Montag, 7. Januar 2013

Die Schottische Nationalgalerie in Edinburgh

Das Glück, eine so wunderbare Stadt wie Edinburgh bei strahlendem, einen ganzen Tag anhaltenden Schönwetter zu erleben, hat wohl nicht jeder. Mein Gastgeber, Besitzer eines winzigen Hotels für eine hand voll von Gästen, wiegte den Kopf, als ich ihn nach der idealen Reisezeit fragte. "In Schottland kann es jederzeit regnen" war dann seine Auskunft. Das sollte ich auch noch erleben, am folgenden Tag, was Regen in Schottland heissen kann. Aber vorerst bin ich ja noch im sonnigen Edinburgh und habe die Altstadt verlassen, bin vom "Berg" auf dem die Burg liegt, herabgestiegen, kurve um die Waeverly Station herum und finde mich in einem Park, der entlang der Eisenbahnlinie angelegt ist, die Princess Street Gardens.
Von dort sieht die hoch oben schwebende Kante der Altstadt ziemlich eindrucksvoll aus. Ich komme an Scotts Monument vorbei, einem neogotischen Denkmal, das aussieht wie die gekappte Spitze einer mittelalterlichen Kirche, aber zwei sehr praktische Eigenschaften hat, einerseits an den Nationaldichter Schottlands Sir Walter Scott zu erinnern und, wenn man in das Denkmal hinein- und hochsteigt, eine schöne Aussicht zu bieten.

Vor mir liegen zwei Greek-Revival - Bauten, beide den Künsten gewidmet, eine Akademie und die Schottische Nationalgalerie - die Galerie wurde von William Henry Playfair geplant und 1859 eröffnet.. Vom Grün des Parks auf Abstand gehalten, hält sich hier die Bebauung der Stadt zurück und schafft den beiden Architekturen etwas Platz, den sie auch benötigen, denn gegen das Umfeld  der eindrucksvollen Stadtlandschaft kann sich hier selbst ein Monumentalbau nicht so ohne weiteres behaupten.
Zwei Tempelfassaden und eine kleine dazwischenliegende Loggia bilden die Eingangsfront - auch nicht gerade wenig an Aufwand an klassischem Zitat. Die Überraschung beim Betreten ist umso größer. Man findet sich in einem unerwartet kleinen, unspektakulären Raum, kauft seine Eintrittskarte und betritt auch schon den ersten Saal der Gemäldegalerie. Ein empfangender und repräsentativer, die Besucher "sammelnder" Raum, wie er so typisch ist für die meisten Museen, fehlt hier.




Die andere Überraschung ist die Galerie selbst. Durch die Tür tritt man wie durch eine Zeitfalte, plötzlich befindet man sich im 19.Jahrhundert. Rote Wandbespannungen, voluminöse, mit Leder bespannte Sitzmöbel, Plastiken, die eher als Raumausstattung fungieren, denn als Exponate und goldene römische Ziffern über den Durchgängen, die die Museumsordnung autoritativ markieren.
Mit einem Rundgang hat man auch schon die kleine feine Gemäldesammlung gesehen, deren bekanntestes, oft reproduzierte Gemälde, den Reverend Robert Walker beim Schlittschuhlaufen zeigt, gemalt von Joseph Raeburn im Jahr 1784.



Der Rundgang - das erschließt sich so recht erst bei einem Blick auf den Grundriss -, wird durch zwei Reihen von oktogonalen Räumen gebildet, deren toter Raum (der jeweils an den Kreuzungspunkten von vier Abschnitten entsteht) praktisch, z.B. für die Toiletten, genutzt wird, die man z.B. direkt durch die Wand mit den Gemälden betritt. Ich kenne keinen vergleichbaren Grundriss, aber die Zusammenfügung von aus identischen oktogonalen Raumeinheiten gebildeten zwei "Sälen" (Enfilade) und zwei intimeren Kabinetten, die in diese Struktur in deren Zentrum verschachtelt sind, bietet ein angenehmes Raumgefühl und - endlich einmal - Überschaubarkeit! Das ist ein Museum, das man mit dem Gefühl verlassen kann, man habe gesehen und gewürdigt was es zu bieten hat und als Bonus gibt es noch die Möglichkeit, in eine Galerie einzutauchen, die die Atmosphäre des 19.Jahrhunderts offenbar ziemlich authentisch erhalten hat.
Aber ich bin mit der Beschreibung nicht fertig. Das Museum hat noch zwei kleine Raumgruppen im oberen Geschoß. Auch deren Erschließung ist merkwürdig wie manches an der Architektur des Hauses. Die beiden "Belvederes" sind voneinander getrennt und man erreicht sie über zwei kleine, fast versteckt untergebrachte Treppenhäuser (also auch hier keinerlei Monumentalität, die ist hier überall vermieden), die auch als Sammlungsräume" genutzt werden.



Die Bezeichnung "Nationalgalerie" gilt hier nicht einer auftrumpfenden Rhetorik, die das Nationale nach Innen wie nach Außen verkündet, sondern einer kleinen, feinen bürgerlichen Galerie (deren Sammlungsgrundlage freilich königlicher Kunstbesitz war), die man wie eine versunkene Welt betreten und erfahren kann.
Und da man nach einem Museumsbesuch Hunger auf Kaffee und Kuchen hat taucht man am besten ins in den 70er-Jahren eingezogene Untergeschoss ein und nimmt seinen Espresso mit schönem Park- und Stadtblick.


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