Mittwoch, 2. Februar 2011

Objets Trouvés: Die Mokkamaschine

Bialetti Moka Express
Aluminium, Kunststoff, Gummi
undatiert

1933 hatte Alfonso Bialetti, möglicherweise inspiriert von seiner Arbeit in einer Aluminiumfabrik, eine einfach zu bedienende - in casa un espresso come al bar -, achteckige, aus Aluminium gefertigte Mokkamaschine herzustellen. Anders als die bis dahin üblichen, ebenfalls in Italien entwickelten Espressomaschinen, wird hier der durch kochendes Wasser erzeugte Überdruck genutzt, um heißes Wasser durch ein Steigrohr durch den Kaffee zu pressen. Der im Vergleich zu Espressomaschinen weitaus geringere Druck läßt nur die Erzeugung von Mokka, nicht von Espresso zu. Durch Patentierung und Vermarktung durch Bialettis Sohn wurde die Maschine zu einem weltweit vertriebenen und bekannten Produkt.

Unlängst gehe ich zum Arbeitsmarktservice, um ein paar Informationen zu bekommen. Ich erfrage das Büro, öffne die angegebene Tür, umrunde in einer kleinen Wanderung einen gewaltigen ficus benjamini, stoße auf einen Herrn im Drehsessel, der mich bittet an einem komplett vollgeräumten Bonsai-Tischchen Platz zu nehmen, und der mir, als ich sitze, mitteilt, daß er wahrscheinlich gar nicht für mich zuständig ist. Als ich vorsichtig (nicht reizen!) erwidere, daß ich telefonisch an ihn verwiesen wurde, stochert er in seinem Computer um sich dann mir wieder mit den Worten zuzuwenden "Erstaunlich. Sie gehören zu mir". Auf der nun glücklich hergestelleten Vertrauensbasis bekomme ich meine Informationen, bedanke mich, greife nach meinem Mantel und wende mich zum Gehen als die Tür aufgeht und ein Kollege durch die Tür sagt: "Deine Kaffeemaschine hast vergessen." Man riecht auch sofort daß da eine durchgebrannte Aluminiumkanne auf einem Herd stehen muß. Ich versuche zu trösten: "Mir ist das unlängst auch passiert, ich hab mir eine Maschine aus Edelstahl gekauft." Der sofort um mehrere Messeinheiten depressiver wirkende Sachbearbeiter: "Des is es ja net. Aber jetzt bin ich eine Woche das Gespräch des Büros." Ich verstehe und verabschiede mich rasch. Wie doch eine Bialetti Moka Express das Leben verändern kann.

Bialetti Moka Express in der Funktion eines (Zitat) Eigenporträts einer bekannten Mitarbeiterin eines bekannten großen Museums. Man beachte die vielfache Spiegelung der Bialetti Moka Express, was sich als Visualisierung multipler Identität deuten ließe (wir wissen es nicht). Das praktisch und symbolisch nützliche Gerät wurde durch Anschaffung eines Induktionsherdes unbrauchbar. 



















Die mir einzige bekannte Darstellung einer Bialetti Moka Express in der Bildenden Kunst. William Kentride hat in seinem Zeichentrickfilm "Die Reise zum Mond" die Rakete aus Melies' gleichnamigem Film (seiner ist auch eine Hommage an Melies) durch die Mokkamaschine ersetzt. Gleich wird sie sich raketengleich erheben und durch das Bild sausen um schließlich in dem einen Auge des Mondgesichts (wie bei Melies die Rakete) einzuschlagen...Auch in "Fragments for George Melies" (Hier bei Youtube) setzt Kenridge seine offensichtlich vielgeliebte und -gebrauchte Mokkamaschine ein, diesmal zum Zeichnen...
Prof. Jeffrey T. Schnapp - ein Kaffeetrinker? - hat in einem Aufsatz, der in Critical Inquiry, Vol. 28 No. 1, Autumn 2001 University of Chicago unter dem Titel “The Romance of Caffeine and Aluminum” erschienen ist, die These entwickelt, daß die Erfindung der Bialetti Moka Express symptomatisch mit dem aufkommenden Faschismus in Italien zusammenhängt. Wie dieser ästhetische und technische Modernisierung verheißen habe, so habe die Mokkamaschine mit ihrer Verbindung zweier Stoffe, die mit Modernisierung damals untrennbar assoziiert wurden, in einem Produkt vereint: Aluminium und Kaffee.
Wir danken dem Professor und greifen zu einem Tässchen Lavazza!

1 Kommentar:

Thomas hat gesagt…

Hallo! So eine interessante Geschichte hat dieses kleines Gerät! Danke für den informativen Artikel! Grüße! Thomas