Dienstag, 8. Januar 2013

Weihnachtsbaum, 1942 (Objet trouvée)


1942 ließ Hermann Göring künstliche kleine Tannen, fertig geschmückt mit Lametta, goldenen Sternen und Glocken in den Kessel von Stalingrad einfliegen. Die versprochene Versorgung dagegen konnte längst nicht sichergestellt werden. Ende 1942 gab es 25 Gramm Brot je Soldat und Tag, am Weihnachtsfeiertag aufgestockt um Wurst, Kuchen, Kaffee und Zigaretten. Und um moralische Aufrüstung: eine „Weihnachtsringsendungen“, in denen die Fronten mit der Heimat verbunden wurden und Weihnachtsbäumchen. Am Tag zuvor war der Versuch, die eingeschlossene Armee aus dem Kessel zu befreien. Nur einige wenige dieser kleinen, zerzausten Bäume gibt es noch - in Museen. 

"Wir schreiben den 24.12.1942. Das ist Rundfunkweihnachten. Die Propagandasprecher in Narvik rufen ihre Kollegen in Afrika, wo Rommels Panzersoldaten "Weihnachten in der Wüste" mit Palmenzweigen feiern. Die Rufe quer durch Europa enden im Kessel von Stalingrad. Alle wehmütigen Schlager seit 1936, dem Olympiade-Jahr, werden wie "Hirten auf dem Felde" aufgeboten. Propaganda, Kitsch, aber auch wirkliche Angst und Sorge kommen in diesem Heiligabend der Krise zusammen: Not kittet. Eines der zu dieser Weihnacht meist gespielten Lieder, Nr. 1 im Wunschkonzert, heißt "Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen". Es geht um ein Kinderspielzeug, ein Pferd mit kriegerischer Ausrüstung, einst dem Sohn des Hauses geschenkt. Und jetzt ist die Nachricht eingetroffen, dass das damals beschenkte Kind im Krieg gefallen ist. Dieser Krieg war schon verloren, als er begann. Definitiv seit dem Dezember 1941, nachdem das Deutsche Reich den USA den Krieg erklärt hatte. Aber erst jetzt, am propagandistisch ornamentierten und zugleich beklemmenden Heiligabend 1942 wird der Stand der Dinge wahrgenommen." (Alexander Kluge)

"Es klingt kaum glaubhaft, was ich euch jetzt berichte, ist aber pure Wahrheit", schrieb ein gewisser Josef Wenzl vom bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment 16 am 28. Dezember 1914 an seine Eltern: "Kaum fing es an Tag zu werden, erschienen schon die Engländer und winkten uns zu, was unsere Leute erwiderten. Allmählich gingen sie ganz heraus aus den Gräben, unsere Leute zündeten einen mitgebrachten Christbaum an, stellten ihn auf den Wall und läuteten mit Glocken... Zwischen den Schützengräben stehen die verhassten und erbittertsten Gegner um den Christbaum und singen Weihnachtslieder. Diesen Anblick werde ich mein Leben lang nicht vergessen."

Weihnachten 1914 kommen die im Krieg verfeindeten Soldaten aus ihren Gräben und feiern gemeinsam. Über 100.000 Soldaten sollen beteiligt gewesen sein. Am nächsten Tag mit Erschießen bedroht, kehren sie in die Schützengräben zurück. So etwas wird sich nicht wiederholen.


"Am 23. Dezember 1914 wurde dies verstärkt durch den Wunsch, die aus der Heimat angekommenen Weihnachtsgeschenke in Ruhe und ohne Todesangst öffnen zu können. Jeder britische Soldat erhielt ein Päckchen des Königs, in dem er unter anderem eine Princess Mary Box fand, eine Metalldose mit dem gravierten Profilbildnis von Princess Mary, der einzigen Tochter George V. Die Schachtel enthielt Schokolade, Scones (britisches Gebäck), Zigaretten, Tabak und eine Grußkarte der Prinzessin. Ein Faksimile des Königs stellte Georg V. als Truppenvater dar, der seinen Truppen wünscht: “May God protect you and bring you home safe” (deutsch: „Möge Gott Euch schützen und sicher nach Hause bringen“). 355.000 dieser Princess Mary Boxes wurden 1914 verschickt.
Viele deutsche Soldaten bekamen zu Weihnachten 1914 aus öffentlichen Mitteln gestiftete Geschenksendungen ihrer Heimatgemeinden, daneben Pakete ihrer Familien mit warmer Bekleidung, Essen, Alkohol, Zigaretten, Briefen usw. 1914 herrschte im Gegensatz zu den späteren Kriegsjahren noch keine besondere Knappheit an Nahrungs- und Genussmitteln in Deutschland. Zudem hatte die Oberste Heeresleitung zehntausende Miniaturweihnachtsbäume an die deutschen Fronten versandt, die zu Weihnachten angezündet werden sollten." (Wikipedia)

"Die Beharrlichkeit, mit der die Menschen in Mitteleuropa auf ihren Familienzusammenkünften zu Weihnachten bestehen, beweist, dass dies ein authentischer Feiertag ist, in der Seele gefestigt, ein Fest, das man nicht gegen eine Pflegeversicherung eintauschen würde wie den Buß- und Bettag. Warum kann man das nicht? Kein Krieg, kein Drittes Reich, kein Realsozialismus, keine weltliche Macht wird mit diesen Feiertagen fertig: Sie danken ab für drei tolle Tage." (Alexander Kluge)

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