Samstag, 29. Januar 2011

Die nicht gewürdigten Verdienste des Bruno Kreisky

Immer diese schlamperten Nachrufe! Dauernd wird was vergessen. Das war schon so bei Rudolf Leopold und ist jetzt so bei Bruno Kreisky; dabei wird doch bei Bruno Kreisky dermaßen viel nachgerufen, daß man gerne denkt: kann ja nichts schiefgehen. Aber doch! Aber wie!
Da sitzen fast zwei Dutzend Kulturschaffende im Burgtheater, die Männer in Fauteuils, die Frauen auf Holzsesseln (wahrscheinlich eine beinhart analytisch-selbstreflexive Gender-Intervention!) und reden in Tranchen a sechs, sieben K-Schaffende über KKK, Kreisky, Kunst und Kultur.
Ganze zwei Seiten hat der Standard dem reserviert, als Mitveranstalter und Leihgeber von Moderatorinnen und Moderatoren. Wie das so ist, bei schriftlich zusammengefassten und gekürzten Diskussionen - man kriegt weder recht mit, was da so geredet wurde, noch wer eigentlich was genau gesagt hat, noch worum es denn überhaupt ging.
Franz Schuh zum Beispiel. Dem höre ich doch ganz gerne zu. Selbst wenn er in narzißtisches Geraune verfällt. Aber hier! Im Burgtheater! Was hat er gesagt? Der Standard protokolliert nur eine einzige Bemerkung. Daß es kein Pendant zum männlichen Apostel gibt, soll er gesagt haben.
Das muß sicher eine unglaubliche Wuchtel gewesen sein, möglicherweise gegen eine Frau, so eine aus dem Hinterhalt des tief in sein gelbes Ledersofa versunkenen Intellektuellen gegen eine auf ihrem Sessel rutschende K-Schaffende. Lissman war da, Weibel war da, Kaup-Hasler war da, Andrea Schurian war da, Wolf D. Prix war da, Dagmar Koller war da. Nein. Das war jetzt ein Witz.
Jetzt ist es schon wieder ein paar Stunden her, daß ich den Standard gelesen habe, und ich hatte nur zwei Kaffee inzwischen, da kann man sich nicht alles merken. Aber es muß so in etwa zwei Hauptmeinungen gegeben haben in der großen Kreisky-Exegeten-Runde: Kreisky hat mehr Bücher gelesen als Erwin Pröll. Und Kreisky hat Kunst als Politiker für politische Zwecke instrumentalisiert.
Dann gings da auch noch um die Avantgarde und die die glauben, daß sie Avantgarde sind, wie Wolf D. Prix, lobten die Avantgarde und daß demnächst gleich wieder eine ausbrechen wird (derselbe), und die, die keine Avantgarde sein wollen, sagten, die Avantgarde wurde schon 1964 von Peter Bürger zu Grabe getragen. Das hatte zwar nix mit Kreisky zu tun, hörte sich aber so an, als hätte ich gerne dabeigewesen sein wollen.
Im letzten Drittel der Lektüre der zwei Seiten dachte ich mir: Hergott! Da fehlt ja schon wieder was. Dieses ganze Nachrufen und dann von so vielen Leuten, die alle dabei waren und Kreisky persönlich getroffen haben und sich Autogramme von ihm haben geben lassen, auf den Unterarm, und die dann Haarspray draufgetan haben und die seither den Unterarm konservatorisch pflegen lassen, von Spezialisten des MUMOK, damit das Autogramm nicht runtergeht, beim Händeschütteln oder beim Baden in der Alten Donau (na, das stimmt jetzt natürlich auch schon wieder nicht!, das mit dem Konservieren, aber das mit dem Unterarm schon), und dann passiert's trotzdem, daß die was vergessen.
Dabei war ich doch selber dabei! Ja! Wirklich! Ich auch! Als da Karl Blecha mit seinem IFES Studien zum Kulturverhalten der Österreicher machte und ein kulturpolitischer Maßnahmenkatalog ausgearbeitet wurde, und die Roten Markierungen erschienen, ein Stück ideologischer Unterbau zur sozialdemokratischen Politik, mit Texten von Heinz Fischer, Leopold Gratz oder Karl Blecha, und ein eigenes Essay zur Kulturpolitik gabs da auch. Und was für eins, ganz schön rabiat. Von Fritz Herrmann. Mitarbeiter im Büro von Fred Sinowatz, Unterrichtsminister. Ja, darüber hat niemand geredet, neulich im Burgtheater. Daß dann der Fritz Herrmann ziemlich schnell von der Bildfläche verschwand und ins Burgenland zum Karpfenzüchten geschickt wurde (das hab ich nicht erfunden). Und zwar nachdem er (im Neuen Forum) Heiligenschändung betrieben hatte, an Herbert von Karajan (Trara, die Hochkultur! - „Es scheißt der Herr von Karajan / bei jedem falschen Ton sich an / und wascht sein Arsch im Goldlawua / anal sein g´hört / zur Hochkultur!“), daß der gar nimmer dirigieren wollte und Sinowatz nach Salzburg fuhr und Karajan umstimmen musste. Weg war er, der Fritz Herrmann. Und damit war so ziemlich auch das Bemühen verschwunden, eine Kulturpolitik neuer Art zu entwerfen, jenseits der Festspiele und Elitentheater usw. zu etablieren.
Und da war dann eben übrig eine sozialdemokratische demoskopisch gestützte (IFES) Verteilungsbeglückungskulturpolitik, die nach dem aus Deutschland importierten Motto Kultur für alle (ein Slogan, den Hilmar Hoffmann in Umlauf brachte, der Kulturdezernent von Frankfurt am Main) Kunst und Kultur definitiv warentauglich und konsumförmig machte. Im Versprechen auf Demokratisierung der Kultur wurde vor allem die Verbreiterung des Konsums, die Erweiterung des Kulturgütermarktes betrieben. Die Entwicklung neuer Formen der Produktion jenseits der Hochkultur blieb halbherzig, zahm. Das funktionierte genau so, wie es Walter Benjamin notiert hatte, als Mobilisierung eines kleinbürgerlichen Konsuminteresses: "Die Massierung der Kunstwerke im Museum nähert sie den Waren an, die, wo sie sich dem Passanten in Massen darbieten, die Vorstellung in ihm wecken, auch auf ihn müsse ein Anteil daran entfallen."
Aber das ganze wirkte - wie so oft - ambivalent: Aus wars mit der verschrobenen Museumspolitik, für die Besucher Störenfriede waren, jetzt gings um Quoten, aus mit dem altbackenen Klassikertheater, aus mit den staubigen, erstarrten Festivals! Und rein gings in Strategien und Techniken der Popularisierung und Vermarktung, rein gings in die Grundversorgung des neuen Marktes! Da gabs einen Relaunch der Festwochen, die Berufung Peymanns ans Burgtheater, plötzlich eine Wiener Kunsthalle, ein in neuartiger 'private partnership' (hieß noch nicht so) mit einem Schokoladefabrikanten erweitertes Museum Moderner Kunst, Großausstellungen wie Wien um 1900, und, wenden wir mal den sich damals erweiternden Kulturbegriff an, eine in Grenzen demokratisierende Wissenschafts (Uni-) Politik (mit Herta Firnberg, die so toll ihre Handtasche auf- und zuklappen konnte und damit ihren Unmut in Verhandlungen, Gesprächen, Diskussion grandios kommunizierte), eine sich öffnende Medienpolitik.
Zilk, der die Stadtgespräche erfand, Hrdlicka auf den Albertina-Platz schickte und das Jüdische Museum gründete.
Nicht alles war der Ära Kreisky zuzuordnen und schon gar nicht ihm persönlich, aber seine Intellektualität, Bildung und Souveränität trugen viel zu einem Klima bei, in  dem derlei denkbar und realisierbar wurde. Sehr vieles, was heute an Restbeständen weltoffener Kulturpolitik existiert hat der Zeit etwas zu verdanken, allerdings ist auch die Vermarktung und Popularisierung nicht am damaligen Level stehengeblieben, sondern setzt sich als regierendes Prinzip mehr und mehr durch das nun auch ökonomischer Rationalität folgen soll.

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