Dienstag, 31. Juli 2012

Das Wiener Völkerkundemuseum. Was sein neuer Direktor so vorhat

Das Völkerkundemuseum in Wien hat viele Probleme. Es hat zu wenig Geld und es zeigt nur einen Bruchteil seiner Sammlung. Wichtige Sammlungen und Objekte sind schon seit vielen Jahren nicht mehr zu sehen. Eingegliedert in das Kunsthistorische Museum, hat das Museum offenbar einen nur eingeschränkten Handlungsspielraum.

Wer das Museum besucht, spürt, wie sehr das Museum gewissermaßen nur 'ausgedünnt' agieren kann, es gibt wenig Personal, aber auch wenige Besucher, viel Leere.

In dieser Situation wurde eine eigentümliche Bestellung vorgenommen. Steven Engelsmann, als Kurator und Direktor angesehener niederländischer Museen erfolgreich, wurde zum Direktor ernannt. Aber er steht am Ende seiner Karriere und wird, wie er selbst betont, 2017 das Museum wieder verlassen.

Signalisiert das nun Aufbruch oder abgeklärtes Verwalten?

Steven Engelsmann verspricht ein Konzept zum Ende dieses Jahres vorzustellen. Bis dahin kann man sich an einige Äußerungen in Pressekonferenzen halten. Etwa die, daß das Völkerkundemuseum das "unbekannteste Museum Wiens" sei.

Das mag überspitzt sein, drückt aber aus, daß das Museum wie auch das technische oder volkskundliche oder das kommunale historische alle unter der Dominanz der 'Kunst'Museen leiden. Auf sie konzentriert sich schon seit Jahrzehnten das Publikum, die mediale Aufmerksamkeit und die Politik. Und in der scheinbar unvermeidlichen Statistik der Museumsbesuche hat man stets die hinteren Plätze.

Die Antwort darauf, die Engelsmann gibt: das Museum muß unterhaltsamer, sichtbarer werden: „Das Wichtigste ist, dass sich der Besucher nicht langweilt, sondern etwas von den Ausstellungen hat“. Er brauche einen Experten, „der weiß, wie man ein Besuchererlebnis moderieren kann“ und einen fürs „Branding“, für eine neue Positionierung des Museums.

Als Einzelmaßnahmen nannte der Direktor unlängst als "unglaublich wichtig" einen Gastronomiebereich, mit dem, ich zitiere aus dem KURIER, "ein ganz anderes Museum" entstünde und 'optische Locksignale' wie "einen riesigen goldenen Buddha".

Zu einer über Branding angestrebten Neupositionierung gehört offenbar für Museen immer auch eine Namensänderung. Also soll auch der des Völkerkundemuseums geändert werden, denn der derzeitige sei zu "kompliziert". Er überlege als neue Bezeichnungen etwa "Der Kaiser und die Weite Welt" oder "Die Internationale Schatzkammer Österreichs".

Beide Vorschläge sind merkwürdig. Die Internationalität eines Völkerkundemuseums ist nicht bloß ein beliebiges Etikett (welches Völkerkundemuseum ist eigentlich nicht international?), sondern spielt mit dem, was an ihm wesentlich - und problematisch - ist. Mit dem Anderen und Fremden, das einem ja nicht so ohne weiteres als Verdienst in den Schoß gefallen ist, das man marketingtechnisch auswringen kann, sondern das unter oft gewaltförmigen Bedingungen, im Kontext wirtschaftlicher, politischer Überlegenheit, also auch unter rassistischen und kolonialen Bedingungen ‘angeeignet‘ wurde.

Aber das Fremde ist auch das, wesewegen es das Museum gibt und weswegen wir hingehen. Kein anderes Museum ist so sehr, um einen Satz von Peter Sloterdijk in Erinnerung zu rufen, Schule des Befremdens, wie ein ethnologisches. Das Museum entscheidet über die Beziehung mit, die wir zum Fremden eingehen können und repräsentiert selbst einen bestimmte Beziehung.

Genau dort liegt aber das wichtigste aller Probleme die das (und nicht nur dieses) Wiener Völkerkundemuseum hat. Seine Arbeit ist von vielen Widersprüchen geprägt, von patrimonialen Elementen, wissenschaftlicher Distanziertheit, die oft ihrer Vorurteile nicht gewahr wird, von Gedankenlosigkeit - etwa im Umgang mit human remains, der eigensinnigen Medialität von Objekten, zum Beispiel der Fotografie. Die Disziplin Ethnologie scheint oft viel reflektierter und differenzierter, als das das, was man in Ausstellungen des Hauses sehen kann und man fragt sich, warum so wenig von den Debatten um diesen Museumstyp - etwa die, die in den Niederlanden, der Heimat des neuen Direktors -, geführt wurden und werden, eine Wirkung zeigt.

Für ein  Schlüsselobjekt, das die Dialektik von Eigenem und Fremden auf immer schon komplexe Weise spiegelte, hat der neue Direktor neue Ideen. War die sogenannte Federkrone Montezumas ein lange Zeit bezüglich der Restituierbarkeit umstrittenes Objekt, das das Museum gegen alle einschlägigen Anmutungen verteidigte, so werde, teilt uns der Direktor mit, nun ,geprüft‘. Eine zeitlich befristete Leihgabe scheint denkbar, aber das Objekt sei nun mal sehr fragil. Falls es nicht ,verreisen‘ könne, werde man es über eine Online-Verbindung ins Museum für Anthropologie in Mexiko City übertragen. Seltsam, diese Bereitwilligkeit, einen virtuellen Ersatz umstandslos mit einem unikalen Objekt gleichzusetzen und damit Mexiko zufriedenstellen zu wollen.

Der zweite Vorschlag für einen geänderten Namen, "Der Kaiser und die Weite Welt", ist ebenfalls höchst fragwürdig. Zwar stammt ein wesentlicher Teil der Sammlungen aus der Zeit des Habsburgerreiches, aber Museumsbesitz war nicht per se Privatbesitz eines Kaisers, außerdem ist das Museum erst 1928 entstanden, also in der Ersten Republik, der Zeit einer ambitionierten aber gescheiterten Museumsreform. Und „Weite Welt“ ist eine reichlich flapsig-beliebige Variante von ,international‘.

Was in den Äußerungen von Steven Engelsmann fehlt, sind inhaltliche und strategische Äußerungen. Wofür soll das Museum seiner Meineung nach stehen, welche Schwerpunkte soll es setzen, wie soll es gegenüber welchem Publikum agieren?

Es scheint nichts schwieriger, als von Wiener Museumsverantwortlichen zu diesen Fragen eine Antwort zu bekommen.

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