellt habe (Vortrag vor der Österreichischen Forschungsgemeinschaft und in der Akademie der Wissenschaften), war ich äußerst skeptisch gegenüber der engen Verzahnung von Politik und Projekt. Die ungewöhnliche Politisierung veranlasste mich schon seinerzeit, das Haus der Geschichte abzulehnen.

Jetzt kommts aber heftig.

Wie die APA heute berichtet, soll nun das Haus der Geschichte Österreich als Republikmuseum dem Parlament angegliedert werden. Denn "Wenn man Republiksgeschichte vermitteln will, ist das ohne das Parlament nicht möglich", stellte Nationalratspräsident Sobotka "im Einklang mit Minister Blümel fest". Und im Einklang mit der Leiterin Monika Sommer, die sich "wirklich sehr freut" über eine derart "richtungweisende Pressekonferenz".

In welche Richtung wird da gewiesen und wer weist?

In eine sehr österreichische, was zunächst einmal die Organisation anbelangt, denn Minister Blümel verspricht Eigenständigkeit in einem Atemzug mit dem Versprechen, das Museum "ans Parlament anzubinden." Oder so: Wissenschaftlich sei das Museum unabhängig. Sehr schön. Aber warum nur wissenschaftlich? Keiner der Wissenschafter werde parteipolitisch bestellt. Na eh nicht. Das ist ja schon passiert.

Dieser organisatorischen Unabhängigkeit korrespondiert die inhaltliche, die - ganz unabhängig - vom ÖVP-Politiker Sobotka formuliert wird. Als jenes identitätspolitische Konzept, das dem Historiker Botz so abgegangen ist. Jetzt endlich gibt es eins, von Herrn Sobotka: "Sobotka" so berichtet uns die APA,  "denkt in diesem Zusammenhang auch an Wanderausstellungen in den Bundesländern, aber auch über die Staatsgrenzen hinaus. Mit dieser Arbeit beabsichtige man vor allem, die Identität Österreichs in allen Teilen zu stärken. (...) Sobotka unterstrich die Notwendigkeit der Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der Institution und wies unter anderem auf die unabhängige Tätigkeit etwa des Nationalfonds hin, der ebenfalls an das Parlament angebunden ist."

"Kein Historiker und keine Historikerin wird von einer Partei bestellt", stellte er klar." Wie das die ÖVP versteht und praktiziert, und wie man dort mit willfährigen HistorikerInnen (aller Lager) parteiideologische Ausstellungen macht, kann man beim unsäglichen Museum in St. Pölten sehen. Aber weiter im O-Ton Sobotka: "Der Nationalratspräsident rief in diesem Zusammenhang zu einem nationalen Schulterschluss auf und kündigte an, alle politischen Kräfte von Nationalrat und Bundesrat einzubinden. 'Die Verantwortung, sich der Geschichte der Republik zu stellen, hat in einem großen nationalen Bogen zu erfolgen'". 
Also eine Art von nationaler Einheitsgeschichte? 

Man könnte das alles auch großartig finden: Am zentralen Ort der Demokratie, asm Ort der Austragung von Debatten, Interessen und Konflikten, am Ort der repräsentativ den Willen des Volkes vertetenden und agierenden Gremiums, gibt es einen symmetrischen kulturellen Ort, ein Museum, das genealogisch und strukturell aus den Ideen von Demokratie und Aufklärung hervorgegangen ist und ihnen verpflichtet ist.

Da könnten wir uns ein bürgerschaftliches, partiztipatives Museum vorstellen, an dem der Demos selbst die Erzählung und Deutung seiner Geschichte selbst in die Hand nimmt. Ein Ort der permanenten Selbstauslegung, der immer wieder sich erneuernden Deutung der Vergangenheit und der Entwürfe wünschbarer und lebenswerter Zukünfte.

Stattdessen bekommen wir zwergenhaftes Denken und Handeln, kübelweise Oppurtpnismus und tonnenweise politische Ideologie.Denn das Parlament ist fest in den Händen der Parteien und die Machtverhältnisse zwischen Regierung und Parlament einerseits und Parlament und Wahlvolk nicht so ganz im Sinne der Verfassung.


Und die Direktorin, zwischen den zwei Rechtskonservativen freudig beim Pressekonferenz-Verkünden eingeklemmt, insistiert darauf, wie großartig und diskussionsfreudig das alles werden wird, etwas, was man nun seit Monaten gehört hat, was aber nie eingelöst wurde. Auf der Webseite wird nicht nur nicht diskutiert, es werden dort alle Debatten, die zum Projekt geführt wurden vollkommen ignoriert. Und die Diskussionskultur ist so exzellent, daß im Beirat hat zwei Mitglieder zum Austritt bewogen. 

Dort wurde etwa darüber befunden, daß man den Begriff Austrofaschismus besser nicht verwenden sollte (wiewohl er von Historikern verwendet wird und seine Verwendung begründet wird, etwa bei Emmerich Talos). Stattdessen wurde am Begriff Kanzlerdiktatur herumgebastelt, der wurde aber auch wieder verworfen, weil er sich für Schüler (?) als mißverständlich erwiesen habe. Angeblich soll die Lösung nun in der Begriffswahl Dollfuss-Schuschnigg-Dikatur bestehen. Die versprochene Diskussionsfreudigkeit besteht also darin, Schüler zu befragen, ob sie etwas im Sinne der KuratorInnen verstanden haben, und dann, wenn das nicht der Fall ist, die Diskussion im planenden Gremium zu beenden, statt die Frage im Museum zur Diskussion zu stellen. Es ist ja nicht weniger als die bis heute umstrittenste Phase der österreichischen Zeitgeschichte, an deren Deutung in aller erster Linie die ÖVP als entlastende "Eindeutigung" ein Interesse hat.

Doch das sozialdemokratisch durchwirkte Planungsteam, das das Museum in sozialdemokratischem Auftrag gebastelt hatte, ist jetzt genau dort, wo sich die Herren Ostermeyer und Drozda das Projekt nie vorstellen konnten und sie selbst auch nicht: Im Kraftfeld der politischen Hegemonie einer weit rechts stehenden Regierung. Sie wollten es nicht wahrhaben, aber so schnell kann es gehen. Jetzt haben sie die Höchststrafe und dürfen sich verbiegen bis zum Anschlag, um das Projket - als Budgetposten, nicht mehr -, zu "retten".

Allerdings:So wird es, eine symptomatische Lesart vorausgesetzt, ein wirkliches Republik-III-Museum. 
"Wenn man Republiksgeschichte vermitteln will, ist das ohne das Parlament nicht möglich." - derstandard.at/2000089997798/Haus-der-Geschichte-soll-Haus-der-Republik-werden "Wenn man Republiksgeschichte vermitteln will, ist das ohne das Parlament nicht möglich." - derstandard.at/2000089997798/Haus-der-Geschichte-soll-Haus-der-Republik-werden "Ich freue mich wirklich sehr, dass wir heute so eine richtungsweisende Pressekonferenz abhalten dürfen", sagte HDGÖ-Direktorin Monika Sommer. "Ich freue mich über dieses klare politische Commitment." - derstandard.at/2000089997798/Haus-der-Geschichte-soll-Haus-der-Republik-werden"Ich freue mich wirklich sehr, dass wir heute so eine richtungsweisende Pressekonferenz abhalten dürfen", sagte HDGÖ-Direktorin Monika Sommer. "Ich freue mich über dieses klare politische Commitment." - derstandard.at/2000089997798/Haus-der-Geschichte-soll-Haus-der-Republik-werden
"Ich freue mich wirklich sehr, dass wir heute so eine richtungsweisende Pressekonferenz abhalten dürfen", sagte HDGÖ-Direktorin Monika Sommer. "Ich freue mich über dieses klare politische Commitment." - derstandard.at/2000089997798/Haus-der-Geschichte-soll-Haus-der-Republik-werden

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Lisl Ponger "The Master Narrative"

Zum Eindrucksvollsten, was das "neue" Weltmuseum in Wien zu bieten hat, gehört eine Videoinstallation von Lisl Ponger, "The Master Narrative". Eine große Erzählung zum Kolonialismus, die im Museum mit Fotografien zu einer Rauminstallation erweitert wurde (hier auf der Webseite von Lisl Ponger).
Nicht weniger acht Stunden Erzählung kann man hier konsumieren, wobei man als Hörer/Seher keine Wahl hat, an welcher Stelle man in die Geschichte einsteigt. Und wer drückt sich schon auf einer extraharten Sitzgelegenheit platt, um alles in einem Zug zu hören?! Jetzt gibt es "The Master Narrative" auf Vimeo (hier).
Die Erzählung, die Frau Ponger auf Grund langer und offenbar unglaublich detailgenauer Recherchen verfasst hat, folgt keiner Chronolgie, sondern thematischen Schwerpunkten, in denen es Zeitsprünge und Querverbindungen jeder nur erdenklichen Art gibt, die sehr überraschend und instruktiv sein können. Es ist kein wissenschaftliches Handbuch des Kolonialismus, sondern ein dichtes Gewebe an Informationen aus vielen und sehr unterschiedlichen Quellen, eine originelle Erzählform, die zu verfolgen sehr spannend ist. Teil eins etwa spannt sich zwischen James Cooks erster, als wissenschaftliche noch relativ "unschuldige" Expedition einerseits und der Südessee-Sehnsucht der europäischen Künstler, die nur noch Ruinen dessen vorfanden, von dem, was sie sich erhofft hatten.
Große Empfehlung! 

Samstag, 13. Oktober 2018

Zwischen Eigensinn und Anpassung. Eine Veranstaltung im Museum der Völker Schwaz



Das MUSEUM DER VÖLKER in Schwaz beherbergt eine ethnografische Sammlung, die sich vor allem aus westafrikanischen und südostasiatischen Objekten zusammensetzt und das Interesse der Sammler widerspiegelt. Mitten im Prozess der Neuausrichtung laden wir zu einer öffentlichen Tagung und einem anschließenden Workshop ein, um den Weg, den das Museum seit der Wiedereröffnung im Herbst 2017 beschritten hat, zu reflektieren.
Dabei sollen ...

... aktuelle Fragen in Bezug auf Sammlungsobjekte außereuropäischer Provenienz, wie Verflechtungen von Kunstmarkt und privaten wie musealen Sammlungen, Kriterien wie Echtheit, Authentizität oder einem näher zu definierenden Kunstbegriff, zu brisanten Artefaktgruppen, die auf koloniale Strukturen verweisen, thematisiert werden.

Wesentlich ist ...

... die Diskussion über Entwicklungspotentiale kulturhistorischer und -anthropologischer Ausrichtungen der Museumstätigkeiten „am Land“. Wir wollen der Frage nachgehen, welchen Beitrag das Museum zur Beziehungsarbeit hier gelebter Kulturen – so genannter autochthoner wie neu hinzukommender – und jener, deren Sammlungsobjekte sich im Museum befinden, leisten kann.


PROGRAMM


MONTAG, 22. OKTOBER 2018
ÖFFENTLICHE VORTRÄGE MIT DISKUSSION
12.00 – 18.30 UHR

12.00 Eintreffen, Kennenlernen

13.00 Begrüßung
Hans Lintner,
Bürgermeister der Stadt Schwaz
Lisa Noggler-Gürtler,
Direktorin Museum der Völker

13.30 Steven Engelsman
Zur Neuorientierung Ethnologischer Museen (Vortrag und Diskussion)

14.30 Pause

15.00 – 17.30 Kurzvorträge
(max. 15 min. mit Diskussion 15 min.)
Regina Wonisch
Zur Lage der ethnologischen Provenienzforschung
Regula Tschumi
Ethnologische Museen und Kunstmarkt am Beispiel Ghana
Alexander Zanesco
Mission und ethnographische Sammlung am Beispiel Tiroler Franziskanermissionen in Guarayos/Bolivien
Stefania Pitscheider Soraperra
Das Museum „am Land“ - ein Ort gesellschaftlicher Relevanz am Beispiel des Frauenmuseum Hittisau

18.00 Résumé

Gottfried Fliedl, Moderation
Anita Berner, Graphic Recording


DIENSTAG, 23. OKTOBER 2018
GESCHLOSSENER WORKSHOP
9.00 – 13.00 UHR

Gottfried Fliedl, Lisa Noggler-Gürtler Moderation

Mit den Vortragenden, weiteren Gästen, dem wissenschaftlichen Kuratorium des Museums zu folgenden Themen:

Was kann und soll ein Museum „auf dem Land“ vermitteln?

Wie lässt sich das Konzept, übergreifender „ethnologischer“ und historisch-anthropologischer Fragen zu thematisieren, weiter entwickeln – wie entwickeln sich „postkoloniale“ ethnologische Museen?

Wie geht man mit der grundlegenden doppelten (durch Musealisierung und Herkunft vermittelten) Fremdheit der Objekte um?

Beratung bezüglich Expertise zu einzelnen Sammlungsgruppen

(bei Interesse senden wir gerne ein „Ergebnisprotokoll“)


VERANSTALTUNGSORT

Museum der Völker
St. Martin 16, A-6130 Schwaz
Tel. +43 (0)5242 66 090
info@museumdervoelker.com
www.museumdervoelker.com


ÖFFNUNGSZEITEN
Donnerstag - Sonntag
10.00 - 17.00 h
letzter Einlass 16.15 h







Das Recht geht vom Volk aus (Texte im Museum 693)

"Im Kartenhaus der Reublik". GrazMuseum 2018. Foto GF

Seitensprünge (8: Eine Nacht der keltischen Feuer oder boys toys)

🔥 Entdeckt kommenden Samstag die mystische Welt der Kelten! Probiert ihr Handwerk aus, lauscht den packenden Dudelsackrhythmen oder kostet den schmackhaften Eintopf Ritschert - die Nacht der keltischen Feuer verspricht außergewöhnliche Erlebnisse 🔥 

Typischer Kelte in typisch mystischer Stimmung

Sonntag, 7. Oktober 2018

Ausstellungen, auf die zu warten sich gelohnt hat...

Ausstellungen des Universalmuseum Joanneum 1918. Foto GF 2018

Sells Sex?

Geht es eigentlich noch tiefer, primitiver? Was für eine infantilisierung!

Werbeträger

Ein einsamer Fischotter wirbt für das Naturmuseum des Universalmuseum Joanneum (Foto GF 2018)

Der Mut der Anderen. Sorge um die Demokratie

Veröffentlicht am 3. Oktober 2018
Die deutsche Geschichtswissenschaft ist geprägt von großer Stimmenvielfalt und einer Zurückhaltung hinsichtlich politischer Statements. In den letzten Jahren äußern sich jedoch zunehmend HistorikerInnen im Rahmen gesellschaftlicher Debatten, die aus ihrer Sicht Gefahr laufen, zu ideologischen Irrläufern zu werden und damit historisches Wissen zu verfälschen, zu negieren oder für politische Meinungsmache zu nutzen.
Die Diskussionen auf der Mitgliederversammlung des Verbandes der Historiker und Historikerinnen (VHD) Deutschlands auf dem 52. Deutschen Historikertag in Münster zeigten, dass es neben der Stimmenvielfalt eine übergroße Einigkeit gab im Willen, sich zur derzeitigen gesellschaftspolitischen Lage im Land zu äußern.
Im Folgenden finden Sie den Text der Resolution, über die in der Mitgliederversammlung des VHD am 27. September abgestimmt wurde und die mit großer Mehrheit von den Anwesenden angenommen worden ist.
A. Schuhmann



Verabschiedet von der Mitgliederversammlung am 27. Sept. 2018 in Münster

In Deutschland wie in zahlreichen anderen Ländern bedrohen derzeit maßlose Angriffe auf die demokratischen Institutionen die Grundlagen der politischen Ordnung. Als Historikerinnen und Historiker halten wir es für unsere Pflicht, vor diesen Gefährdungen zu warnen. Streit ist essentiell in einer pluralistischen Gesellschaft, aber er muss bestimmten Regeln folgen, wenn er nicht die Demokratie selbst untergraben soll.
Geschichtswissenschaft hat die Aufgabe, durch die Analyse historischer Entwicklungen auch zur besseren Wahrnehmung von Gegenwartsproblemen beizutragen und die Komplexität ihrer Ursachen herauszuarbeiten. Angesichts einer zunehmend von demoskopischen Stimmungsbildern und einer immer schnelllebigeren Mediendynamik getriebenen Politik möchten wir betonen, dass nur ein Denken in längeren Zeiträumen die Zukunftsfähigkeit unseres politischen Systems auf Dauer gewährleisten kann.
Die folgenden Grundhaltungen des demokratischen Miteinanders in Politik und Gesellschaft halten wir deshalb für unverzichtbar:
Für eine historisch sensible Sprache, gegen diskriminierende Begriffe
Zur politischen Diskussion in der Demokratie gehört eine prägnante Sprache, die die eigene Position auf den Punkt bringt, anderen aber den grundsätzlichen Respekt nicht versagt. Heutige Beschimpfungen von Politikern als „Volksverräter“ oder der Medien als „Lügenpresse“ nehmen die antidemokratische Sprache der Zwischenkriegszeit wieder auf. Zahlreiche historische Beispiele gibt es auch für die verhängnisvolle Wirkung abwertender Begriffe zur Ausgrenzung vermeintlich „Anderer“ aufgrund ihrer Religion, ihrer ethnischen Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung.
Für parlamentarische Demokratie und pluralistische Streitkultur, gegen Populismus
Politische Willensbildung in pluralistischen Demokratien vollzieht sich in öffentlichen Debatten, in denen die Vielfalt politischer Meinungen und sozialer Interessen zum Ausdruck kommt. Ein einheitlicher Volkswille, den dazu Berufene erfassen können, ist dagegen eine Fiktion, die vor allem dem Zweck dient, sich im politischen Meinungskampf unangreifbar zu machen. In der Weimarer Republik ebnete die Idee des „Volkswillens“ einer Bewegung den Weg zur Macht, deren „Führer“ sich als dessen Verkörperung verstand.
Für ein gemeinsam handelndes Europa, gegen nationalistische Alleingänge
Angesichts der zahlreichen gewaltsam ausgetragenen innereuropäischen Konflikte der Vergangenheit ist die europäische Einigung im Zeichen von pluralistischer Demokratie und unantastbaren Menschenrechten eine der wichtigsten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Auch wenn die Legitimität unterschiedlicher nationaler Interessen außer Frage steht, gefährden nationalistische Alleingänge diese historische Leistung. Ausschließlich nationale Problemlösungsstrategien können den politischen, humanitären, ökologischen und ökonomischen Herausforderungen einer globalisierten Gegenwart nicht angemessen begegnen. Nicht zuletzt im Lichte der kolonialen Gewalt, die Europäer in anderen Teilen der Welt ausgeübt haben, gilt es, der gemeinsamen Verantwortung für die Folgen unserer Politik im außereuropäischen Raum gerecht zu werden.
Für Humanität und Recht, gegen die Diskriminierung von Migranten
Migration ist eine historische Konstante. Ungeachtet aller mit ihr verbundenen Probleme hat sie die beteiligten Gesellschaften insgesamt bereichert – auch die deutsche. Deshalb ist auf eine aktive, von Pragmatismus getragene Migrations- und Integrationspolitik hinzuarbeiten, die sowohl die Menschenrechte als auch das Völkerrecht respektiert. Es gilt, das durch die Verfassung garantierte Recht auf politisches Asyl sowie die Pflicht zur Hilfeleistung in humanitären Krisensituationen so anzuwenden, wie es Deutschland nicht nur aufgrund seiner ökonomischen Potenz, sondern auch aus historischen Gründen zukommt.
Für eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, gegen den politischen Missbrauch von Geschichte
Die Bundesrepublik Deutschland ist heute eine stabile Demokratie. Dazu beigetragen hat auch, dass die Deutschen nach anfangs erheblichen Widerständen inzwischen mehrheitlich selbstkritisch und reflektiert mit der Geschichte des Nationalsozialismus umgehen. Diesem Prozess hat sich auch unser eigenes Fach erst spät geöffnet. In jedem Fall setzt ein verantwortungsvoller Umgang mit der Vergangenheit die Befunde einer auch zur Selbstkritik bereiten Geschichtswissenschaft voraus, die von politischer Einflussnahme prinzipiell unabhängig ist. Ihre Erkenntnisse beruhen auf quellenbasierter Forschung und stellen sich der kritischen Diskussion. Nur so ist es möglich, die historischen Bedingungen unserer Demokratie auch zukünftig im Bewusstsein zu halten und gegen „alternative Fakten“ zu verteidigen.

Kritisches Design (Texte im Museum 692)

Im Kartenhaus der Republik
Graz 1918–1938

Wir danken unseren Sponsoren (Texte im Museum 692)

Zeughaus Graz. Universalmuseum Joanneum 2018

Auslegeware (Texte im Museum 691)

Camera Austria 2018 (Foto GF)

Samstag, 22. September 2018

Unerwünschte Affekte. Unerwünschte Diskussion (Sokratische Fragen 35)


Kürzlich wurde ein Gastspiel der Berliner Schaubühne mit Ibsens "Volksfeind" in Großstädten Chinas abgesagt, wegen "bühnentechnischer Probleme". Bei den ersten Ausfführungen in Peking war es zu lautstarken Äußerungen und einer Diskussion im Publikum gekommen.

Frage: Ist so etwas bei einem Museum denkbar? Bei einem Ausstellungsgastspiel etwa?

Und wenn nein, warum nicht?

Zusatzfrage: Wäre es wünschenswert, wenn Museen solche Wirkungen hätten, wo auch immer?

Haus der Geschichte Österreich. Stille

Thomas Trenkler vom KURIER läßt sich neuerdings ganz gerne von meinem Blog inspirieren. Die Veröffentlichung von Otto Hochreiters (Direktor des GrazMuseum) Konzept für das Haus der Geschichte Österreich (hier) nimmt er zum Anlaß nicht nur um es zu loben, sondern auch im Kontext verschiedener bekannter Fakten zum geplanten Museum gegen das in Verwirklichung befindliche Konzept auszuspielen.
Ein Vergleich zwischen den Konzepten ist nicht möglich, weil das Konzept des demnächst zur Eröffnung anstehenden Museum nicht bekannt ist.
Off records mehren sich die Stimmen, daß das Museum nicht unbedingt tolle Zukunftschancen hat. Das Kunsthistorische Museum beharrt auf der Nutzung seiner Räume und wenige Wochen vor der Eröffnung gibt es kein Signal der Politik(er), wie es nach der Ausstellung eigentlich weitergehen soll.


Sonntag, 16. September 2018

Eisen - Eine Spurensuche mit Erzherzog Johann




Kulinarisch motiviert bin ich unlängst in den kleine Ort Stainz gefahren. Das sind so etwa 30 Minuten mit dem Auto. Unterwegs gabs ein Plakat am Straßenrand, das für die Ausstellung „Eisen“ im Schloß Stainz warb. Dort befinden sich ja zwei zum Universalmuseum gehörige Sammlungen - das Landwirtschaftsmuseum und das Jagdmuseum.
Also machte ich mich nach meinem geplanten Gabelfrühstück auf den kurzen Weg zum Schloß, vorbei an spätsommerlichen Zwetschken- und Apfelbäumen. Angekommen an der Kassa des Museums,  blockierte grade eine ÖÄMTC-Gruppe umständlich den Kartenverkauf. Den Weg zur Ausstellung mußte ich mir nach Erwerb der Eintrittskarte dann selber suchen, eine Beschilderung gabs nicht.

Der erste Ausstellungsraum wird von einem wandgroßen Foto des Erzberges beherrscht, rechts hängt eine Reproduktion eines Erzherzog Johann-Bildes, im der Raummitte liegt ein Stahlseil, auf einer Trommel aufgerollt. Mit Angabe des Leihgebers, einer Firma, die im selben Raum durch ein weiteres Objekt repräsentiert ist. Reflexartig fragte ich mich: ist das der Sponsor der Ausstellung? Aber warum mit zwei Objekten aus Stahl? Eines davon besagtes Seil. An der Wand dann eine Grafik einer Brücke und Erläuterungen zu frühen von Drahtseilen und Stahlseilen getragenen Brücken.

Nun sind Eisen und Stahl fast aber eben nicht ganz dasselbe, warum also dieser Schwerpunkt auf Stahlseilen und das gleich mit einer Headline Geschichte des Drahtseils, erläutert an ganzen drei Brücken, in einem einzigen Absatz. Das ist schon seltsam. Und was haben nun diese Industrieprodukte und Brücken-Projekte mit Erzherzog Johann und dessen Förderung und Entwicklung der Eisenindustrie in der Steiermark zu tun? Wie soll man das Springen vom frühen 19. ins späte 19. und dann ins 20. Jahrhundert und den Zusammenhang zwischen den diversen Informationen verstehen?

Neben der Eingangstür läuft auf einem Monitor ein Film. Es läuft grade eine Sequenz zu moderner Stahlproduktion. Neben dem Monitor gibt es zwei Texttafeln. Eine hat Angaben zu einem kurz nach 1900 entstandenen Film, der aber grade nicht läuft, der zweite Text gibt allgemeine Informationen ohne Angaben zu den Filmen und ihrer Länge. Der laufende Film läßt sich so nicht identifizieren. Die Filme muß man sich im Stehen ansehen.

Ein Filmwissenschafter hat mir einmal erklärt, daß in der ersten Einstellung, in einem opening shot, gleichsam schon der ganze Film enthalten ist. Hier finde ich das in einer Ausstellung wie bestätigt, aber nicht als erzählerisches Prinzip, sondern als methodisches. Der Ausstellung fehlt wie dem ersten eröffnenden Raum jede Struktur. Es gibt keine Fragestellung, keine Erzählung. Die Auswahl- und Ordnungsprinzipien wechseln nicht nur in Raum eins, sondern in der gesamten Ausstellung. Der erste Raum ist ein opening shot besonderer Art. Mißglückt verweist er auf eine mißglückte Ausstellung.



Da gibt es einen Raum, in dem Kunstwerke gezeigt werden, die Eisenverarbeitung zeigen. Weder narrativ, noch chronologisch ist eine Ordnung oder Wahl zu erkennen. Wie die Bilder untereinander oder mit den vorhergehenden oder folgenden Räumen zusammenhängen bleibt vage. Dann geht es in einem anderen Raum um Anwendungen von Eisen, in der Architektur, z.B. am Eisernen Haus in Graz, für Denkmäler, Kunsthandwerk, Werkzeuge, Geräte. Das Display ist konventionell, die Beschriftung z.T. so platziert, daß man sie kaum lesen kann. z.B. viel zu tief, etwa auf Kniehöhe.

Der Zeitrahmen ist sehr weit gespannt - Objekte aus dem 19. Jahrhundert dominieren, aber es gibt, wie schon erwähnt, Objekte aus dem 20. Jahrhundert und aus der Gegenwart, ich erinnere mich aber auch an etwas aus dem 9.Jahrhundert. Niemand kann in einer halben Dutzend Räumen eine - nun ja was eigentlich? - Kulturgeschichte, Technikgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Kunstgeschichte des Eisens erwarten. Wozu dann aber der Titel, der ja keinen Hinweis auf eine Eingrenzung, weder thematisch noch zeitlich, verweist? Und aus der Zeitdifferenz der gezeigten Objekte werden keine Einsichten generiert. So bleibt es beim bloßen Nebeneinander.



Die Auswahl der Objekte ist rätselhaft. Daß es hier viele Landwirtschafts- und speziell Ackerbaugeräte gibt, ist angesichts des lokalen Museums naheliegend, aber warum wird z.B. nichts zur Waffenproduktion gesagt - sieht man von einem Jagdgewehr und einer irgendwo abgelegten Kanonenkugel ab? Zu der übrigens ein Text so informiert: „Kanonenkugel aus Gusswerk. Das Eisenwerk in Gusswerk erzeugt für die kaiserliche Armee Kanonen, Mörser, Munition, daneben aber auch gusseiserne Öfen, Geschirr und Grabtafeln.“ Mehr gibts da nicht zu wissen? Was bietet man uns da als wissenswert an?

Einen losen roten Faden durch die Schau bilden Initiativen und Projekte von Erzherzog Johann. Er wird als Vordenker der Südbahn (Achtung!, Eisenbahn) gewürdigt. Dann wird ein Stück Sozialpolitik erläutert, die er in der Eisenverarbeitung implementiert hat. Dann gönnt man seiner Initiativen was Ausbildung und Forschung in der Eisenerzeugung betraf usw. einen Text. Aber nicht einmal diese „Geschichte“, die Entwicklung der Steirischen Eisenindustrie in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts und die Rolle EH Johanns, wird konsistent erzählt. Es bleibt auch das Stückwerk.

Die Ausstellung hat keinen roten Faden, keine Fragestellung, kein Anliegen, nicht einmal ein Thema. Dies und jenes zu Eisen, könnte man sie zusammenfassen. Irgendwann ist man im letzten Raum und die Ausstellung endet. Ohne Resümee, ohne Pointe, ohne Schlußpunkt.

Dennoch hat die Ausstellung mich auch vergnügt. Und das lag an den Objekten. Da gibt es einen Eisernen Hut, dessen Funktion mir zwar nicht so ganz klar wurde, der aber Anlass ist, die Sage vom Erzberg wieder einmal zu erzählen. Mit der habe ich schon in meiner Volksschulzeit in Niederösterreich Bekanntschaft gemacht. Sie muß mich beeindruckt haben, sonst würde ich mich nicht an sie erinnern.



Eine Waschmaschine aus Eisen, die am Herd erhitzt wurde. Sowas habe ich noch nie gesehen. Einen Maulkorb, der in einer Ausstellung über minimalistische Skulptur einen Ehrenplatz haben könnte, kannte ich bisher nur als sprachliche Metapher. Einen Apfelschäler, eine Kaffeeröstmaschine. Stiefelknechte in Form riesiger Käfer gibts hier. Jede Menge Schaufelblätter, Hauen und andere vielfältige Werkzeuge, zu Tableaus an der Wand drapiert. Weil die Dinger alle rabenschwarz sind, bilden sie ein veritables Schattentheater - der Raum bleibt der einzige gestalterisch auffallende und ansprechende.



Und dann gibt es da einen „Cultivator“, den ein Herr „Jethro Tull in England“ entwickelt hat. Jethro Tull? Kenne ich als Pop-Band. Also zu Hause bei Wikipedia nachgeschlagen. Dort erfährt man, daß die Band am Beginn ihrer Karriere keinen festen Namen hatte und den manchmal wöchentlich wechselte. Bis der historisch gebildete Manager der Band anlässlich eines Auftritts in einem sehr prominenten Club den Namen Jethro Tull vorschlug, eines bedeutenden englischen Agronomen des 18.Jahrhunderts. Muß man nicht wissen, wenn man vor dem Cultivator steht. Bei dem gehts um Unkraut, nicht um Musik. Aber ich dachte, ob das nicht eine Option gewesen wäre, sich auf die semantische, funktionale und historische Qualität, Wunderlichkeit, Innovativität, Ästhetik usw. der einzelnen Objekte zu stützen, statt ein nicht-chronologisches, verwirrendes, zusammenhangloses Pasticcio von Dingen und Informationen auszubreiten.

Und was hat die ÖAMTC-Gruppe mit der Ausstellung angefangen? Was kann überhaupt wer mit einer derartigen Ausstellung anfangen? Was weiß man nachher, was man nicht schon wußte? Außer daß EH Johann 1819 Heuwender über die Landwirtschaftsgesellschaft verbreiten ließ? An wen wendet sich eine solche Ausstellung, an welche Erwartungen orientiert sie sich? Geht es überhaupt um Wissen, oder bloß um eine ein wenig zerstreuender Beschäftigung mit einer Vergangenheit, von der einem hier niemand mehr auch nur annähernd klarzumachen versucht, was sie uns heute angehen könnte?

Die Objekte, die mir so gut gefallen haben, stammen aus den ältesten Sammlungsbeständen des Joanneums. Sie waren einst „Lehrmittel“, mit denen neue Technologien und damit neue und rationellere Bewirtschaftungstechniken durchgesetzt werden sollten. Das steht damals nocht nicht völlig unter dem Diktat kapitalistischer Effizienz, sondern ist ein Beitrag zur Vebesserung der Wirtschaftsleistung des Landes und damit der Wohlfahrt seiner Bevölkerung. Wie das gemeint war, kann man in den ingeniösen Statuten des von EH Johann gegründeten Museums nachlesen. Von einem vergleichbaren utilitär-didaktischen Ziel ist die Ausstellung meilenweit entfernt. Sie ist so zerstreut wie sie möglicherweise nichts anderes will oder kann, als etwas Zerstreuung bietet. Und hinterläßt keine Spur, weil sie nichts sucht, keine Spur aufnimmt, die uns in die Gegenwart führt (zur Erinnerung der Untertitel der Schau: Spurensuche mit Erzherzog Johann). Historisches Ausstellen, definiert der Geschichtstheoretiker Jörn Rüsen als von Erfahrung von Zeitdifferenz getragenem sinnstiftendem Erzählen. Nichts davon hier.
Ein wenig Kaffeehunger könnte „Eisen“ vielleicht hinterlassen, zu stillen im Café im Hof (Selbstbedienung).



Das Museum Joanneum, pardon, das Universalmuseum Joanneum, produziert in den letzten Jahren viele mißglückte (kultur)historische Ausstellungen. Die Neueinrichtung des Museum im Palais als Museum für Geschichte ist schiefgegangen. (Dazu ein andermal). Mit wem auch immer ich (viele Male) dort war und wir über das Schaudepot und den ‚historischen‘ Teil diskutierten, niemand fand daran etwas Geglücktes (vielleicht habe ich nur die falschen Freunde?). Bei „Bertl und Adele“ gibt es aber keine Diskussion. Diese Ausstellung, die für sich in Anspruch nimmt, den Holocaust museal zu repräsentieren, hätte nicht nur meiner Meinung nach, sondern auch nach der vieler Experten Jüdischer Museen oder Gedenkstätten und Ausstellungen in Konzentrationslagern nie und nimmer eröffnet werden dürfen. Bei all diesen Ausstellungen, wie auch bei der vergleichsweise harmlosen in Stainz, fragt man sich, ob es keinerlei Evaluation oder, was ja neuerdings so beliebt ist, Qualitätskontrolle gegeben hat, keine Expertisen, mit denen man sich hätte absichern oder beraten lassen können?

Kümmert sich die Leitung um die Ausstellungen? Hat sie Kriterien und Anforderungen? Oder pflegt sie Zurückhaltung und überläßt die Verantwortung den Abteilungskuratoren (innen)? Wenn das so ist, dann korrespondiert diese Gleichgültigkeit mit der der Öffentlichkeit. Zu den genannten Ausstellungen gab es kaum Resonanz in den einschlägigen Massenmedien und wenn, dann neutral oder affirmativ. Das ist schon erstaunlich, daß die Eröffnung des ersten Steirischen Geschichtsmuseums (des Hauses für Geschichte) so gar kein Echo hatte. Die führende, in der Steiermark marktbeherrschende Kleine Zeitung pflegt eine Medienpartnerschaft mit dem Museum. Darf man aus der auf die auffallende Zurückhaltung dieser Zeitung schließen, wenn es um das Joanneum geht? Aber welche Zeitung leistet sich auf dem Feld der Kultur noch Kritik, die diesen Namen verdient? Und die (lokale) Historiker(innen)zunft? Die ist involviert, beteiligt, schweigt, äußert sich, dann aber oft deftig, nur off records.

Das Joanneum ist eines der größten, personalintensivsten und teuersten österreichischen Museen. (Eine aufrichtiges Benchmarking würde im übrigen zeigen, daß das Museum nicht nur teuer, sondern auch gemessen an seiner Leistung, viel zu kostspielig ist).
Nicht nur ich, auch etwa MitarbeiterInnen des Museums und Kulturinteressierte, fragen sich, welche Haltung hat das Museum eigentlich, welche mission, oder, um entgegenkommend zu sein und dem derzeitigen Trend zu Marketing ‚gerecht‘ zu werden, welchen Markenkern?

Warum eigentlich...? (Sokratische Fragen 34)

Aus einer Theaterkritik, vor wenigen Tagen gelesen...

"Es gibt ein Theater, das eine Bedeutung hat über das Individuum hinaus im Hinblick auf kollektive Versäumnisse. Es gibt ein Theater, das in Bezug steht zu unserer Gesellschaft, die den Geist der Geschichte, der Schuld und der Scham, ins Unbewusste auslagert."

Sind solche Sätze sinngemäß zu einem Museum denkbar?
Und wenn nicht?
Warum eigentlich nicht?

Donnerstag, 6. September 2018

Maulkorb. Objet trouvée

Ausstellung "Eisen". Landwirtschafts- und Jagdmuseum Stainz. Universalmuseum Joanneum. Foto GF 2018

Sollen sie oder nicht? (Sokratische Frage 33)

Kinder vor Ingres Odaliske


Soll man mit Kindern ins Museum gehen, sie für das Museum interessieren, für die Sammlungen, Dinge, Ausstellungen... (man kann ja nicht früh genug beginnen, Kinder mit Kultur zu konfrontieren, sie einzuüben, ihnen das Vergnügen des Umgangs mit Kultur vermitteln...usw.)

Soll man Kinder von Museen abhalten (Museen vermitteln Erfahrungen, die Kinder nicht mitvollziehen können, nicht alles muß allen verständlich sein, Kulturvermittlung im Museum ist Einübung in hegemoniale Kultur...usw.)

Montag, 3. September 2018

Eines der ältesten Museen der Welt, eines der bedeutendsten Lateinamerikas scheint völlig zerstört zu sein

Ein unfassbares Foto. Nur die tragenden Mauern sind noch übrig




Eines der ältesten Museen der Welt, eines der ersten in Lateinamerika, das Museu Nacional da Universidade Federal do Rio de Janeiro (MN), das Nationalmuseum der Bundesuniversität von Rio de Janeiro, ist abgebrannt. Noch reichen die Pressemeldungen nicht aus, um abschätzen zu können, wie umfassend die Zerstörung ist. Aber es deutet einges darauf hin, daß die gesamte, riesige Sammlung betroffen ist und auch die Bibliothek un das Archiv des Museums.

Seit 2014 waren dem Museum die Mittel erheblich gekürzt worden - mit beträchtlichen Folgen für den Zustand des Baues und seiner Infrastruktur. Weswegen es nun auch sofort zu Reaktionen und Protesten gekommen ist, unter anderem auch von der indigenen Bevölkerung, die den Verlust der für sie bedeutenden Sammlungsbestände beklagt.
Das Museum gehört zu den ersten, die außerhalb Europas gegründet wurden, 1818, von einem Regenten, der die koloniale Abhängigkeit von Europa beendete und ein Wissenschaftsinstitut gründete, das bis heute zu den wichtigsten auf dem Kontinent gehörte.
Ich habe noch nie von einem völligen Untergang eines so bedeutenden Museums gehört, jetzt dürfte das passiert sein. Und das ausgerechnet im 200. Jahr seines Bestandes.

Montag, 27. August 2018

Otto Hochreiter: Konzept für eine Sonderausstellung des Hauses der Geschichte Österreich zum 100-jährigen Republiksjubiläum

Der Leiter des Grazer Stadtmuseums, Otto Hochreiter, hat mich gebeten, sein Konzept für eine Sonderausstellung des Hauses der Geschichte Österreich aus dem Jahr 2016 im Blog zu veröffentlichen. Otto Hochreiter schreibt dazu in Anschluß unter anderen an die Berichterstattung zum Austritt der Beiratsmitglieder des Hauses der Geschichte Österreich,  Eva Blimlinger (Akademie der Bildenden Künste) und Gerhard Baumgartner (DÖW): "Moniert wurde unter anderem das Fehlen einer schlüssigen Darstellung der zentralen Aussagen und inhaltlichen Positionen der Ausstellung ... Als möglichen Beitrag zu dieser Debatte möchte ich hiermit mein (Bewerbungs-)Konzept für eine Sonderausstellung des Hauses der Geschichte Österreich zum 100-jährigen Republiksjubiläum von Dezember 2016 für interessierte Fachkreise und Medien öffentlich machen. Es kann gerne weitergegeben, referiert, zitiert oder vollständig publiziert werden."

In diesem Sinn komme ich der Bitte nach Veröffentlichung gerne nach. Noch wäre Zeit, eine Debatte zu beginnen.
 
Gottfried Fliedl, 27.8.2018


Otto Hochreiter

Konzept für eine Sonderausstellung des
Hauses der Geschichte Österreich
zum 100-jährigen Republiksjubiläum

I   Die neue Burg
II      Die Hauptausstellung im Mezzanin
III    Decouvrierende Aneignung des Piano nobile
IV     Ideen für eine künftige Bespielung


Vorbemerkung

Das HGÖ ist kein „heroisches Museum“, das eine lineare, ruhmreiche National-Geschichte darstellt, sondern ein postheroisches, somit also ein reflexiv ausgerichtetes Museum. Weniger die Setzung von Werten sollte im Vordergrund stehen, sondern vielmehr das Nachdenken über Werte in ihren historischen Bedingtheiten. Auf Grund des „öffentlichrechtlichen“, wissenschaftlichen Charakters des HGÖ sollte es inhaltlich der Wissenschaft und Aufklärung dienen und nicht den Gesetzen der Event-Kultur folgen, die erinnert, was medial gut präsentierbar ist.

Politische Bildung
Zeitgeschichte ist wesentliche Komponente Politischer Bildung, um Lernende zu politischer Mündigkeit respektive Urteilskraft zu befähigen. Politische Bildung ist also ein aufklärerischer und demokratischer Bereich und darf sich nicht auf eine nationalstaatlich verengte Reflexion beschränken. Im Vorfeld der Entstehung des HGÖ ist vielfach die Unmöglichkeit, heute eine nationale Geschichte zu schreiben, behauptet worden. Ein solcher Vorwurf des Nationalistischen wird die hier vorgelegte Konzeption einer Republikjubiläumsausstellung nicht treffen können. Sie ist zwar patriotisch, aber nur bezogen auf die Verfassung der demokratischen Republik Österreich. Ihr Ziel ist es, einem möglichst breiten Publikum ein motivierendes Angebot zu machen sich mit den Prinzipien und Institutionen des Verfassungsstaates zu identifizieren. Man wird diese Ausstellung also verfassungspatriotisch nennen können.

Verfassungspatriotismus
Verfassungspatriotismus garantiert in einem demokratischen Sozialstaat ein unverzichtbares Maß an Solidarität, Konsens und freiwilliger Partizipation. Diese Form des Patriotismus setzt deshalb auf keinen substanziellen Wertkonsens hinsichtlich des guten oder richtigen Lebens oder fördert gar reaktionäre Formen des Patriotismus – wie z. B. „USA/Polen/Ungarn/Österreich zuerst“.

Vielmehr soll es in dieser Ausstellung um die demokratische Republik Österreich als solche gehen und zeigen: In ihrem Schutz durch den Rechtsstaat, durch Gewaltenteilung, durch die politische Partizipationsmöglichkeiten und das Inklusionsprinzip des Wohlfahrtsstaats ist unsere freie Entfaltung überhaupt möglich. Verfassungspatriotismus ist nicht national eingeschränkt, sondern richtet sich nach Dolf Sternberger an den universalen Prinzipien der Freiheit und Gleichheit aus und betrachtet Verfassung als Produkt einer spezifischen Geschichte des eigenen Staates.

Politische Kultur
Verfassung, politische Beteiligung mussten in der Geschichte erkämpft werden. Der liberale Verfassungsstaat in seiner immerwährenden Fragilität musste und muss verteidigt werden. Die bewegte und bewegende


Geschichte der demokratischen Verfasstheit Österreichs in dieser Ausstellung soll zeigen, wie wichtig Rechtsbindung der geteilten Gewalten, wie wichtig der Grundrechtsschutz und die Ausbalancierung dieser Gewalten sind. Die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und als Rechtsgenossen untereinander bestimmt als eines der zentralen Menschenrechte, Grundrechte, Bürgerrechte maßgeblich die
Republikanische Idee.

Der formelle Rechtsstaatsbegriff wurzelte in dem Glauben an die Unfehlbarkeit von Rousseaus volonté générale. Die Republikjubiläumsausstellung soll jedoch auch bewusst machen, dass die Bindung der Staatstätigkeit an bestimmte Formen und Verfahren noch keine hinreichende Garantie bietet für die Geltung und Durchsetzung des Rechts. Sie soll zeigen, wie entscheidend für das Gelingen von Demokratie die jeweilige politische Kultur ist. Es wäre wohl Auftrag dieser Republikausstellung, zu dieser politischen Kultur positiv beizutragen.

Wien, 8. Dezember 2016

I
DIE NEUE BURG

Die Neue Burg wird derzeit nur eingeschränkt als Museumsgebäude wahrgenommen, obgleich mehrere sehr bedeutende Schausammlungen des KHM dort zu sehen sind:

  • Ephesos Museum
  • Sammlung alter Musikinstrumente
  • Hofjagd- und Rüstkammer
  • Weltmuseum

Ein HGÖ als quasi feindliches Einliegermuseum in diesem Konglomerat von Museen anzusiedeln, wäre wenig erfolgversprechend. Es bietet sich aber im Gegenteil die Gelegenheit, mit dem Ende 2017 eröffnenden Weltmuseum gemeinsam zu den Zugpferden eines derzeit eher beschaulichen Museumsangebots zu werden.

Die Neue Burg mit ihren dann fünf Museen mit jeweils scharfem Eigenprofil soll mit der Eröffnung der ersten Sonderausstellung des HGÖ am 4. Oktober 2018 (Laufzeit bis 26. Oktober 2019) zu einer starken Museumsmarke werden. Gerade das HGÖ sollte ab Ende 2018 nicht nur in guter Nachbarschaft mit den anderen Museen des

KHM agieren, sondern aktiv durch räumliche, inhaltliche und außenkommunikative Verknüpfungen mit allen vier Museen die Attraktivität des Gesamtlabels DIE NEUE BURG erhöhen. Jedenfalls sollte davon abgesehen werden, das Weltmuseum und die Hofjagd- und Rüstkammer ausschließlich über den Eingang im Corps de Logis und umgekehrt das HGÖ, das Ephesos-Museum und die Musikinstrumente-Sammlung nur über den zentralen (ÖNB-)Eingang zugänglich zu machen.

Die unter dem Label DIE NEUE BURG zusammengefassten fünf Museen sollen nach der Eröffnung der Republiksjubiläum-Ausstellung als ebenso attraktives Museumsangebot wie Museumsquartier, KHM und NHM wahrgenommen werden. Es war einer von Sempers Grundgedanken, dass die Seitenflügel seines Kaiserforums „in ihrer architektonischen Gliederung an die Kolonnade der Ost-Fassade des Louvre gemahnen(d)1 sollten. – Ein gemeinsames Ticket für alle Museen der NEUEN BURG sollte jedenfalls angeboten werden.

1 Zit. nach Renate Wagner-Rieger: Wiens Architektur
im 19. Jahrhundert, Wien, 1970, S. 25

II
Die Hauptausstellung im Mezzanin

Am 12. November 1918 wurde die Republik Deutsch-Österreich ausgerufen. Die gesetzliche Grundlage der dann Österreich genannten Republik war letztlich das Bundes-Verfassungsgesetz vom Oktober 1920, welches normierte:

„Artikel 1. Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.

Artikel 2. (1) Österreich ist ein Bundesstaat.“

„Artikel 7. (1) Alle Bundesbürger (heute: Staatsbürger) sind vor dem Gesetz gleich. Vorrechte der Geburt, des Geschlechtes, des Standes, der Klasse und des Bekenntnisses sind ausgeschlossen.“

Aus diesen Normen leiten sich bis heute die demokratischen, republikanischen, bundesstaatlichen und rechtsstaatlichen Grundprinzipien der Bundesverfassung ab. Diese sowie die oben in Verbindung mit dem Gleichheitsgrundsatz zitierten Begriffe bilden als „Wertehimmel der Demokratie“ die Grundidee, die inhaltliche Klammer und den Kern des Vermittlungsinteresses der hier skizzierten Sonderausstellung zum hundertjährigen Republiksjubiläum. Es gilt ja nicht die Dauerausstellung des HGÖ zu konzipieren, sondern eine Sonderausstellung zur 100. Wiederkehr der Gründung der demokratischen Republik Österreich.

Um das Bestehen der Institution „demokratische Republik“ und jene Kräfte, die zu ihrem Entstehen und zu ihrem Erhalt beigetragen haben, entsprechend zu würdigen, wird für den Hauptteil im Mezzanin eine Konzeption vorgeschlagen, die sich an diesen vier essentiellen Sätzen des Bundesverfassungs-Gesetzes orientiert. Neben dem Begriff „Österreich“ werden so die Grundprinzipien der Bundesverfassung sowie der Gleichheitsgrundsatz bezogen auf Geschlecht, Bekenntnis sowie Stand und Klasse zu den Themen der sechs großen Ausstellungssäle. Innerhalb dieser Themensäle kann die diesbezügliche Entwicklung jeweils so weit in die Geschichte Österreichs zurückverfolgt werden, wie es für eine schlüssige Darstellung erforderlich scheint.

Dem Publikum, aber auch den Virtual-Visitors über elektronische und Massenmedien, soll – nicht zuletzt auch durch die Negation der demokratischen Republik in ihrer Unterbrechung 1933 bis 1945 – die Bedeutung einer demokratisch-republikanischen Grundordnung deutlich gemacht werden. Gefeiert werden, im Sinne politischer Bildung, die Institution demokratische Republik und weniger die Zeitläufe seit dem Ende des Ersten Weltkriegs.


A ÖSTERREICH ist eine demokratische REPUBLIK.“
B „Ihr (der Republik) RECHT geht vom VOLK aus.“ „Alle Bundesbürger (heute: Staatsbürger) sind VOR DEM GESETZ GLEICH.“
C „Österreich ist ein BUNDESSTAAT.“
D „Vorrechte des GESCHLECHTs sind ausgeschlossen.“
E „Vorrechte der GEBURT, des STANDes und der KLASSE sind ausgeschlossen.“
F „Vorrechte des BEKENNTNISses sind ausgeschlossen.“






A  ÖSTERREICH ist eine demokratische REPUBLIK.“

Mittelraum
Ausrufung der demokratischen Republik Deutschösterreich durch Provisorische Nationalversammlung am 12. November 1918


Seitenraum links
Was heißt hier „Österreich“?

  • „Monarchia Austriaca“ im Hl. Römischen Reich
  • Österreichisches Kaiserreich ab 1804
  • „Ostmark“ 1938–1945
  • etc. etc. etc.
  •  

Seitenraum rechts
Von der Monarchie zur Republik

  • Leopolds Großherzogtum Toskana
  • Kossuth gründet 1849
  • ungarische Republik
  • Republik Österreich im europäischen Vergleich
  • etc. etc. etc.




B  „Ihr (der Republik) RECHT geht vom VOLK aus.“
„Alle Bundesbürger (heute: Staatsbürger) sind VOR DEM GESETZ GLEICH.“


Decke
Wertehimmel der Demokratie im Gemäldefeld


Mittelraum
Verfassung und Rechtsstaatlichkeit
  • Oktroyierte Verfassung 1849
  • Neoabsolutismus
  • Staatsgrundgesetz mit Grundrechtekatalog
  • Bundesverfassungsgesetz Wiedervereinigung mit Deutschem Reich 1938
  • Damit Entrechtung jüdischer BürgerInnen
  • etc. etc. etc.
  •  

Seitenraum links
Demokratie
  • Jakobinerprozesse unter Franz II.
  • Bundesverfassungsgesetz 1920
  • „Selbstausschaltung“ des Parlaments 1933
  • etc. etc. etc.
  •  

Seitenraum rechts
Gleichheit
  • „Steuerrektifikation“ gegen Adel und Klerus
  • Mai-Revolution 1848
  • Wahlreform Beck: Allgemeines, gleiches, direktes und geheimes (Männer-)Wahlrecht 1906/07
  • etc. etc. etc.





C  „Österreich ist ein BUNDESSTAAT.“


Vor 1918
  • Maria-Theresias Zentralstaat versus Erbländer
  • Föderalistisches Oktoberpatent zurück zu landständischer Verfassung 1860
  • Kuriensystem auf Länderebene
  • etc. etc. etc.

Die Geschichte der Bundesländer im 20. Jahrhundert




D  „Vorrechte des GESCHLECHTs sind ausgeschlossen.“


Vor 1918
  • Kämpferinnen bei der Revolution 1848
  • Wöchnerinnen-Schutz 1885–1888
  • Erster internationaler Frauentag 1911
  • etc. etc. etc.

1. Republik
  • Aufhebung des Vereinsverbotes 1918
  • Aktives und passives Frauenwahlrecht 1918
  • Forderung nach Straffreiheit bei Fristenlösung
  • etc. etc. etc.

Negation
  • Verlust des passiven Wahlrechts
  • Verbot der Frauenorganisationen der Parteien 1933
  • Frauenarbeit Rüstungsindustrie ab 1939
  • etc. etc. etc.

2. Republik
  • Autonome Frauenbewegungen 1970er
  • Sexualstrafrechtsreform 1989
  • Frauenvolksbegehren 1997
  • etc. etc. etc.




E  „Vorrechte der GEBURT, des STANDes und der KLASSE sind ausgeschlossen.“


Vor 1918
  • Ende Leibeigenschaft 1781
  • Kurien- und Zensuswahlrecht
  • Hainfelder Parteitag der Sozialdemokraten 1888/89
  • etc. etc. etc.

1. Republik
  • Adelsaufhebungsgesetz 1919
  • Sozialgesetze 1919/20
  • Weltwirtschaftskrise 1929
  • etc. etc. etc.

Negation
  • „Arisierung“ jüdischer Besitztümer
  • Reichsverordnung über ausländische Arbeitskräfte 1941
  • „Euthanasie“ bei kranken Kindern ab 1939
  • etc. etc. etc.

2. Republik
  • Raab-Olah-Abkommen (Gastarbeiter) 1961
  • Ausländervolksbegehren 1993
  • Debatten und Aktionen zu Bettelverboten
  • etc. etc. etc.



  
F „Vorrechte des BEKENNTNISses sind ausgeschlossen.“


Vor 1918
  • Toleranzpatent Kaiser Josephs II. 1781
  • Kampf der Liberalen gegen Kirche (Ehegerichtsbarkeit, staatliche Schulaufsicht) 1868
  • Antisemit Karl Lueger Wiener Bürgermeister 1897–1910
  • etc. etc. etc.

1. Republik
  • Islamischer Kulturbund
  • Siegfriedkopf“ in der Aula der Universität 1923
  • Gleichspach’sche Studentenordnung 1930
  • etc. etc. etc.

Negation
  • „Feierliche Erklärung“ der Kirchen zum „Anschluss“ 1938
  • Deportationen jüdischer BürgerInnen nach Osten ab 1941
  • etc. etc. etc.

2. Republik
  • Fall Borodajkewycz 1965
  • Erster islamischer Religionsunterricht 1982/83
  • Kunstrückgabegesetz 1998
  • etc. etc. etc.






III
Decouvrierende Aneignung des Piano nobile


Das Stiegenhaus zum ersten Obergeschoss, dem Piano nobile der Neuen Burg, das Stiegenplateau der Jagdgalerie vor der Portalterrasse (alias „Hitler-Balkon“) und diese Portalterrasse selbst eignen sich hervorragend für eine zeitgenössische demokratische, republikanische Aneignung einer Torso gebliebenen Machtarchitektur, deren Innenausbau erst 1920 bis 1926 (!) beendet wurde. Das grandios gescheiterte Semper-Hasenauer’sche Projekt kann ja auch metaphorisch für den Gesamtzustand der späten Habsburger-Monarchie stehen. So wenig diese nostalgisch zu verklären ist, so absurd wäre es, den besonderen Geschichtsort Hofburgareal auf „Hitler am Heldenplatz“ zu reduzieren.

Der decouvrierende Grundgestus aller Interventionen im Piano nobile sollte bewusst niederschwellig, spielerisch-interaktiv sein, quasi eine Erholung nach der staatsbürgerlichen „Belehrung“ im Mezzanin. Vor allem sollte jede dämonisierende Fokussierung auf Hitlers Heldenplatz-Auftritt tunlichst vermieden werden, weil sie bei aller kritischer Distanzierung letztlich die NS-Propaganda ins Heute verlängern könnte.

Statt des aktuell am Plateau stehenden Klavierflügelrahmens könnte es beispielsweise eine „Demokratie-Maschine“ geben, auf der „Hebel umgelegt“ werden können zum autoritären oder diktatorischen Staat.

Die zwei Stiegenhaus-Augen am Rand des Plateaus könnten mit zwei doppelbödigen „Geschichts-Paternostern“ gefüllt werden. In ihnen würden jene Figuren auf- und niederfahren, welche die Oberfläche der Ersten und Zweiten Republik abgeben. Die Leerstellen der nach Kriegsbeschädigungen freigebliebenen Gemäldefelder über den Stiegen am linken, hofburgseitigen Flügel könnten als Gegenstück zum rechtsseitigen Herrscherlob mit einer „Galerie der Demokratie“ gefüllt werden. Statt weiterhin fasziniert vom Heldenplatz aus auf den „Hitler-Balkon“ zu schauen, wird eine Blickumkehrung vorgeschlagen. Im Sinne der erwähnten demokratisch-entspannten Aneignung stehen die BesucherInnen nun auf der Terrasse (die alles nur kein Balkon ist) und nutzen sie als wunderbaren Aussichtspunkt. Der Mehrwert ihres Panoramablicks besteht in heutigen fotografischen Darstellungen der Gebäude, die in Texten auf ihre historische Essenz befragt werden. Die ominöse Terrasse selbst ist Teil dieser kritischen Betrachtung.

Bei der Brüstung könnte diese „Politische Physiognomie“ des Hofburgareals in Form von Fototafeln, welche die politische Geschichte der Gebäude(-teile) fokussieren, angebracht werden. Die Rückseiten der Tafeln „winken“ zugleich den Passanten am Heldenplatz zu als Ankündigung des HGÖ oder des Labels DIE NEUE BURG.




 
Politische Physiognomie

D    Neue Burg („Anschluss“)
I     Winterreitschule (Reichstag)
E    Hofburg/Ballhaus (Autoritärer Ständestaat)

N    Votivkirche (Attentat Franz Joseph)
E    Universität (Antisemitismus, Nationalsozialismus)
U    Parlament (Reichsrat, Februarpatent 1861)
E    Äußeres Burgtor („Heldentor“)

B    Justizpalast (Julirevolte 1927)
U    Kunsthistorisches und Naturhistorisches Museum (Kaiserforum)
R    Hofstallgebäude/Messepalast (Besatzungszeit)
G   Gefechtsturm Stiftskaserne (Zweiter Weltkrieg)



IV
Ideen für eine künftige Bespielung



Die oben skizzierte erste Sonderausstellung des HGÖ läuft vom 4. Oktober 2018 bis 26. Oktober 2019. Die zweite Sonderausstellung des HGÖ in der mit dem Weltmuseumneu positionierten NEUEN BURG könnte dann im März 2020 eröffnet werden und bis November laufen. Bis zur Eröffnungdes eigentlichen Hauses der Geschichte (am Heldenplatz) könnte der Rhythmus von Jahresausstellungen März bis November beibehalten werden.

Als mögliche Themen könnten dem Wissenschaftlichen Beirat des HGÖ vorgeschlagen werden:

LAND DER BERGE, LAND DER STÄDTE.
Das Verhältnis von urbanen und ländlichen Räumen und Menschen bis zur Gegenwart

MEINLMOHR UND SERRAILENTFÜHRUNG.
Eine Kulturgeschichte der Kontakte Österreichs mit dem „Orient“ (mit Ephesos-Museum)

WO DIE GÖTTER ZU HAUSE SIND.
Gelebte und gebaute religiöse Vielfalt in Österreich

DAS NEUTRALE ÖSTERREICH UND SEINE WAFFEN
(mit Hofjagd- und Rüstkammer)

AUGUST LOEHRS „MUSEUM ÖSTERREICHISCHER KULTUR“ REVISITED.


LIEBE LIEBER UNGEWÖHNLICH.
Eine Geschichte der subversiven Geschlechterrollen

EINEM STARKEN HERZEN GLEICH2 Oder:
DER WANGENROTE JÜNGLING3.
Eine Geschichte von Österreich und Europa (mit Musikinstrumente-Sammlung)

DIE KUNST DER ANPASSUNG.
Österreichische KünstlerInnen im Nationalsozialismus zwischen Tradition und Propaganda

JÄGER, SAMMLER, THRONFOLGER.
Franz Ferdinand, der Bauherr der Neuen Burg (mit Weltmuseum)


2 „Heiß umfehdet, wild umstritten, liegst dem Erdteil du inmitten einem starken Herzen gleich. Hast seit frühen Ahnentagen hoher Sendung Last getragen, vielgeprüftes Österreich. Vielgeprüftes Österreich.“ 2. Strophe der Österr. Bundeshymne

3 Grillparzers Lob auf Österreich: „O gutes Land! O Vaterland! Inmitten dem Kind Italien und dem Manne Deutschland, liegst du, der wangenrote Jüngling, da: Erhalte Gott dir deinen Jugendsinn Und mache gut, was andere verdarben.“



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