Dienstag, 20. Oktober 2015

Fristlose Entlassung von Clementine Deliss. Ein Projekt zum scheiterngebracht

Vor kurzem wurde die Leiterin des Frankfurter Weltmuseums (Völkerkundemuseum) von der Stadt fristlos gekündigt. Gründe wurden keine genannt. Clementine Deliss hat die Stadt geklagt und dann wird man erfahren, was passiert ist.
Sie hat das Museum zum Ort des radikalen Nachdenkens über die Rolle ethnologischer Museen gemacht. Da ein Erweiterungsbau nicht genehmigt wurde, gescheitert vermutlich am Einspruch nicht ganz einflussloser Nachbarn, und daher auch keine neue Dauerausstellung möglich war, bestand die Arbeit des Museums in einer buchstäblich produktiven Auseiandersetzung von Künstlern, Designern, Wissenschaftern usw. mit Objekten und Objektgruppen.
Das bislang aufwändigste Projekt galt der Recherche der Gründungsumstände des Museums. Über ein Jahr lang arbeiteten KuratrInnen, Schriftsteller, Ethnologen, Künstler usw. An dem Projekt, das in eine Ausstellung mündete.

Ich habe die Ausstellung im Vorjahr gesehen, sie war im Umfang bescheiden, bestand aus sehr unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten und Vermittlungsformen. Mich hat vieles beeindruckt, ganz besonders die literarischen und wissenschaftlichen Texte, poetisch wie rabiat, genau wie klar und stringent. Die Ausstellung drehte sich unter anderem um den Erwerb der Sammlung (die bereits durch Kauf, und nicht sammeln, auf einschlägig zugeschnittenen Märkten aufgebaut gemehrt wurde), um ethnologische Fotografie, um die Frage der Restitution (mit der Einsicht, dass die Restitution eher von Archivalien als von Objekten zunächst sinnvoll erscheint) oder um Formen des musealen Zeigens.
Ein begleitendes Buch dokumentiert nicht bloß die Ausstellung sondern auch den ganzen vorangehenden Reflexionsprozess. Ein wunderbares Buch, weil es zeigt, wie fruchtbar und an Einsichten reich ein vorurteilsloses Abarbeiten an der Vergangenheit einer Institution sein kann.
Dabei ging's ja keineswegs nur um das Frankfurter Musum. Was Frau Deliss, die ich vor einigen Jahren kennengelernt habe, als ich sie in die Sommerakademie der Museumsakademie des Joanneum eingeladen habe, angestoßen hat, betraf den Museumstyp des "Völker"Museums insgesamt, seine Herkunft aus Kolonialismus und hegemonialer Politik insgesamt und seine Gegenwartstauglichkeit.
Der Abbruch ihrer Arbeit beendet etwas, was weit über Frankfurt Aufmerksamkeit und lange geduldige Entwicklung ihrer Ideen verdient hätte.

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