Mittwoch, 14. März 2012

Kräftiger Bursche mit Strichmädchen. Das Wiener Feuilleton in Klimt-Extase

Das von einem halben Dutzend Wiener Museen bestrittene 'Klimtjahr' wird möglicherweise einen einzigen Effekt haben. Den der kompletten Abdankung der Kunst- und Ausstellungskritik.
Klimt, seine Biografie und seine Werke, haben schon seit jeher, auch schon zu seinen Lebzeiten, zu Sprach- und Assoziationsentgleisungen der Sonderklasse verführt. Warum jetzt alles wiedergekäut werden muß, warum sich Kuratoren nicht zu blöde sind, auf Pressekonferenzen mit der Zahl der unehelichen Kinder wettzueifern, warum noch immer vom Erotischen des Werks auf einen Erotischen Mann und Maler kurzgeschlossen werden muß, wer weiß das schon.

Es geht ins Bodenlose. Niemanden mehr scheint zu interessieren, was Sache sein könnte, welche Fragen man entwickeln könnte, was Forschungsstand ist. Stattdessen: freie Fahrt fürs frei flottierende Assoziieren inklusive Stilblüten.

Hier einige Kostproben der letzten Zeit:
 
"Man sieht Klimt beinahe, wie er sich, gehüllt in seine alttestamentarisch anmutende Reform-Zeichenkutte, mit dem Zeichenpult in die richtige Position rollte, während auf dem Bett die Modelle seinen Anweisungen folgten. Und die dürften keine zimperlichen gewesen sein. Hier wurden Tabus gebrochen, hier posierten arme Wiener Wäschermädeln als Femmes fatales, als nackte Schwangere, als Lesbierinnen, als Masturbierende. Und Klimt hielt sie erst mit Kohle, später mit Bleistift fest. Täglich, nach einem bestimmten Zeitplan, wie seine Kalender zeigen."

"Oder wie sich im Spätwerk ein liegendes Modell im zittrigen Moment der größten Ekstase in elektrische Linien aufzulösen scheint. Dazwischen liegt eine künstlerische Revolution, die sich andeutet, wenn man auf Geheiß der Kuratorin in die halb geschlossenen Augen der ersten von Klimts stilbildenden Femmes fatales blickt, die Studie einer von orgiastischer Erschöpfung dahingeworfenen Mänade für den Dionysos-Altar der Ausstattung des südlichen Stiegenhaus des Burgtheaters (1886/87)."

"Bei Klimt ist alles Symbol für etwas Übergeordnetes, vielleicht ja die Ästhetik gewordene Sehnsucht nach einem Ausweg aus dieser Welt, den er, der kräftige Bursche aus einfachem Haus nur beobachten, aber nicht selbst wählen konnte: Diese damals so moderne melancholische Entrücktheit, die er bei den Bürgerdamen beobachtete, die er porträtierte."

Das war alles aus einer Rezension des Intelligenzblattes des besseren Wiener Bürgertums zur Ausstellung mit Klimt-Zeichnungen in der Albertina.

Der 'Standard' hat mit derselben Ausstellung der Albertina ein anderes Problem, nämlich daß eine Ausstellung von Zeichnungen eine von Zeichnungen ist.

"Trotzdem bleibt die Schau Gustav Klimt. Die Zeichnungen blass. Nicht allein, weil die zarten Bleistift- und Kreidestriche, die den Betrachter nahe heranzwingen, oft mit dem Papier zu verschwimmen drohen. Sondern weil man nicht von der Kraft der Linie ablenken wollte. Daher entschloss man sich, die Studien und Skizzen alleine zu präsentieren - also ohne Abbildung der finalen Gemälde für die sie gemacht wurden."

"Alle anderen (Besucher, die nicht Kenner sind. Anm.GF) tun sich mit solchen Gedächtnisvergleichen erheblich schwerer (oder kaufen den Katalog um € 29,-) und hängen daher, so wie mancher von Klimts Strichen, in der Luft."

"Dort, wo die Zeichnungen jedoch für sich stehen, liegt das Potenzial der Ausstellung. Da kann auch ohne Vergleichsbeispiele Interessantes entdeckt werden: etwa in Klimts expliziteren Aktzeichnungen. Darin entwickelt die Zartheit der Linie sogar eine inhaltliche Komponente. Denn seine in exquisiten Posen festgehaltenen Strichweibchen erhalten so etwas Entrücktes, Verschwindendes. Die von der Kraft der Vorstellung lebende Erotik steigert das."

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