Freitag, 24. Januar 2014

Ein Coup. Beginnt jetzt erst die Diskussion? Generali Foundation + Museum der Moderne Salzburg

Mehr als ein Dutzend Lehrende der Akademie der Bildenden Künste Wien haben in Der Standard einen Kommentar zur "Fusion" der Generali Foundation publiziert. Der Standard macht dieses Thema nun zu einem Schwerpunkt, der aber - abgesehen von den älteren Beiträgen der Zeitung - vorerst nur in zwei kurzen Kommentaren von Ann Kathrin Fessler besteht.
In ihrem Beitrag "Die Angst vor dem Scherbenhaufen" (hier) wird im Umzug von Wien nach Salzburg eine Rettung der Foundation angesichts der restriktiven Unternehmenspolitik der Generali und damit als Rettung des Werks von Noch-Vorstandsmitglied Karner gedeutet.
Fessler räumt ein, daß der Deal der Generali ziemlich billig kommen wird: "Auch die Behauptung, das Budget für die Foundation werde gleich hoch bleiben, relativierte sich bei der Pressekonferenz auf die Bereiche Ankauf und Ausstellung. Einsparungen ergeben sich durch den Abbau von neun Mitarbeitern. Ob die Generali die Kosten für den Bau des Depots übernimmt, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden."
In ihrem zweiten Kommentar, "Kodex für Institutionen" (hier) stellt sie die Frage "...ob eine Kooperation eines privaten Unternehmens mit einem Museum der ­öffentlichen Hand überhaupt in dieser Art statthaft ist. (...) Für Häuser der öffentlichen Hand sollte geregelt werden, ob nur Schenkungen legitim sind – oder auch Dauerleih­gaben, die in der Erhaltung Geld kosten. Sind zumindest Zeitspannen von 25 Jahren akzeptabel?" Deshalb sei ein Kodex zu fordern.

Der Kommentar (hier) der Lehrenden der Akademie hätte den Titel "Schlauer Umzug?" tragen sollen. Der Standard hat daraus "Ein Schlag ins Gesicht der Wiener Kunstszene" gemacht (was dem Text eine andere und viel engere als die intendierte Bedeutung gibt).
Die Autorinnen und Autoren des Textes bringen einen bislang nicht diskutierten, wie mir scheint gewichtigen Umstand, in Diskussion. Eine über langen Zeitraum entwickelte spezifische und vielfach mit anderen Institutionen, wie der Akademie der Bildenden Künste) vernetzte Öffentlichkeit lasse sich so einfach verpflanzen.
Die Foundation "....ist ein Ort, der sich im Namen eines institutions- und gesellschaftskritischen Diskurses und der damit adressierten Öffentlichkeiten etablieren konnte und der nicht zuletzt durch diese seine Bedeutung erlangt hat. Neben lokalen und überregionalen Kunst- und Kulturszenen gehören dazu auch politische Akteure und Akteurinnen, Autoren und Autorinnen sowie Vermittler und Vermittlerinnen, deren Engagement und inhaltliche Beiträge zum internationalen Ruf der Generali Foundation beigetragen haben. (...) Aber das gilt auch umgekehrt: Es war immer auch die Präsenz einer partizipierenden Öffentlichkeit, ihre Bereitschaft zur Kooperation sowie ihr Engagement bei Konferenzen und Diskussionen, die die Generali Foundation belebt und bereichert haben."
Die Art und Weise, wie die Entscheidung gefällt und kommuniziert wurde, stelle den Ruf der Foundation in Frage.
Der Vorgang wird in einen weit über den einzelnen Fall hinaus größeren Zusammenhang gerückt. Der staatliche Sparkurs zwingt den öffentlichen Einrichtungen - keineswegs nur den Museen - geradezu Kooperationen mit "Privaten" auf. In unterschiedlichen und durchaus kritikwürdigen Bedingungen: "Es stellt sich auch die Frage, in welcher Form öffentliche Museen in Österreich zukünftig mit privatwirtschaftlichen Einrichtungen kooperieren können oder müssen. Wie steht es um die langfristigen kulturpolitischen Folgen, die die Zusammenführung einer öffentlichen und einer privatwirtschaftlichen Institution in einer Hand bedeutet?"

Unter dem Titel "Abschied der Generali Foundation" berichtet Almuth Spiegler in Die Presse (hier) von der Eröffnung der Ausstellung Wäre ich von Stoff, ich würde mich färben. Retrospektive Ulrike Grossarth in der Foundation (der wahrscheinlich vorletzten am Wiener Standort). Aus ihrem Artikel erfährt man, daß die Zukunft des Wiener Foundation-Teams einschließlich die der Leiterin, Sabine Folie, noch immer nicht geklärt ist. Auch sie, die eher wehmütig als kritisch berichtet, wundert sich über den Deal: "Unterm Strich bleibt für die Generali jedenfalls eine saftige Einsparung. Wurden in Wien zwölf Mitarbeiter beschäftigt, sollen in Salzburg nur noch drei finanziert werden. Die Kosten für Infrastruktur und Raum fallen weg – was mit ihm passiert, ist unklar. Nur das Budget für Ausstellungen und Ankäufe bleibt gleich (Summen werden keine genannt)."

Im Bericht der Salzburger Nachrichten Generali Foundation übersiedelt: "Natürlich Einsparung" (hier) wird das Bemühen des Vorstandsmitglieds der Generali, Dietrich Karner hervorgehoben, die von ihm initiierte Foundation angesichts der sich ändernden Konzerpolitik langfristig abzusichern. Er räumt ein, daß sich Generali dabei Geld erspare und daß die Errichtung des Depots und die Infrastruktur Sache des Museums seinen. Er hat sich für den Umgang mit Sabine Folie und dem Team mit dem Hinweis entschuldigt, amn habe alles geheim vorbereitet, um Querschüsse auszuschließen. Dennoch mutet man offenbar ihr und dem Team zu, die Übersiedlung abzuwickeln. Karner verteidigte den Umzug unter anderem mit dem Hinweis auf größere Ausstellungsflächen und größere Besucherzahlen.

In der Wiener Zeitung nimmt Brigitte Borchhardt-Birbaumer ihre Ausstellungsbesprechung, Das Fallen der Würfel ins Grün, zum Anlass kurz auf die Absiedlung der Generali Foundation bezug (hier), wie manche andere Kommentatoren wesentlich unterm Stichwort "Verlust" (für Wien): "Da die Sammlung wesentliche Werke der sechziger Jahre von Valie Export über Isa Genzken und Dan Graham bis Franz West enthält, kann das Wiener Kunstpublikum nur als Zeuge trauernd hinnehmen, wie das heute in der fortschreitenden Verquickung von Wirtschaft mit Kultur und Wissenschaft vor sich geht: Die stärkeren Argumente gewinnen."

24.1. - Der erste Post zum Thema mit diversen Links findet sich hier

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